ODILIA - ODING-MUTTER-GÖTTIN

Copyright Gerhard Hess / Januar 2017

Abb. 1 - Foto von Karoline Groß - Opfer-Steinkessel auf dem Odilien-Berg
 
 
ALLMUTTER ODILIA
 
Die Große Mutter hat viele Namen,
sie steht zum Anfang, wie zum End‘:
Birke im Goldschmuck, immergrüne Eibe,
bei Hel, in Midgard und am Firmament.
 
Im ODING-Ring des Runen-Mandala,
Odilia hält zur Winter-Wende Wacht,
im Jahreseingang wird sie Runen-Mutter,
entfacht das Neue aus der Mutternacht.
 
Sie trägt den Weise-Stab der Walas,
ein Kelch - der Gral - ist ihr Symbol.
Sie lässt die Lebens-Wasser fluten,
weiht das Gedeihen in sein Werde-Wohl.
 
Die beiden Augen gelten als ihr Zeichen,
Sonne und Mond am Himmel glüh‘n,
doch in der Schwarzmond-Mütternacht
die beiden Lichter keine Strahlen sprüh’n.
 
Aus blinden Nächten muss es wachsen,
das Zeiten-Rad beginnt den Jahreslauf.
Zum Jul-Fest-Ende wird es erst geschehen,
Odilia macht erneut die Augen auf.
 
Heilwasser schlägt sie aus den Felsen,
ihr Zauberstab zur Leibes-Heilung taugt.
Und aus dem Od-Gral der Odilia
die Odem-Seele ihre Säfte saugt.
 
In vielen Heimen wohnt die Große Mutter,
auf Bergen und im weißen Birkenbaum,
heißt sie Odilia, Holle, Bechta, Freia -,
auch Du gewahrst ihr wahres Wesen kaum.
 
 
ODILIEN-BERG DER OD-MUTTER / ODING-MUTTER
 
 
Ganz im Südwesten des keltisch-germanischen Siedlungsraumes, etwa 40 km südwestlich von Straßburg, erhebt sich in den wasgauischen Mittelvogesen der 763 m hohe Odilienberg / Ottilienberg, den die Römer „Altitona“ nannten, wohl nicht anders als die dortigen Altdeutschen, die den Berg wohl Altioda (der alte Od-Berg) nannten. Ein lautlicher Übertragungsfehler der römischen Fremdlinge und Besatzer von „d“ zu „n“. So dürfen wir den Odilien-Berg sicher als einen weiteren zu den vielen deutsch-germanischen Od-Bergen hinzurechnen. Andere Namen sind: „Hoenburc“ und „Hohenburg“. Nach der karolingischen Reichsteilung im Vertrag von Verdun am 10.08.843, bei dem die Söhne von „Ludwig des Frommen“ das Karolinger-Reich in drei Teile schieden, galt der Odilienberg es als das große Heiligtum des Mittelreiches „Lotharingien“. Fest steht, dass die ersten Menschen schon 4.200 v.0 auf dem Berg lebten. Er, von dem man eine herrliche Aussicht auf die Vogesen und die Rheinebene hat, gehört ganz offensichtlich zu den seit Urtagen heiligen Bergen der gallogermanischen Altreligionen. Die gigantische um 11 km lange sog. „Heidenmauer“ auf seinem Gipfel, die heute bis zu 3 m in die Höhe ragt und etwa 1,7 m breit ist, fügte sich aus 300.000 Sandsteinblöcke aus umliegenden Steinbrüchen. Über die Altersbestimmung gibt es bislang keine Sicherheit, ob gefundene Holzzapfen aus dem 7./8. Jh. nur von Restaurierungen des Werkes zeugen oder vom Baubeginn, ist völlig offen.
 
Mehrmals wurde das Kloster von Hohenburg zerstört und wieder aufgebaut. Papst Leo IX. (1002-1054), gebürtiger Graf Bruno von Egisheim im Elsass, war der einzige deutsche Chef des Vatikan der heiliggesprochen wurde. 1050 besuchte er das Kloster der „Hl. Odilie“ indem er die nach einer Zerstörung wiedererrichtete Klosterkirche einweihte. Zur Zeit der Staufer besuchte der deutsche Kaiser Friedrich Barbarossa 1153 den Odilien-Berg, weil er Odilie und diese Stätte sehr verehrt haben soll. Kloster und Kirche ließ er neu erbauen und berief als Äbtissin Relindis, die dort eine Schule für Fürstentöchter des Reiches geleitet hat. Ihre Nachfolgerin war Herrad von Landsberg (1167-1195), die den berühmten „Hortus Deliciarum“ (Paradiesgarten) verfasste, eine Art Enzyklopädie in Form einer bebilderten Handschrift voller mystischer Tiefen, die nur noch in bruchstückhaften Abschrift erhalten blieb. In dieser Zeit des 12. Jhs. blühte auf dem heiligen Berg ein Zentrum der Mystik und spirituellen Schulung, dessen Ruf bis in ferne Länder drang. Diese deutsche Frauengemeinschaft, vom Kaiser gefördert, rundum geschützt von mächtigen Burgen, beschäftigte sich mit dem gesamten Wissen der damaligen Zeit. Das war weniger ein christliches Kloster stummer Einfalt - wie es der orientalische Kirchengründer Saul-Paulus gelehrt hatte - als vielmehr eine Frauenhochschule, deren Lehrstoffen nichts von dem fehlte was einer gebildeten Dame der damaligen Zeit wissenswert erscheinen konnte. Frau Herrad kopierte über tausendeinhundert Texte, illustrierte über dreihundertvierzig Miniaturen und schrieb dafür lateinische Gedichte und Lieder. Das war die große Zeit der vom Klerus lancierten Odilien-Verehrung, die im ganzen allemannischen Raum an Bedeutung gewann. Bis ins 13. Jh. sind etwa 30 Handschriften mit der lateinischen Odilien-Legende entstanden. Erstmalig Im Jahre 980 berichtet Uffing, ein Mönch aus Werden an der Ruhr, in einer „Vita der hl. Ida“, dass heilkräftige Überreste der Jungfrau Odilia den Pilgern zur Genesung verhelfen würden. Weitete Berichte zur Pilgerfahrt auf den Odilienberg erfolgte erst im 12. Jahrhundert. Ein engl. Mönch namens Johann bemerke für das Jahr 1132 von bedeutenden Pilgerscharen die zum Odilienfest hinzögen und, dass dort das stinkende Totenhemd von Odilias Vater gezeigt würde, das der Herzog bei seiner Seelenrettung getragen hätte. Allzu deutlich also eines der zahlreichen klerikalen Erbauungsmärchen. Eine noch viel jüngere Erzählung ist die etwas vor 1450 zu datierende Apostelweihebericht von der Hohenburg. Die Erbauung einer Kapelle zu Ehren „Johannes des Täufers“ durch Odilia hätte Schwierigkeiten gemacht, heißt es da, dann in der Nacht vor dem Weihetag hätte Odilia den Apostel Petrus in Engelbegleitung gesehen, wie er die Weihung vollzogen habe. Es sollte Odilias letzte Ruhestätte werden. Also gequirlte kirchenchristliche Spökenkiekerei. (Peter Rückert, „Die heilige Odilia und ihr Memoria jenseits des Elsass“, S. 14ff,  in Klaus Herbers / Peter Rückert, „Pilgerheilige und ihre Memoria“, Narr-Verlag, 2012)
 
Das Odilien-Klosters bestand bis 1546, dem Todesjahr Luthers, danach setzte sich die nüchterne deutsche Reformation durch, die die katholischen „Heiligen“-Schwindeleien abtat. Kriegswirren, die Lutherische Reformation, der Dreißigjährige Krieg (1618 bis 1648), die französische Okkupation Straßburgs mit dem deutschen Umland und später die Französische Revolution zerstörten lange die Bedeutung Heiligtums. Die deutsche Befreiungsidee („Los von Rom !“) der Reformation fasste schon 1521 durch Matthäus Zell früh Fuß in Straßburg, einer Hochburg deutscher Bildung. Mitten im Frieden wurde die Stadt dann im September 1681 durch Frankreich unter Androhung von Gewalt besetzt. Das war nur möglich, weil das Reich mit der Türken-Abwehr im Südosten belastet war. In der von Johann Andreas Silbermann veröffentlichten „Beschreibung von Hohenburg oder dem St. Odilienberg, samt umliegender Gegend ...“, 1781, S. 130 ff geht eine Stelle: „Auf dem Odilienberg selbst gegen Abend bey der Hyden- oder Römischen Lagermauer, war das Hagelschloss, welches aber gänzlich zerstöret ist. Ein Schloss namens Birkenfels stand auf dem Odilienberg, von welchem nur noch „vier hohe ins gevierte gesetzte Mauern die an der einen Ecke einen grossen Fels als Fundament haben, auf der andern Seite gehet noch ein tiefer Graben herum. Vom Schloss Birkenfels besser gegen Mitternacht sind auf einem Hügel drey nicht weit von einander entlegene zwar kleine, aber dem Ansehen nach sehr vest gewesene, in Ruin liegende Schlösser, deren jedes auf einem besondern erhabenen Felsen stehet, daher ihnen der Name Dreystein gekommen seyn.“ Auf Karten Anfang 17. Jh. gibt es noch die Einträge „Birkwald“. Vielerlei Ruinen zeugten von der wechselhaften tragischen Geschichte des heiligen Berges und seiner Bebauungen. Erst seit 1853, als die Bevölkerung des Elsass durch Spenden den Berg aus Privathand zurückkaufte, lebte die Wallfahrtsstätte wieder auf.
 
