Wodan- und Mütterkult der Chatten - Disen-Dissen - Heilrätinnen

 

Copyright Gerhard Hess / August 2018

Im folgenden Aufsatz stelle ich völlig neue sprachwissenschaftliche Erwägungen und Recherchen zum  altdeutschen Mütterkult vor,
die ich vor ca. dreißig Jahren bereits erwogen und zusammengetragen hatte,
jetzt aber erst die Zeit fand, sie zusammenzuschauen und niederzuschreiben.
 
 
Merian-Kupferstich von Gudensberg, um 1654
 
Die Ur- und Frühgeschichte des historischen Chattengaus birgt so unendlich viele noch ungehobene Schätze und schätzenswerte Geheimnisse der altdeutschen Kultorte und bedeutungsschwerer Worte. Die Region um die nordhessische Kleinstadt Gudensberg im Schwalm-Eder-Kreis muss in alter Zeit ein reges Treiben geherrscht haben, dort lag das heilige Kultzentrum des großen, weithin berühmten Chattenvolkes. Der römische Senator und Weltreisende Cornelius Tacitus berichtet von ihnen in seiner Schrift „Germania“, dass die Chatten als Bergwaldbewohner über festere Körper, sehnigere Glieder und einen regsameren Geist verfügen. In ihrer Disziplin und ihrem Organisationstalent stellt er sie - der stolze Römer - sogar den Römern gleich. Wie röm. Legionäre würden sie Marschgepäck mit sich führen, gehorchten diszipliniert den Anweisungen ihrer Heerführer, ständen in festen Schlachtordnungen und verschanzten sich vorsorglich über Nacht. Ihre kriegerische Abwehrbereitschaft beruhe darauf, dass bei der männlichen Jugend der Brauch herrsche, kaum, dass sie erwachsen würden, ihr Haupt- und Barthaar so nicht mehr zu scheren bis sie einen Feind gefällt hätten, über dessen hingeworfenen Leib sie die erste Schur vornehmen, um sie der Gottheit zu weihen. In diesem Moment verkünden sie, dass sie sich damit ihres Stammes und ihrer Eltern würdig erwiesen haben, also ihre Geburt und Aufzucht bezahlt hätten. Manche ehelosen Männer standen in soldatischen Einheiten eines stehenden Einsatzheeres das von der Gemeinschaft unterhalten wurde.  Diese unterstrichen ihre kämpferische Einsatzbereitschaft durch das Tragen eines eisernen Ringes - dem keltischen Torques ähnlich -und behielten die wildwachsende Haartracht bis zum Tode bei. Das Kerngebiet des chattischen Siedlungsraumes waren um 15 n.0 die Ebene von Fritzlar-Wabern und das Kasseler-Becken, die westhessische Senkenlandschaft bis hin zum Gießener Becken und im Süden über die Taunushöhen bis zum Rhein- und Maingebiet. Dem südlich von Kassel liegende Kerngau der Chatten, mit dem Odenberg, dem Wotansberg bei Gudensberg, wollen wir die verdiente Aufmerksamkeit widmen, um über die alten heimatreligiösen Sitten und Brauchtümer etwas in Erfahrung zu bringen.
 
Rom zerstört chattische und cheruskische Heimatgaue 
 
Der Hauptort der Chatten war „Matti(um)“, von dem sich der Begriff der chattischen Mattiaker ableiten könnte. Die Mattiaker saßen im Gebiet meiner Geburtsstadt, dem heutigen Wiesbaden, das in röm. Besatzungszeit zum Hauptort der „Civitas Mattiacorum“ wurde. Aus dem archäologischen Fundmaterial ist eine genaue Lokalisierung Mattiums bislang nicht möglich, doch es ist anzunehmen, die Orte bei Gudensberg Metze, Maden, Mader-Heide, sowie der Bach Matzoff, leiten sich von der Region Mattium ab. Über mehrere Jahrhunderte bemühte sich die aggressive Großmacht Rom Germanien - und zunächst das Chattenland - ihrem Machtbereich einzugliedern. Auch im Jahre 10 n.0 versuchte es erneut Tiberius, der Adoptivsohn des Kaisers Augustus. Drei Jahre später löste ihn Feldherr Germanicus ab, der im Jahre 15 n.0 mit rund 40.000 Legionären (Berufssoldaten) und fast ebenso vielen Auxiliarsoldaten, insgesamt um die 80 000 Mann, über Germanien herfiel. Der plötzliche, unerwartete Vorstoß überraschte die Chatten, die keine Gegenwehr außerhalb ihrer Hauptsiedlungen mehr leisten konnten. Lediglich eine Mannschaft junger Chatten versuchte den Übergang der Römer über die Adrana-Eder zu verhindern. Sie durchschwammen den Fluss, wurden aber durch den Einsatz der röm. Speerwurfmaschinen und Pfeilschützen zurückgehalten. Matti(um) war schutzlos der Soldateska preisgegeben. Germanicus äscherte es ein und ließ das Land verwüsten. Dann erfolgte der Überfall gegen das kleine Germanenvolk der Marser, zwischen Rhein, Ruhr und Lippe. Während sie ahnungslosen in ihren Dörfern ein Fest feierten und zu bezecht waren, um rasch reagieren zu können, fielen die Truppen nachts über die Feiernden her. Nach Tacitus (Annalen 1,51) wurde ihr Tanfana-Göttinnen-Heiligtum zerstört und ein Bezirk von 50 röm. Meilen mit Feuer und Schwert völlig verwüstet: „Kein Geschlecht, kein Lebensalter fand Erbarmen.“ Des Germanicus Heer verwüstete laut Tacitus „das ganze Gebiet zwischen den Flüssen Ems und Lippe“. Im nächsten Jahr 16 n.0 ging es bis zur Weser, wo Germanicus seinen Soldaten befahl, keine Gefangenen zu machen, vielmehr sämtliche Germanen umzubringen, weil man den Krieg anders nicht gewinnen könne. Der Cherusker-Führer Armin(ius) und sein Stammesheer, mit den Verbündeten,  waren den Römern gefolgt. Es kam zur „Schlacht bei den langen Brücken“, die Tacitus beschreibt. Die Germanen brachten die Römer an den Rand der Niederlage, aber letztlich vermochten sich die Legionen, trotz hoher Einbußen, zum Rhein retten. Tiberius selbst sprach von schwerwiegenden und furchtbaren Verlusten.
 
Vom Kernland der Chatten
 
Zwischen Gudensberg und Maden sind Teile einer bedeutenden jungsteinzeitlichen Siedlung aus der Zeit von 5.500 bis 4.900 v. 0 ergraben worden. Zwischen dem heiligen Odenberg und Gudensberg wurden Siedlungsgebiete aus der Zeit um 4.000 bis 1.000 v.0. gefunden, nahe dem mittelalterlichen Kasseler-Steinkreuz bei Gudensberg erkannte man eine Bandkeramikersiedlung mit Grabstätten und ein Brandgräberfeld aus der Zeit 1.000 v.0 sowie eine eisenzeitliche Siedlung aus dem Beginn heutiger Zeitrechnung. Südlich des Bergs hob man eine Menge Funde aus der Bronze- bis zur Eisenzeit (um 2.200 bis 450 v.0) aus dem geschichtsträchtigen Boden. Auf dem Odenberg selbst sich zwei Ringwallanlagen mit vorgelagerten Gräben zu erkennen. Die Vielzahl der Ausgrabungsexponate vom Odenberg werden im Hessischen Landesmuseum zu Kassel aufbewahrt. Auf einer Urkunde von 1121 unterzeichnete der nordhessische Gaugraf Giso IV. als „Graf von Udenesberc“. Im Jahre 1154 ist der Berg als „Wuodenberg“ ebenfalls urkundlich erwähnt worden. Es finden sich die Ortsbezeichnungen „Wothenesberc“ (1123), „Wuodesnberg“ (1131) und „Wotensberg“ (1209) in Urkunden des 12. und frühen 13. Jahrhunderts, und noch 1672 wurde der Ort in einer Urkunde als „Wutansberg“ bezeichnet. Seit dem frühen 12. Jh. erscheint der heutige Ortsname in leicht abgewandelten Variationen. Diese Nachweise lassen die Erhebung als kultischer Odinsberg vor unserem inneren Auge auferstehen. Hier haben in altgermanischer Zeit die Chatten ihren Volks-Gott Wotan-Wodin-Odin verehrt.
 
