DIE WEISSAGUNG

 

DIE WEISSAGUNG
 
Schwarze Mönche zerrten sie aus dem Turm -
der Pöbel lief grölend zusammen -,
ihre roten Haare peitschte der Sturm,
als stünde ihr Haupt schon in Flammen.
 
Aus der gaffenden Menge löst’ sich ein Schrei:
„Da seht doch des Altglaubens Priesterin,
die hauste im Wildhag am Heidenlei -
lasst sie brennen die Hexe, die Teufelin !
 
Zwar hat sie geholfen aus mancher Not,
doch scheint ihre Schuld gut begründet,
ihre Hilfe brachte den Seelentod,
so hat es der Bischof verkündet !
 
Ihre Kräuter suchte sie ohne Gebet,
ohne Bibel heilt’ sie die Kranken,
doch was ohne kirchlichen Segen gerät,
das muss sie Dämonen verdanken !
 
Aus Runen las sie der Zukunft Gestalt,
ihr Vorhergewusstes traf allzeit ein;
ein Abgott schenkte ihr diese Gewalt,
dafür büßt sie mit ewiger Höllenpein !“
 
Jetzt hebt man sie hoch und schnürt sie an,
ihre grünen Augen sind starr und weit,
schon züngelt das Feuer den Pfahl hinan.
Hört nur die Weissagung, die sie da schreit:
 
„Welch seliger Trost in schrecklicher Stund’ -
  Oh Wode, ich dank’ dir für dies Gesicht -
ein besserer Morgen, er wird mir kund,
da die Pfaffenkirche zusammenbricht.
 
So klein schrumpft ihr Wahn, man sieht ihn kaum -
immer winziger wird er wohl Stück um Stück.
Auf dem Rücken des Esels findet er Raum,
den jagt ein Gelächter nach Rom zurück !“
 
Verstummt ist ihr Mund, ihr Wort aber lebt.
Ihr Leib ist zu Asche und Erde verbrannt.
Unbezwingbar die Zeit nach Erfüllung strebt -;
einst wirst du frei sein, mein deutsches Land.

 
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