ABSEITS DER GLÄUBIGEN HERDE

 

 

ABSEITS DER GLÄUBIGEN HERDE

 

Abseits steh’ ich,
an den hohen Pfeiler gelehnt -,
die Herde hockt beisammen.

Ich schau in die Kerzenflammen,
wie sich das Feuer duckt und dehnt.
 
In den Augen
der gläubig starrenden Menge
flattern die Lichtreflexe,
wie kleine Gedankenkleckse
in christlicher Hirnesenge.
 
Der Ritus steigt -,
die Herdenköpfe neigen sich.
Der Priester richtet seinen Wahn
nach uralter Methode an.

Zum Kultmahl lädt Jehovas Tisch.
Mit leerem Sinn
erheben sich die Reihen bald.

Der „Hirte“ reicht den Braven, vorn,
ein rundes Stück gebacknes Korn -,
den Lohn für treue Einfalt.
 
Mich rührt die Not, -
ich fühle, dass ich weine.
Du Volk, deine Ehre, dein Leben,
dein Selbst hast du hingegeben
dem Zauber im Kerzenscheine.
 
Ich seh’ dich Mensch,
wie einen alten, starken Baum -,
deine Wurzeln liegen zerschlagen,
und deine welkenden Äste ragen
hinein in einen irren Traum.
 
(1958)
 
Bild: Messe im Kölner Dom
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