Laut einer mittelalterlichen Sage - also einer kirchenchristlich redigierten - soll dem elsässischen Herzogs Adalric oder Eticho
eine blinde Tochter namens Odilia geboren worden sein. („Attic oder Adalrich“ nennt den Vater Dionysius Albrecht in „History von Hohenburg oder St. Odilienberg“ 1751, S. 24) Sie habe den Besitz Hohenburg geerbt und dort - im Gegensatz zu ihrem konservativen Vater, christlich geworden - zwischen 680 und 690 ein Kloster gegründet. Schließlich schuf die Kirche einen Wallfahrtsort der „hl. Odilie“, die irgendein Papst zur Patronin des Elsaß erhob. Das Wasser der Quelle auf dem Odilienberg soll gegen Augenleiden helfen; die Odilie wird somit als sehend machende Lichtbringerin angerufen. Angeblich starb Odilia am 13.12.720, was aber als fromme Legende zu begreifen ist, denn es handelt sich hier um das Datum der mittelalterlichen Wintersonnenwende, mit dem Brauchtum der Luzia, der altgläubigen Lichtbringerin. Die Verbindung von der alten Lichtmutter Lucia mit Odilia geht noch aus einer kirchlichen Überlieferung hervor. Da heißt es, die sterbende Odilia habe ihre Kloster-Schwestern zum Gebet in die Kirche gesandt, als diese zurückkamen, fanden sie Odilia tot. Von ihren inständigen Gebeten ins Leben zurückgerufen, habe Odilia erklärt: „Warum beunruhigt ihr euch ? Lucia war bei mir und ich sah und hörte, was man mit Augen nicht sehen, mit Ohren nicht hören, sondern nur mit dem Herzen wahrnehmen kann.“ Es heißt: „Dann ergriff sie selbst den Kelch, nahm die Kommunion und starb.“ Dieser Kelch wurde noch 1546 auf dem Odilienberg gezeigt, lange Zeit gab man den Pilgern aus ihm zu trinken.
 
So wie sie ist die Odilia nichts anderes als eine historisierte Allegorie auf die gallo-germanische „Mütternacht“ (altnord. „modranecht“), in der die vorchristlichen Gläubigen die Geburt des neuen Lichtes bzw. des neuen Jahres erhofften. Die Odilie, als ehemalige heidnische Od-Mutter, ist so falsch oder so richtig wie die irische „hl. Brigit“ („Brigida von Kildare“), die als historische Äbtissin besprochen wird, aber in Wahrheit nur die historisierte irisch-keltische Göttin Brigid, die Tochter der Gottes Dagda, verkörpert. Er, der „Gute Gott“, auch „Dagdæ, Ruadh Rhofessa“ („Der Mächtige / Rothaarige mit dem großen Wissen“), wird in diesen altkeltisch und alamannischen Mischgebieten in einem seiner mythologischen Züge, den Wodankult dergestalt beeinflusst haben, dass dem Od-Gott eine Od-Tochter zuwuchs, die als heidnische Odilia zur Lichtspenderin erhöht wurde. Die sog. Klostergründung der Odilie, so wird mitunter vermutet, könnte eine weithin bekannte „Ur-Universität“ für Frauen gewesen sein, an der weibliche Wissenschaften, Spiritualität und Philosophie eine wunderbare Verbindung eingingen. Und erst spätere klerikale Umdeutungen machten daraus das Werk einer christlichen Äbtissin, ähnlich wie bei der irischen Brigid.
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Der od-ot-oð-Begriff
 
Zwei verschiedene Runenformen werden in der Angelsächsischen Reihe (Originalmanuskript „Cotton MS enthalten. Otho B 10“ aus Anfang 11. Jh. /1731 verbrannt), der Hrabanus-Maurus-Reihe sowie in der St.-Gallen-Codex-Reihe übereinstimmend mit den Namen „patria“ (Vaterland / Heimat) gekennzeichnet. Einmal das gewöhnliche Schlingenzeichen in Angelsächsischer Reihe, wo es als „öðel“ und im 1. St.-Gallen-Codex, wo es als „ôðil“, erscheint, während in der Hrabanus-Maurus-Reihe eine Runenvariante der A-Runenform „ôthil“ genannt wird, weil der betreffende Laut zwischen „a“ und „o“ lag. Mit etwa gleichem Zeichen wird der „o“-Laut als „othil“ in den „Codices Vindoborum“ angegeben. Das gewöhnliche Schlingenzeichen erscheint auch in 2. St.-Gallen-Codex-Reihe „odil“ ohne beigefügte Runenbenennung, während in den vatikanischen „Annales Brunwilarenses“ dem „ódil“-Begriff ein Doppelkreiszeichen vorangestellt ist, welches - so wie es mit der Feder gezogen wurde - gedanklich eine 8-förmig Doppelschlaufe zugrunde liegen könnte. In der angelsächsischen „Cotton-Hickes“-Reihe wird der „oe“-Laut mit Schlingenzeichen als „eðel“ aufgeführt und das „o“ als „os“ (Mund) wieder mit der veränderten „a“-Runen-Variante. Im altgerm. Schlingen oder Doppelschlingen-Zeichen fokussiert sich ersichtlich - wenn wir die Quellentrümmer zusammenlesen - ein geistiger Wert von hervorragender Bedeutung für die germ. Gesellschaft: die Heimat, die Sippen- und Geschlechtererde mit dem zwanghaft dazugehörenden Edelsinn, dem Adel, denn jegliche Hoheit war abhängig vom hoheitlichen Landbesitz. Das väterliche Erbgut, germ. „ōðela“ („uodal“, altsächs. „ōthil“, angelsächs. „ōðil“, isl. ōðal“) machte den Adel aus und nur wer seit Urzeiten förmlich aus eigener Scholle hervorgewachsen war, konnte als von hoher Herkunft - eben von Adel - gelten. So war zweifellos der elsässisch-germ. Odilienberg, mit seiner über 10 km langen „Heidenmauer“,südlich Straßburg, nahe den Dörfern Oberehnheim, Heiligensteinund Burgheim, der heilige Sitz einer Odilia, nämlich der priesterlichen linksrheinischen Landesmutter. Und sie blieb - zumindest dem Namen nach - diesem Amt noch nach der Verchristlichung treu, als „Schutzpatronin des Elsass“, wenn schon aus dem Amt der altgläubigen Heilrätin die kirchenchristliche Mission eine Klosteräbtissin gemodelt hatte. Der Name Odilia, eine Nebenform von Ottilie,entstammt dem Althochdeutschen. „ot/ od“ und bedeutet - wie wir wissen - so viel wie Erbgut oder Besitz. Die nicht ernst zu nehmende Kirchenlegende aus dem 11. Jh. machte die „Heimat-Mutter“ Odilia zu einer blinden Tochter des streitbaren Herzogs Eticho, der im 7. Jh. lebte. Sie erhielt diesen Namen wohl deshalb, weil sie auf der Hohenburg des Odilienberges möglicherweise einer Klostergründung vorgestanden hatte. Gesichert ist das aber keineswegs. Der Begriff „Heimat“ kommt aus ahd. „hem-ode“, „heim-odil“. Die Volkserinnerung und der Volksmund folgen keinen grammatikalischen Gesetzmäßigkeiten, im altheiligen „ōd“-Begriff konzentrierte sich Das-Gute schlechthin: „Ōd“ bedeutete „Glück / Besitz / Kleinod“, ōd (Wurzel „wod“) bedeutete „Beseelung / Lebensatem / Lebenskraft Zeugungskraft“. Der Beseelungs-Gott Wodin-Odin war der „Od“-Spender, der die Hauchseele einblies und damit die Wiedergeburt vollzog, wie es das Wodin-Haupt auf den mittelalterlichen Geleitmünzen, den Brakteaten, immer wieder in variierender Weise bildhaft vorführt. Und die Hauchseele wird als Schlangen-Metapher gedacht, „odil“-Schlangen-Schlaufen werden ins Bild gesetzt. Wodin-Odins Geist - vergegenständlicht als seine gefiederten Gehilfen - die Rabenvögel Hugin und Munin, markieren die Brakteaten-Künstler mittels der gleichen „odil“-Schlaufe als Geist-Seelen-Geschöpfe. Darum wird als „kenning“ (Synonym) die Menschenbrust als Sitz des Lebensatems auch „oðburg“ genannt. Der althochdeutsche Begriff „wuot“ bedeutet höchste „Seelenerregung“, „Minnewut“ ist die Aufregung welche die Liebe beschert. Im Altnordischen ist „ōðr“ die seelenerregende (enthusiastische) Dichtkunst und die Dichtung, und der zur heiligen Ekstaseführende Dichtermet heißt „Oðrœrir“. Germ. „wōða“ ist der Gesang.Altnord. „Oddr” meint die „Spitze / Speer / Anführer“ und „oddrjōðr” ist der Krieger. Das kommt zwar aus einem anderen Wortstamm, aber was anderes als „ōðr“ führt Dichter und Krieger an die vorderste Front der Ehrungen und des Nachruhmes ?! Das altnord. Wort „ōtti” steht für „Furcht“ aus germ. „ōhtan”. Es könnte sich aus der Vorstellung einer Scheu vor dem Unfassbaren, Unbegreifbaren und schicksalhaft Regellosen, also aus einer Art Gottesfurcht, entwickelt haben. Altnord. „ōtta“ ist das „Morgengrauen“. Altnord. „ota” bedeutet „vorwärts, schieben, drohen“.Jedenfalls rief die „o“-Schlingen-Rune so viele heilige Erinnerungen hervor, dass der gotische Missionsbischof Wulfila im 4. Jh., bei der Schaffung seines Buchstabensystems, um die „Bibel“ ins Gotische zu übersetzen, auf diesen Runen-Buchstaben nicht verzichten will. Nur diese „o“-Rune („utal“) und die Opfer-Rune des „u“-Lautes („uraz“) übernimmt er aus den eigenen Runen-Buchstaben, bei allen anderen bedient er sich des griechischen und des lateinischen Alphabets. Er verzichtet auf die Runennutzung, denn er weiß als Gebildeter, dass es sich hierbei nicht nur um ein Schreibmedium handelt, sondern um die kodierte Grundlagen der germanischen Religion. Aber den Heils-Nimbus der „od“-Rune will er als werbewirksames nutzen. Der rigorose Verdrängungskampf der Mönche gegen die Runen hatte noch lange nicht begonnen.
 
