ANDACHTSWEISE DER G-O-D

 
 
ANDACHTSWEISE DER G-O-D
 
Aller Asen acht‘ ich, den würdigsten Wodin !
Weisheit sein Wort, Wunder sein Werk, wonnig sein Weh‘n.
Wenn in weichem Weben frühe Frühlingsknospen er küsst,
Können die Kleinen die Kelche nicht mehr schlummernd verschließen:
Sie öffnen die Augen, und erweckend küsst er kosend ihren Atem.
Aber Wodin auch stürzt im Sturm die Stämme uralter Eichen !
Sein Hauch hetzt die Helden in treffliche Taten und tapferen Tod:
Jubelnd und jauchzend jagen sie jäh in spitzige Speere,
In geschwungene Schwerter blutiger Schlachten.
 
Selig im Siege, getrost auch im Tode.
Denn sie wissen, es werden die weißen Walküren
Zu Walhalls Wonnen tragen die Treuen,
Die lachend erlegen, fechtend und fallend
Für die heilige Heimat und des Hauses Herd.
Auf Erden aber ehrt sie unendlich der Sänger Gesang –
Sie leben leibhaftig im Liede !
In den Hallen noch hört man Harfen von Helden,
Die doch der Hügel längst überhöht.
Wer aber wies die Sänger, zu singen ?
Wer lehrte das Lied und die hallende Harfe ?
Wer anders als abermals Wodin, der Edle !
 
Der Schläger der Schlachten ist selbst ihr Sänger:
Sangvater ist Siegvater, Siegvater Sangvater zugleich !
Und wer wies der Wahrheit gewundene Wege
Dem begierigen Geist, dem forschenden Frager
Nach Anfang und Ende des unendlichen Alls ?
Was da gewonnen an Wissen und Wahrheit
Der mühseligen Menschen grübelnder Geist: -
Alles hat Wodin uns offenbaret in seinem ODING!
Er hat das hohe, das heilige Geheimnis geritzter Runen
Seine Lieblinge lösen gelehrt!
Stumm, doch verständlich mit verschwiegenen Schritten,
Ein heiliger Herold, schreitet die Runschrift:
Ein beredter Bote von Ahnen zu Enkeln,
Von Urzeit zum Heute, von Bruder zu Bruder !
 
Trägt sie getreulich köstliche Kunde,
wachsende Weisheit pflegend und pflanzend,
Von Geschlecht zu Geschlecht, wie des Feuers Flamme
Selbst nicht versiegt, ob es auch andern oftmals
Segen sprühend gespendet.
Retter und Vater des Nordens mühevoller Menschheit
Ist der rabenumrauschte Runenvater:
Alles ist Wodin, was hoch ist und herrlich,
Was wonnig und weise, was stolz und was stark!
Seinem ODING öffnet die Ohren,
Jener Ode der runischen Ordnung.
Lobt ihn im Liede, ehrt ihn mit Andacht, solang ihr lebet.
Und fallen einst herrlich in Helmen die Helden,
Dass fröhlich ihr fahret nach Asgard zu Wodin,
Ewig in Walhalls Wonnen zu wohnen !
 
 
Worte: Nach Felix Dahn
Bild: Heidnischer Tempel-Entwurf („Tempel der Tat“) von Fidus
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