DER GALLO-RÖMISCHE DREI-MÜTTER-KULT

Copyright Gerhard Hess / Julmond 2020
 
Lesedauer ca. 90 Minuten
 
Abb. 1 + 2 - Ab dem Jahre 38 n.0 - Die drei vergöttlichten Schwestern des röm. Kaisers Caligula: Securitas (Sicherheit), Concordia (Eintracht) und Fortuna (Glück)
 
Abb. 3 - Römisches mütterkultisches Steinrelief an kathol. Pfarrkirche „St. Ottilia“ in Rüdenau, Lkr. Miltenberg, am Main.
Abb. 4 - Steinskulptur im Dom zu Worms - Mütterkult Interpretatio christiana:
Warbede, Embede, Wilbede, um 1430, ursprünglich im ehemaligen Bergkloster.
 
Abb. 5 + 6 - Drei-Matronen, Fig. 7 + 8 aus Max Ihm, „Der Müt­ter- oder Ma­tro­nen­kul­tus und sei­ne Denk­mä­ler“, 1887, S. 42f: „Wie ich bereits bemerkt habe, sind die drei Göttinen selten stehend dargestellt. Hierher gehört das Metzer Relief der deae Matrae (Fig. 7), welche noch im vorigen Jahrhundert als die drei Marien verehrt wurden. Ein Gewandtstück fällt vom Hinterkopf über den Rücken herab. Wir fanden auf gallischem Boden als Attribut der Göttinnen das Füllhorn. Auf einem im Lande der Lingones (Côte d‘Or) gefundenen Relief ohne Inschrift (Fig. 8) erscheinen drei weibliche Gestalten, von denen jede ein Füllhorn trägt, … Ich trage keine Bedenken, in diesem Relief eine Darstellung der Mütter zu sehen.“
 
Abb. 7 - Stadtrömisches Relief, 160 n.0, das ein centurio der legio VII gemina den Suleviae und Campestres, den Schutzgöttinnen des Exerzierplatzes, weihte.
Aus M. Ihm, „Der Müt­ter- oder Ma­tro­nen­kul­tus und sei­ne Denk­mä­ler“, 1887, Fig. 18.
Abb. 8 + 9 - Ubische verheiratete Frau und Mädchen als Seitenmotive auf Weihealtar für die Matronae Aufaniae, aus G. Bauchhenß, „Füllhörner und andere Nebenseitenmotive“, 2010, S. 154, Abb. 10. (in LVR-Landesmus. Bonn).
 