Auf der Flachkuppe des Odenbergs (381,2 m) befindet sich der Odenbergturm, von dem man einen weiten Blick auf Teile Nordhessens genießen kann. Der Berg erhebt sich mit seiner höchsten Stelle rund 2 km nordnordöstlich vom Stadtkern Gudenbergs bzw. rund 2 km westlich vom Gudensberger Stadtteil Dissen, der zwischen seinem Wahrzeichen, dem weithin Scharfenstein (304 m) liegt und dem Neuselsberg (248 m). Wir werden sehen, wie bedeutsam und von welcher besonderen Heiligkeit der gesamte Umkreis des Gudensberger Odenberggaues gegolten hat. Die Nachbarorte, im Norden beginnend, liegt Besse, das bereits 817 als „Passahe“ in einer Schenkungsnotiz für das Kloster Fulda erwähnt wurde. Im 15. Jh. war der Ort Sitz eines Gerichts. Der Klosterbesitz und Gerichtstand weisen gleichermaßen auf die altheilige Bedeutung dieser Stätte hin. 1662 wurden auf dem Hinrichtungsplatz am Odenberg vier Frauen aus Besse als angebliche Hexen auf Holzstößen lebendig verbrannt. Etwas südöstlich von Besse kommt Holzhausen, das im  „Breviarium Sancti Lulli“, einem Güterverzeichnis des Klosters Hersfeld, um 800, „Holzhusen in pago hassorum“ heißt, 1146 und 1158 als „Holzhusen“ und als 1275 „Haleshausen“ (Heilhausen) erscheint. Hatte man zuvor, in mönchisch strenger Zeit, die heilige Stätte mit dem profanen Namen „Holzhausen“ entweihen wollen, bevor sich spätere Generationen wieder unbefangen des altechten Namens bedienen durften ? Östlich davon liegt Grifte, das erstmals 1081 als „Grifethe“ im Katalog der Schenkungen des Erzbischofs Siegfried von Mainz an das neu gegründete Benediktinerkloster in Hasungen erwähnt. Um 970 stand auf dem Hasunger Berg eine Michaelkapelle, um die sich ein Wanderprediger namens Heimerad gekümmert haben soll. Da der sog. „Erzengel Michael“ in der alten Kirche als Wodan-Ersatz fungierte, wissen wie mithin, dass sich auch hier in selbstbestimmten Chatten-Zeiten ein Wodan-Kultplatz befand. Von Gudensberg 6,5 km nordöstlich, 1,2 km südöstlich von Grifte, bei einem Bahnwärterhaus, findet sich der Flurname „am/unter dem Heidholz“ (Ersterwähnung 1392), auch Heidholcze (1392 - Staatsarchiv Marburg Urkunden Kloster Breitenau), Heitholtze (1579), Heiderholtz (1575/85). Südlich davon liegt Haldorf (germ. hal, got. hail, ne. hale = Heil/Rettung, also Heildorf), wo Siedlungsreste aus dem Neolithikum gefunden wurden und wo der „Riesenstein“ liegt. Etwas südwestlich davon liegt Dissen, das zu den sechs ältesten Hessendörfern gehört, von dem ausführlich erst weiter unten berichtet werden soll. Südöstlich davon liegt Wolfershausen, dessen Ortsadel, im Dienste des Erzstifts Mainz, im Jahre 1232 die nahe Burg Heiligenburg gegen Landgraf Konrad von Thüringen verteidigten. Westlich davon in Richtung Gudensberg liegt Deute, das im Jahre 1314 als „Villa Thoyten“ vermerkt wurde, 1552 in einer Urkunde „Theuta“ genannt und 1747 als „Dorfschaft Deutta“ bezeichnet wurde. Germanisch „Þeudā“ und ahd. „diota“ bedeutet Volk, woraus zu entnehmen ist - was wir ohnehin längst wissen - dass im Raum Deute chattische Volksversammlungen abgehalten worden sind. Wenige km westlich liegt dann Gudensberg, die Gottesbergstätte. Südlich davon liegt Maden, das 800 erstmals im „Breviarium Sancti Lulli“ des Klosters Hersfeld als „Mathanon“ urkundlich erwähnt wurde, 1046 urkundlich als „Madanum“, 1061 als „Madena“, ab 1295 „major Maden“, zur Unterscheidung vom benachbarten Lützelmaden (Kleinmaden). Maden war einer der Hauptorte im Chattenland. Auf der Mader Heide, am Mader Stein hielten die alten Hessen ihre Things ab. Hier hielt man noch bis in Hochmittelalter Gericht. 1325 hieß es urkundlich: „Grafschaft und Landgericht zu Hessen, das man nennt das Gericht zu Maden. Maden liegt vor einer 265 m hohen Basaltbergkuppe, der „Mader Stein“ geheißen. Am südwestlichen Dorfrand von Maden steht auf einer Anhöhe der „Wodanstein“ zwischen dem Ems-Zufluss Goldbach im Osten und dessen Zufluss „Bach vom Henkelborn“ im Westen, die in die Eder münden. Der fast 2 m hohe, 1,2 m breite und 0,55 m dicke Findling besteht aus Quarzit und ist möglicherweise im 3. Jh. v.0 aufgestellt worden, zum Zwecke einer rituell-religiösen Nutzung. Wenige km südöstlich liegt Gensungen, Stadtteil der Stadt Felsberg, am Fuße des 393 m hohen Heiligenbergs. Auf dessen Kuppe liegt die Burg Heiligenberg. Des „Hessenlandes Krone“ heißt der Heiligenberg bei den Einheimischen wegen seines herrlichen Ausblicks ins Edertal auf die umliegenden Ortschaften im Edertal, weithinein ins chattische Kerngebiet bis ins Kasseler Becken und auf die umgebenden Basaltklippen. Die Burgruine Heiligenberg ist neben der Felsburg und der Altenburg eine von drei mittelalterlichen Burgen in der „Drei-Burgen-Stadt Felsberg“. Zweifellos war der Heiligenberg bereits in vorchristlicher Zeit eine heidnische Kultstätte. An solchen Kultorten siedelten sich besonders gern die neuen christlichen Mönchsklöster an, um das alte Heil an sich zu ziehen. An der nördlichen Seite des Berges befindet sich das Kloster „Kartause Eppenberg“, von dem heute nur noch Mauerreste erhalten sind. Südöstlich von der Mader Heide liegt Fritzlar. Fritzlars (Friedeslar, „Ort des Friedens“) Entstehung soll auf eine Kirchen- und Klostergründung durch den Papstagenten Bonifaz-Bonifatius zurückgehen. Die Dom- und Kaiserstadt gilt als der Ort, an dem sowohl die Verchristlichung Mittel- und Norddeutschlands, mit der Schandtat des Fällens der altheiligen „Donareiche“, um 723 durch Bonifatius, ihren schlimmen Anfang nahm. Fritzlar wurde bedeutsam durch die Wahl von Heinrich I. zum König der Deutschen auf dem Reichstag vom Jahre 919. Der genaue Standort der „Donareiche“ blieb unbekannt, aber die Ortsangaben in der schriftlichen Überlieferung, „bei Geismar“ und „in Fritzlar“. In den 1970er Jahren wurde eine umfangreiche Ausgrabung etwa 550 m südsüdwestlich des heutigen Dorfkerns nahe dem Ostfuß des Biening-Berges eine dörfliche Siedlung von etwa neun Hektar Größe freigelegt, die Wüstung Urgeismar, die um 200 v.0 angelegt worden ist und bis in die Völkerwanderungszeit des Frühmittelalters von den Chatten bewohnt blieb. 1998 wurde in der Ortschaft Geismar nahe dem Westfuß des Eckerich-Berges der Nachbau einiger Häuser dieses Chattendorfs als Freilichtmuseum „Alt-Geismar“ fertiggestellt.

Die heiligen Disen - Dissen - Thusen - Tussen
 
Die Sage um die weiße Frau vom Heiligenberg bei Gensungen-Felsberg, wenige km südöstlich vom Ort Gudensberg mit dem Odenberg, berichtet von großen Schätzen die sie bewachen würde und wer sie besäße der würde ein sehr reicher Mann werden. Einst trieb ein Schäfer an einem sonnigen Sommertage seine Herde hinauf zum Berg. Plötzlich stand  eine Weiße Frau vor ihm und bedeutete ihm, dass er ihr folgen möge. Voller Erwartungen ging der Mann zaghaft mit und so kamen sie an eine Tür die in einen langen Gang führte. Die Frau verwies auf ein Sträußlein Schlüsselblumen, die er mit hinein nehmen sollte. Doch voller Furcht sprang der Mann zurück, die Tür schlug zu. Da ertönte von drinnen ein markerschütternder Schrei. Die Weiße Frau ließ sich seither nie mehr blicken. Dieser christenkirchlich geprägte Sagentypus gehört zu den „Selbsterlösungsversuchen“ einer Weißen Frau, die mithin als eine angeblich unglücklich in den Berg verhexte Gestalt dargestellt wird. Die alte Wahrheit sah völlig anders aus, die Weißen Frauen verhießen ursprünglich den sie suchenden Menschen selbst die erhofften Erlösungen. Mythologisch verkörpern die Weißen Frauen auf oder aus den Bergen die germanische Muttergöttin Frija/Freya, deren kultische Beinamen „Frau Holle“ oder „Frau Bechte“ gelautet haben. Diese germ. Hauptgöttin ist im eddischen „Gylfaginning“ Kap. 34 als „Vanadis / Wanen-Dise“ (an. „vana“ meint hell/glänzend) bezeichnet worden, so dass die mythischen „Disen/Dissen) als ihre segensreichen weiblichen Hilfsgeister zu begreifen sind. In dem uralten eddischen „Völuspá“-Gesang wird die Göttin als Braut des Od-Gottes erklärt („Óðs mey“). Sie steht also als germanische, eben auch chattische und cheruskische  Allmutter Erdmutter/Nertha/Hel neben dem Geistgott Od/Wodan/Wodin/Odin. 
 
Mein ehrenwerter Forscherfreund Josef Mertin (1919-1995), der sich um die Heimatforschung des Chattischen Kernlandes, des Gudenberger Landes und besonders Dissens verdient gemacht hat, verfasste die Sammlung hessischer Sagen „Der Berg der Blauen Blume“ die am Odenberg handeln und 1985 verfasste er die „Dorfchronik des Gudensberger Stadtteils Dissen“. Zur topografischen Ortsbeschreibung lese ich folgenden Text: „Dissen ist ein geschlossenes Dorf  mit regellosem Grundriss im Quellkessel eines Ederzuflusses, nämlich des Riedgrabens vor dem Lotterberg. Es liegt auf einem langgezogenen Bergrücken der vom Odenberg, über den Scharfenstein, Bußbalg, Neußelsberg bis zur Eder reicht. Der alte Ortskern hatte südliche Hanglage. Die Kirche wurde am Südwestrand der alten Siedlung gebaut, zu ihr gehört ein alter Kirchturm der ehemals ein Wehrturm war. Ursprünglich lag Dissen zwischen den beiden Bundestraßen B 3 und B 254, durch den Ort führte eine Querverbindung von der B 254 durch den Ort nach Besse, desgleichen die alte Heer- und Handelsstraße nach Gudensberg und Kassel. Im Ort selbst stand eine alte Eiche, deren Alter man auf ca. 300 Jahre schätzte. Sie wurde im Jahre 1970 unter Naturschutz gestellt. Auch das Gebiet des Scharfensteins wurde 1938 unter Schutz gestellt, es gilt seit langem als Naturdenkmal. Dissen ist ein sehr alter Ort. Nach den Historikern Landau und Arnold, sowie nach der Ortschronik, die der ehemalige Bürgermeister Heinrich Grunewald im Jahre 1899 herausgegeben hat, wird Dissen als Vorort der alten Gaugerichtsstätte auf der Mader-Heide bezeichnet. Der Ort gehört mit zu den ältesten Siedlungen im Lande, obzwar seine erste urkundliche Erwähnung erst zu einem späteren Zeitpunkt fällt. Siedlungsspuren führen durch alle Epochen, ja sogar bis in die ältere und jüngere Steinzeit.“
 
