Die „Bild-Lilli“-„Barbie“

Die echte „Bild-Lilli“, 1954
 
 
Die „Bild-Lilli“-„Barbie“
 
„Barbie“ ist ein deutsches Püppchen
mit langen Beinen, blonden Haaren,
mit dem kecken Pferdeschwänzchen,
wie die deutschen Mädchen waren.
 
„Bild-Lilli“ ist ihr echter Namen.
Reinhard Beuthien hat sie kreiert,
und Max Weißbrodt, nach der Zeichnung,
das „Lilli“-Püppchen modelliert.
 
In Neustadt wurde sie geboren,
dann reiste sie nach Uu-Es-Aa,
zu starten ihre Weltkarriere,
ein jedes Spiel-Kind kennt sie ja.
 
Warum ist „Lilli“ so erfolgreich,
warum ist „Barbie“ so beliebt ?
Weil’s diesen deutschen Fräulein-Typ
als Idealbild wahrhaft gibt.
 
Die schmalen Schläfen, blaue Augen,
die kesse Art, der kleine Fuß,
die Hüften fast so wie ein Junge,
der Oberweite holder Gruß.
 
So wünschen Männer sich die Frau,
weltweit ist sie der Favorit,
so sah‘n die Alten Griechen schon,
die Liebesgöttin Aphrodit‘.
 
„Lillis“ Erfolg im Puppen-Maße,
gleicht jenem Welterfolg im Großen -;
kein Mann würd‘ jemals eine Lilli
von seines Bettes Kante stoßen !
 
 
Lilli ist eine Schönheit. Blonde Haare, lange - scheinbar nicht enden wollende Beine - und eine traumhafte Figur. Aber mit 19 bis 30 Zentimetern ist sie einfach zu klein für eine Weltkarriere als Modell. Ihre - man könnte sagen Stieftochter - hat hingegen unter dem Namen Barbie eine Weltkarriere hingelegt. Lilli und Barbie sind keine Kandidatin bei irgendeiner Castingshow im Fernsehen, sondern Puppen. Aber wie kam es dazu, dass die eine fast in Vergessenheit geriet und die andere bis heute in unzähligen Kinderzimmern zu finden ist ? „Hausser Senior hat mir die Geschichte der Lilli und den Rechtstreit mit der amerikanische Firma Mattel in den neunziger Jahren selbst erzählt. Sagen wir mal so es gab Unstimmigkeiten zwischen den beiden Firmen“, erinnert sich Udo Leidner-Habner, der Leiter des Neustadter Spielzeugmuseums. Amerika und Rechtsstreits - Lilli scheint eine turbulente Vergangenheit zu haben.

Begonnen hat alles in den 50er Jahren, „deren Zeitgeist spiegelte sich in Lilli wieder und muss bei allen Überlegungen über die Puppe im Hinterkopf sein“, betont Leidner-Haber. Er schickt eine Kollegin in das Depot seines Museums, um den plastischen Beweis für die Ähnlichkeit zwischen Lilli und Barbie zu zeigen. Das Leben von Lilli begann 1955, als der Modelleur Max Weißbrodt der Spielzeugfabrik Hausser in Neustadt die erste Puppe erschuf. Grundlage waren die Comics vom Karikaturisten Reinhard Beuthien, der die Puppe als Lückenfüller für die erste Ausgabe der Bild-Zeitung erfand. Lilli saß Mitte der 50er Jahre bei einer Wahrsagerin und fragt: „Können Sie mir nicht Namen und Adresse dieses reichen gutaussehenden Mannes sagen ?“

1958 entdeckte die Mitbegründerin der Firma Mattel, Ruth Handler, die Puppe auf einer Europareise und nahm sie mit nach Amerika. Ein Jahr später stellte Mattel die Barbie auf einer amerikanischen Spielzeugmesse vor. In Rente ging Lilli endgültig 1964. Mattel kaufte die Rechte an der Puppe und die Produktion in Deutschland musste eingestellt werden. Bis dahin wurden rund 130.000 Puppen produziert. Aber bis heute ist die Puppe aus Neustadt mit ihren kleinen Geschichten unter Fans beliebt. „In den Comics spielte sie immer ein aufmüpfiges Mädchen. Sie war kokett, frivol, rauchte sogar und redete offen über ihre wechselnden Beziehungen zu Männern. Aber die gesellschaftlichen Grenzen der fünfziger Jahre wurden nicht überschritten“, erklärt Leidner-Haber.

Seine Kollegin hat inzwischen eine Puppe mit schwarz-weißem Badeanzug geholt. „Das ist nicht die Lilli. Sondern ein Repro aus den 90er Jahren zum 35 Jubiläum der allerersten Barbie. Die Ähnlichkeit zur Lilli ist offensichtlich“, sagt Leidner. Seine Kollegin kommt wieder aus dem Depot und hat einer kleinere Puppe dabei. „Das ist die 19 Zentimeter große Bild-Lilli, die wir im Museum haben“, sagt Leidner-Haber. Gerne hätte er auch die 30 Zentimeter große Variante, die der Barbie noch ähnlicher ist. „Das Museum hat kein Budget zum Ankauf von Stücken. Wir sind in solchen Fällen auf Spenden angewiesen“, erklärt Leidner-Haber. Aber gar nicht soweit weg von seinem Museum schlummert ein wahrer Puppen-Schatz. Ein Neustadter-Sammler, der nicht genannt werden möchte, hat gleich zwei der seltenen Puppen zu Hause. Eine große und kleine Lilli, sogar noch mit Beipackzettel. Seit 1959 sind sie im Besitz der Familie. „Vor 25 Jahren war die eine schon 1000 D-Mark wert. Aber wir wollen nicht verkaufen, die bleiben in der Familie“, sagt der anonyme Sammler. … Dass Lilli die Herzen von Sammlern immer noch bewegt ist im Forum von Internet-Seiten zu beobachten. In der Rubrik Bild-Lilli gibt es Diskussionsforen mit Titeln, wie „Lilli im Badezimmer“ oder „Neue Lilli-Comics“, in denen sich die Besucher der Seite über Kleider, Zubehör und eigene kleine Comics mit nachgestellten Bildern austauschen. Dass die Geschichte von Lilli und Barbie nicht nur in Deutschland und unter Sammlern bekannt ist, zeigt ein Musical aus dem australischen Melbourne. Die Künstlerin Elena Knox spielte darin im vergangenen Jahr Bild-Lilli und Barbie in einer Person. Mit viel schwarzem Humor wird darin erzählt wie Lilli durch den Diebstahl ihrer „Puppen-DANN“ von einer frechen, selbstbewussten Frau zur Barbie, die eher ein klischeehaftes Frauenbild verkörpert, verwandelt wird. Das Musical mit dem Titel „Bild-Lilli, ein halsbrecherischer Erfolg“ lief von Juli bis August 2012 im Malthouse Theater in Melbourne.
(von Thomas Heuchling)
 
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