Germanischer Göttinnenkult
 
Dass auch die Germanen Göttinnen verehrten kann und soll nicht bestritten werden, dafür sind hinreichende Beweise in Fülle vorhanden, doch ob der „Drei-Mütter-Kult“, dessen Zeugnisse wir fast ausschließlich im Raum um und westlich der Stadt Köln vorfinden, als urgermanisch gedeutet werden darf, sollte einer noch stengeren Prüfung als es bisher geschah, unterzogen werden. Andreas Ferch hat über die Nachweise des altdeutschen Frauenkultes eine empfehlenswerte Zusammenschau geschaffen: „Die Kultur der Frauenberge - Unsere verschollene Geschichte“, 2020. Beispielsweise sind „Friagabis“ (Freigibige) und „Baudihillia“ als Namen germ. Göttinnen belegt, die inschriftlich aus Vercovicium, einem Hilfstruppenkastell am nordenglischen Hadrianswall, aus dem Ende des 2. Jhs gefunden wurden. Beide werden als „duabus Alaisagis“ (die beiden Allgeehrten) bezeichnet. Die Inschrift wurde von einer röm. Auxiliareinheit der Truppe „Hnaudifridi“ errichtet. Sie lautet: „Deabus // Alaisia/gis Bau/dihillie / et Friaga/bi et N(umini) Aug(usti) / n(umerus) Hnau/difridi / v(otum) s(olvit) l(ibens) m(erito)“ = „Den Göttinnen der Alaisiagae, Baudihillia und Friagabis und an die Göttlichkeit des Kaisers hat die Einheit des Hnaudifridus ihr Gelübde gern und zu Recht erfüllt.“ Der Name einer weiteren germ. Göttin lautet Deae Garmangabi“, er ist auf der Weiheschrift eines Votivsteins, aus 240 n.0, zu finden. Die Stifter waren eine dort stationierte germanische bzw. suebische Standartenträger-Abteilungvom röm. Lager Longovicium bei Lanchester Durham, südlich des Hadrianwalls. Die Inschrift lautet: „Deae Gar/mangabi / et N(umini) [[Gor[di]]]/[ani] Aug(usti) n(ostri) pr[o] / sal(ute) vex(illationis) Suebo/rum Lon(govicianorum) Gor(dianae) vo/tum solverunt m(erito)“ = „Der Göttin Garmangabis [„germanische Geberin“ nach Grienberger/ Kauffmann] und der Göttlichkeit des Kaisers Gordian hat die suebische Standarteneinheit vom Lager Longovicium ihr Gelübte gern und zu Recht erfüllt.“ Die Spender waren angeworbene Hilfstruppen aus dem damals an die röm. Grenzen drängenden freien Teil Nordgermaniens und nicht aus dem röm. besetzten „Germania inferior“. Der germ. Wortstamm „gabi(s)“ = geben-schenken-bieten findet sich im deutschen Wort Gabe, im Englischen als „gift“ und „give“. Als gebende/schenkende Göttin erscheint in den mittelalterlichen nordgerm.-mythologischen Texten die „Gefion“ und als Beiname „Gefn“ für die altnord. Göttin Freya-Frigga - den Formen der gemeingerm. Hauptgöttin Frija-Frea. Die Idee des Geschenks erscheint auch in der germ. Runenmythologie als achtzehnte ODING-Rune „Gebo“, in Gestalt des Malkreuzes bzw. Vermehrungskreuzes. Eines kann und muss ganz klar und bedingungslos gesagt werden: Der Drei-Matronenkult ist kein germanischer Glaubenszug, vielmehr ist er gallorömischer Natur, er stammt aus den westgallischen und oberitalisch-gallischen Gebieten und ist durch römische Legionäre in die römische Provinz Niedergermanien verpflanzt worden, wohin die röm. Gewaltherrschaft auch den germ. Stamm der Ubier deportiert hatte. Der vom römischen Kaiser Caligula im 1. Jahrhundert, mittels seiner Münzprägungen inszenierte Drei-Schwestern-Kult, könnte eine Initialzündung, ein Ideenauslöser der möglicherweise behördlich verordneten römischen Militär-Religion der Tres-Matronae gewesen sein, und zwar speziell für die zumeist keltischen Legionäre des Grenzgebietes „Germania inferior“.
 
Die Matronen-Kulte
 
Kontinentale Übersichtskarte der Matronenkultstätten -
dunkle Punkte = Matronen-Weihungen mit Beinamen,
helle Punkte = Matronen-Weihungen ohne Beinamen
(nach Rüger, 1987)
 