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Abb. 2 - Steinrelief - Herzog Eticho mit Tochter Odilia, 12. Jh.
 
Ein Stein-Relief des Klosters Hohenburg in der Odilienkapelle, aus 1176/1200, zeigt die „Ordensgründerin Odilia“ wie sie von ihrem merowingischen Vater Herzog Eticho (oder Attich, Athalrich, Ethilro) mit der Hohenburg beschenkt wird. Nach den bekannten Lautgesetzen wird sich aber Eticho aus der älteren Form Odicho entwickelt haben. So wäre es nicht völlig abwegig zu unterstellen, dass bereits Odilias Vater Odicho ein Od-Priester auf seinem Od-Berg - dem späteren Odilien-Berg - gewesen ist. Ein alter Kupferstich gibt dieses Relief wieder. Es zeigt Herzog Eticho mit den langen Zöpfen des germanischen Priesters. Es wäre denkbar, dass er, dem die altheilige Berg- und Quell-Weihestätte gehörte, sie seiner Tochter zunächst für die altvertraute heidnische Kultausübung übergab. Es war aber die Zeit des Glaubensbruches, so dass sich Odilia schon mit einer der frühen Formen des noch papstfreien Christenglaubens beschäftigte, welcher der heidnischen Lichtreligion noch sehr nahe stand. Diese Neigung könnte die echte Ursache dafür gewesen sein, dass das Vater-Tochter-Verhältnis zeitweise gestört war, wie es die Legende berichtet, wo es heißt: „Im wilden Zorn verstieß er die Tochter, denn er meinte sich entehrt.“ Auch Etichos Sohn Hugo scheint seiner Schwester beigestanden zu haben. Die Legende berichtet: „Da entbrannte Herzog Attich in grimmigem Zorn über das was er Hugos Ungehorsam nannte und der wilde Mann schlug den Sohn so, dass er kurze Zeit darauf starb.“ Die Kirchen-Mär fährt fort: „Durch diesen furchtbaren Ausbruch aber ward Herzog Attichs stolzer Sinn gebrochen, sein hartes Herz ward plötzlich erweicht, Reue und Schmerz über den verübten Frevel öffneten von jetzt an sein Vaterherz sanfteren Gefühlen. Von jetzt an nahm Attich seine Tochter Odilia mit Wohlwollen auf und ihren klösterlich frommen Sinn anerkennend, räumte ihr auch den oberen Teil des Berges, wo sein Schloss Hohenburg gelegen und der von Riesenmauern aus uralter keltischer Vorzeit umgeben ist, willig ein, daselbst eine Andachtsstätte, ein Kloster zu errichten.“ Dieses soll um das Jahr 680 geschehen sein.
 
Ur-Mutter Odilia / Jahres-Mutter / ODING-Mutter
 
13.12.  = Luzina / Lucia / Lussi- röm.: „die Lichte“, Attribut: Augen wie Odilia, Fa­ckel, Lampe. Sie vertritt die heidn. Wintergöttin. Erdgöttin Nerðuz, die im rituellen Frühlings­umzug mit ihrem Ochsengespann die Erdfrucht­bar­keit segnet (Tacitus, Germ. 40), im Herbst mit dem Ochsenkarren zur Ruhe fährt, um schließlich im Winter, bewegungslos starr zu sein. In Lucia‘s Legen­de heißt es, ein Ochsengespann sei nicht in der La­ge gewesen, die Gefesselte von der Stelle zu bewegen. (Im 13. Jh. lag WSW auf 14.12.) Alter Bauernspruch: „Veit [15.06.] hat den längsten Tag, Luzia die längste Nacht vermag.“ In der Lussi­nacht, nach dem alten gre­gori­anischen Kalender, einstige Nacht der Wen­de, gestal­teten in Schwe­den die weißge­wan­deten, mit Ker­zenkronen geschmück­ten Haus­töchter festli­che Bewirtungen der Familie. Der Name rührt von röm. Geburts­göttin Juno-Lucina („Lichtge­bäre­rin"), ebenso aus Verbal­stamm altn. ljoss („leuch­tend, lichthell, klar“), so wie Perahta / Bertha („Glän­zen­de“). Schon in den älte­sten grie­ch.-astro­log. Listen (2. Jh.v.0) und Stern­bildtexten, steht die Lucina-Eileithyia („Lichtge­burts­göttin“) beim Stein­bock in der WSW. Weil Luzien-Nacht ehemals als längs­te Jahresnacht galt, werden in Norwegen die Geister­treiben, die Umzüge der Totendämonen, gerade­zu „Lussifahrten“ genannt. Trolle und Gno­me trieben ihr Wesen, und die Menschen hielten sich im Hause. Die brauch­tumsmäßige Lussi­brut („Lichtbraut“) ist nur eine Ausformung der noch Mitte des 19 Jh. auch in Deutschland weit verbreite­ten weihnach­t­lichen jungmütterliche Gaben­brin­gerin (Perchta, Holle, Hulle, Fraache, Kindlein, Herrschedame  u.a.m.) Diese germ. Gestalt ist trotz dem durch die  Christenheit verursach­ten Kulturumbruchs in verschiedenen regionalen Aus­formungen vererbt wor­den. In weiten dt. Gebieten, z.B.: Odenwald, der Pfalz, im Elsaß und in Mitteldeutschland bis Böhmen ha­ben sich weibl. Weihnachts­ga­ben­brin­gerinnen er­halten.
 
13.12. = Odilie / Odile / Odilia / Ottilie - germ. auch Oda („Erbgutherrin / Heimat- Ur­mut­ter“, von ahd. ot / od / oda „Urbesitz“); Attribut: Augenpaar, Kelch. Von ihr wird dieselbe Augenlegende er­zählt wie von Lucia. Die Odalmutter liegt mit ihrer Legende genau im ru­nen­mytho­lo­gi­schen Rahmen. Aus den „Blind­nächten“ des tiefsten Son­nen­­standes und des Schwarzmondes, ge­schieht die Heilung der rol­lenden Him­mels­augen Sonne und Mond. Sie werden wieder sehend und die Hei­materde erneut erhellen. Oda, die nie­derdt. Form ist Uote / Ute / Uta war nach dem Nibelungenlied, dem germ. Nationalepos, die Mutter der Bur­gun­derkönige und Kriemhilds. Ihre Fähig­keiten als Seherin stellt sie gleich zu Eingang unter Beweis, als sie ihrer Tochter einen Traum deutet. Da die epischen Burgunder symbolhaft stel­lver­tretend für das gesamte germ. Volk auftreten, darf auch die Uta-Oda als Urstammmutter verstanden werden. (Weitere Odilie-Daten: 29. Jan, 16.17. Febr., 14. März, 17. Juli) - In einem Text zum Odilienberg heißt es: Die Bergspitze wurde wie es bei vielen frühgeschichtlichen Anlagen zu beobachten ist, nach Sonnen- und Mondrichtungen umgestaltet. Es ist wohl kaum einem geologischen Zufall zu verdanken, dass das Plateau exakt zwischen den Richtungen der großen Mondwende Süd und der Untergangsrichtung der Sonne während der Wintersonnenwende eingepasst ist. Diese Ausrichtung folgt auch der Bergspitze, die zusammen mit dem benachbarten die Schenkel eines Dreieckes mit einer Öffnung von 50° bilden, in dessen Mitte das Kloster Neumünster liegt, welcher ebenso die Odilia gegründet haben soll. Aber der Berg wurde sicher nicht nur durch seine Augenheilquelle zu einem schon vorchristlichen Wallfahrtsort von überregionaler Bedeutung, sondern auch durch den Sichtbezug zu weiteren Landmarken. Diese Beobachtung des Sonnenaufganges an wichtigen Tagen erklären auch Flurnamen, deren Hintergründe sich im Laufe der Geschichte verloren haben.
 