In J. Mertins Schrift „Dusinun, einst, Dissen jetzt“, 1986 finden sich die folgenden Angaben: Im Jahre 1061 n.0 übergaben der Edelmann Irmfried und seine Frau Ruocela das Prädium in der Grafschaft Werners, die Maden genannt wurde, dem Kloster Fulda, durch die Hand des Abtes Widerad, um es als Lehen wieder zu empfangen. Im Lehensvertrag taucht neben 11 anderen Ortschaften auch Dissen auf, unter der damaligen Bezeichnung „Dusiniun“. Auf der Vorderseite der Urkunde steht: „predium Madena in Hassia“. In einer Urkunde d.J. 1123 schrieb man den Ortsnamen Dissen oder auch Kirchdissen als „Dosene“, in folgende Jahren „Dusinun“, „Thusene“, „Thusen“, „Tosene“, „Toyhsen“, „Thüssen“, „Düßen“. Nicht seltsam mutet an, dass die Güter so oft an Kleriker und Klöster verschenkt wurden. Die Spender hofften auf Seelenmessen nach ihrem Tod, also Erleichterungen und Strafabkürzungen im zu erwartenden „Fegefeuer“ der geglaubten christlichen Hölle. Im Jahre 1357 schenkten die von Böddiger ihre Güter zu Kirch-Dissen dem Zisterzienserinnen-Kloster Nordhausen. Zu Dissen gehörten auch die Siedlungen Unseligen- und Mitteldissen, im Mittelalter wüst gefallene Orte, von denen man bei Grabungen um 1880 Überreste fand. Die Bezeichnungen von Mitteldissen waren „Tusen mediveris“, „mediocri Tusen“, „Myttelthuse“, „Mittelnthusen“, „Mytteln Thusene“, „Mytteln Thusine“, „Mittelntusen“. Die von Unseligendissen, östlich von Gudensberg: „Unselgentusen“, „Unselygentusin“, „Unzelgentusen“, „Unseligen Thusene“, „Unselgenthosen“, „Unseligentusin“. Der Begriff „Tuse / Tusse“ war höchstwahrscheinlich ein untergegangenes Wort für Frau und Mädchen, das sich im Namen der germanischen Fürstentochter, nämlich Spross des Cheruskerfürsten Segestes bzw. des Amins Ehefrau, finden lässt, die Thusnelda (um 10-17 n.0) hieß. Thusnelda hat man zur Bezeichnung für nervige Ehefrauen und weibliche Dienstboten hinabgewürdigt. Die Koseform ist „Thuschen / Tusschen“. Heute wurde daraus salopp und abwertend abgekürzt die „Tussi“. Der Name ist bisher nie eindeutig geklärt worden, er wurde aus „Thurse“ (Riese) oder „þūs“ (Kraft) und „hiltja“ (Kampf) oder „snel“ (schnell, tapfer) versucht zu deuten. Mit großer Sicherheit ist die allgemein geglaubte Übersetzung des Frauennamens „Hilde“ nicht „die Kämpferin“, sondern die „Flinke, Hurtige, Schnelle“, denn „hill“ bedeutet noch im heutigen Niederdeutschen „flink, geschäftig“; „hille Tid“ ist die arbeitsreiche Zeit. Die Hilde galt in alter Zeit als die „rasche Arbeitsfrohe“, was ein sinnvoll werbender und schöner Mädelname ist. Auch in germanischer Zeit war der natürliche weibliche Sinn nicht auf Kampf gerichtet, sondern darauf, einen sauberen Haushalt zu führen. Unter Berufung auf Jakob Grimm wird zudem angegeben, dass der Name vielleicht von Thursinhilda abgeleitet sei und demnach auf die Wörter „thurs“ (von unmäßiger Gier erfüllt; Riese) und „hiltja“ zurückgehe. Diese Deutung ist abzuweisen, denn der Thurse ist der Unhold der germ. Mythologie, danach nannte man unmöglich eine Fürstentochter. Die bessere Erklärung wäre meines Erachtens, Thusnelda als „Frauenspitze / Spitzenfrau“ zu erklären, denn „Tuss / Tusse“, die Frau, verbände sich mit ahd. „nel“, „hnel(a)“ u. mhd. „nel“ (Spitze, Scheitel, Gipfel), aus germ. „hnella“, „hnellaz“. Auch im ahd. Vornamen Tussinhilda stecken die Begriffe von Frau und angeblich Streit/Kampf. Möglichweise meinte ursprünglich auch „Tussenhausen“ „Frauenhausen“, eine Gemeinde im schwäbischen Landkreis Unterallgäu, die als „Tuzinhusa“ im Jahre 943 König Otto I. mit allem Beibesitz dem Fürststift Kempten schenkte. Da ein „z“ in der altdeutsch-germ. Sprache in Wortmitte nicht möglich ist, war also der echte alte Name Tusinhusa. Sie liegt östlich von Memmingen in Mittelschwaben der Region Donau-Iller. An der Iller entstand im 12./13. Jh. unter den Grafen von Kirchberg die Burg „Tissen“, jetzt besser bekannt unter dem heutigen Namen „Vöhlinschloss“. Bereits 1430 erlangte die Herrschaft von Kirchberg das Marktrecht und die hohe Gerichtsbarkeit von Kaiser Sigismund für das Dorf „Tissen“, das heute als „Illertissen“ bekannt ist. Der älteste bekannte Nachweis einer Besiedlung geht bis auf etwa 500 n.0 zurück. Die erste nachweisliche urkundliche Erwähnung unter dem Ortsnamen „Tussa“ erfolgte im Jahre 954 n.0 anlässlich der Versöhnung von König Otto I. mit seinem Sohn Herzog Liudolf von Schwaben. Ob der Ortsname „Tutzing“ von der Familie „Tozzi“ oder „Tuzzo“, aus dem Adelsgeschlecht der bayerischen Huosi wahrhaft herrührt, sei dahingestellt; möglicherweise geht auch er auf den Frauenbegriff zurück. Altnord. „Disen“ (Pl. Disir) sind in der nordischen Mythologie weibliche mythische Wesen, Göttinnen, Frauen. Sie können mit dem gallogermanischen Matrone- bzw. Mütterkult zusammengeschaut werden, dem man zur Wintersonnenwende das Kultfest „modraniht“ (Mütternacht) widmete.
 
Schon im indogermanischen Sanskrit gibt es die „dhiśanā“ (Götterfrau) aus der Wurzel „dhaya“ (säugen). Aus dem althochdeutschen „Merseburger Zaubersprüchen“ sind uns die „itis / idisi“ (Idisen) bekannt. Altsächs. „idis“ steht für Frau und altengl. „ides“ für Jungfrau, Frau. Tacitus benannte ein Schlachtfeld in Germanien „Idistaviso“, was J. Grimm als Frauenwiese deutete. Auf ihm kämpften die röm. Legionenmassen des Germanicus im Jahre 15 n.0 mit den Germanen-Verbänden Armins, des Befreiers der Deutschen. Das „Dísablót“ (Disenopfer) war ein Opferfest das im Frühjahr und Herbst stattfand, mit Gastmählern und Trinkgelagen (Viga-Glums-Saga 6, Egils-Saga 44). Beim schwed. Heidentempel zu Uppsala befand sich auch ein Disentempel (an. „dísarsalr“, Ynglinga-Saga 33). Das Disting (aschwed. „disaþing“) war die Versammlung anlässlich des „Dísablót“, Anfang Februar in schwed. Alt-Uppsala. Die genaue Datierungsregel lautete von Snorri Sturluson im 13. Jh.: „Wenn des Dreizehnttags Neumond zum Vollmond wird, dann ist Disting in Uppsala“. Eine minimale dialektische Vokalverschiebung von „i“ zu „u“ und schon werden aus den Disen die Dusen, Thusen und Tussen. Ein Ort namens „Tussebo“ gibt es in Norwegen, nördlich von Oslo. Die dänische „Tuse Kirke“ (Kirche von Tuse) aus dem 12. Jh. gehört zum Kirchspiel „Tuse Sogn“ auf der Insel Seeland. Im Mittelfeld des kirchlichen Altars, der die Jahreszahl 1625 trägt, gibt es vier Säulen mit Frauenfiguren, die Gerätschaften tragen, die beiden Seiten des Mittelfeldes zeigen nackte weibliche Figuren. In Schweden existiert „Tusse“ als weiblicher Frauenvorname. Die Schauspielerin Tusse Silberg wurde in Stockholm geboren. Im deutschen und belgischen Familiennamen „Thyssen“ hat sich das Wort womöglich ebenso erhalten. 1308 wird eine Familie „de Thusen“ in Dissen genannt. Auch „Tissen“ könnte aus „Disen“ abgeleitet sein. „Großtissen“ ist ein Ortsteil der Stadt Bad Saulgau im Landkreis Sigmaringen in Baden-Württemberg. Zusammen mit „Kleintissen“ und „Nonnenweiler“ bildete es ein eigenes Vogteiamt, das 1282 an König Rudolf von Habsburg verkauft wurde. Schon zur Merowingerzeit war die Gemarkung „Großtissen“ Siedlungsraum, wie ein Reihengräberfeld erweist.
 