Als im Jahre 50 n.0 am Ort einer bereits bestehenden Siedlung die röm. Kolonie Köln durch die Ansiedlung von röm. Veteranen gegründet wurde und den Namen „Colonia Claudia Ara Agrippinensium“ erhielt, wurde im Stadtzentrum eine ausgedehnte Forumsanlage errichtet. Bereits unter Kaiser Augustus wurde ein großer Heiligtumsbezirk mit zentralem Altar für den vergöttlichten Kaiser (Kaiserkult) aufgebaut, der als politischer und kultischer Mittelpunkt für die im Aufbau begriffene Großprovinz „Germania inferior“ zu dienen hatte. Der senatorische Statthalter, der im Jahr 84 n.0 eingerichteten Provinz, residierte in einem eindrucksvollen Palast über dem Rheinufer. Sofort nach ihren großflächigen Landnahmen in Gallien und Germanien errichteten die Römer mächtige und imposante Denkmäler, um die fremden Bevölkerungen zu beeindrucken, mit dem Zweck, sie zu romanisieren, insbesondere, sie ihrem augusteischen Kaiserkult zu unterwerfen. Von den großen Standbildern des Augustus, zu Pferd wie in zwei- und vierspännigen Wagen, und seinen Familienangehörigen aus Stein und Bronze, wurden zahlreiche Trümmerreste gefunden. Selbst im rechtsrheinischen Germanien, das ja zunächst nur für eine recht kurze Zeit im Zuge der augusteischen Expansion, d. h. zwischen 12 v. und 9 n. 0 unter direkte röm. Kontrolle gekommen war, lassen sich solche frühen statuarischen Ehrungen des röm. Herrschers nachweisen, so in Wiesbaden, wo ein Bildnis des Augustus gefunden wurde. Die weiblichen Mitglieder des iulisch-claudischen Kaiserhauses fanden ebensolche Vergötterungen, wie beispielsweise Livia Drusilla, die langjährige dritte Ehefrau des Augustus. Nach dessen Tod ist sie als „Iulia Augusta“ als erste Römerin mit dem kaiserlichen Titel „Augusta“ bedacht und von ihrem Enkel, Kaiser Claudius, ab 42 n.0 zur Göttin „Diva Augusta“ erhöht worden. Von ihr, der Großmutter des Claudius und des Caligula, fand man in Trier ein überlebensgroßes Porträt, das zu einer fast 4 m hohen Kolossalstatue gehört haben muss. „An anderen Orten - wie etwa in Kempten - gab es zu dieser Zeit offenbar noch gar keine ausgeprägten städtischen Strukturen, so dass sich die Denkmäler mehr oder minder ,auf der grünen Wiese‘ befunden haben dürften“, schreibt Christian Witschel, in „Die epigraphische und statuarische Ausstattung von Platzanlagen im röm. Germ.“, 2016, S. 121f. Bei Waldgirmes/Wetzlar hat man eine umwehrte röm. Siedlungsanlage ausgegraben, die mindestens bis zur „Varus-Katastrophe“ im Jahr 9 n.0 bewohnt war. Im Bereich des Forums mit angrenzender Basilika fanden sich zahlreiche Fragmente mehrerer Reiterstatuen aus vergoldeter Bronze (darunter ein Pferdekopf mit verziertem Geschirr), die auf dem Platz gestanden haben dürften. Auf Letzterem wurden zudem fünf Gruben ausgegraben, bei denen es sich um die ausgebrochenen Fundamente von großen Statuenpostamenten handeln muss. Dargestellt waren auch hier wahrscheinlich Mitglieder der Kaiserfamilie, darunter sicherlich Augustus selbst. Auch im obergermanischen Avenches (deutscher Name: Wiflisburg, im schweizer Kanton Waadt) fanden sich fünf überlebensgroße marmorne Kaiserskulpturen von auffällig hoher Qualität, darunter eine Gewandstatue der „Agrippina maior“ (14 v.-33 n.0), der Mutter des Caligula, sowie der Rest eines Standbildes von kolossalem Format, welches in einer Hand ein Blitzbündel oder Szepter hielt, wohl eine Darstellung des „Divus Augustus“ (göttlicher Kaiser). Die Gruppe wird in späte tiberische oder caliguleische Zeit datiert und stellte Mitglieder des iulisch-claudischen Kaiserhauses dar. Diese extrem aufwendige kaiserlich-propagandistische Bautätigkeit des 1. und 2. Jahrhunderts flaute in der Folgezeit ab. S. 122 ff: „Die spätesten uns bekannten statuarischen Ehrungen für die Herrscher aus zivilen Kontexten in der Provinz Germania superior stammen aus der severischen Epoche, d. h. aus dem ersten Viertel des 3. Jhs..“ In Neuenstadt am Kocher (Lkr. Heilbronn) wurde eine Herrscherstatue von einem Unbekannten errichtet, der sich als Inhaber der Ehrenämter als „Stadtrat und Kaiserkultpriester” kenntlich machte. In Brigantium (Bregenz), in der Provinz Raetia gelegen, wurden im Bereich des Forums die Überreste von mehreren, teilweise vergoldeten Bronzestatuen geborgen, darunter die Hand einer Göttin (Füllhornträgerin) von kolossalem Format sowie Fragmente einer Reiterstatue. Es bleibt festzustellen, dass die iulisch-claudische Epoche auch in den beiden germanischen Provinzen in Form von megalomanen Statuen der vergöttlichten Kaiser und ihrer Frauen Kultanreize für die eingewanderten röm. Bürger sowie die uransässigen Bevölkerungen schuf, welche in die nachfolgenden Jahrhunderte hineinzuwirken befähigt waren.
 
