DIE WEISEN FRAUEN

 

Vor der Christianisierung unserer Heimat genossen die Frauen bei Kelten und Germanen eine hohe Würdigung; sie waren im Priesteramt und als Volksführerinnen geachtet. Das schlug sich in den keltisch-germanischen Mischgebieten nieder in Gestalt hunderter Zeugnisse, wie z.B. dem hier gezeigten „Matronenstein“ im Bonner Museum. Aus dem germanischen Begriff für die drei Schicksalsmütter, den „Nornen“, wurde die spätere Bezeichnung der „Nonnen“ hergeleitet. In Sagen und Märchen blieben die Berichte von den hilfreichen, wissenden „Weißen Müttern“, den helfenden „Heilrätinnen“ erhalten, die dann unter der zunehmenden christenkirchlichen Verteufelung zu „Hexen“ (Hagsen/Hagfrauen) abgestempelt und zu Zehntausenden gejagt, gefoltert und verbrannt wurden. Von diesen schrecklichen Untaten hat sich die Christenkirche bis heute nicht gehörig distanziert und um Entschuldigung beim weiblichen Geschlecht gebeten.

 

DIE WEISEN FRAUEN

 

Einige wenige Namen nur blieben erhalten,
die wahrten das Wissen vom weiblichen Walten.
Vielwissende Frauen gab's viele im Land,
sie wurden als „Weiße Frauen“ bekannt.
Sie rieten das Recht, und sie tadelten Trug,
sie führten die Völker mit fraulichem Fug.


Die Volksmütter mahnten auf Thron und Turm
bei Frieden und Freude, in Streit und Sturm.
Sie errieten die Runen im ragenden Reigen
und Runengeritze auf Zauberzweigen.
Sie übten die Sudkunst mit sorglichen Händen,
aus Sprudeltöpfen die Saelde zu spenden.


Manch Süchtiger, Siecher um Segnungen bat,
selbst Recken reisten um redlichen Rat.
Sie weihten der Welten wonnige Weiden
dem Heimatvölkchen der Hügel, der Heiden.
Sie weihten das Wohl der Wachen und Toten,
sie wussten ums Wispeln der weisenden Boten.
 

Sie wussten der heimlichen Winke zu warten,
jenseitiger Zeichen vielfältigste Arten:
des Falken Flug und des Schuhus Schrei,
das Schmauchen des Rauches am Opfer-Lei,
der Fladen und Flecken Fasern und Falten,
des garenden Gutes Gaukelgestalten,
 

des Galstertopfes Getriebe, Getrifte,
durch Loh und um Lei die listlichen Lüfte,
das rätische Raunen der rührigen Quelle,
das Wispern und Wabeln der wissenden Welle,
des Machtmondes misslicher Mummenkranz,
im moorigen Moosgrund den Munkeltanz,
der lichtreinen Rosse rätliches Regen,
ihr Scharren, Schnauben, Stampfen und Stegen.
 

Sie wussten die Runen zu würfeln, zu werfen,
im seligen Suchen die Sinne zu schärfen,
im ratklugen Ringen zu ramen, zu reifen,
Stäbe des Schicksals ergreifend begreifen,

die Losorakel zu leisten, zu lesen -
zu lösen, zu liezen, zu wikhen, zu wesen.
 

Sie wussten den wütenden Wettern zu wehren,
der mästenden Nässe Menge zu mehren,
den Regen zu reizen aus himmlischen Risten,
mit „Lagu und Lauka“ und huldreichen Listen.


Der mich‘ligen Muntmütter Minne und Munst,
der wissenden Weiber gedeihliche Gunst,
ihr lohnend und strafend Gebaren, Gehaben,
aus göttlicher Mutter vermittelte Gaben,
erwirkten zum Wohle das waltende Wetter,
erschlugen den Schädling mit Hagelgeschmetter,
erwählten der Witterung Wechseln und Währen,
der Winde, der Wolken gewaltiges Gären,
des Jahrganges Regel vom Lenz bis zur Rüste,
der Gauen und Marken, in Bergland und Küste.

 

Massig die Macht der Mutter - der Mütter,
und mitten im Kraftfeld, im Wirkungsgitter,
da flossen des ewigen Lebens Fluten,
dort war des Mondes Macht zu vermuten -
da kringelte Kraut gegen Krankheit und Not -
die Mittel der Mütter besiegten den Tod.


Sie leisteten Leben im liebenden Streben,
durch Lagu und Lauka Genesung zu geben,
Gesundung von Siechtum und Todes-Sein,
durch Lina und Lauka und Lunenschein.

 

Begriffserklärungen:
 
"Lagu und Lauka" ist ein germ. Formelwort für Heilawag (Heilwasser) und Heilkraut
"Lina und Lauka" ist ein germ. Formelwort für die Heilkräfte aus reinem Tuch und Heilkraut
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