DISEN-FEIER (DISABLOT)

Es folgt die Schilderung des altdeutschen Disenopfer-Frauenfestes zum Februar-Beginn bei erblühtem Vollmond: Der Sirius steht am südlichen Horizont, die Jahreswitterung muss beschworen werden, im altheiligen Akt der Felsbohrung gewinnt man Gesteinsmehl für den Heilzauber. Reigentänze gehören dazu, der Rauschtrank brodelt über der Glut und wird schließlich als Trankopfer eingenommen. Die alt- und mhd. Begriffe müssen hier leider unerklärt bleiben. Unter „Disen“ verstand man Frauen, heilige Frauen bis hin zu weiblichen Gottheiten. Unter „Blot“ verstand man das rituelle Opferfest.

 
DISEN-FEIER
(ahd. Disenblót)
 
Flimmender Nachthimmel - Sternengefunkel,
Lichtfäden triefen aus silberner Kunkel,
vom tirmigsten Orte im timmrigen Dom
ergießt sich der Allmutter milchiger Strom;
im fernsten Süd, am Erdkrustenrand,
der flattrige, flirrende Fackelbrand.
Geziemend die Zeit - nun tut es not,
die Frauen dienen dem Disenblót.

Sie schöpfen den Mondtau mit Linnen ein
vom Rasen rund um den Opferstein.
Die Wala am Kessel, die wissende, frohe,
umlitzet, umleuchtet von zuckender Lohe.
Feurige Flocken durchzittern das Schweigen,
weiße Gestalten wiegen im Reigen;
unwirklich sacht, wie ein Nebel zieht,
steigt leise ihr Lied,
aus urfirnen Worten und Weisen gewoben,
das Leben, die Linge, die Labe zu loben:

Es wallet der Sud,
die heilende Flut,
der segnende Saft,
die küstige Kraft.
Was soll da hinein:
der Mutter Gebein
und Lein und Lauch und Lunenschein.

Am hilligen Lei,
den Bohrer dabei,
da weigen, weben, weifen die Drei,
die eisgrauen Muhmen malmen den Stein,
sie mehren die Mulde, sie mahlen so fein;
und kreisend - ein eilender Elbenkranz,
so treten die munteren Maiden den Tanz.

Leichtfüß'ger Leiber biegsames Lüpfen,
wallender Leinwat Wecheln und Wipfen,
zabelnde Zöpfe - flatternde Flechten;

die Frauen am Feuer im Raunen und Rechten,
im rührigen, rätigen, ramenden Ruochen,
die Saelde zu suchen,
die Frume zu finden,
Bosheit, Brast und Gebrechen zu binden.

Die Galara mit ehernem Gürtelband,
die Galstergerte in hagerer Hand,
sie reckt sich empor im rankenden Schwingen,
rügende, rickende Runen zu singen,
der ruchlosen Rotte, den garstigen Grimmen:
Soll die doch sehrender Gluthauch beglimmen !
Die Bilwise sendet den bannenden Strahl
auf Trolle und Tuster hinab ins Tal.

Hinter ihr hocken die Hägsen und harren,
die Stillen, Gestrengen, die Starken, die Starren,
die wislichen Weiber, die machtvollen Mütter,
Walttruden über Gewölk und Gewitter,
Herrinnen auch über Heiter und Helle,
Weiserinnen für Wind und für Welle.

Die erste ist das Hagelwib,
die andre rührt das Regensieb,
die dritte sorgt für Sonnenschein,
für schieres Licht und Seligsein.

So walten sie rund
mit mahnendem Mund
im ewigen Ring,
in jeglichem Ding,
im Welken und Wagen,
Klingen und Klagen,
Versprechen, Verneinen,
Schimen und Scheinen,
im Weigern und Werben,
im Steigern und Sterben.

Es walzen die Wendel, die Wirbel,
es drehn sich allzeitige Zirbel.
Ein Leich ist das Leben voll Leid und Lust,
ein Lied in Mitgard und Menschenbrust;
durchwaltet doch Weihtum wie Wüstenei
die mehrende, mindernde Melodei,
die die Weltlunge lenkt,
die sich hebet und senkt,
die die Sterne umtreibt,
die Seelen beleibt,
die Leiber entseelt
und neu wieder Lichtgeist mit Urstoff vermählt.

So mischt sich zusammen
aus Flut und aus Flammen
und Wille und Wort
am zeitrechten Ort
sogleich oder bald
die gewünschte Gestalt.