Ich gehe aufgrund des Namensbefundes von Dissen davon aus, dass es sich um frauenkultische Hinweise handelt. Hier ehrte man insbesondere die Disen-Tussen, die weiblichen Heilswesen, indem ihnen die Chatten Kultfeiern zelebrierten, Opfergaben bereitstellten, um an ihren Segen zu gelangen, um neue Weihen für das allgemeine Gedeihen und besonders um gute Jahresernten zu erbitten. Solcherart uralte Erinnerungen schlugen sich in den Wichtel- und Elfensagen nieder, die sich die Frauen in den Spinn- und Kunkelstuben erzählten. In den gesamten keltisch-germanischen Siedlungswelten erzählt man sich ähnliche Mären.  Isländer nennen die Elfen „Huldren“ (Huldreichen). Josef Mertin brachte die Sammlung hessischer Sagen „Der Berg der Blauen Blume“, die am Odenberg handeln, heraus. 1985 verfasste er die „Dorfchronik des Gudensberger Stadtteils Dissen“. 2011 wurde in Erinnerung an Josef Mertins der Gudensberger Sagenwanderweg Josef-Mertin-Weg eröffnet. In Mertins Dusinun-Dissener Stadtchronik von 1986, auf Seite 293 heißt es über die „Wichtel von Dissen“: „Vor langer Zeit lebte hier ein kleines Wichtelvölkchen und eine holde ,Elfenschar‘. Mal halfen sie den Menschen bei der Arbeit, mal trieben sie lustiges Spiel und schalkhaften Spuk. Eines Tages wurde wohl das Treiben dieses Zwergengeschlechtes bemerkt. Noch heute erinnern an sie Flurnamen, wie z.B. „Auf dem Wichtel“ oder „Das Wichtelfeld“ und an ihre wertvolle Hilfe. Noch vor hundert Jahren erinnert eine gerichtliche Eintragung im Grundbuch, welche auf dem „Wichtelfeld“ eingetragen war, dass der Wichtelacker den Armen zu Gute kam.“ Und in der folgenden Geschichte „Große Wäsche am Glißborn“ liest man: „Zur Sommersonnenwende ziehen in einer Vollmondnacht die Dienerinnen Kaiser Karls des Großen in langer Reihe zum Glißborn, um dort die Wäsche zu waschen, denn das Wasser des Glißborn wusch früher ohne Seife. Und ehe es von der Dorfuhr ,eins‘ schlug war der Spuk wieder vorbei. Doch, mit dem Wasser hatte es seine Bewandtnis, so dass auch viele Hausfrauen von Dissen und Besse zum Glißborn zogen und dort Waschtag hielten. Freilich, die Gemeinde sah das nicht gern und verbot es später, so dass der Feldschütz Auftrag bekam, alle Frauen aufzuschreiben und mit Strafe zu belegen, so ist es auch urkundlich überliefert. Doch die Frauen ließen sich nicht davon abhalten und wuschen weiter. Die Gemeinde Dissen sah dies ein und richtete dort einen Wasch- und Bleichplatz ein.“ Der Quelltopf liegt rund 650 m nördlich des Odenbergs und etwa 1,1 km nordwestlich des Scharfensteins in einer Feld- und Wiesenlandschaft. Sein Wasser fließt als kleiner Bach nordostwärts zwischen Dissen und Besse und mündet nach insgesamt etwa 3,0 km am südwestlichen Ortsrand von Holzhausen in den Eder-Zufluss „Pilgerbach“. Ihm wurde nachgesagt, dass es ohne Seife rein wasche. Laut der Berichte kamen noch in den 1840er Jahren Frauen aus weiter Entfernung zum Glisborn, um ihr Weißzeug zu waschen. J. Mertin, der zeitweise Ortsvorsteher von Dissen war, vermerkt auf S. 29 seiner Schrift „Der Berg der blauen Blume“, 1982: „In Dissen gab es früher urkundlich nachweisbar einen ,Hollenweg‘. In neuerer Zeit hat man den ,Hohlen Weg‘ daraus gemacht.“ Vom nahe gelegenen zackigen Scharfenstein-Felsen berichtet eine Sage, dort wese eine wunderschöne, weiße Jungfrau mit langem, goldenem Haar. Sie betreut einen großen Schatz bis sie Erlösung fände. Alle sieben Jahre erwacht sie aus ihrem Zauberschafe und kommt zu einem bestimmten Tage aus ihrem Felsenhaus hervor, dann kämmt sie ihr prächtiges Haar und nießt dabei sieben Mal. Wenn da jemand wäre, der die Traute hätte, ihr in diesen Augenblicken auch sieben Mal „Helfgott !“ zuzurufen, hätte er den Bann gelöst, die Jungfrau befreit und ihre Schätze gewonnen. Einem Müllersburschen erging es so, dass er nur sechs Mal rief, so verdattert war er, worauf die Zaubermaid mit einem Seufzer wieder im Gestein verschwand. Ebenso erzählt man vom bewaldeten Berghügel bei Dissen, dem schon im 14. Jh. belegten „Nußilberg“ (Nussberg), Geschichten über die hier heimischen fleißigen Wichtelmännchen und den Elfenfräuleins. Zwischen Wolfhagen und Volkmarsen heißen die Wichtelmännchen die „guten Hollen“.
 
Von Gudensberg nach dem nördlichen Grebenstein im Reinhardwald beträgt die Strecke es ca. 50 km. Ein Ort im Reinhardswald heißt Udenhausen, erstmals 1071 als „Utenhusen“ erwähnt (einst wohl Wodanshausen), ist heute ein Stadtteil von Grebenstein (1311: „noua municio“ Greuenstein). Nicht weit entfernt liegt die „Burg Haldessen“, deren Begriff aus germ. „hal“ (Heil) als Heil-Dessen/Disen zu deuten wäre. Lange Jahre war Udenhausen Tochtergemeinde der Pfarrei in Hombressen, die sich erstmals um 1200 als Humpretissen (Flüster-Tissen/Disen ?) an der „Königsstraße“ von Kassel nach Helmarshausen erstmals urkundlich erwähnt findet. Die Silbe „hump/humb“ ist schwer deutbar. Germ. „huma“ meint Dunkel, Dämmer, isl. „húm“ meint Dämmerung, ahd. „humbal“ meint summen, murmeln, schwed. „hum“ meint Ahnung haben, engl. Adj. „humble“ heißt bescheiden; engl. „hump“ ist ein kleiner Hügel, engl. the Humber ist die Flussmündung des Flusses Ouse. Mhd. „humpolt“ ist ein Getreidemaß, mnd. „humbolt“ eine Art schlechten Flachses. Es gibt die Vornamen Humbert, Humbrecht, Humfried, Humbold, engl. Humphrey, auch dt. FamiliennamenHumboldt, engl. Humber. Von Gudensberg nach Norden ins westfälische Godelheim (Gottesheim), dem Stadtteil von Höxter, sind es Luftlinie keine 80 km. Das dortige Rittergut Maygadessen liegt an der Weser im ehemaligen Stifte Corvey. Im 9. Jh. hieß es „Mayngoteshusun“, 1144 „Meingotessen", 1273 „Mingodessen", „Meingodessen", 1253 wurde ein Mann namens „Karolus de Mengodessen“ erwähnt. Im noch karolingisch-rigiden 9. Jh. durfte dort im sächsischen Unterwerfungsgebiet der Franken der heidnische Dissen-Begriff offensichtlich nicht erwähnt werden, so dass man den Ort nur „Mayngoteshusen“ (Falschgottheim) benannte, aus ahd. „mein“ (Meineid, Adj. gemein) für falsch, schlecht. Doch in der freieren Zeit zu Anfang 12 Jh. durfte man sich der älteren Ortsbezeichnung erinnern, freilich in der Verneinungsform „Meingotessen“ (Falschgott(es)-Disen). Auch Willebadessen ist eine Siedlung im Kreis Höxter in Nordrhein-Westfalen, mitten im Teutoburger-Wald, um 30 km südlich von den Externsteinen bzw. Horn-Bad-Meinberg. Die historischen Bezeichnungen lauten: „Wilbadessen, Wilbodessen, Wilbossen, Wylbodessen, Wylbodisßen“. Der Ortsnamen wäre erklärbar aus ahd. „bū“, schwed. „bo“, ndt. Bau, Wohnung zu Wild-haus(enden)-Disen. „Wildfrauenhaus“ heißen beispielweise die Basaltklippen im Amte Birstein zwischen Wüstwüllenroth, Radmühl und Mauswinkel.
 
In Dr. Heinrich Schreibers „Taschenbuch für Geschichte und Altertum in Süddeutschland“, Freiburg im Breisgau, 1846 lese ich auf Seite 28: „Für die unmittelbare Bezeichnung der Feen hat die deutsche Sprache keinen eigenen Ausdruck…. Der der Fee ist selbst ist also ursprünglich keltisch und lautet in Lateinischer Übersetzung Bona (mit dem gewöhnlichen Zusatz Dea), im Französischen Bonne … Bezeichnungen dieser Art sind, in Volksmärchen der Romanen in … altfranzösischen Dichtungen: Divesses, Duesses ... Wie die uralten Feen und Bechta an deren Spitze, so üben auch die Hexen die Grausamkeit aus, den Menschen das Herz aus dem Leibe zu essen und einen Strohwisch dafür hinein zu stoßen. Dieses tritt zwar (wie schon Grimm S. 1034 bemerkt) in den deutschen Hexensagen zurück, in anderen, z.B. serbischen ganz voran.“ Es gab offensichtlich doch einen germanischen Feenbegriff, in den altfranzösischen, also fränkischen Sagen, war er noch bekannt: „Disen“, „Tussen“, „Duesses“. Zusammen mit der Göttin Bechta, einem Synonym für die heile, helle Große Mutter, traten sie auf, bevor sie von der Christenkirche als Hexen verunholdet wurden. Sogar in einem deutschen Ortsnamen erhielt sich diese Verbindung bis heute: „Bechterdissen“. Den „Hessischen Blocksberg“ findet man beider Gemeinde Berfa, die ein Stadtteil von Alsfeld ist, des Vogelsbergkreises in Mittelhessen. Die Region war bereits vor 3.000 bis 4.000 Jahren besiedelt. Es gibt eine Reihe von christlich gefärbten Hexen-Sagen um den „Bechtelsberg“ der Göttin „Bechta“, deren Namen auch Ortsbezeichnungen wie jene der Dörfer „Bechtheim“ im Untertaunus und nördlich von Worms geprägt hat. Die altdeutsche Volksgöttin war die gemeingermanische „Frija/Freija“ (Herrin), die unter verschiedenen Kultbezeichnungen betitelt oder angebetet wurde, wie „Bechta, Peratha, Frau Perchta“ (Reine / Helle) oder „Frau Holle“ (Huldreiche). In christlicher Zeit sank sie zu einer Sagengestalt ab, die in den Textquellen erstmals im 11./12. Jh. auftaucht.  Sie erscheint bis in slawische deutsche Grenzgebiete in den Formen: „Bercht, Berchta, Perchta, Pertica, Per(ch)tiga, Stampfe, Paxto-Stampfo oder Sperchta“. Der Name „Percht/Perchta“ kommt sowohl aus dem germanischen wie dem keltischen Sprachraum, man muss die Göttin mithin als eine gallo-germanische Erscheinung ansehen. Die Sagengestalt Frau Percht kommt vor allem im süddeutschen Volksgebiet vor. Im norddeutschen Gebiet trägt sie zumeist die Namen „Frau Holle, Frau Fricke, Frau Gode/Wode“.
 