In der kirchchristlichen Ausschmückung Lucina-Legende heißt es, sie habe während einer „Christenverfolgung“ heimlich ihre Glaubensbrüder und -schwestern in den Katakomben mit Nahrungsmitteln versorgt. Um in den dunklen Gängen Licht zu haben, hätte sie einen Kranz mit Kerzen auf dem Kopf getragen. So haben Kirchenschreiber die Lichtgöttin zur Kerzenmagd verkleinert ! Sie wäre angezeigt worden und der Richter hätte Lucia zum Dienst in einem Bordell verurteilt. Das wäre als verdrehte Erinnerung an den altheidnischen Aspekt der Göttin als Fruchtbarkeitsspenderin zu deuten. Als man Lucina wegschaffen wollte, rührte sich nicht vom Fleck, so dass kein Ochsengespann und keine tausend Männer sie von der Stelle schaffen konnten. Schließlich hätte man Lucia mit einem Schwertstich getötet. Hier taucht das alte Göttinnen-Gefährt der Ochsenkarren auf, mit dem schon die germ. Urmutter Nertha ihre Kultreisen unternahm, wie Tacitus im 1. Jh. n.0 berichtet hat. Auch die Notburga eine Volks­heilige besonders in Tirol, entschleiert sich bei genauem Hinsehen als Ur-Mutterersatz der Kirchenchristen. Sie hat ihren Festtag auf dem 14.09., also der Herbstgleiche. Auf Schloss Rotten­burg/Rattenberg, im unteren Inntale, soll sie als Land­magd gedient haben: „Zwei Ochsen trugen ihren Leichnam über den Strom, und ob­gleich sein Wasser sonst wild tobt, so war er doch, als die Heilige sich näherte, ganz sanft und still. Sie wurde in der Kapelle des hl. Ruprecht [„Ruhm­glän­zen­der“; heidnische Götterbeiname des Wodan] beigesetzt.“ Die Legende betont den von Rindern gezogen Wagen, mit dem sie zur letzten Ruhe gefahren worden sei. Es ist der seit frühneolithischen Zeiten zur „Dolmen-Mutter“ gehörende, von einem Rinderpaar gezogene Joch­deichselkarren, wie er eingemeißelt auf einem kleinen Sandsteinblock innerhalb des Steingrabes von Züchen bei Fritzlar gefunden wurde. Nach herbstlicher Umfahrt wird sie zurück zu ihrem „heiligen Hof“, zum Tempel, zurückgefahren, wo sie ihre winterliche Totenruhe hält. Die Riten der gro­ßen Göttin westeuropäischer Megalithkultur erhielten sich bis zur germ. Nertha /Terra-Mater (Tacitus, Germ. 40). Ebenso fuhren die Priesterinnen der griech. Muttergöttin Hera an Festtagen auf Rinderwagen (Herodod I,31).
 
Historischer Überblick
 
Der germanische Sakral-Kalender des ODING - wie er sich aus der linksläufigen sog. FUÞARK-Reihe erschließt - wurde etwa um den Beginn unserer Zeitrechnung konzipiert. Seine erste Urstammsilbe „o-d“ steht im Zeitraum der wintersonnwendlichen Julzeit-Spanne von Neumond-Vollmond. Dazu schauen wir die Information des angelsächsischen Historikers Beda-Venerabilis des 7./8. Jahrhunderts, dass die germanische Wintersonnenwende (WSW) ein Fest der Mütter namens „modranecht“ war, in dessen rituellem Mittelpunkt - davon darf man ausgehen - zumindest eine Göttin gestanden haben muss. Der Kultname dieser zur WSW gehuldigten Kalender-Göttin wird naheliegend eine Begriffsform von der Art wie „Odilia“ getragen haben. Diese erschlossene Vermutung muss die eigentliche Begründung dafür sein, dass die kirchenchristlichen Kalender-Manipulateure - die zu versuchen gedachten, ihre neuen Festkreis-Vorstellungen dem heidnischen Volk nahe zu bringen - den Gedenktag einer „Heilige Odilia“ in die WSW zu setzen. Die möglicherweise historische Odilia, Tochter des möglicherweise historischen Attich/Etticho wurde allein wegen ihres passenden Namens zur „Kalender-Heiligen“ des sich langsam ausgestaltenden kirchlichen Kultkalenders. Richtig heißt es in einem Text: „Odilia weist viele Gemeinsamkeiten mit der heiligen Luzia auf.  Beider Fest wird am 13. Dezember gefeiert. Vor der Einführung des Greorianischen Kalenders im 16. Jh. war dies das Datum der Wintersonnwende. Beider Attribut sind die Augen auf einem silbernen Tablett. Von beiden wird berichtet, dass sie sich die Augen herausschnitten und sie einem unliebsamen Verehrer überbringen ließen. So scheint Odilia nach dem älteren Vorbild der Luzia entstanden zu sein, beziehungsweise stellen beide, Aspekte einer noch viel älteren Matrix, einer vorchristlichen mythischen, weiblichen Göttinnen- und Sagengestalt dar. Diese war aufs Engste mit Geburt und Tod, Fruchtbarkeit und dem Naturgeschehen im Jahreslauf verbunden.“ Dass es sich bei den diesbezüglichen kirchenchristlichen Darlegungen in der Regel um mit den Haaren herbeigezogenen, mitunter recht alberne Historisierungsversuche handelt, ist längst anhand einer Vielzahl frei erfundener kirchlicher Heiligenlegendchen erwiesen. In Wahrheit stellen die Augen-Attribute der Großen Muttergöttin natürlich Sonne und Mond dar, die kosmischen Augen der Weltengöttin. Zum Datum der WSW müssen beide Gestirne das Zusammenspiel erbringen, nämlich die Sonne muss ihren tiefsten Jahresstand erreicht haben und die Mondin/Luna muss in ihre Schwarzmondsphase eingetreten sein. Die Schwarzmonde waren auch bei den Römern die Festtage der Göttinnen. Aus ihrem Dunkel gebiert sich - nein, die Große Mutter gebiert - das neue Licht, das Jahr, den neuen Äon.      
 
Soweit zur Odilia als kirchlichen Kalender-Frau, was aber hat es mit dem Odilien-Berg auf sich ? Der markante Kult-Berg war seit alters im Besitz keltischer Stämme, seit etwa 70 vor Null griffen danach aus Norddeutschland anrückende Sueben unter ihrem Heerführer Ariovist. Dieser Mann sprach auch Keltisch und war verwandtschaftlich verbunden mit dem keltischen König Voccio von Noricum (etwa Österreich). Die freundschaftlich enge Verbundenheit zwischen Kelten und Germanen bestand zumindest seit den zusammenschweißenden Kimbern- und Teutonenzügen der Jahre 113-101 vor Null. Der spätere Odilien-Berg wird in der Zeit des Ariovist eine gemeinsam genutzte gallo-germanische Andachtsstätte gewesen sein. Wir finden auf seiner Bergkuppe eine Vielzahl der Erinnerungen an altgläubig-rituelle Feiern, wie z.B. den Stein-Opferkessel (siehe Abb. 1) mit Abflussrinne. Wir wissen nicht, ob es sich dabei um die Vorrichtung für ein Blutopfer oder für eine Wasserweihe handelt. Ausgeschlossen ist allein, dass es sich um ein römisches oder christliches Kultfeier-Requisit handeln könnte. Die heutigen Klostergebäude liegen etwa auf dem süd-süd-westlichen Azimut der Wintersonnwend-Untergangs-Sonne. Diese Tatsache weist unabweisbar auf eine vorchristliche gleichartige Bebauungsausrichtung hin, denn diese Visierlinie war zu keiner Zeit eine der Christenkirche bedeutsam erscheinende. Der Steinkessel und andere dortige Funde hängen also höchstwahrscheinlich mit einstmals dort geübten wintersonnwendlichen mutterkultischen Feierlichkeiten zusammen. Darüber können wir uns beileibe nicht verwundern, denken wir nur an das 7.000-jährige stichbandkeramische Rondell-Heiligtum von Goseck bei Naumburg (Sachsen-Anhalt), ein wintersonnwendicher Festplatz, mit gleicher Visierlinie wie der Odilien-Berg. Es fokusieren sich hier zu viele heidnische Indizien, als dass man es leichtfertig als Zufall abtun könnte: Od-WSW-Jahrespunkt im Runen-Kalender, Od-Name der Namensgeberin des Hl. Berges und WSW-Visierline des Berggipfels.    
 