Viermal den Braupott beschwörend umschritten,
der Belwitten Barme und Bat zu erbitten,
der Hollen Hilfe und Heil zu erhalten,
die Jahreswitterung jetzt zu gestalten,
zu weihen, zu wikhen, zu hägsen, zu hecken,
wucherhaft wuchswohles Wetter zu wecken.

Und noch ist vonnöten
beim Bieten und Böten,
den rechten Runstab zu ritzen, zu röten.
Und dann im Nu
dies muss dazu:

Birkenwasser, Bilsenkraut,
Alfenwurz und Otterhaut,
Friggemantel, Feuermolch,
Tollkraut, Schierling, Taumellolch,
Eidechsleber, Elstermilz,
Flomen, Flachs und Fliegenpilz.
Alraunstrunk und Asensegen
werden jeglich Werk bewegen !

Gebraut ist die Brühe,
die Miete der Mühe,
nun Bluot für die Bräutlein des Feldes, erblühe !
Noch krümmen sich Krumen kärgelich krank,
der Erdmutter schöpft man den ersten Schank.

Vielnamige Nertha, die alle ernährt,
dir sei die all'erste Ehre gewährt !

Sie bringen den Becher, sie loben die Labe,
sie gießen der Göttin die gischende Gabe.
Da rinnet des Lafes litzender Lauf,
des Steines Grübchen, sie greifen ihn auf;
in Närtlein und Näpflein schimmert das Nass,
der Mutter mit all ihren Mägden zupass;
den Alfen und Elfen, den Disen und Dasen,
den Wirkerinnen in Wäldern und Wasen -
sie mögen geneigt sein, sich naschend zu nähren,
vom Zaubersafte geziemend zu zehren !

Die hochweise Hagdis, die Wala des Hages,
sie ruft ihre Frau'n zum Genuss des Ertrages:

Heran nun, heran, den Rauschtrank gerafft,
in Erdmutters Blut waltet Geistvaters Kraft !

Die Schöpfkelle kreist zwischen Kessel und Kar,
das Kar bringt es Kehlen und Körpern dar.
Das reisst an den Riegeln, durchzittert die Zellen,
das wettert und wirbelt in weckenden Wellen.
Es trendeln die Truden im tumelnden Träumen,
Leibfesseln fallen im flüchtigen Fleugen.
Dem Blutstrom, der pochend die Adern blunst,
entfahren die Fylgjen zur göttlichen Gunst.

Frei segeln die Seelen
im Wissen und Wähnen
zu Giebel und Gipfel,
der Welteibe Wipfel,
im schwerlosen Schweben,
im leiblosen Streben,
die Geistwelt beschauend,
der Allmacht vertrauend,
im ranghöchsten Sinnen
das Heil zu gewinnen.

Allein die Galara der Gilde, der Gaffel,
steht sie doch auf steilester Stufe und Staffel -
sie wünscht weder Wisswag, Wurzsud noch Wein,
sie lugt ohne Hilfe zum Heben hinein;
die gute Gudja, die griese, die greise,
sie hält sich gerüstet zur letztlichen Reise;
sie weiß alle Wege,
sie stieg alle Stege,
sie führt' ihre Frauen in füglicher Pflege,
sie hütet' den Herd, die Glamme, die Glut,
sie hielt ihre Heime in huldiger Huht.
Dass aber auch fürderhin Fülle entstehe,
hebt sie die offenen Hände zur Höhe;
ihr barlicher, bittender Bluotgesang
erklingt wie murmelnder Quellenklang:

logna-loho-liothkar,
lebin-luit-gelimida;
louh-lin-louga-listi-laba,
luft-lant-lagu-luitfrouwa,
lachanarra-lachenunga.
lüppe-luppe-lüpperie,
lib-libheili-urlosil.

Waltige wikhende Worte der Weihe
richten die Stäbe des Schicksals zur Reihe,
ordnen des Odals Orlog vor Ort,
fügen das freisliche Fatum hinfort.
Weift doch am Wirtel der Wurt auch die Wala,
die Forasaga,
Toblarska, Esaga, Parawara.

Nun greift sie zur Spindel am Schoubengurt -
geschlagen in Bande sei Sehrung und Surt !

Sie lockert, sie löst die gewickelte Leine -
beschworene Schöpfung des Segens, erscheine !
Sie faltet den Faden, sie schlägt das Geschlinge -
der Galsterknoten, die Knüpfung gelinge !
Sie schnürt in die Schlaufen die Worte, den Willen,
so muss sich unfehlbar die Fügung erfüllen.
Unlösbar genestelt das Werk dieser Nacht,
nun wirke und weihe, du Disenmacht !

 

Bild: „Die drei Hexen“, Öl auf Leinwand, 1783, von Johann Heinrich Füssli (1741-1825)

 

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