AM HOLLE-TEICH

Eddachen am Holle-Teich, September 1988
 
 
AM HOLLE-TEICH
 
Am Hohen Meißner, „ei der Daus“,
im Meister-Berg, beim Holle-Teich,
da ist Frau Holle selbst zu Haus,
herrscht hier in ihrem Friedensreich.
 
Des Morgens, zwischen Tau und Tag,
geht Mutter Holle übern See,
auf gold‘nen Schuhen fährt sie hin,
des Heimatlandes gute Fee.
 
Sie streicht mit Händen übers Ried,
dass Halm um Halm sich höher reckt,
sie tippt die braunen Kolben an,
dass sie des Riedes Mehrung weckt.
 
Frau Holle segnet Halm und Blatt,
ist auch dem kleinen Völkchen gut,
Libellen tanzen um ihr Haupt -;
im Osten hebt sich Morgen-Glut.
 
Ihr Schein dringt in den Espenwald,
wie er sich um die Stämme müht,
bald auch den Holle-Teich erreicht,
auf dessen Spiegel Goldglanz sprüht.
 
Frau Mutter Holle tat ihr Werk,
ihr lichtes Haar, von Licht umloht,
glüht auf, zu Sommers Morgenstund‘,
als guter Geister Heil-Gebot.
 
Der Heimat-Göttin Kult-Region,
umschließt das volle Weltgescheh’n,
Kindlein gedeih’n im Holle-Teich,
die Toten in den Berg eingeh’n.
 
Im Weistumsberg Frau Holle wohnt,
rot sinkt die Sonn‘ im Abendschein,
still liegt der See, kein Windhauch weht,
sanft sinkt der Tag zur Nacht hinein.

 

Der Hohe Meißner ist das um 750  Meter hohe Bergmassiv im hessischen Fulda-Werra-Bergland. In dieser Stammregion der alten Chatten/Hessen hielt sich der Glaube an die altdeutsche Volksgöttin deren einer Kultname „Frau Holle“ (Holde / Wohlgesonnene) ist. Der ursprüngliche Name des Hohen Meißners lautet „Wissener“, die erstmalige urkundliche Erwähnung des Namens erfolgte 1195. Der Name ist auf das althochdeutsche Stammwort „wizon“ („Weissager“) zurückzuführen. Die Namenserklärung aus „wiz“ („weiß“) ableiten zu wollen wäre absolut unsinnig, denn alle Berge sind nun mal weiß wenn‘s geschneit hat. Der Name „Meißner“ wird in Akten der landgräflich-hessischen Verwaltung erstmals 1530 erwähnt. Als Weistumsberg passt er haargenau in den Holle-Kultort alter Zeit, weil die Toten - nach dem Glauben - in die Berge zur Erd-Mutter eingehen. Dort hausen die Totenseelen, kürzere oder länge Zeiten in ihren Zwischenstationen, bevor sie aufsteigen zum Seelenkelch der Mondmutter oder eingehen ins Glanzheim „Gimle“ oder nach „Walhall“.
 
Der älteste Beleg zur Mutter Holda/Holle stammt von Bischof Burchard von Worms (1008 /12) in seinem berüchtigten „Beichtspiegel“:Credidisti, ut aliqua femina sit, quae hoc facere possit, quod quaedam a diabolo deceptae se affirmant necessario et e praecepto facere debere, id est cum daemonum turba in similitudiem mulierum transformata, quam vulgaris stultitia Huldam vocat, certis noctibus equitare debere super quasdam bestias, et in eorum se consortio annumeratam esse. (Du hast geglaubt, dass es ein weibliches Wesen gibt, das vom Volk in seiner Dummheit Hulda genannt wird und das tun kann, was einige Frauen behaupten, die vom Teufel verführt sind: Sie müsste nämlich notwendig und auf Grund einer Vorschrift in gewissen Nächten mit einer Schar von Dämonen in Frauengestalt auf irgendwelchen Tieren reiten und gehört zu deren Gesellschaft. Frau Holle ist in der Betrachtung der volksfremden Kirchenagenten eine Dämonin, die im wütenden Heer reitet und mit dem Hexenritt in Verbindung gebracht wird.
 