Cäsars Zerschmetterung der Gallica und der Besiegung der Sueben setzte dem ursprünglichen keltisch-germanischen Religionsleben ein Ende, in Folge breiteten sich römisch-internationalistische Mischformen aus. Ab dem 3. Jahrhundert war der besprochene Raum erneut im Griff der Sueben, die man jetzt Alamannen nannte. Sie hatten aus ihrer norddeutschen Ur-Heimat ihre runisch-wodanische Od-Religion mitgebracht. Sie werden den markanten Kult-Berg südlich von Straßburg erstmalig mit einem Od-Namen bezeichnet haben. In der Schlacht von Zülpich im Jahr 496, zwischen Alamannen und Franken, siegten letztere, ebenso wie in der Schlacht von Straßburg im Jahr 506. Dadurch erhielten die merowingischen Franken ein Übergewicht und bestimmten fürderhin die Entwicklung in Germanien, auch die beginnende Christianisierung, weil sie sich davon freie Hand bzw. politischen Rückhalt aus Rom versprachen. Die gleiche Politik, exzessiv überdreht, verfolgten die merowingischen Hausmeier (zunächst nur hohe Verwaltungsbeamte), um sich aus der Förderung der christlichen Partei des erstarkenden Mönchtums eine künstliche Legitimation für ihren illegitimen Griff zur politischen Macht im Frankenreich zu verschaffen. Erste Bekehrungsversuche bei den Alamannen startete der irische Wandermissionar Gallus, der um 550 geboren sei, in den Vogesen und dem Elsass für seine Form des Christentums geworben habe, im Jahre 612 das Kloster „St. Gallen“ am südlichen Ufer des Bodensees gegründet hat und wohl ums Jahr 640 verstorben ist. Ein Alamanne namens Otmar habe ihn bei seinen missionarischen Unternehmungen unterstützt, dieser wurde im Jahre 719 erster Abt des Klosters. Der Hausmeier Karlmann ließ im Jahre 746 im sog. „Blutgericht von Cannstatt“ die gesamte alamannische adlige Führerschicht abschlachten, so dass fränkische Grafen die schwäbischen Gaue regierten und eine gewaltmissionarische kirchenchristliche Verwaltung aufgezwungen wurde. Die Mutter von Odilia soll Berswinda und ihr Vater soll Adalricus/Eticho (um 645-682/700) gewesen sein, ein Herzog der auch im Burgundischen Besitztümer hatte. Eticho soll der dritte bekannte Herzog im Elsass sein, nach ihm ist das elsässische Herzogsgeschlecht der Etichonen benannt. Er sei vom Frankenkönig Childerich II. im Jahr 673 zum Herzog ernannt worden. Wie wenig christlich dieser Mann gesinnt war, ersieht man daran, dass er den „christlichen Heiligen“ Abt Germanus von Granfelden und dessen Begleiter, den zum Märtyrer erhobenen Prior Randolf, ermordet haben soll. Seine Tochter Odilia lebte angeblich von 660 bis 720. Sie starb 26 Jahre vor der Massenermordung des heidnischen Alamannen-Adels durch den fränkischen Verwaltungschef Karlmann. Sie lebte mithin in einer Zeitspanne welche im schwäbisch-elsaßischen Großraum absolut noch heidnisch bestimmt war, wenn schon sich da und dort christliche Zellen gebildet hatten. Die Urform des überlieferten Vaternamens Adalricus lautet Odalrihhi / Odalrikus und meint den „Odal-Reichen“ bzw. den „Odal-Herrscher“. Seine mittelalterliche Darstellung aus 1176 (Abb. 2) zeigt ihn mit den Zöpfen der heidnischen Priester, wie sie uns beispielsweise vom Externstein-Relief (um 1115), dem „Taufstein von Freudenstadt“ (um 1150), vom „Wildberger-Mann“ und  von der „Bestien-Säule des Doms zu Freising“ (1160) bekannt sind. Adalrikus/Etticho war im Besitz des Lothringischen heiligen Berges im germanischen Elsass. Ob er ihn erworben oder von seinem Vater geerbt hat wissen wir nicht. Sicher ist jedoch, dass in seiner Zeit noch ein starkes Heidentum gegen das iro-schottische und dann römische Kirchenchristentum ankämpfte. Im Jahre 673, zur gleichen Geburtszeit von Odilias Vater, wurde der Angelsachse Wynfreth-Bonifatius geboren; er erst, als Legat des Papstes, errichtete eine Art Fundament des Kirchenchristentums im vorher überwiegend heidnischen Germanien. Entschieden war noch nichts, im Blut erwürgt hat erst „Karl der Große“ im Zuge des 30jährigen Sachsenkrieges (772-804) den angestammten Glauben im frühen Deutschland. Es ist also durchaus denkbar, dass der Äbtissin Odilias Vater, der streitbare Franke oder Burgunder Odalrikus, heidnischer Odal-Herr - mit herrscherlichen und gleichzeitig priesterlichen Funktionen - auf dem Berg-Weihetum residierte, bevor er ihn seiner Tochter Odilia - zunächst widerwillig - im Jahre 680 zur freien Verfügung überantwortete.    
 
Odilia, eine germanische Seherin oder Göttin
 
Was die „wundersame Odilienquelle“ anbelangt, so soll der Odilia eines Tages vom Kloster Niedermünster zum Hohenburg hinaufsteigend, ein blinder Bettler begegnet sein. „Mitleidig klopfte sie mit einem Stock an einen Felsen: ein Wasser floss heraus und heilte den Bettler von seiner Krankheit.“ Ebenso besitzt „St. Ottilien“, ein 480 m hochliegendes Waldheiligtum auf dem Gebiet des Stadtteils Waldsee der Stadt Freiburg im Breisgau, südlich des Roßkopfs, eine Odilien-Kapelle mit Odilien-Quelle. Es handelt sich um eines der ältesten Wallfahrtsziele Deutschlands. Die Odilia wird meistens mit Äbtissinenstab und einem Buch, auf dem zwei oder drei Augen liegen, abgebildet. Die Kirche wurde ursprünglich neben einer Quelle errichtet, deren radonhaltigem Wasser Linderung bei Augenleiden zugesprochen wird. Auch gibt es eine Odilienkapelle zu Oppen, im Waldgebiet „Großer Lückner“, nördlich von Saarbrücken. Augenkranke erhoffen sich hier Linderung und Heilung. Alljährlich führt am Pfingstmontag eine Prozession von der Pfarrkirche Wahlen aus zur Odilienquelle im Lückner zur idyllisch gelegenen, aus Buntsandstein im gotischen Stil gebauten Odilienkapelle. Die Quelle im Lückner soll bereits vor der Christianisierung als so genannte „Heidenquelle“ existiert haben. Die Wallfahrtskirche St. Ottilia von Randegg (Teil von Gottmadingen), einer Gemeinde im Lkr. Konstanz in Baden-Württemberg besitzt sogar ein Ottilien-Reliquiar. Die „Erzabtei Sankt Ottilien“ ist ein Kloster im oberbayerischen Landkreis Landsberg am Lech (nahe Ammersee). Die Wallfahrt zur „Heiligen Ottilia“ in Emming ist bereits seit 1365 sicher nachgewiesen. Die Ottilienkapelle in Plochingen, erbaut 1328 auf einem ehemaligen, keltischen Quellheiligtum, dessen Wasser man die Linderung und Heilung von Augenleiden zuschrieb. „Sint Odiliënberg“, wo auch der „Heilige Otgerus“ verehrt wird, ist ein Dorf in der niederländischen Provinz Limburg und gehört zur Gemeinde Roerdalen. Die „Ottilienkirche“ im Stadtgebiet von Schwäbisch-Gmünd ist mindestens seit 1411 der Odilia geweiht und ein Wallfahrtsort vor allem für von Augenleiden geplagte, so soll dort der Bischof Paul Wilhelm von Keppler (1852-1926) nach einem Besuch von schwerem Augenleiden geheilt worden sein. Die Wallfahrtskirche Kollmitzberg in Niederösterreich ist der „Heiligen Ottilia“ geweiht, sie wurde um das 1260 erstmals genannt. Im späten Mittelalter pilgerten tausende Gläubige jährlich auf den Kollmitzberg, weil dem dort entspringenden „Ottilienwasser“ eine heilende Wirkung zugeschrieben wird, die vor allem Augenleiden lindern soll. Die „Odilia von Köln“ (auch Ottilie) soll eine „hl. Märtyrin“ gewesen sein. „Über Jahrhunderte war es bei den Kreuzherren Brauch, Wasser in Odilias Namen zu segnen, indem ihre Reliquien hineingetaucht wurden, mit der Bitte an Gott, dem Wasser Kraft gegen alle Krankheiten und Gebrechen zu verleihen. Es soll zu zahlreichen Heilungen, insbesondere bei Augenleiden, gekommen sein.“ Sie soll die Tochter eines britischen Königs gewesen sein und gilt als Gefährtin der „hl. Ursula von Köln“ mit ihren 11.000 Jungfrauen. Mehrere Orte geben an, Reliquien der „Hl. Odilia“ zu besitzen. Die Odilien-Kapellen mit heilwirksamen Quellen - namentlich Augenheilwässern - sind also nicht an den Hl. Berg des Elsass gebunden; die Odilie-Odalmutter entspricht - wenn wir die Fakten zusammenschauen - doch zunehmend einer altgläubig-heidnischen Göttin oder ihrer Priesterin. Ihre Attribute als christl. „Heilige“ sind „zwei Augen in Händen“, Krug/Kelch, der Hahn (Lichtweckrufer aus tiefster Jahresnacht) und der Stab mit dem sie Quellen entspringen lässt, den sie auf allen Abbildungen in Händen hält. Der Krug, das Heilwassergefäß, der Kessel des Lebens, ist ein uraltes heidnisches Begleitzeichen aller großen Göttinnen, denn die heilige Frau als mythische Schöpfungsmutter schenkt das Wasser der Fruchtbarkeit. Und der Äbtissinnen-Stab entspricht auffallend dem Stab der germ. Seherinnen, der Zauberinnen, den sog. Walas, Wölwen, was nichts anderes bedeutet als „Stabträgerin“. Zur altgerm. Weißen Frau, zu den „Frauen vom Berge“, gehört der Kessel und der Zauberstab. Einst stand auf dem Odilienberg auch ein Schloss des Namens „Birkenfels“, längst sind seine Ruinen verschwunden und nur die Flurbezeichnung eines Waldstücks erinnert daran. Aber wir erinnern uns, dass ein Kult-Name der germ. Göttin Freia „Birke“ lautete. Dieser Frauen-Baum trug wohl die hohe Symbolbedeutung wegen seiner weißen Haut, müssen wir weißhäutigen Menschenkinder doch im mythischen Sinne von einer weißen Urmutter abstammen. Dass die Birke als ein Frauengleichnis galt belegt die Strophe 184 der nordischen Dichtersprache im „Gylfaginning“ (Hauptteil der prosaischen Snorra-Edda). Die 7. ODING-Rune heißt „Birke / Berkana“ und meint die große Göttin. Aus dem Fundmaterial kennen wir die gallogerm. Göttin „Vercana“(germ. Berkanô = Birkengöttin) welche aus Inschriften belegt ist. Eine Brunnenschale aus Ernstweiler bei Zweibrücken ist der „DEAE VERCANV“ gewidmet und eine zweite fand sich bei Bad Bertrich, mit seinen warmen Heilquellen. Wir wissen jetzt, was wir von der Odilia, die am runischen Kalenderbeginn der Wintersonnenwende den Jahresanfang segnet, zu halten haben. Eine weitere Baumart vertat in Heidenzeiten das weibliche Numen, die Linde („Gylfaginning“, Strophe 186). Drei Linden, die Odilia, laut Legende, gepflanzt haben soll, wuchsen für das Gedächtnis, für die Erinnerung der Schwestern an die „hl. Mutter“. Die „Drei Linden“rfen wir als sinnige Metapher für die keltisch-germanische Muttergöttin werten.
 