Zurück zu Bechterdissen: Es liegt nördlich von Oerlinghausen in Nordrhein-Westfalen. Siedlungsreste im Gebiet Bechterdissens, die auf die Cheruskerzeit datiert wurden, belegen eine etwa 2.000jährige Siedlungsgeschichte. Die Ortschaft liegt nördlich des Höhenzugs des Teutoburger Waldes im Ravensberger Hügelland. Es grenzt im Westen an Bielefeld-„Ubbedissen“. Im Jahr 1028 wurde bereits der „Hof Dingerdissen“ (Thing-Dissen) erwähnt. Der mittlere Teil von „Ubbedissen“ wird heute auch „Frordissen“ (Frō-Freyr-Dissen) genannt und der nördliche Teil auch „Dingerdissen“. Und in Niedersachsen, östlich von Bad-Rothenfelde, liegt „Dissen am Teutoburger Wald“, eine Stadt im Süden des Landkreises Osnabrück in Niedersachsen. Dissen wurde im Jahr 822 erstmals urkundlich erwähnt, als „Ludwig der Fromme“ den Meierhof in Dissen an den Bischof von Osnabrück abtrat. Alte Bezeichnungen des Ortes sind 1217, 1284, 1325 „Disnse“, 1223, 1282, 1402, 1412, 1442, 1456/58, 1463, 1556, (nach 1605) „Dissen“, 1225 „Dyssene“, (ca. 1240) „Dissene“, 1246 „Dissenen“, 1271 „Dissine“, 1279 „Dhissene“, 1402 „Dyssen“, 1412 „Dyssen“, 16. Jh. „Dyssen“ und 1565 „Dissenn“. Es gibt hier ein Moorgebiet am „Dissener Bach“. Mit dem Zwang zum Christentum wurde Dissen „Wigbold“ (Weichbild), das war der Bannkreis welcher ein kirchliches Heiligtum umgab und seinen bekehrten Bewohnern besonderen Schutz gegen die heidnische Umwelt verlieh. Die Kirchen waren festungsmäßig gebaut, um den Ansiedlern im Verteidigungsfall die nötige Sicherheit zu geben. Um 800 begannen die Bischöfe von Osnabrück und Münster auch den Dissener das Christenevangelium aufzuzwingen. Das Volk blieb zäh am Altglauben hangen, noch gegen Ende des 11. Jhs. klagte der Iburger Abt Norbert über das heidnische Wesen der der Bewohner an der Osenegge. Selbst noch 1717 wetterte der Pastor in Dissen, Amts Iburg, Johan Casper Braunes gegen den heidnischen Brauch der Osterfeuer. Man zündet sie unbeirrt noch heut‘ im Sachsenlande wie sonstwo an. Er schreibt an den „Hochwürdigen Bischof, mein gnädigster Fürst und Herr“: „Ihro Königlichen Hoheit muss ich, bemeldter Prediger zu Dissen, mit hertzlicher Wehmut vorstellen; was für Greuel des Abends an dem ersten heiligen Ostertage in meiner mir anvertrauten Gemeinde alljährlich Leyder ! Vor zu gehen pflegt. Wenn nemlich an dem bemelten hochheiligen Tage der wahre Gottesdienst  in der Kirchen geendigt, so dan wird dem leidigen Satan das Fest auf folgende Weise erst recht gefeyret: Nicht nur das junge Volck beyderley Geschlechts, große und kleine, sondern auch sehr viele, welche bereist verehlicht, gehen ohngefehr umb fünff Uhr nachmittags in einer erstaunenden Menge nach dem Dissener Berge; zünden oben auf dem selben ein großes und erschreckliches Feuer ab, umb solches Tantzen alte und Junge, große und kleine, mit großem und erschrecklichen Geplärr herumb, treiben dabey allerley Sünde und Schande, mit Fluchen Schweren, unzüchtigen Gebehrden, Worten, und wer darf zweifeln, auch Werken. Hierbey bleibts nicht; sondern wen dies Völklein seine Schand-possen bey dem so genandten  Osterfeuer zur genüge außgeübet; so kommen Sie, wen es bereits finster zu werden beginnt, mit großem und entsetzlichen Zeter-Geschrey, mit Schießen, mit Blöcken, wie auch mit einem groben Gelächter nach Dissen, gehen in größesten confusion nach dem Kirchhoff, welchen unser Küster ihnen aufzuschließen fast gezwungen wird, dann muß diesen Gottes vergessenen Menschen mit allen Glocken noch dazu geläutet werden: Hirauf gehet dieß böse Gesindel rund umb den Kirchhoff, und singet mit unordentlichem Geplärre daß sonst herrliche Osterlied: Christus ist erstanden, ohne alle devotion, unter Lachen, Springen, und allerley ärgerlichen Wesen. Durchlauchtigster Hertzog, Gnädiger Fürst und Herr, ich habe meines wenigen Orts nichts gespahret, was zu Vertilgung einrt solchen bösen Gewohnheit, und Hochärgerlichen Bosheit gereichen mag: ich habe der gantzen Gemeine zu verschiedenen mahlen ernstlich und eyffrig für gehalten; dieses alles komme noch auß dem Heidnethum, darinnen man auch den stummen Götzen auf  allen hohen Hügeln geopfert, oder in ihren dunckeln Haynen dergleichen Feuer angezündet, es wäre dies eine große unverantworliche Abgötterey, dadurch der sonst gnädige Gott zum Zorn gereitzet würde, alle dergleichen unordentliches Singen und ein gräßliches Geschrey; ja ich habe sie öffentlich fast umb Gottes willen gebeten, sie möchten doch diese Teufelische Gewohnheit hindan setzen, damit mich und andere fromme Christen nicht mehr ärgern, sondern an dessen statt zu Hauße andächtig singen, beten und lesen daß würde dem lieben Gott  weit besser gefallen, und sie dafür an Seel und Leib gesegnen. Aber ach ! alles vergebens, ich muß mit dem Propheten klagen: Herr wer glaubet unserer Predigt ! Sie haben dieserhalb nicht das geringste nachgelassen, vielmehr übel ärger gemacht….“.
 
Ein weiteres „Dissen“ gibt es bei Striesow, nördlich von Cottbus, es sind kleine Flecken im Landkreis Spree-Neiße. 1449 wurde „Dissen“ in einer Urkunde als Teil der Mark Brandenburg erstmals erwähnt. 1464 wurde der Ort wieder als „Dissen“ verzeichnet. In der folgenden Zeit gab es Änderungen von „Dissow“ (1466) über „Dessen“ (1486), „Dossenn“ (1502) und „Dysenn“ (1543) wieder zurück zu „Dissen“ im Jahr 1652. Danach war der Ort weitere dreimal unter anderem Namen verzeichnet, 1761 als „Deschno“, 1843 unter sorbischem Namen „Dešno“ und wieder als „Deschno“ im Jahr 1847.
 
Diese Vermutungen oder Erkenntnisse hatte ich mit einem Brief vom  06.12.1987 meinem Forscherfreund Mertin mitgeteilt. Und er schrieb mir mit seinem Antwortbrief vom 15.12.1987 u.a.: „Ich habe jahrzehntelang nur gesammelt, natürlich nur zunächst aus hiesigem Raume. Darunter auch Stücke, die bisher noch  nicht veröffentlicht waren. Sie glauben gar nicht, wieviel Kulturstücke bzw. wertvolles Kulturgut in privater Hand sorgsam gehütet wird. Mir gehen manchmal die Augen über, wenn unsere Altvorderen mir dieses zeigen. Ich hatte auch das große Glück, als Ortsvorsteher des Ortes, wertvolles Geschichtsgut in Form von Urkunden und anderen wichtigen Scheiben und Unterlagen, auf dem Dachboden einer alten Schule sicherzustellen. … Die weißen Frauen kommen im nordhessischen Raum sehr zahlreich vor. Im Sagenheft sind einige davon wiedergegen. … ich erinnere mich auch an die  Tatsache, daß alte Kulturen z.B. die Steinkammergräber (Dolmengöttin, eingeritzte Zeichnung Steinkammergrab Züchen ca. 10 km von hier) Alter ca. 4000 Jahre, Herkunft Frankreich, aber auch norddeutscher Raum. Auch im hiesigen Raum sind Fundorte der Kelten feststellbar. Ich will darüber noch weiter forschen. …“. Mertin sprach hier einen interessanten Umstand an, nämlich, dass der keltisch-germanische Mutterkult in Nordhessen mit dem Steinkammergrab von Züschen ein wahrhaft uraltes Leitbild besitzt. Die Megalithanlage bei Fritzlar, eine der bedeutendsten Exemplare ihrer Art, stammt aus dem 4. bis 3. Jahrtausend v.0. Wegen seiner Bildritzungen nimmt es eine Sonderstellung unter den Megalithanlagen der Wartberg-Kultur ein. Im Frühjahr 1894 wurde die 20 m lange und 3,50 m breite Anlage, bestehend aus ursprünglich 24 Wandsteinen, freigelegt. Der Kopfstein zeigt das kreisrunde sog. „Seelenloch“. Mit einem womöglich frühen Metallgerät wurden punktförmige Einschläge zu Linien gereiht, erkennbar sind Rinder-Symbole, eine Ritzung könnte ein Pflug oder Karren sein. Sollte es einen Wagen darstellen, wäre das eine der ältesten Raddarstellungen in der Menschheitsgeschichte. Auf dem Stein B2 ist ein Gesicht zu erkennen. Aufgrund von Vergleichen mit anderen Darstellungen in Frankreich wird dieses Gesicht als Bild der Großen Göttin bzw. Dolmengöttin gedeutet, deren Attribut ein von Rindern gezogener Wagen ist, wie ihn auch die germanische Urmutter „Nertha“ während ihrer Kultumzüge nutzte, wovon uns der Römer Tacitus in seiner „Germania“, Kap. 40, Mitteilung machte. Tacitus beschrieb die Nerth als „Terra Mater“, also Mutter-Erde, die von sieben germ. Völkern gleichmäßig verehrt worden ist. Wir ahnen die religiösen Dimensionen eines weiträumigen, völkerverbindenden Mutter- und Mütterkultes, mit den dazugehörenden allmütterlichen Trabantinnen, den weiblichen Heilswesen der Feen, Nymphen, Fräuleins, Waldfrauen, Weißen-Frauen, Beten,  Hadachweiber, Huldren (isl.), Hollen, Saligen, Duhvilen (afranz.), Dialen (afranz.), Druden, Truden, Metten, Schepfen, Disen, Dissen, Thusen, Tussen in Wald und Feld, an den Steinen und Quellen.
 
