HESSISCHE HEXEN-NACHT

 

HESSISCHE HEXENNACHT

 

Ein Ruf zieht durch die Zaubernacht:
„Der Sommer beginnt, der Sommer beginnt -,
habt züchtig Ihr Euch aufgemacht ?
Kommt her zu mir, Ihr seid mein Kind !“
 
Die Balborg ruft zum Bechtelsberg -
Walpurgis ward sie auch benannt -
zum Feier-Kreis, zum Hägsen-Werk,
zum Mutter-Fest im Hessen-Land.
 
Frau Bertha hört im Schlaf den Ruf,
aus tiefem Traum schrickt sie empor,
sie braucht kein Rad, braucht keinen Huf,
ihr Besen trägt sie aus dem Tor.
 
Der Fege-Besen weiß die Fahrt,
der Birkstamm gilt Frau Mutter heilig,
so ist’s nach weiser Brauchtums-Art,
drum fliegen Birken-Besen eilig.
 
Hoch in den Himmel geht der Ritt,
vieltausend treue Hägsen schwärmen,
zieh’n jährlich neue Schwestern mit -;
nur feinste Ohren hör’n ihr Lärmen.
 
Hinfort -, hinein ins Herzland hin,
zum heiligen Schwalm-Eder-Gau,
heut’ freit der Götter Königin,
die Holle-Becht, die Weiße-Frau.
 
Ins Adel-Feld, nach Alsfeld geht’s,
vorbei am Heidel-Berg und -Bach,
dort blieb seit ew’ger Vorzeit stets,
das Wissen um Walpurgis wach.
 
Dort trieben Christen diesen Ulk,
bauten der Göttin eine Kirch’ -;
darüber schwirrt der Besen-Pulk,
das machte nie ein Hägslein wirsch.
 
Doch schaut ein Pfaffe je nach oben,
gewahrt zur Nacht den Weiberreigen,
wird er vom Hexenschuss verschoben,
wird nie die Kanzel mehr besteigen.
 
Bald finden sich die Scharen ein,
die frohen Gäste sind am Ziel -;
aus Hörnern schäumt der Honigwein,
beim Reigentanz und Liebesspiel.
 
Heimchen und Holden ohne Zahl,
begrüßen sich im Festnachts-Bausch -;
Frau Walburg küsst den Herrn Gemahl -;
die Wuchskraft tanzt im Werde-Rausch.

 

PS: Der Bechtelsberg bei Berfa, Nähe Alsfeld, ist der hessische Hexentanzberg, zu dem in vergangenen Jahrhunderten die Jugend zog, um die Nacht zum 1. Mai, dem alten Sommerbeginn-Datum, zu feiern. Als Zeugnis für die starke Tradition des altdeutschen Walpurgis-Mutterkultes ist die Alsfelder Urkirche der Göttin Walpurga geweiht. Ihre Mittelachse ist nicht, wie üblich bei christlichen Gotteshäusern, geostet, sondern um 45° nach Nordosten ausgerichtet, zum altgläubigen Sonnenaufgangs-Azimut. Auch die kleineren romanischen Vorgängerbauten aus der Missionszeit des 9./10. Jahrhunderts waren in gleicher Richtung angelegt. Diesem Befund ist zu entnehmen, dass der Kirchenbau auf einem heidnischen Vorgängertempel der Göttermutter errichtet sein muss.

Die Besen fertigte man aus Birkenreiser und die Birke, der weißhäutige Frauenbaum, war der alten Göttin heilig -; deswegen reiten die Hägsen, die altheidnischen Dienerinnen/Priesterinnen der Göttermutter (Frau Holle, Frau Bechte, Balpurga) auf Besen zum Liebesfest der Großen Mutter in der Nacht zum 1. Mai.

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