Abb. 3 - Dionysius Albrecht,
„History von Hohenburg oder St. Odilienberg“,1749/51
 
 
Entallegorisierung
 
Die Urform oder das Vorbild für die Entwicklung der kirchenchristlich-jungen Odilia-Legende ist rekonstruierbar als ein vorchristlicher gallogermanischer Weltenmutter-Mythos. Die frühmittelterlichen mönchischen Schreiber des Kirchenchristentums haben eine kosmische Heilsgestalt des Heidentums zur kleinen lokalpatriotischen Heiligenlegende vom Odilien-Berg im Elsass verniedlicht. Die Nachweise der ursprünglich rein allamannischen Odilia-Verehrung führen uns in weit vom Berg im Elsass entfernte thüringische Gaue. Die Indizien für die Entschlüsselung der Odila zur altdeutschen Heilsgestalt sind zahlreich und überzeugend: die symbolisch „blinde“ Odilia steht als Kalender-Göttin in der Blindnacht des tiefsten jährlichen Lichtstandes, nämlich der Schwarzmond-Phase zur Wintersonnenwende (altgerm. luni-solares Jahreschema). Im Mittelalter, vor der Gregorianischen Kalenderreform, galt der 13.12. mit der Tages-Patronin Hl. Odilia, als wintersonnwendlicher Jahrestiefstpunkt. Beide Himmelsaugen, nämlich Sonne und Mond, sind „blind“ in ihrer wintersonnwendlichen Kraftlosigkeit. Die göttliche Weltenmutter, die in dieser Jul-Zeitspanne mit der altgläubigen „Modranecht“-Feier geehrt wurde, macht die „Himmelsaugen“ wieder sehend, was frühestens um die Zeit der mutterkultischen „Perchtennacht“  (6. Januar) erkennbar wird, welche deshalb auch „Hochneujahr“ (oder Großes Neujahr, Großneujahr, Oberster oder Öberster) in deutschen Volkstraditionen heißt. Wie die „Frau Holle“ (Hulda) macht Odilia die Blinden sehend, auch die im übertragenen Sinne geistig Blinden, denn sie gilt als die „weise Frau vom Berge“, die als Mutter des Lebenswassers (ahd. wiswat = Wissens-Wasser) alles Weltwissen in sich vereinigt. Dass die alte Göttin auf oder in einem Berg wohnt ist ebenso eine vorchristliche Metapher, die sich in etlichen deutschen Landschaften als Sage von den „Frauenbergen“ erhalten hat. Von den vielen „Frauenbergen“ seien nur einige erwähnt. In der Mitte Deutschlands liegt der „Hohe Meißner“, um den sich die Frau-Holle-Sagen spinnen. Ein „Frauenberg“ ist der Bergsporn südwestlich der Kreisstadt Sondershausen in Thüringen. Ein anderer „Frauenberg“ ist die zweithöchste eigenständige Erhebung der Lahnberge im Lkr. Marburg. „Frauenberg“ ist eine Lothringische Gemeinde an der Blies, einem Nebenfluss der Saar. Die Wallfahrtskirche Frauenberg an der Enns steht auf der Kulm-Erhebung im Ennstal der Steiermark.
 
Was ich bei Odilia vermuten muss, ist für die irisch-keltische Göttin und Himmelskönigin Brigid (Brighid, Brig, Bride,Brigandu) bereits nachgewiesen. Ihr Name ist aus „bright“ als „die Helle / Strahlende“ zu deuten. Mit ihr verwandt ist die germ. Perchta. Brigid war die Tochter des kelt. Gottes Dagda. Sie wurde in dreifacher Gestalt verehrt, weshalb zuweilen von den „drei Brigids“ die Rede ist. Auf ihrem Fest „Imbolc“ legte die Christenkirche „Lichtmess“ (2. Februar), ein Zeitpunkt, zu dem die Lichtzunahme ohne Hilfsmittel für Jedermann ermessbar ist. Die walisische Göttin Cerridwen, „die mit dem Kessel“, ist die gleiche mythologische Gestalt. Die Göttin Brigid wurde mit dem Feuer, dem Herd des Hauses, auch mit Wasser, dem Kessel, der Spinn-, Schmiede- und Dichtkunst, sowie den Bereichen der Fruchtbarkeit in Verbindung gestellt. Die Christen modelten im Zuge ihrer „Bekehrungen“ die Göttin um zur „Heiligen“ und sogar zur „Bischöfin von Kildare“ von „Cill-Dara“ (Kirche der Eiche). Sie soll im Jahr 523 in ihrem Kloster gestorben sein. Das war ein heidnischer Kultort der Brighid bereits vor der Vereinnahmung durch das Christentum. Einer ihrer alten Titel ist: „Brighid-Muirghin-na-tuinne“ (Brighid der Empfängnis der Wellen). Das Wasser aus Brigids heilkräftigen Quellen machte die Menschen wieder gesund. Es reinigte die Augen, heilte Augenkrankheiten und schenkte Blinden die Sehkraft zurück. Selbst das Augenmotiv der Odilia erscheint auch bei Brigid, sie soll sich selbst ein Auge herausgerissen haben. Die Legende erzählt: „Vornehme Freier buhlten um ihre Gunst und wollten die Königstochter zur Frau. Um allen Bewerbern zu entgehen, betete sie, Gott möge sie entstellen. Ihre Bitte wurde erhört, und sie verlor ein Auge. Während Brígida den Nonnen-Schleier nahm, gab Gott ihr das Auge zurück, und sie erstrahlte in alter Schönheit.“ Auch für den Odilienberg darf - wie wir längst erfahren haben - eine vorchristlich Anlage vermutet werden. Das Kloster „Truttenhausen“ wurde um 1178 durch Äbtissin Herrad von Landsberg begründet, es liegt etwa fünf Kilometer südsüdwestlich von Oberehnheim (Obernai), unterhalb des Odilienberges. Unter Druden (oder Truden, Truderer, Trutten verstand man in Süddeutschland Unholde bzw. Hexenweiber. Den Namen kann die Äbtissin also unmöglich selbständig gewählt haben, vielmehr muss es die Bezeichnung einer vorbestehenden Örtlichkeit gewesen sein, woraus hervorgeht, dass das Vorhandensein von vorchristlich-heidnischen rituellen Frauentreffen, Frauen-Kongregationen bzw. Ordensgemeinschaften im Raum des Hl. Berges als gesichert angenommen werden dürfen. Ottilias Kalendertag, in Bayern der 12.12., wird als „Haupttrudennacht“ bezeichnet, wie es in „Kalender-Heilige als Krankheits-Patrone beim bayerischen Volk“, S. 304 gesagt wird, von Dr. M. Hoefler in Toelz, in Karl Weinhold „Zeitschrift des Vereins für Volkskunde“, Jg. 1. 1891.
 