Zum Mutter-Kultort der „Frau Holle“ gehört der „Kindelteich“ aus dem die Seelen geschöpft werden bzw. volksgläubig vom weißen Schwan oder Storch - dem „Odebar“ (Seelenbringer) - den Müttern zugeführt werden. Der Frau-Holle-Teich (auch Hollenteich) ist ein kleines, natürliches und sagenumwobenes Stillgewässer an der Ostflanke des Hohen Meisner. Im Umkreis von etwa 50 km ist er das am höchsten gelegene stehende Gewässer. Im Jahr 1641 beschrieb Landgraf Hermann als erster den Frau-Holle-Teich. Im Zusammenhang mit dem Teich erwähnte er auch mehrere Sagen über Frau Holle. Ludwig August Freiherr von Münchhausen besuchte im Jahr 1800 den Meißner und beschrieb den „Hollenteich“ als von 40 bis 50 Fuß im Durchschnitt. Die Gebrüder Grimm besuchten den Frau-Holle-Teich ebenfalls im frühen 19. Jahrhundert und erwähnten ihn in ihren „Deutschen Sagen“. Am Frau-Holle-Teich wurden sowohl Feuersteingeräte aus der Steinzeit wie auch Golddukaten aus der Zeit des Kaisers Domitian (81 bis 96 n.0) gefunden. Die Quelle des „Godesborns“ (Gottes-Quelle) in der Mitte des Frau-Holle-Teichs und Regenwässer stauen das Wasser auf einer Tonschicht auf. Den Sagen nach ist der Frau-Holle-Teich unendlich tief und Eingang zum Reich der Frau Holle. Hier soll sich ein silbernes Schloss mit Garten und vielen Blumen sowie Obst und Gemüse befinden, die sie freigiebig vor allem an Frauen und Mädchen verschenkt. Nach einer Sage hat ein Bergmann versucht, die Tiefe des „Hollenteichs“ zu messen. Das hierzu verwendete Senkblei soll den Grund nach 65 Lachtern (entsprechen ca. 104 m bis 156 m) noch nicht erreicht haben. Ferner wird in den Sagen erzählt, dass sich Frau Holle mittags als junge schöne Frau in der Mitte des Teichs badend zeigt. Sie soll ab und zu Reisende oder Jäger verführt oder mit ihnen Schabernack getrieben haben. Auch galt der Glaube, dass aus dem „Hollenteich“ die kleinen Kinder kommen und die Seelen der Verstorbenen in seine Tiefen zurückgeführt werden. Damit hängt der Brauch zusammen, dass junge Frauen in diesem Teich badeten, wenn sie fruchtbar werden wollten. Die „Sonntagskinder“, so sagt der Volksmund, können dort ab und zu ein helles Glockengeläut hören. Hier leben Bestände des Glockenfroschs bzw. der sogenannten Geburtshelferkröten. Weil der Frau-Holle-Teich den Sagen nach als unendlich tief gilt und er weit und breit das höchste stehende Gewässer ist, kommen die „Wasser der Tiefe“ an dieser Stelle dem Himmel so nah wie an keiner anderen Stelle in Nordhessen. Frau Holle soll nach den zahlreichen Sagen sowohl unter Wasser als auch über den Wolken wirken. Diese Verbindung von Himmel und Erde kommt natürlich aus dem Glauben an die gemeingermanische Volksgöttin Freia. Wenn Schulmädchen aus der Umgebung in den Teich schauten und ihr Spiegelbild sahen, dann riefen sie: „Das sind die Kinder der Frau Holle.“ Auch wollten sie im Schilf die Haarspitzen der Ungeborenen erkannt haben. Dieser Brauch war noch in den 1930er Jahren verbreitet.
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