Frauenberge - Frauenkultstätten - Mütterkult
 
Das alte Germanien war überzogen mit „Frauenbergen“, auf oder bei denen Frauenkultstätten eingerichtet waren. Noch heute, trotz der Gegenarbeit einer im Herkunftskern männerrechtlich-orientalisch geprägten Christenkirche, konnten die Frauenberge als Ortsnamen nicht ausgetilgt werden. Das war der eigentliche breite Volksglaube einstmals, die sehnsüchtige Hoffnung auf die huldreichen Mütter der Natur und des heimischen Herdes. Einer der Frauenberge (379,4 m) ist die zweithöchste Erhebung der Lahnberge im Mittelhessischen Landkreis Marburg-Biedenkopf. Auf ihm wurde im Jahre 1252 die Burg erbaut, von der ein herrlicher Rundumblick weit ins Land möglich ist. Beltershausen, am Fuße des Berges, erfuhr seine erste urkundliche Erwähnung um das Jahr 1151 als „Belterhusin“, was so viel wie „Haus des Balder“ (Balder-Kultstätte) bedeutet. In der Urkunde wird berichtet, dass Leute aus Belterhusin eine Kirche errichteten deren Parton der „Barthel“, wie man sagte, der „heiligen Bartholomäus“ sein sollte, welcher von den Pfaffen als „Mann ohne Falschheit“ (Joh. 1,47) bezeichnet worden ist. Aus diesem Grund wird er wohl von den zwangsbekehrten Baldur-Verehrer der Stätte als Baldur-Ersatz erwählt worden sein. An diesem chattischen Frauenberg ist offenbar der milde Gott Baldur in trauter Gemeinschaft mit der gemeingerm. Göttin Frija verehrt wordn. Die Väter schützen in natürlich gearteten Gesellschaften das Leben, aber die Frauen und Mütter sind die Quellen des Lebens selbst, sie sind die irdischen Vertreterinnen der waltenden Gottheit, ist doch der tiefste Sinn allen lebendigen Strebens und auch aller positiven Religion ein Kult des Lebens. Warum, so fragt man sich, haben allein im Norden der keltischen und germanischen Völkerschaften die Frauen den hohen Stellenwert zuerkannt bekommen, während im sonnenverwöhnten Orient den Frauen so wenig Ehre zugemessen wurde und warum sie dort so niedrig eingeschätzt werden - ja oftmals nicht mehr als wie eine Sache nur, also käufliche Ware - gehandelt werden ? Die Mütter des klimatisch lebensfeindlichen Nordens sind gezwungen das Überleben ihres Nachwuchses zu ertrotzen gegen die Gewalten der eisigen Kälte und der Dunkelheit in langen, kargen Wintermonaten. Weil das Mutter- und Frauentum im kultivierteren Norden immer mit so viel größeren Opfern verbunden war musste es in vorchristlichen Zeiten diese große Aufwertung erfahren. Das ist der Bezugspunkt für die Erklärung einer klar ersichtlichen Hochwürdigung alles Weiblichen in den heidnischen Religionsformen nordischer Menschen der gemeinen Landbevölkerung von Bauern, Sennern, Fischern, Jägern, Schäfern, Bergknappen und Handwerkern. Eine schier unübersehbare Menge von Sagen, Legenden und Märchen berichten bis heute von den hilfreichen weiblichen Naturwesen von denen in alten Zeitläufen das Felder, Wälder und Berge durchwest schienen. Es war eine gute Vorstellungswelt, die ein geglaubtes Vertrauen und die Einbettung in den allgegenwärtigen Schutz durch die Wachsamkeit heiliger Kraftwesen für den redlichen Landsassen und Bürger für sich in Anspruch nehmen durfte. Die Entheiligung der Natur, mit der Dämonisierung ihrer Kräfte, die mit der christlichen Mission ihre Urständ feierte, war noch fern. Dass die Christenkirche erst auf den Druck aus den unteren Volksschichten hin auch weibliche Heilige und schließlich noch das erklügelte Kunstprodukt „Gottesmutter-Maria“ inthronisieren musste, ist signifikant für diese Männerreligion die sich mit dem männerrechtlichen Diktat „Gottvater-Gottsohn-Hl.-Geist“ einen entsprechenden theosophisch-juristischen Verfügungsmodus gegen jeden weiblichen Rechtsanspruch erfand. Aus dem volksreligiösen fraulichen Dreigestirn der „Beten“ (H. Chr. Schöll, „Die drei Ewigen. Eine Untersuchung über germanischen Bauernglauben“, 1936), der „drei heilige Jungfrauen“, namentlich der Einbeth, Warbeth und Wilbeth, ging die Kirche wohl zähneknirschend in die Knie und nahm sie in Gestalt von Anbetungsfiguren in vielen ihrer Gotteshäuser auf, doch für die offizielle Heiligenliste sind sie natürlich, als oberflächlich übertünchte Heidinnen, nie akzeptiert worden. Die allegorische Dreigestalt das Weibes als Metapher ist uralt, jede Frau durchläuft diesen Gestaltentausch: Jungfrau, Braut, Matrone. Schon der ägyptischen Isis legten ihre Priester das Wort in den Mund: „ich bin die war, ist und sein wird“. In den indogermanischen Schicksalsweberinnen, den Moiren, Parzen, Nornen, tritt diese Betrachtung hervor und schlug sich in hunderten der gallogermanischen Frauenaltäre sichtbar nieder, den sog. „Matronensteinen“. Die Frauen genossen große Verehrung - ganz in Opposition zur christlichen Verkündigung - das zeigt auch ein Hinweis im Beichtspiegel Bischofs Burchard von Worm im 10./11. Jh.: „Hast du, wie manche Weiber es zu bestimmten Zeiten des Jahres zu tun pflegen, in deinem Haus einen Tisch gedeckt mit Speise und Trank und drei Messer hingelegt, damit sich die drei Frauen erquicken können ?“ Der Bischof drohte allen mit Strafe, die diese Frauen, auch „Parcae / germ. Nornen“ genannt, anriefen. Schon 650 hatte der „Hl.“ Eligius von Noyon die Franken wiederkehrend davor gewarnt, „Zur Nacht die Tische rüsten und für die Drei Speisen zurecht zu stellen....“. Eine Lösung ließ sich die Kirche einfallen, Bischof Pilgrim von Köln hat sich darum bemüht, „an der Verchristlichung des altheidnischen Schwesternkults mitzuwirken und den drei Jungfrauen einen gutchristlichen Namen zu geben“. „Die Drei“ wurden umbenannt in „Spes, Fides und Caritas“, aber auch als „Heilige“ verehrt, als „Barbara mit dem Turm, Margarete mit dem Wurm, Katharina mit dem Rädchen, das sind die drei heiligen Mädchen“,historisch hat es diese Personen nie gegeben. Diese drei „Heiligen Frauen“ wurden unter die „14 Nothelfer“ aufgenommen, was eine große Verehrung darstellt. Die tatsächlichen Feiertage von jeher der „Drei Bethen“ sind: 16. September, 24. Dezember, 6. Januar.
 
Im nordhessischen Bergland, aus dem Grenzraum zwischen chattischen und cheruskischen Gauen, bewegt sich eine Sage vom Riesen Kruko, der auf seiner Krukenburg im Landkreis Kassel lebte und dort sechs Töchter gezeugt habe, die alle später auf eigenen Burgen im Reinhardswald, im südniedersächsischen Bramwald und an der Wesen auf ihren Burgbergen hausten. Die Frauen hießen Drenta, Trendula, Saba, Brama, Lippolda und Gisela. Allein Trendula blieb den heidnischen Göttern treu, weswegen es nach dem Tod des Vaters zu handfesten Auseinandersetzungen besonders mit ihren beiden christlich getauften Schwestern Brama und Saba kam. Trendula lebte auf der Trendelburg mit ihren vielen Kindern und trieb lästerlich heidnische Dinge. Es wird erzählt, dass Brama unter ihrer Schwester Trendula schwer zu leiden hatte und durch vieles Weinen sogar erblindete. Die Schwestern ließen für sich schließlich neue Burgen bauen, um sich von ihrer boshaften Schwester abzuscheiden. Aus diesem Sagenzug spricht nur allzu deutlich die kirchenchristliche Diktion. Die Sababurg und die Bramburg liegen auf dem anderen Weserufer. Aus heidnischem Zorn soll Trendula ihre Schwester Saba erwürgt haben, im Waldgebiet der sog. „Mordkammer“ (nordwestlich von Wülmersen). Sie aber wurde daraufhin im Bereich der „Wolkenbrüche“ (tiefe Erdtrichter bei „Trendelburg“) vom Blitz erschlagen. So recht besehen stellen die sechs Bergburgen der Riesentöchter „Frauenberge“ dar, auf denen zu freien Heidenzeiten Hohe Frauen, Heilrätinnen ihre Anbetungen erfuhren. Es waren dies die Burgberge und Kultstätten: Trendelburg, Sababurg, Bramburg, Lippoldsberg und Giselwerder. Die „Frau Schuckel“ wohnt als Sagengestalt im hessischen Spessart, es ist eine mächtige, gutmütige Zauberin, vom Volk geliebt und in Ehren gehalten. Am letzten März, verlässt Frau Schuckel die unterirdische Welt und schwebt als holde Jugenderscheinung über blumige Wiesen und Wälder bis höher hinauf zu den Sternen, bis die Weihnachtszeit sie wieder nach unten ruft. Den Frauenschuh (Cypripedium) nennen dort Leute ihr zu Ehren „Frauschuckelblume“. Nur im Mai ist es gestattet, diese Blume, die ihr als Symbol der Kindheit und Unschuld gewidmet ist, zu pflücken. Wer sie früher oder später bricht, den hasst Frau Schuckel und sie zieht ihre Hand von ihm ab, wenn böswillige Berggeister ihn packen. Auf dem Schloßrain bei Friedigerode, unfern Oberaula, stand ein Schloss in dem wohl drei schöne Jungfrauen gelebt hatten, denn nach dem das Schloss versunken war, zeigten sie sich öfters in Friedigerode und tanzten mit den Burschen, wenn dort Musik gemacht wurde. Es wird von einer weißen Jungfrau vom Boyneburg berichtet, von einer solchen als „Spinnerin auf dem Lahnberge, von einer vom Weidelberge. In Grimms Dt. Mythologie, S. 914 heißt es: Fast von jedem Schloss, jeder Burgruine in Hessen gehen die Sagen von weißen Jungfrauen, welche Schätze bewachen, schon manchen Dürftigen in ihre Schatzkammern geführt und glücklich gemacht haben. So zeigt  sich im Schloss zu Ziegenhain alle sieben Jahre eine weiße Jungfrau. Auch auf dem Grebensteiner Schloss wird alle sieben Jahre eine solche gesehen. Auf dem Schloss in Marburg geht eine weiße Frau um, welche Schätz bewacht. Im Ottomannsberge beim Dorf Geismar  soll nachts ein Feuer brennen. Alle sieben Jahre kommt eine schneeweiß gekleidete Jungfrau, in der Hand einen Schlüsselbund haltend.
 