Im Zuge meiner Rekonstruktionsarbeit wurde immer deutlicher der Horizont einer altgläubigen Kultregion um den Odilienberg erkennbar. Ihre Anfänge liegen sicher weit in der Vergangenheit der gallischen und der folgenden gallogermanischen Kulturschicht eines „Matronenkultes“ bzw. Mütterkultes, dem Kelten und Germanen gleichermaßen huldigten. Der nordgermanisch-suebische Heerführer Ariovist- Cäsar nennt ihn „rex Germanorum“ (Germanenkönig) - der hier auf der Suche nach neuem Siedlungsgebiet vor der Mitte des 1. Jahrhunderts vor Null eindrang, musste vor seinen Entscheidungen der „Rat der Mütter“ befragen, wie es Cäsar in „De Bello Gallico“ geschildert. Ein gemeinsamer gallo-germanischer Göttinnen- und Heilrätinnen-Kult, ausgeübt vom keltisch-germanischen Mischvolk dieser Region, hat bis zur christlichen Mission und Umwälzung bestanden, das steht fest. Jedoch der Begriff der Od-Mutter, der Odilia, ist germanischer Natur und kommt aus der wodinischen Runen-Religion, die Ariovist noch nicht mitgebracht haben kann, sondern erst die Alamannen im 3. Jahrhundert. Im Sommer des Jahres 213 unternahm der röm. Kaiser Caracalla einen Feldzug in heute süddeutsche Gebiete und stritt dort gegen vorgerückte elbgermanische Gruppen, die man nachweisbar ab 289 Alamannen („alle Wehrtüchtigen“) und später Sueben/Schwaben nannte. Sie müssen die ersten Od-Gott und Od-Göttinen-Anbeter im altdeutschen schwäbisch-elsässischen Südwesten gewesen sein.
 
Ich verbreitere mich zunächst nochmals kurz über die Burgen im Otilienberg-Bereich. Es wird sehr bald ersichtlich warum. Die Ruine der Höhenburg Birkenfels, erbaut um 1260 von Burckhart Beger, ist eine von neun reichsdeutschen Wehranlagen, die auf nur wenigen Quadratkilometern rund um den Berggipfel postiert sind. Ebenfalls auf dem Gebiet von Ottrott liegt Burg Kagenfels, diegegen 1262 von Albrecht von Kagen erbaut wurde. Seit 2002 haben archäologische Ausgrabungen und Restaurierungsarbeiten eine Burg zutage treten lassen, die durch ihre Bauformen und ihren Reichtum erstaunt. Burg Birkenfels liegt zwei Kilometer südwestlich des „Ottilienberges“ auf dem Gebiet der Gemeinde Ottrott, die aus Oberottrott und Niederottrott besteht. Auch die Burg Dreistein, die Ende des 12. Jhs. zum Schutz des nahen Klosters unter Kaiser Friedrich Barbarossa auf drei Felsen erbaut wurde, liegt wenige Hundert Meter nordwestlich des Berges auf dem Gebiet der Gemeinde Ottrott. Die Burg Dreistein überragt das Tal der Ehn, das sie einst zusammen mit den Ottrotter Schlössern Koepfel, Rathsamshausen und Lutzelbourg sowie dem Hagelschloss kontrollierte. Der Wanderweg zur Ruine Hagelschloss, am nördlichsten Ende der Heidenmauer, führt an der Burgruine Dreistein vorbei und eröffnet herrliche Aussichten auf die bewaldeten Berge der Vogesen und die kleinen Dörfer und Städte in die Rheinebene. Oberottrott war zuerst im Besitz des Odilienklosters, wie aus Unterlagen des 13. Jhs. zu schließen ist. Immer war Oberottrott die bevorrechtigte und dominierende Gemeinde (!), mit Unterottrott im Streit liegend. Die Namensgebung scheint von dem oberen Ottrott ausgegangen zu sein. Die erste schriftliche Erwähnung stammt von einem auf Latein verfassten Dokument des Jahres 1059 auf Grund eines Befehls Kaiser Heinrich IV. gegenüber dem Bischofs Herrand/Hezel (Amtszeit: 1047-1065) aus Straßburg, der über die „Villa Otonis quae dictur Ottenrode“ sprach. In Texten der Gemeinde heißt es in typisch heutiger Naivität: „Es schien sich ein gewisser Ritter Oton oder Otton in dieser Wildnis, bedeckt mit Wäldern, niedergelassen zu haben.“ Mit diesen möglicherweise entschleiernden Angaben nähert sich das Odilienberg-Rätsel der Auflösung. Die Kirchenlegende der „Hl. Odilia“ ist uns zuerst  aus der „Vita der hl. Ida“ aus dem Jahr 980 bekannt, die der Mönch Uffing vom Ruhr-Kloster Werden anfertigte. Würde man die Legendenzüge ernst nehmen, müsste man anmerken, dass die lebendige Odilia kaum ins Frühmittelalter gedacht werden kann, wenn das Totenhemd ihres Heiden-Vaters noch im Jahre 1132 gestunken hat, wie es der fromme englische Mönch Johann bezeugen wollte. Die Verfasser von Heiligenleben und den Translationsberichten, die zwischen biografischen Elementen ihre Wundernachrichten, zur Erbauung des Kirchenvolkes einstreuten, sind als Geschichtsquellen wenig tauglich. Aus dem Geflecht von verifizierbaren Nachrichten, hagiografischen Klischees und traditionellen, mitunter weit verbreiteten kirchenliterarischen Motiven, ist es schwer ein klares historisches Bild zu entwickeln. Wenn ich es trotzdem versuche, ist zunächst festzustellen, dass die Odilien-Legende wenig älter ist als die Ottenrode-Urkunde von 1065. Welche Texte tatsächlich älter oder etwas jünger sind ist zunächst nicht feststellbar, sie kommen jedenfalls aus dicht beisammenstehenden Generationen. Ein Ritter Oton oder Otton soll in den Wäldern am bewussten Berg gehaust haben, er wurde als Gründer oder Namensgeber der Ottilienberg-Gemeinde Ottrott angeschaut. Demnach muss und wird die „Hl. Odilia“ nicht die einzige und erste Namensprägerin des Berges gewesen sein, vor ihr schon könnte der Berg den umliegenden Bewohnern als heiliger Od-Berg gegolten haben, was die wahrheitsunterdrückenden kirchenchristlichen Überlieferung nur zu gern vergessen machen wollten. Möglicherweise ist der sagenhafte Ritter Oton-Otton identisch mit dem Adalric-Odalrich / Ettichon-Ottichon, dem heidnischen Vater der Odilia-Ottilia, des fürstlichen Besitzers vom Od-Berg ?  
 
