02.04.2022
Vorstellungsbild der Keltin Chiomara, 185 v.0
 
CHIOMARA + BOUDICCA
 
Die Römer, wie wir sie gewahren,
waren ganz eigentlich Barbaren !
Sie schlachteten die Völker hin
aus purer Lust und Goldgewinn.
 
Ohne alle Skrupel und gewissenlos,
heilig galt ihnen kein Frauenschoß.
Legionäre schändeten in Massen,
keiner hieß sie, es zu unterlassen.
 
Das Metzeln, wie es Römer taten,
das war so wie im Blute waten.
Frau‘n gab man den Mörderhaufen,
zum Töten oder zum Verkaufen.
 
Frauen die in Römerhand gerieten,
versuchten sich dem Tod zu bieten.
Lieber in Frauenehre sterben,
als in Roms Hurenhaus verderben.
 
Kunde, dass sich Frauen rächten,
wenn sich die Peiniger bezechten,
die gab es, man kennt auch Namen
von einigen blutig-argen Dramen.
 
Chiomara, das stolze Keltenweib,
ein Zenturio entweihte ihren Leib.
Das Lösegeld erlöste sie nach Tagen,
sie hieß des Römers Kopf abschlagen.
 
Als Ehefrau eines Galater-Fürsten,
der Sippen die nach Freiheit dürsten,
war sie Weib aus deutschen Gauen,
wohl hell und herrlich anzuschauen.
 
Auch Boudicca, Königin der Ikener,
war ein Vergewaltigungsopfer jener
Führer römischer Legionen-Horden,
die in Britannien Herr geworden.
 
Auf rief sie die Freiheitskämpfer,
Römer erlitten manchen Dämpfer.
Boudicca führte ihre Kelten-Heere,
hünenhaft, mit Schild und Speere.
 
Verwegen ging sie im Streit voran
und tapferer als mancher Mann,
doch letztlich musst' sie unterliegen,
Roms Militärkoloss konnt‘ siegen.
 
Deutsche Übersetzung Giovanni Boccaccio's „Von berühmten Frauen“, durch Heinrich Steinhöwel, gedruckt bei Johannes Zainer, Ulm ca. 1474
 