Im Jahre 1144 erscheint ein „Arnoldus de Frawnperg“ in einer Urkunde des Bischofs Otto von Freising. „Maria Thalheim“ (ursprüngl. nur Thalheim) ist ein Ort in der ländlich geprägten Gemeinde Fraunberg im oberbayrischen Landkreis Erding, östlich von München. Die dortige Wallfahrtskirche „Mariä Himmelfahrt“ wurde erstmals im Jahre 1413 urkundlich erwähnt und ist damit die älteste Marienwallfahrt im Erdinger Land. Die Legende berichtet, dass zunächst eine Wallfahrt zu einem Marienbild unter einem Hollerstrauch im Ort entstand. Später sollte für das Bild eine Kirche am Berg errichtet werden. Doch das verehrte Marienbild sei immer wieder an den angestammten Ort in der Ortsmitte zurückgekehrt, an dem sich die heutige Kirche befindet. Aus diesem Bericht geht für den Kenner sehr deutlich hervor, dass es sich um eine vorchristlich-heidnischen Kultstätte gehandelt haben muss. Der Name Holunder/Holder/Holler leitet sich wahrscheinlich aus der altdeutsch-germ. Mythologie ab, wo der Strauch mit der Göttin Frija in Verbindung stand, die ebenso als „Frau Holle“ angesprochen wurde und deren Erscheinungsform auch die Erd- und Totengöttin Hel war. Eine kleine Wegstrecke südlich von Fraunberg in Richtung Erding liegt Tittenkofen. Die 21 Orte mit Endsilbe „-kofen“, im Raum zwischen Isar und „Kleiner Vils“, sollen später als die allamannischen -ing-Orte gegründet worden sein, ihre Bedeutung wird wohl nur Hof/Anwesen meinen. „Ditten“ ist ein dt. Familienname und der eines mecklenburgischen Adelsgeschlechtes. „Titten/Tutteln/Duddeln/“ für weibliche Brust, Saugwarze, Zitze, Euter weiblicher Säugetiere, stammt aus germ. „titta“, ahd. „tutto“ m (8. Jh.), „tutta“ f. (9. Jh.), ahd. „tuttili“ n. (9. Jh.), „tutti“ n. (11. Jh.), mhd. „tut(t)e“ m. f., „tuttilin“ n (11. Jh.), mhd. „tütelin/tütel/tüttel“, engl. „tit/teat“, franz. „tette“, schwed. „tiss/titt“. Alle Formen sind angeblich aus kindhaften Lallausdrücken hervorgegangen. Die Ortsbezeichnung Tittenkofen könnte als Synonym für Frau bzw. Frauenhof verstanden worden sein, als „titta/tutto“ noch keinen abwertenden Beigeschmack besaß, wobei der Fraunberg/Frauenberg bei Erding als vorchristlich-volksgläubige Frauenkultregion zum Marien-Wallfahrtsort umgeformt worden ist.
 
