ÄLTESTE FRAU DER WELT

 
 
ÄLTESTE FRAU DER WELT
 
 
Deutsche Archäologen haben im Alb-Donau-Kreis, der schwäbischen Höhle „Hohler Felsdie älteste Frauenskulptur der Welt gefunden. Dort wurden in den vergangenen 100 Jahren rund 25 Elfenbein-Schnitzereien gefunden, darunter das weltweit älteste Musikinstrument. Der Grabungsleiter Nicolas Conard hält es durchaus für möglich, dass die Schwaben das erste Kulturvolk der Welt waren und sowohl die Musik als auch die figürliche Kunst erfunden haben. Womöglich sind sogar erste Religionen auf der Alb entstanden.
 
Die etwa sechs Zentimeter große Ur-Venus-Figur wurde vor 35.000 Jahren aus Mammut-Elfenbein geschnitzt und ist die weltweit älteste figürliche Darstellung eines Menschen. Brü­ste und Vulva der Figur sind überdimensional groß dargestellt und auch Hüfte und Bauch sind überbetont, markante Merkmale von Weiblichkeit. Es handelt sich mit großer Sicherheit um den frühesten künstlerischen Ausdruck von Fruchtbarkeit. Die Darstellung grenze nach heu­tigen Maßstäben an Pornografie, schreibt Conards Kollege Paul Mellars in der „Nature“. Der Fund ist für die Fachwelt so bedeutsam, weil Abbildungen von Frauen aus dieser Zeit bisher nicht bekannt waren, berichtet N. Conard von der Universität Tübingen.
 
Die Arme und Beine der Skulptur sind stark verkleinert, um die Geschlechtsmerkmale zu betonen. Trotzdem hatte der Künstler Details wie Hände sorgfältig geschnitzt. Ein kleiner Ring symbolisiert den Kopf. An diesem Ring haben Steinzeitmenschen die Figur vermutlich als Anhänger getragen. Die „Venus vom Hohlen Fels“ ist bedeckt von feinen Linien, die Kleidung darstellten könnten, vermuten die Forscher. Die Figur erinnert die Wissenschaftler an die in der deutschen Ostmark („Österreich“) gefundene „Venus von Willendorf“, welche jedoch mit 28.000 Jahren 7.000 Jahre jünger ist.

Das Achtal und das benachbarte Lonetal sorgen nicht das erste Mal für Aufsehen, sie gehören zu den archäologisch am besten erschlossenen Gegenden Deutschlands, und zu den ergie­big­sten obendrein. Vier wichtige Fundstellen gibt es in der Region: neben dem Hohle Fels das Geißenklösterle bei Blaubeuren, den Hohlenstein-Stadel bei Asselfingen und die Vogel­herd­höhle bei Niederstotzingen im Kreis Heidenheim. Die älteste bekannte Darstellung eines Menschen stammt aus dem Geißenklösterle bei Blau­beuren. Der sog. Adorant („der Anbetende“) wurde 1979 gefunden. Er ist ungefähr 40 000 Jahre alt. Er hat damit dasselbe Alter wie die ältesten Musikinstrumente der Welt, die eben­falls aus dem Geißenklösterle stammen: eine Flöte aus Schwanenflügelknochen und eine Flöte aus Elfenbein. In der Vogelherdhöhle fanden Archäologen bereits 1933 elf Tierdar­stel­lungen. Zum „Steinzeit-Zoo“ gehörten unter anderem die kleinen Abbilder eines Pferdes und eines Bisons. 2006 entdeckten Professor N. Conard und sein Team dann in der Höhle die älteste komplett erhaltene Elfenbeinfigur der Welt: ein Mammut von knapp vier Zenti­me­tern Länge. Eine der bekanntesten Figuren der Steinzeit stammt aus dem Hohlestein-Stadel bei Asselfingen. 1939 wurde dort der große Löwenmensch gefunden, der heute im Ulmer Museum die Besucher anlockt. Der Löwenmensch hat aber noch einen kleinen Bruder. Auch er ist ein Mischwesen aus Mensch und Löwe und stammt aus dem Hohle Fels. Er zeigt, dass die Höhenzüge der Alb keine unüberwindbaren Barrieren für die Menschen in der Steinzeit darstellten. Beweisen die Funde doch, dass es in zwei Tälern die gleiche Formensprache für Ritualzeichen gab.
 
Die „Venus vom Hohlen Fels“ wurde gemeinsam mit Stein-, Knochen-, und Elfenbein­werk­zeugen gefunden, die typisch für die Kultur des Aurignacien ist, der ältesten Kultur des mo­dernen Menschen in Europa. Zu dieser Zeit sind die ersten modernen Menschen in Europa nachweisbar. Die Schnitzer dieser Ur-Venus waren anatomisch und genetisch moderne Men­schen, die neben den Neandertalern in der Jüngeren Altsteinzeit lebten.
 
Das älteste Auftreten von figürlicher Kunst ist ein urdeutsches Phänomen. Es gibt andernorts keine entsprechenden Funde, die älter als 30.000 Jahre sind. Wissenschaftler sehen in den zahlreichen süddeutschen Fundstätten mit den kleinen Elfenbeinstatuen den Geburtsort der europäischen Skulpturkunst. Die ersten Kunstwerke erklären die Forscher mit weiter entwick­elten kognitiven Fähigkeiten des menschlichen Gehirns. Vielleicht hat sich damit auch die Sprachfertigkeit sprunghaft verbessert, vermuten die Forscher.
 
 
 
DIE VENUS VOM HOHLEN FELS
 
Ein Weibelein der Schwäb‘schen Alb,
59 Millimeter hoch, dazu einhalb,
so klein und fein, aus Elfenbein,
in Zigarettenschachteln passt es rein.

Im „Hohlen Fels“ war sie zu Haus,
bei Schelkingen grub man sie aus.
Einst flossen hier der Ströme viel,
drum war‘s der Urzeit-Schwaben Ziel.

Die Mammuts und den Höhlenbär,
jagte der Mensch mit seinem Speer.
Hart war das Leben, voll der Qual,
an den Ufern vom Ur-Donau-Tal.

Und so wie heut‘ war‘s immer schon,
Zerstreuung von des Alltags Fron,
gab Lieb‘ und Lust zur Urwelt-Zeit,
allein der Leib vom holden Weib.

Die pralle Frau stand stets im Sinn,
zu ihr dacht‘ jeder Kerl sich hin,
und hätt‘ er keine zu Tanz und Balz,
band er sich eine um den Hals.

Da war auch ein geschickter Mann,
der fing sogleich mit Schnitzen an;
aus Mammut-Zahn gedieh das Werk,
als Anhänger, sein Venus-Zwerg.

Das Köpfchen schuf er sich als Ring,
damit es ihm am Riemchen hing‘,
Vulva und Brüste formt‘ er schwer,
so träumte er sich‘s ungefähr.

Und was er damals schön empfand,
ist fünfunddreißigtausend Jahre alt,
ist die älteste Dame der ganzen Welt,
die uns noch heut‘ als Fund gefällt.
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