Chiomara war die Frau von Fürst Ortiagon (189-183 v.0), einem Führer des Volksstammes der Tolistobogier bzw. der Galater, die in den Jahren 279/80 v.0 aus Süddeutschland und Böhmen, über Thrakien, nach Kleinasien ausgewandert waren, wo Chiomara während eines brutalen röm. Terrorzuges in Gefangenschaft geraten war.  In den antiken Quellen - vor allem bei Titus Livius und Plutarch - wird Chiomara als Beispiel einer ebenso schönen wie sittlich tugendhaften Frau beschrieben. Sie geriet 189 v.0 im Zuge des brutalen, erfolgreichen Raubzuges des röm. Konsuls Gnaeues Manilius Vulvo durch Kleinasien in römische Kriegsgefangenschaft. Als die Römer in Ankyra (heute Ankara) Quartier bezogen hatten, machte ein mit Chiomaras Bewachung betrauter Zenturio („Hundertschaftsführer“) der Gefangenen zuerst unschickliche Anträge und nützte nach ihrer Ablehnung ihre hilflose Stellung aus, um sie zu vergewaltigen. Anschließend wollte er sie gegen die Zahlung von Lösegeld zu ihrem Stamm zurückkehren lassen. Chiomara erklärte sich einverstanden, und einer ihrer ebenfalls gefangenen Sklaven durfte das römische Lager verlassen, um das Angebot des Zenturio zu überbringen. Es wurde ein Treffpunkt der heimlichen Übergabe ausgemacht, zu der nur zwei Stammesgenossen der Prinzessin kommen sollten. Als der Zenturio mit seiner Gefangenen an der vereinbarten Stelle erschien und das ihm übergebene Gold zählte, bedeutete Chiomara ihren Landsleuten, die das Gold mitgebracht hatten, entweder durch Kopfnicken - so Plutarch - oder durch einen in ihrer Muttersprache übermittelten Befehl - so Livius -, den römischen Soldaten zu enthaupten. Mit dessen abgeschnittenem Kopf kehrte sie zu ihrem Mann zurück, berichtete ihm „die erlittene Misshandlung und wie sie für die ihrer Ehre angetane Gewalt sich gerächt habe“, schreibt Livius. „Wie die Geschichte sagt, behauptete sie durch die sonstige Reinheit und Strenge ihres Lebenswandels den Ruhm dieser weiblichen Heldentat bis zu ihrem Tod.“ Den Kopf des Getöteten überbrachte sie ihrem Gatten Ortiagon, der nach der Niederlage der Tolistobogier am Berg Olympos gegen die Römer hatte entkommen können. Sie erzählte ihm das Vorgefallene und sagte, schöner noch als Treue sei die Sicherheit, dass nur einer von denjenigen Männer lebe, die mit ihr verkehrt hätten. Laut Livius sei sie bis zu ihrem Tod sittlich rein geblieben. Sowohl Livius als auch Plutarch stützen sich bei ihrer Darstellung des Schicksals der Chiomara auf den griechischen Historiker Polybios, der sich mit der galatischen Prinzessin einige Zeit nach ihrer Tat in Sardes (damals Hauptstadt des Königreichs Lydien) unterhalten haben und von ihrem Scharfsinn und ihrer Gewandtheit beeindruckt gewesen sein soll. Der Chiomara und des Ortiagons Sohn Paidopolites wurde später zum Richter gewählt. Polybios schilderte ihn als freigebig, hochherzig, klug und tapfer. Dass von dem Staatshistoriker des Kaisers Augustus ausgerechnet eine sog. „barbarische“ Keltin als ehrenhaftes Vorbild einer tugendhaften römischen Matrona stilisiert wurde, erklären die Historiker Düsenberg/Engster mit ihrem Rang: „Sie war keine einfache Keltin, sondern die Gattin eines Fürsten und hätte daher nach römischem Verständnis und aus finanziellen und politischen Erwägungen, Anspruch auf eine privilegierte Behandlung gehabt.“ Weil der Zenturio diese Hierarchie nicht respektierte, hatte er den Tod verdient. Wie aber wäre die Sache ausgegangen, wenn seine Gefangene keine Fürstin gewesen wäre? Dann hätte kein römischer Hahn danach gekräht. Wenn man bedenkt, dass nach der Eroberung Gallliens durch den Massenschlächter Julius Caesar 52, v.0 so viele Sklaven auf den Markt kamen, dass ihr Preis dramatisch fiel, lässt sich das entsetzliche Ausmaß an menschlichem Leid allenfalls erahnen, das vor allem Frauen zu tragen hatten, ähnlich wie die ostdeutschen Frauen beim Russeneinfall 1944/45. Ihr Schicksal allerdings wird in unseren Quellen, die ja zumeist von Angehörigen der Oberschicht und der Sieger verfasst wurden, kaum beschrieben. Die römischen Slavenhalter gingen mit den kriegsgefangenen Menschen schlimmer als mit ihrem Vieh um. In einem Epitaph (Grabinschrift) eines Sklaven heißt es kurz: „Nichts als der Tod hat meine Plage beendet.“ Die meisten wurden in Massenabfallgruben mit dem Müll entsorgt.
 