Der Staufer Friedrich II., Herzog von Schwaben, nahm dem Hohenburg-Stift sein ganzes Vermögen, denn 1131 verloren die Staufer das Elsass. Sein Sohn, Friedrich I. (1122-1190), Kaiser Barbarossa, baute es wieder auf und schickte die mit ihm verwandte Nonne Rilint (Richlint, Relindis) im Jahre 1140 (oder 1155) vom Kloster Bergen bei Neuburg an der Donau als Vorsteherin zur Hohenburg, um bei der in „Verfall geratenen Hohenburg Zucht und Ordnung wiederherzustellen“, wie es heißt. Richlints Nachfolgerin als Äbtissin wurde im Jahre 1167 Herrad von Landsberg (um 1125-1195), an deren Namen sich hauptsächlich der große geistige und religiöse Aufschwung des Klosters Hohenburg auf dem Odilienberg knüpft. Von der Wiedererrichtung des Klosters durch Barbarossa kündet eine Bulle des Papstes Lucius III. vom Jahre 1185. Als Barbarossa zur gleichen Zeit dort in Oberehnheim weilte, gestattete er ihr mehrere an ihn gerichtete Begehren. Unter nüchterner Abwägung der bekannten Realitäten drängt sich die Vermutung auf, dass erst unter diesen beiden Äbtissinnen der Odilienkult forciert oder aus der Taufe gehoben worden ist. Insbesondere kommt dafür die fantasiereiche Herrad von Landsberg in Betracht. Sie stammte aus einem elsässischen Adelsgeschlecht, dessen Burg als Ruine sich in der Nähe des Odilienbergs erhebt, sie kannte die Sagen und Märchen vom Ritter Oton-Otton (Odichon) des altheiligen Berges seit ihrer Kindheit und muss bestrebt gewesen sein, ihrem Damenstift eine altehrwürdige Tradition zu bescheren. Der Reliquienjäger König Karl IV. um die Mitte des 14. Jhs. ließ die sterblichen Überreste der „hl. Odile“ untersuchen, die er „unversehrt“ fand, und entnahm ein Stück des rechten Unterarms die er dem Prager Domschatz einverleibte. Da Odilia im Jahre 717 gestorben sein soll, wären also ihre Überreste ca. 700 Jahre „unversehrt“ geblieben. Das glaube wer mag. Eher glaubhaft wäre der Bericht, wenn man annähme, dass erst die clevere Äbtissin Herrad Ende 12. Jh. eine ihrer Nonnenleichen als Odilia einsagen ließ, um die gewinnbringenden Pilgerströme zum „heiligen Berg des Elsass" zu lenken. Sie war die geistreiche Autorin und Illustratorin des berühmten „Hortus Deliciarum“ („Garten der Köstlichkeiten“), in dem sie die Summe des Wissenswerthen vom Standpunkte damaliger Frauenbildung wundervoll zusammentrug, als Grundlagenwerk für ihre Lehrnonnen zum Unterricht der ihnen anvertrauten Jugend zu benutzen. Der Jungfrauenschar auf Hohenburg sollte das Buch „nützlich und ergötzlich“ sein, heißt es in ihrem Einleitungsgedicht. Also schuf sie wohl auch den Odilien-Mythos zur Erbauung ihrer Schäflein und der gesamten folgenden katholischen Gläubigenschar. Fachautor Peter Rückert schreibt in seinem oben erwähnten Buch, S. 23: „Das Bild der Odilia mit Kelch erscheint nun auch auf dem Siegel der Äbtissin Herrad (ab 1178) Odilia wird von ihr als „unsere heilige Mutter Odilia“ bezeichnet. Ihr vorbildliches monastisches Leben gilt es zu imitieren und die Memoria der heiligen Stifterfamilie dabei zu pflegen. Der Odilienkult wird vor Ort also programmatisch auch nach außen repräsentiert und profiliert dabei die erfolgreiche Fürbitterinnenrolle der Heiligen, was sich auch im Aufschwung der Wallfahrt zum Odilienberg dokumentieren sollte.“ Mit Äbtissin Herrat begann der Odilien-Kult Gestalt anzunehmen, sie hat ihn - um dem Kloster eine existentielle Sicherheit und Unabhängigkeit zu garantieren - erst erschaffen.
 
Im „Römischen Martyrologium“, dem „Verzeichnis aller Heiligen und Seligen“ der römisch-katholischen Kirche findet sich bekanntlich die Odilia auf dem 13. Dezember. Andere Werke geben ihren Tag auch als den 19.12. an. Das vorgenannte Werk wurde erst 1583 im Auftrag Papst Gregor XIII. erstellt. Der gern zitierte Legendenschreiber Petrus Canisius, 1521 im Herzogtum Geldern geboren, schrieb einfallsreich über Odilia; auch seine Quelle ist zu jung. Ernstzunehmende Berichte vor dem 10. Jahrhundert gibt es nicht. Folgerichtig muss auch eine ehrliche Pastorin im Ruhestand, Frau Hanna Strack, auf ihrer Netzseite erklären: „Die oberrheinische Landschaft ist wie eine Erd-Klinik, Stein, Baum, Wasser, Berg und Höhle bilden ihr seelisches Muster. Das Kloster Hohenburg war solch ein Heil-Ort, der christianisiert und mit der Odilia-Legende belegt wurde und dessen Heilerin in eine christliche Heilige verwandelt wurde, sodass die Menschen weiterhin die heilenden Kräfte nutzen konnten. Odilias Festtag, der 13. Dezember, zugleich der Tag der Hl. Lucia, war nach dem gregorianischen Kalender die Wintersonnenwende. Odilia steht in der Tradition des alteuropäischen, keltischen Heil-Wissens. Sie ist die Wegweiserin, die die Menschen aus der Dunkelheit in das Licht führt. So kann sie auch uns die Augen und alle Sinne öffnen, damit wir in der  Konsum- und Spaßgesellschaft die großen Gefühle erleben und Kreativität, Lebenslust und Liebe frei setzen können.“ Dem ist nicht viel hinzuzufügen, als nur die Unterstreichung, dass wir mit der Odilia eine Gestalt des keltisch-germanischen Altheidentums vor uns haben.
 
Das Kloster Niedermünster, am Fuße des Odilienberges, war ursprünglich als Krankenhospitz vom Kloster Hohenburg vorgesehen, von diesem also auch verwaltet. In enger Verbindung von Niedermünster stand Sankt-Nabor, das am Abhang des Berges liegt. Seinen Namen erhielt es durch den „hl. Nabor“, dessen Reliquien ein Würdenträger von Karl Martells und Bischof von Metz, Chrodegang, im Jahr 765 aus Rom mitbrachte und dem Lothringischen Sankt-Avold - wie es alte Schriften bekunden - auch der Kirche von Sankt-Nabor schenkte. In der Bulle des Papst Leos IX., vom Jahr 1051, über die Einweihung des Klosters Hohenburg, wird auch Sankt-Nabor erwähnt. Im Jahre 1178 belehnte Äbtissin Herrat v. Landsberg das Kloster Stibach mit einer Wiese und einem Waldstück bei Sankt-Nabor. Hätte es im 8. Jh. bereits einen florierenden Odilien-Kult gegeben, hätte das unmittelbar am Berg liegende Sankt-Nabor nicht mit der Reliquie des „hl. Nabor“ bedacht werden müssen. Aber die vage auftauchende Verbindung des Klosters Hohenburg und dessen späteren Odilien-Kult mit Metz ist bemerkenswert, denn durch Vermittlung des deutschen Kaisers Otto I., „der Große“, ist im Jahre 970 das Vinzenzkloster zu Metz mit Leichenteilen, sprich Reliquien, der „hl. Lucia“ beschenkt worden. Sie wurden in das erst zwei Jahre zuvor gegründete Metzer Kloster gebracht (heute Kirche St. Geremia). Wie schon dargelegt, inspirierte sich die katholische Lucia-Legende an der antiken heidnischen Lichtgöttin, der röm. Geburts­göttin Juno-Lucina und machte sich konkret an der Christin „Lucia von Syrakus“ (Südsizilien) fest. Als konstruierte Nachfolgerin der Juno-Lucina musste sie am sakralkalendarischen Anfang stehen, denn die Juno galt als Geburtsgöttin auch als Gebärerin der Zeit, denn das Jahr nimmt seinen Anfang in der Wintersonnwende. Die katholische „Heilige“ soll in Syrakus an einem 13.12. gemartert worden sein, möglicherweise im Jahre 304 ? Ihr Fest am 13. 12. wurde bereits um 400 erwähnt. Ihre Attribute sind zwei Augen auf einer Schüssel. Auch ein „Kessel über dem Feuer“, gehört zu ihren kirchlichen Darstellungen. Im Jahre 970 holte also „Otto der Große“ den Lucien-Kult nach Deutschland bzw. ins kulturell eng miteinander verbundene Elsass-Lothringen mit seinen bedeutendsten Metropolen - Metz und Straßburg - welche beide im Laufe der Geschichte das gleiche Schicksal erlitten, durch französische Gewaltanwendung Frankreich einverleibt zu werden. Zehn Jahre nach Kaiser Otto I. „hl. Lucia“-Protektion berichtete der Mönch Uffing erstmalig in „Vita der hl. Ida“im Jahr 980 vom Odilia-Kult des Elsässer Klosters Hohenburg. Ganz unverkennbar und unabweisbar handelt es ich dabei um einen exakten Abklatsch des Lucina-Kultes, mit der Absicht, eine ottonisch-reichsdeutsche Lucia-Ottilia zu kreieren, höchstwahrscheinlich, um dem frommen Kaiser Otto I. eine aus Dankbarkeit motivierte Namenshuldigung zu schenken. Die alten Sagen des Heiligen Berges, die sich einerseits auf eine namentlich nicht überlieferte keltisch-germanische Quell- und Berg-Fee bezogen und anderseits auf einen dort einst beheimateten Ritter Oton-Otton, muss diese Kombination ausgelöst haben, so dass es bis ins 13. Jh. hineingehend, zu der immer detailreicher ausgeschmückten Ottilia-Legende kommen konnte. Dass der Berg und sein vor dem Klosterbau bestehender Befestigungskomplex (mächtiger Ringwall/Burg) schon vom alemannischen Volk als Od-Berg, mit der Od-Burg (Alti-oda) geheißen ward, wäre denkbar, ist jedoch nichts als Spekulation. Einer historischen, eigenständigen „Heiligen“ Ottilia/Odilia, Tochter des heidnischen Elsass-Fürsten Ettichon, muss - unabhängig davon - die Echtheit abgesprochen werden. Ihre Gestalt wurde unter „Otto dem Großen“ Ende des 10. Jhs. erfunden und im 12. Jh. von den erwerbstüchtigen Äbtissinnen von Hohenburg, auf dem altheiligen Berg des Elsass, anschaulich, farbenprächtig und werbewirksam ausgemalt. 
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