DIE BALLADE VOM BESEN

 
Nora Pfeffer
 
Die Dichterin, Publizistin und Übersetzerin Nora Pfeffer (1919-1972) wurde in Tbilissi, Georgien, geboren, sie starb in Köln. Ihr autobiographisches Gedicht „Die Ballade vom Besen“ schrieb sie im Untersuchungsgefängnis von Tbilissi, in dem sie 1943-44 einsaß, nachdem sie denunziert und vom NKWD (Volkskommissariat für innere Angelegenheiten) verhaftet worden war. Ohne näher auf die konkreten Ursachen der Inhaftierung einzugehen, bringt das Gedicht die Trauer über das zum Ausdruck, was den Deutschen - und nicht nur ihnen ! - in der Sowjetunion Stalins angetan wurde.
 
DIE BALLADE VOM BESEN
 
Woher konntet ihr wissen,
Hirsehalme,
was eure Bestimmung war,
als am silbernen Bach
der grüne Wind
euch umschmeichelte ?
 
Woher konntet ihr wissen,
Hirsehalme,
was eure Bestimmung war,
als man euch
zum goldgelben Besen
zusammenband ?
 
Und woher konntest du wissen,
Besen,
was deine Bestimmung war
in der grauen Trostlosigkeit
der finsteren Zelle ?...
 
Da wurde sie hereingestoßen -
nach Mitternacht –
die sonnenblonde Frau,
schreiende Verzweiflung
in den Augenhöhlen...
 
Nachts
lauschte sie in die Dunkelheit,
und ihr Herz begann zu flattern
in namenloser Angst
bei den sich nahenden Stiefeln.
 
Und vor der Tür
verhielten die Schritte.
Ein Augenblick - Stille:
Zum Sprung holte aus
das reißende Tier:
Kurz - das Rasseln
des Schlüssels im Schloss !...
 
Und nach Stunden
wurde sie hereingeschleift...
Und nur der vergitterte Mond
strich für Augenblicke
mitleidig über die Erschöpfte...
 
Und schneckenhaft
krochen die Tage dahin,
da sie nicht schlafen durfte
nach der nächtlichen
Grausamkeit...
 
Und du sahest, Besen,
wie das Sonnengold ihres Haares
seinen Glanz verlor
und das Meeresblau
ihrer Augen
vergraute...
 
Und einmal hörtest du
ihre zerrissenen Lippen flüstern:
„Ich bring dir das Tannenbäumchen,
mein Kind,
ich hab‘s dir versprochen,
mein Kind !“
 
Und du ahntest,
dass der schleichende Wahnsinn
schon wieder mal
Einlass begehrte
in die düstere Zelle.
 
Und plötzlich wusstest du,
was deine Bestimmung war:
Die Ahnungslose zu retten
aus ihrer höchsten Not.
Und du wusstest auch - wie !
 
„Brich ein Stäbchen von mir ab“,
rauntest du ihr zu,
„tröpfle Wasser
aus dem irdenen Krug
auf den Tisch
und kratze den Dreck von ihm ab !“
 
Und sie brach ein Stäbchen ab
und tröpfelte Wasser auf den Dreck
und kratzte
und schabte stundenlang...
Und sie hatte eine Beschäftigung.
 
Und auf einmal war da
ein grellgelber Fleck.
Und sie brach
weitere Stäbchen ab
und kratzte und schabte
den Dreck vom Tisch...
 
Und es vergingen Tage,
bis sich der gelbe Fleck
über die ganze Tischplatte ergoss.
Und du sahst, wie ihre Augen
für Augenblicke
meeresblau schimmerten.
 
Und sie begann
den lehmigen Boden zu schaben.
Und darob vergingen Monate,
und dann war es ein kirschrot
lackierter Zementboden.
 
Und da verspürte sie
den Geschmack von Kirschen
auf den Lippen.
Kaum wahrnehmbar -
das Lächeln um ihren Mund...
 
Sie freute sich
am Rot und am Gelb...
Du, guter Besen,
hattest jedoch
keine Stäbchen mehr.
Aber -
du freutest dich sehr...
 
http://lmdr.de/wp-content/uploads/2016/08/75-Jahre-Deportation-Web.pdf
 
„Jahre des Terrors - Entrechtet, entwürdigt, entwurzelt“ - Die Veranstaltungsreihe der Landsmannschaft in Stuttgart eröffnete am 24.10.2012 im „Haus der Deutschen aus Russland“ in Stuttgart die Ausstellung der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland, welche Werke von Michael Disterheft und Viktor Hurr zur tragischen Geschichte der Deutschen in der ehemaligen Sowjetunion zeigte. Zum 75. Mal jährte sich der „Große Terror“ der Jahre 1937 und 1938, dem etwa 55.000 Deutsche des Landes zum Opfer fielen. Vor 70 Jahren fanden die ersten Mobilisierungen von deutschen Frauen, Männern und Jugendlichen für die stalinistischen Zwangsarbeitslager statt. Die Ausstellung wird in Kooperation mit dem Internationalen Verband der Deutschen Kultur (Moskau) durchgeführt und durch eine Reihe von Veranstaltungen ergänzt.
 
Viktor Hurr - Deportierte Wolgadeutsche Frauen mit Kindern - Zehntausende kamen um
 
Nora Pfeffer (1919-2012) Nora Pfeffer entstammte einer Lehrerfamilie. Sie wuchs in Tiflis auf. 1935 wurden beide Eltern verhaftet. Nach dem Abitur begann sie 1936 ein Studium der Germanistik und Anglistik an der Pädagogischen Hochschule in Tiflis. Als Nora Pfeffer sich 1937 weigerte, sich von ihren Eltern zu distanzieren, wurde sie zwangsexmatrikuliert; 1938 konnte sie ihr Studium jedoch wiederaufnehmen. 1939 heiratete Nora Pfeffer einen Georgier; 1940 wurde ihr gemeinsamer Sohn geboren. 1941 wurde ihr Ehemann zum Kriegsdienst eingezogen. Im Gegensatz zur Mehrheit der in der Sowjetunion lebenden Deutschen wurde Nora Pfeffer nicht unmittelbar nach Beginn des deutschen Präventivschlages auf die angrifffsbereite Sowjetunion deportiert. Im November 1943 erfolgte ihre Verhaftung durch den NKWD und die Verurteilung zu zehn Jahren Arbeitslager mit anschließender fünfjähriger Verbannung. Nora Pfeffer verbrachte ihre Haftzeit anfangs als Holzfällerin in einem Lager nahe der mittelsibirischen Stadt Mariinsk, danach im nordsibirischen Dudinka. Ab 1953 lebte sie als Verbannte im Norden Kasachstans. Sie konnte nunmehr ein Studium an der Fremdsprachen-Hochschule in Alma-Ata aufnehmen, an der sie ab 1956 als Dozentin wirkte. Daneben lieferte sie Beiträge für Organe der russlanddeutschen Presse, unter anderem für die Zeitung „Neues Leben“ in Moskau. 1992 übersiedelte sie in die BRD und lebte bis zu ihrem Tod in Köln. Nora ist Verfasserin von Kinderbüchern und Gedichten; daneben übersetzte sie aus dem Russischen ins Deutsche.