Die Götter Thuiskons

 
Karl Ludwig August Heino Freiherr von Münchhausen (1759-1836)
war ein hessischer Offizier und Schriftsteller.
 
 
Die Götter Thuiskons
 
O ! wer gibt uns unsre Götter wieder ?
Wer betritt der Vater-HeIden Bahn ?
Singt uns niemand neue Barden-Lieder ?
Lebt denn nirgend mehr ein Ossian ?   
 
Von der Fremden süßem Gifte trunken,
Angepestet von der Mode Hauch,
Ist die deutsche Größe tief gesunken,
Und der Heimat hohe Dichtung auch.
Längst geht sie in eignen Fluren irre,
fremd sich selbst, in Üppigkeit und Tand;
Mit des Auslands fabelndem Gewirre
Gastet sie nur noch durchs Vaterland.
 
Hier liegt vor uns eine Götterlehre,
Stolz und kühn gedacht, und doch so zart;
Mit Natur und Phantasie die Ehre,
Witz mit Word und Ernst mit Reiz gepaart.
Warum soll ich nun zum Griechen sagen:
„Nachbar, borge mir dein Feierkleid !“
Wenn es mir von seinem Strahlen-Wagen
Schon so reich der hohe Norden beut ?
 
In der Heimat reizendem Gewande
Tritt auch hier die Fabel auf den Plan:
Doch nur mit der Würde Stirnen-Bande
Darf die Dichtkunst sich dem Tempel nah‘n.
Ist zum Adlerflüge weiser Wilden
Unser Geist im fremden Joch erschlafft ?
Ward, den schönen Umriss vollzubilden,
Uns kein Fünkchen Kunst und Wissenschaft ?
 
Möchten doch fortan auf unsren Hügeln
Bragis und Apollens Tempel stehn !
Lasst den Genius mit Zwillings-Flügeln
Heil’ge Würd‘ und reine Schönheit weh‘n,
Ehmals sang der Bard‘ in Hirten-Hütten
Helden-Zorn, der Legionen schlug.
Dichter adeln und verderben Sitten
In der Königs-Hall‘ und hinterm Pflug.
 
Singt ! Ihr Dichter ! Singt uns Barden-Oden,
Sprache, die einst Herrmanns Herold sprach -
Ha ! dann stürzt der Feinde Heer zu Boden.
Unter deutscher Keulen Donner-Schlag.
Statt mir Amor und Liber zu scherzen
Und zu bübeln mit Cytherens Glück,
Singt uns deutschen Sinn in deutsche Herzen,
Singt uns Würd‘ und innern Wert zurück.
 
 
Karl Freih. von Münchhausen, 1816
 
(Ossian = greiser, blinder irischer Sänger)
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