Sagen um die Saligen
 
Im ganzen weitgedehnten deutsch-keltisch-germanischen Sprachraum erzählt man sich die Sagen von den „Saligen Frauen“, den „Weißen Frauen“, als den Helferinnen des Landvolks, die aber Unziemlichkeiten und Unwahrheiten streng bestrafen konnten. Die altreligiöse Gottesmutter selbst, oft genannt als „Frau Holle“ (die Holde, Wohlmeinende), oder „Frau Bechta“, „Berta“ und „Peratha“ (die Helle, Heile) gilt oftmals als Leiterin ihrer Frauenschar der seligen Töchter. Der „Hollenteich“ oder „Frau-Holle-Teich“ ist ein natürliches, sehr hoch auf dem Berg Hoher-Meißner liegendes sagenumwobenes Stillgewässer im nordhessischen Werra-Meißner-Kreis. Die Sagen erzählen, dass sich „Frau Holle“ mittags als junge schöne Frau in der Mitte des Teichs badend zeigt. Sie soll ab und zu Reisende oder Jäger verführt oder mit ihnen Schabernack getrieben haben. Es war Glaube, aus dem „Hollenteich“ würden die kleinen Kinder kommen und die Seelen der Verstorbenen in seine Tiefen zurückgeführt werden. Damit hängt offenbar der Brauch zusammen, dass junge Frauen in diesem Teich badeten, wenn sie fruchtbar werden wollten. Von den Küsten bis zu den Alpenbergen erzählten die Mütter und Muhmen den flachshaarigen Kinderscharen die Mären ihrer Ahnen oder was sie selbst an Erlebnissen beizutragen wussten. Von „Saligen Frauen“, „Salkweibern“, „Salaweibern“, seligen, wilden oder weißen Frauen war die Sagenwelt auch der Alpenregionen angefüllt. Sie werden als scheue, aber hilfsbereite und weise Frauen beschrieben. Sie lebten früher in Felsen- und Gletscherhöhlen oder am Ufer der Drau. Sie waren menschenscheue Geschöpfe, doch standen sie unerwarteten Besuchern mit Rat und Tat zur Seite. Sie halfen armen Bauern und unbeholfenen Menschen. Doch in der Nacht, wenn der Mond hell am Sternenzelt stand, sollte man den „Saligen Frauen“ nicht begegnen. Es sei denn, man war laut und machte Krach, da sie Lärm verabscheuten. Auch in Südtiroler Überlieferungen kommen „Seligen Fräulein“ vor. In einem Fall wird eine solche als blond beschrieben. In einem anderen Fall erscheinen drei von ihnen zunächst als weiße Tauben. Nach einer Sage soll ein junger Bauer nicht darauf geachtet haben, Lärm zu machen, und die „Salkweiber“ nahmen ihn als Liebesgefangenen. Sie küssten und liebkosten ihn, bis er seelenlos auf der Erde lag. Eines Tages kamen Waffengeräusche aus dem Tal, und die „Salkweiber“ waren seitdem nicht mehr gesehen. Eine Sage aus dem Vinschgau berichtet, dass sie in einem sehr trockenen Jahr den dort noch unbekannten Buchweizen brachten. Die „Saligen“ Fräulein am Gachtberg in Tirolhielten sich früher, zwischen Höfen und Weißenbach, den Klüften und Höhlen auf und als vermeintlicher Standort ihres Schlosses wird heute noch das „Hexenplätzle“ genannt. Oft sah man die Fräulein kochen, aber auch beim Tanz zu schöner Musik und lieblichem Gesang wurden sie beobachtet. Nicht selten besuchten sie ohne schlechte Absichten die Hirten, sie waren überhaupt den Leuten wohlgesinnt.Einmal schenkte eine „Salige“ einer Lechtalerin für erwiesene Dienste ein Schächtelchen, aus dem ein Zwirnsfaden ragte. Sie dürfe daran ziehen, so oft und so viel sie wolle, der Zwirn werde ihr für ihr Lebtag nicht ausgehen. Nur dürfe sie den Behälter nie öffnen. Solange sich die Frau daran hielt, hatte sie Zwirn im Überfluss. Als aber nach Jahr und Tag die Neugierde über das Verbot siegte und sie die Schachtel aufmachte, ging der Faden aus und sie hatte sich ihr Glück verscherzt. Als einmal ein Bauer mit seinem Ochsengespann vorbeikam, rief ihm ein „Saliges Fräulein“ zu: „Jochtrager, sag der Stuzze Marizze, Schalingge ist gestorben !“ Der Bauer kannte niemanden dieses Namens und erzählte daheim von dem wunderlichen Auftrag. Da fing seine Magd, die zugehört hatte, zu weinen und zu jammern an und sagte, jetzt müsse sie heim. Und auf der Stelle verließ sie den Dienst. Dem Bauern tat das sehr leid, denn die Magd, die wohl ein „Saliges Fräulein“ gewesen sein mag, war überaus fleißig und brav gewesen.Was für Oberkärnten die Saligen Frauen und für das Rosental die „Salkweiber“ bedeuteten, waren einstens für das Lavanttal die „Hadachweiber“, die als geisterhafte Wesen keinen Glauben besaßen. Diese gütigen Frauengestalten wohnten in den Berghöhlen und lebten hauptsächlich von den Beeren und Pilzen des Waldes. Manchmal gelüstete es sie nach menschlicher Gesellschaft. Dann stiegen sie zu den Bauersleuten hinab, halfen ihnen sogar bei der schweren Arbeit und nahmen dafür dankbar ihre Speisen an. Die „Hadachweiber“ waren sehr empfindliche Wesen; man konnte sie rasch beleidigen, und wer sie neckte war immer der Draufzahler. Am klarsten lebt die Erinnerung an die „Hadachweiber“ noch im kleinen Granitztal, das sich im breiten Bogen von St.Pauls bis gegen den Griffner Berg hinzieht. Ober dem Dörfchen St. Martin im Granitztal, wo jetzt die neue Jauntalbahn vorbei führt, lebten in alter Zeit etliche „Hadachweiber“. Sie waren groß und schön, und die Bevölkerung des Tales hat sie für Halbgöttinnen gehalten. Sie konnten die Zukunft vorhersagen und wussten auch um Dinge, die sie nicht sahen. Sie arbeiteten gern bei den Bauern, nahmen aber dem üblichen Mahlzeiten keinen Lohn. Jedes einzelne „Hadachweib“ leistete soviel Arbeit, wie es sonst zehn Menschen vollbringen konnten. Einst standen zwei junge Burschen, ein Wanderer und ein Holzknecht, am Rande des Urwaldes, der den Rücken des mächtig emporsteigenden Berges Goßnig, südlich von Greiß in Untersteier gelegen, bedeckte. Ein alter Hirte, der sie bemerkt hatte, riet ihnen vom Betreten des Urwaldes ab. „Denn“, sagte er, „da drinnen im Walde, im Schatten der Riesenbäume, hausen die furchtbaren „Duhvilen“, es sind Waldfrauen, die es nicht dulden, dass man sie belausche oder an ihren Bäumen, die sie bewohnen, frevle. Des Tages über leben sie in den Tannen, und wenn in deren Wipfeln der Wind rauscht, dann scherzen und spielen sie miteinander; des Nachts aber, wenn der Vollmond am Himmel glänzt, schweben sie in ihren weißen Gewändern durch den Waldeshain und über die Wiese hin gegen Schloss Neu-Cilli an der Sann und tanzen so leicht im Kreise, als hätten sie Flügel. Nur von ferne und unbemerkt darf man ungestraft dem lustigen Treiben der „Duhvilen“ zusehen. Den Wanderer, der in ihre Wohnung eindringt, den führen sie irre im dunklen Walde; den Holzfäller, der an ihre Bäume die Axt ansetzt, den aber strafen sie furchtbar, und nicht lebend mehr verlässt er den Wald.“ Die schönen „Dialen“ nennt man in den Tälern Graubündens die Waldfrauen, die „Saligen“. Am häufigsten wurden sie in der letzten Zeit im Unterengadin gesehen. Noch bis heute tauchen bei den heuenden Bäuerinnen auf und bieten einen Tisch mit Brot und Fleisch: „Iss und lass“ ermuntern sie. Das soll heißen: „Nimm von unseren Gaben an, nimm jedoch nichts von unseren silbernen Geräten !“ Auf dem Auernfeld bei Mörn unweit Dietfurt in Mittelfranken spukt das „Auernweiblein“. Es ist eine Weiße Jungfrau mit einem Schlüsselbund, die in der alten Burg haust und zuweilen in das ehemalige sogenannte „Birkemers- Häuslein“ lustwandeln geht. Einmal sah ein Hirtenknabe das Weiblein, lief ihr nach und wollte sie festhalten; allein am nächsten Morgen wurde er auf dem Feld tot aufgefunden.Die Grödicher Einwohnerinnen und Bauersleute erzählen, dass um das Jahr 1753 oft die wilden Frauen aus dem „Untersberg“, dem Wunderberge, zu den Mädchen und Buben, die nahe dem Loch innerhalb Glanegg das Weidevieh hüteten, herauskamen, um ihnen Brot zum Essen reichten. Die wilden Frauen kamen oft und halfen den Leuten bei der Ährenschneidung. Sie kamen ganz zeitig am Morgen und abends, da die anderen Leute Feierabend machten, gingen sie - ohne eine Abendmahlzeit mitzunehmen - wiederum in den Wunderberg hinein. Einmal geschah in der Nähe des Wunderberges, dass ein kleiner Bub auf einem Pferd saß, das sein Vater zum Umackern eingespannt hatte. Da kamen auch die Wilden Frauen aus dem Berge hervor und wollten den Buben mitnehmen. Der Vater aber nahm ihnen den Sohn ab und sagte: „Was erlaubt ihr euch, so oft herauszugehen und mir jetzt sogar meinen Buben wegzunehmen ? Was wollt ihr mit ihm machen ?“ Die Wilden Frauen antworteten ihm: „Er wird bei uns bessere Pflege haben und ihm wird es bei uns besser gehen als bei dir zu Haus; hier wird ihm kein Leid widerfahren.“ Doch der Vater ließ seinen Buben nicht aus den Händen, und die wilden Frauen gingen bitterlich weinend von dannen. Mehrmals hat es sich begeben, dass eine „Wilde Frau“ aus dem Wunderberg gegen das Dorf Anif ging, welches eine gute halbe Stunde vom Berg entlegen ist. Dort machte sie sich in die Erde Löcher und Lagerstätte. Sie hatte sehr langes, sehr schönes Haar, das ihr beinahe bis zu den Fußsohlen hinabreichte. Ein Bauer aus dem Dorf sah diese Frau öfter herumgehen und verliebte sich in sie, hauptsächlich wegen der Schönheit ihrer Haare. Er konnte sich nicht erwehren, zu ihr zu gehen, betrachtete sie mit Wohlgefallen und legte sich endlich in seiner Einfalt ohne Scheu zu ihr in ihre Lagerstätte. Es sagte eins zum andern nichts, viel weniger, dass sie etwas Ungebührliches getrieben. In der zweiten Nacht aber fragte die Wilde Frau den Bauern, ob er nicht selbst eine Frau hätte ? Der Bauer aber verleugnete seine Ehefrau und log: „Nein, ich bin nicht verheiratet“. Doch seine Ehefrau machte sich viele Gedanken, wo ihr Mann abends hingehe und nachts schlafen möge. Sie spähte ihm daher nach und traf ihn auf dem Feld schlafend bei der wilden Frau. „O behüte“, sprach sie zur Wilden Frau, „deine schönen Haare ! Was tut ihr da miteinander ?“ Mit diesen Worten ging die Ehefrau fort, und der Bauer erschrak sehr hierüber. Aber die Wilde Frau hielt dem Bauern seine treulose Verleugnung vor und sprach zu ihm: „Hätte deine Frau bösen Hass und Ärger gegen mich zu erkennen gegeben, so würdest du jetzt unglücklich sein und nicht mehr von dieser Stelle kommen. Weil deine Frau aber nicht böse war, so liebe sie fortan und lebe mit ihr getreu und untersteh dich nicht mehr, zu mir zu kommen. Nimm diesen Schuh von Gold von mir, geh fort und sieh dich nicht mehr um.“ Es ist schon lange her, da lebten im Rosental die „Saligen Frauen“. Sie waren groß wie Riesinnen und gutmütig und klug. Wann immer ein Mensch in Not war, halfen sie, keine/r bat sie vergeblich um Rat. Trotzdem hatten sie Scheu vor den Menschen und zeigten sich nur selten. Ihre Wohnungen waren Felshöhlen, wo sie in steinernen Mulden schliefen. Von Zeit zu Zeit kam es vor, dass es einer von ihnen nicht mehr gefiel, immer auf dem harten Stein zu ruhen. Dann ging sie zu einem Bäurinnenhaus und legte sich dort ins weiche Federbett. Damals lebte bei St. Egyden an der Drau eine arme Bäurin. Sie stand auf, bevor die Sonne aufging und rackerte und plagte sich den ganzen Tag bis spät in die Nacht hinein. Trotzdem hatte sie kaum genug zum Leben. Einmal, als sie zu Mittag müde vom Kartoffelacker heimkehrte, schlief in ihrem Bett eine „Salige Frau“. Die Bäurin trat leise näher. Die Salige war wunderschön anzusehen: Ihre Zöpfe glänzten wie Gold und waren so lang, dass sie auf den Stubenboden herunterhingen. Der Bäurin tat es leid um das schöne Haar, sie bückte sich, hob die Zöpfe auf und legte sie vorsichtig aufs Bett. Davon erwachte die „Salige“. Als sie sah, was die Bäurin tat, lächelte sie und stieg aus dem Bett. Sie zupfte sich ein goldenes Haar aus und reichte es der Bäurin. „Wickle das Haar um den Spinnrocken“, sagte sie, „dann wird in deinem Haus das Leinen nie mehr ausgehen. Nur darfst du niemals die Geduld verlieren.“ Als die „Salige“ fortgegangen war, wickelte die Bäurin das Haar um den Spinnrocken und setzte sich ans Spinnrad. Sie spann und spann und der Faden nahm kein Ende. Das Leinen aber, das sie aus dem Saligenhaar webte, war das schönste im ganzen Land und die Bäurin brauchte nie wieder mehr Not zu leiden.
 
 
SALIGE FRÄULEIN

Es liegt ein blühend Gelände
Hoch über dem Spiegel der See,
Geschützt durch schwindelnde Wände,
Durch Wälle von Eis und Schnee.
Es haben zur Wohnung erlesen
Das ewig blühende Land
Unsterbliche, liebliche Wesen,
Sind salige Fräulein genannt.

Die saligen Fräulein, sie schirmen
Die Hirten und Jäger zumal,
Bewahren vor Wetter und Stürmen
Die Hütten der Armen im Tal.
Sie leiten auf sicheren Wegen
Den wandernden Freund der Natur;
Es heftet sich reicher Segen
An ihrer Sohlen Spur.

Wir möchten den Wunderbaren
So gern in's Antlitz schau'n;
Nicht scheuten wir Müh' und Gefahren,
Zu huld'gen den saligen Frau'n;
Ach, aber ihr blumiger Garten,
Den nimmer ein Fuß noch betrat,
Er steht nicht auf unseren Karten,
Und keiner kennt ihren Pfad.

Rudolf Baumbach
Pin It