Kelten-Königin Boudicca, 60/61 n.0
 
Boudicca ruft auf zum Befreiungskampf gegen Rom
 
Dem Bluthund Cäsar reichte die Niederwerfung Galliens als Basis seiner ehrgeizigen Pläne in Rom. Er setzte nur zweimal (55/54 v.0) über den Ärmelkanal und ließ es dabei bewenden. Die Kaiser Augustus und Caligula wälzten zwar Pläne zu einer Eroberung der Insel, beließen es aber dabei. Erst unter Tiberius Claudius Caesar Augustus - bekannt als Claudius - einem unansehnlichen, unbeholfenem Mann, begann 43 n.0 eine groß angelegte röm. Invasion, nicht aus Notwendigkeit sondern als Willkürakt angemaßter kaiserlicher Herrschaftslegitimation. Er setzte vier Legionen unter dem Befehl des Aulus Plautius in Marsch, mit dem Vorwand, Ärger zwischen den britischen Klientelfürsten Roms schlichten zu müssen. Sie brachten bald weite Teile Süd- und Mittelenglands unter ihre Herrschaft. Bis zum Jahr 60 waren Wales und Mittelengland der Provinz Britannia einverleibt worden. Vor seinem frühzeitigen Tod durch die Hände seiner Frau gelang es dem Militärapparat des Claudius im Inselreich - mittels brutalster Methoden - dauerhaft Fuß zu fassen. Mit der sog. „römischen Zivilisation“ kamen Siedler und entwurzelte Elemete, darunter viele in den Ruhestand entlassene Legionäre, sowie eine effiziente wie gierige Steuerverwaltung auf die Insel. Diese höhlten das feine Geflecht aus kollaborierenden einheimischen Eliten aus, mit dem Rom seine neuen Provinzen abzusichern pflelgte. Als Prasutag(us), der Häuptling der Icener aus der Gegend des heutigen Norwichs, um 60 n.0 seine Herrschaft zu gleichen Teilen an seine Töchter und an Kaiser Nero vermachte (dem damit eine Schutzfunktion (!) über die Frauen zugesprochen war), besetzte römisches Militär das Land. Die Töchter wurden vergewaltigt, die Witwe ausgepeitscht. Das war Boudicca (kelt. die Sieghafte). Als dann auch noch röm. Kapitalanleger, darunter wahrscheinlich auch der Philosoph und Kaisererzieher Seneca, ihre Kredite, die sie Britanniern in der Region gewährt hatten, zurückforderten, kam es zum Aufstand.
 
„Sie war von sehr hohem Wuchs, schrecklich im Ansehen und von durchdringendem Blick. Ihre Stimme war rau, ihr blondes Haar von solcher Fülle, dass es ihr bis auf die Hüften fiel. Um den Hals trug sie eine große, goldene Kette und auf dem Leib ein vielfarbiges, weites Unterkleid, über das sie einen dichten Kriegsmantel mit einer Fibel befestigt hatte. So war sie immer angezogen. Jetzt aber schwang sie noch eine Lanze in der Hand, wodurch sie alle in Schrecken versetzte.“ Mit diesen Worten beschrieb der römische Geschichtsschreiber Cassius Dio die Fürstin Boudicca, welche die Weltmacht Roms herausforderte und noch einmal die Bewohner der britischen Insel zum Aufstand rief, der fast in die ersehnte Freiheit geführt hätte. Denn sie „war höheren Sinnes, als man von einer Frau erwarten konnte“. Den Ikenern schlossen sich bald die Trinovanten sowie weitere Stämme an. Schließlich sollen 120.000 Krieger dem Schlachtruf Boudiccas gefolgt sein: „Nicht einmal sterben dürfen wir unbesteuert. Selbst die Toten müssen ja noch versteuert werden.“ Daher heißt es „Siegen oder fallen“. Ob die Rede genau so gehalten worden ist, wissen wir nicht. Aber die Begründung, die Cassius Dio der britischen Königin in den Mund legt, mit der sie den Kelten die Furcht vor den Waffen der Legionäre zu nehmen suchte, sagt einiges aus über das Selbstbild eines römischen Senators Ende des 2. Jahrhunderts: „Sie [die Römer] können nicht wie wir Hunger und Durst, Frost und Hitze ertragen, sodass sie Schatten und Häuser suchen, nicht ohne Wein und Öl auskommen und nicht ohne eines dieser Bedürfnisse existieren.“ Die Bedingungen für den Aufstand erschienen günstig. Der Statthalter Suetonius Paulinus führte Krieg im fernen, südwestlichen Wales. Kleinere Truppenteile wurden von den Kelten überrannt, die verhasste Veteranenkolonie „Camulodunum“ (Colchester) sowie das Handelszentrum „Londinium“ (London) und „Verulamium“ (St. Albans) wurden niedergebrannt, 70.000 Römer sollen getötet worden sein. Doch bald wendete sich das Blatt. Mit einer gedrillten kriegsstarken Legion und zahlreichen Hilfstruppen rückte Suetonius Paulinus gegen die Freiheitskämpfer vor, die einmal mehr das Problem hatten, wie einst der Festland-Gallier unter Vercingetorix bei ihrem Kampf gegen Cäsar, eine leicht gefügte Koalition führen zu müssen, die kaum zu versorgen war.
 
