DIE HEL

DIE HEL
 
 
DIE HEL
 
Ihr Bild ist schief, ihr Blick ist scheel,
im tiefsten Grund hockt Mutter Hel -;
von Menschenangstschweiß ist betaut,
halb weiß und schwarz wirkt ihre Haut.
 
Wer kennt wohl ganz ihr Angesicht ?
Nur dem das Herz im Leib zerbricht,
des’ Blutstrom in den Adern stockt,
so dass der Tod zur Hel ihn lockt.
 
Und kehrt er frisch zur Erd’ empor,
sein Seelen-Sinn ihr Bild verlor -;
doch sieht er Elster-Flügel schwirr'n,
scheint sich ihr Anblick zu entwirr'n.
 
Kein Erden-Mensch weiß es genau,
wie herrscht die Hel, die Höllen-Frau,
ist milde, müd’ sie -, dumpf von Art,
oder mit Schrecknis auch gepaart ?
 
Bestraft die Mutter, tief im Boden,
der reinen Geister Antipoden -,
müssen bei ihr durch Folter-Qualen,
die Lügen-Geister Buße zahlen ? 
 
Lässt quälen sie die Christen-Seelen,
im Lehrstück für ihr Irrtums-Wählen,
schlägt man Christen dort mit Stangen,
weil sie dem falschen Gott anhangen ?
 
Denn läutern wird die Hel gewiss,
vielleicht durch einen Schlangenbiss,
des’ heilend’ Gift die Seele dreht,
dass einst ein Besserer aufersteht ?
 
Wer zur Natur sich nicht bekennt,
lebt fern von jedem Sakrament -;
nur Gott-Natur weiß rechte Bahn,
der Zukunftsmensch besiegt den Wahn.
 
 
PS: Aus der skandinavischen spätheidnischen Literatur kennen wir Textstellen, aus denen hervorgeht, dass die Seelen-Geister verstorbener Christen-Frauen als böswillig spukende Gespenster angesehen werden konnten, vor denen man sich ängstigte und gegen deren schädigende Einflüsse auch Abwehrmittel angewendet wurden. Böse (Christen-)Geister - die sich von den Göttern der Heimat losgesagt hatten - glaubte man bei den Straforten der Hel.
 
Zur Hel: Jan de Vries schreibt in seiner altgermanischen Religionsgeschichte: „Die düstere Grabstätte ist eine Totenhalle; sie heißt Hel, ein Wort, das "die Verhehlende, die Verhüllende" bedeutet. Im Laufe der kulturellen Entwicklung erweitert sich der Begriff zu einem Totenreich, und dessen Herrscherin heißt ebenfalls Hel, ein Wesen, dem dämonische Züge anhaften, das aber doch auch mit einer gewissen Ehrfurcht beschrieben werden kann.
 
Gerade die Vorstellung einer allgemeinen Totenwelt ist in der Poesie vorherrschend. Die Vorstellung der ,Hölle’ [Höhle] als Aufenthaltsort der Toten ... Fürchterliche Flüsse, die mit gräßlichem Lärm rauschen, strömen um sie herum, wie Valglaumnir oder Gjöll... Über den Fluß Gjöll führt eine Brücke ... Modgudr (Módgudr) heißt die Magd, die diese Brücke bewacht. Der aus arischer und griechischer Mythologie bekannte Höllenhund steht auch am Eingang der germanischen Hölle, in Balders draumar 23 wird er mit bluttriefender Brust beschrieben und bedroht sogar Odin. Ist man an der Brücke vorbei, so kommt man vor eine Einhegung, die helgrind, nigrund oder valgrind. Der lebende Held Hermodr (Hermódr) muß darüber hinweg springen; aber für die Toten öffnet sich das Tor. Schnell muß man aber hindurchschlüpfen, sonst fallen einem die Türflügel auf die Fersen; deshalb kommt auch der Held mit einem großen Gefolge....“
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