Königin Boudicca, engl. Buchillustration von 1850
 
Große Erfahrung mit Kriegsführung hatte man in Britannien nicht. Und neben einer eher schlichten Ausrüstung und das gegen ein gut organisiertes römisches Heer war man auch deutlich nicht so gut organisiert wie die imperialen Römer. Zwar waren die Britannier unter Königin Boudicca zahlenmäßig in der Überzahl, es gibt Angaben, es wären um 230.000 Aufständische gewesen, aber in antik-röm. Quellen wurden die Feindeszahlen gern übertrieben, aber gegen die kriegserfahrenen Truppen Roms, es sollen 70.000 bis 80.000 römische Soldaten gewesen sein, hatte man letztendlich in der Entscheidungsschlacht keine Chance. Gaius Suetonius Paulinus, römischer Feldherr und Statthalter Britanniens, trat mit zwei Legionen und Hilfstruppen den zahlenmäßig zwar überlegenen Truppen der Boudicca entgegen. Bei einer Schlacht nordwestlich von Verulamium im Feld wurden die Britannier dann vernichtend geschlagen (Schlacht von Watling Street). Die Römer hatten die Rebellen in den West Midlands entlang der alten Römerstraße (heute als Watling Street bekannt) in einem Hohlweg zur Schlacht erwartet. Nach Tacitus Bericht, wählte Suetonius Paulinus ein Gebiet, auf dem er die Aufständischen auf einer offenen Ebenen vor sich hatte und keinen Hinterhalt fürchten musste. Bis dahin hatten die Truppen Boudiccas mit einer Art Guerillataktik große Erfolge gefeiert, das war nun ausgeschlossen. Die Kampfebene war durch eine Schlucht begrenzt. Ein gut gewählter Schlachtenort, so konnte Boudicca nicht ihre gesamte Kampfkraft einsetzen. Empfangen wurden die ausschwärmenden Britannier von einem Speerregen, der eine Reihe von Kriegern niederstreckte. Am Rand des Kampfgetümmels hatten die Britannier, damals nicht unüblich, in Wagen ihre Frauen postiert. In anderen Schlachten waren solche Wagenburgen schon als letzte Zuflucht genutzt worden. Zugleich wussten die Kämpfenden so immer, wofür sie in den Kampf zogen. In die Schlacht soll Boudicca auf einen Wagen gefahren sein, ihre Töchter an ihrer Seite. Auch laut Tacitus soll die Königin vor der Schlacht eine Rede gehalten haben, in der es um verlorene Freiheit und die Vergewaltigung ihrer Töchter ging. Sie wolle gewinnen oder sterben. Wo genau der Ort der Niederlage von Königin Boudicca liegt, ist unbekannt. Die meisten Historiker bevorzugen einen Ort in den West Midlands entlang der Römerstraße. Bei dieser Schlacht sollen, so Tacitus, 80.000 Briten gefallen sein aber nur 400 Römer. Was danach mit Boudicca geschah ist ungewiss. Tacitus berichtet, die Königin habe sich nach der Niederlage mit Hilfe von Gift selbst das Leben genommen. Cassius Dio berichtet Boudicca sei erkrankt und dann gestorben. Zumindest berichtet der römische Geschichtsschreiber Tacitus nicht, dass Boudicca von den Römern gefangen genommen worden sei und verschleppt wurde. Die Römer blieben bis ins 5. Jahrhundert hinein auf der Insel präsent. Das Drama der Untergänge von hoch motivierten, tapferen und starken Völkern im Kampf gegen Rom, wiederholte sich immer wieder. Die römischen Legionen bestanden aus gedrillten Berufssoldaten, die den Bauern-Soldaten oder Gelegenheits-Kriegern der Naturvölker, in deren Unprofessionalität überlegen sein mussten. Dazu kam die technische Überlegenheit der römischen Waffenfabrikationen und Nachschubversorgungen wofür die Großstadt Rom bürgte. Nicht die einzelnen römischen Legionäre, als Angehörige einer aus vielen Völkern zusammengezwungenen und zusammengewürfelten, zur Charakterlosigkeit abgerichteten Soldatenmasse, waren den Kämpfern der Volksnationen überlegen, aber ihr militaristisches Prinzip des bedingungslosen Gehorsams unter das diktatorische Heerführertum von erbarmungslosen Gewaltmenschen aus der römischen Patrizierkaste.