Noch in der Spätzeit röm. Besatzung Germaniens sind zahlreiche aufwendige Denkmäler seitens der röm. Militärbehörden zu Ehren röm. Göttinnen und weiblicher Genien aufgeführt worden, die den sich entwickelnden späteren regionalen deutschen Volksglauben zweifellos mitgeprägt haben. Aus des röm. Kaiser Maximinus Thrax (173-238) Regierungszeit liegen eine Reihe von Inschriften aus der Germania superior vor. So wurde im Untertaunus-Kastell Zugmantel und dem Hochtaunus-Kastell Saalburg je eine Statue des Kaisers errichtet. Im Dezember 232 errichtete im röm. vicus Öhringen das „collegium convenarum“ (Vereinigung von Kaufleuten) zwei Statuen des Hercules und der Diana. Zur gleichen Zeit wurde dort eine Minerva-Statue mit Basis durch einen Quaestor (Polizeibeamter) restauriert. Es gibt mehrere Inschriften, die die Sieghaftigkeit des röm. Kaisers Severus Alexander (208-235) gegen die Germanen 234/35 behaupteten, beispielsweise die Victoria des Kaisers aus Regensburg, vor allem aber für zwei Säulenmonumente, die vor den Toren des Kohortenkastells Miltenberg-Altstadt errichtet wurden. Diese waren der Victoria Perpetua (Ewige Siegerin) geweiht und wurden vermutlich von einer Statuette der Siegesgöttin bekrönt. Dazu zwei Säulenmonumente für die Victoria sowie eine Statuengruppe mit Fortuna, die im Badegebäude des Kastells gefunden wurde. Gestiftet wurden die Denkmäler zwischen 231 und ca. 234 von dem örtlichen Truppenkommandanten unter der Aufsicht des obergermanischen Statthalters Sex. Catius Clementinus, der auch eine Weihung an die Nymphen in Gonsenheim bei Mainz für das Heil des Kaisers vornahm. Ein in Dalheim (Gallia Belgica) aufgefundener Altar für die Göttin Fortuna berichtet davon, dass die „Porticus“ (Säulengang) der örtlichen Bäder restauriert werden musste, da sie durch Germanen bzw. die „Gewalt der Barbaren“ zerstört worden war (s. dazu Christian Witschel, „Die Provinz Germania Superior im 3. Jh. …“, 2009). Aachens Nachbarstadt Heerlen, das nach Cäsars Eroberung von Soldaten der 30. Legion in den Jahren 63-73 n.0 errichtete Coriovallum, beherbergt großartige zivile Thermenanlagen, die eine starke Präsenz von Soldaten und Veteranen erlebt haben dürften. Hier mit drei Belegen, wie aus der Nähe der Xantener Thermen wurden Fortuna-Weihungen ergraben. Sie sind aus militärischen Bädern sehr häufig bezeugt und spielen in zivilen Bädern nur eine untergeordnete Rolle. Die röm. Schicksalsgöttin Fortuna war die Beschützerin der persönlichen Gesundheit und auch der Thermen selbst als der Orte, die der Erholung und Genesung dienten. Die Altäre der „wiederherstellenden Dea Fortuna“ waren geläufigerweise mit Füllhörnern verziert die im Zusammenhang mit unterschiedlichen Gottheiten Verwendung fanden. Sie sind Zeichen der Fruchtbarkeit, der Gesundheit und ganz allgemein des Wohlergehens. Ihre konkrete Bedeutung: „Die Göttin möge mit und aus diesem Füllhorn ihren Segen über den Stifter … reichlich und unversiegbar ausgießen.” (St. Schorn u. J. Minis, „Lateinische Inschriften aus dem Thermenmus. Heerlen“, S. 236f)
 
Als „Matrona“ wurde die mit einem römischen Bürger verheiratete Frau in der Gesellschaft des Römerreiches bezeichnet. Die Mehrzahl „Matronae“ wurde im Sinne von „Mütter, Gebieterinnen“ als Name oder Betitelung übertragen auf Muttergottheiten, für die auf römischem Kolonisationsgebiet über tausend Inschriften auf Weihesteinen gefunden wurden. Aus den diversen muttergöttlichen Lokalkulten der keltischen, gal­lo-rö­mi­schen oder gallogermanischen Landbevölkerungen haben sich Kultgemeinschaften einer Dreimütteranbetung entwickelt. Die Verehrung der Drei Mütter- bzw. der sog. Matronenkult begrenzte sich auf das südliche Niedergermanien („Germania inferior“), in­ner­halb des röm. bestimmten Sied­lungs­ge­bie­tes einer durch die röm. Verwaltung angesiedelten Mischbevölkerung aus verschiedenen Kulturkreisen, bestehend aus deportierten Ubiern, röm. Soldaten, Händlern, Veteranen und entwurzelten Kelten aus anderen röm. Provinzen. Frank Biller schreibt in „Kultische Zentren und die Matronenverehrung in der südlichen Germania inferior“, 2010: „Die Trä­ger der Ma­tro­nen­kul­te stamm­ten aus al­len Schich­ten der Pro­vinz­ge­sell­schaft. In den gro­ßen Sied­lungs­zen­tren am Rhein, vor al­lem in Bonn, zeich­ne­ten sich die De­di­kan­ten [Opfernden] durch ge­sell­schaft­li­che Ex­klu­si­vi­tät aus. Sie ge­hör­ten haupt­säch­lich den ge­ho­be­nen mi­li­tä­ri­schen Krei­sen be­zie­hungs­wei­se der obe­ren Pro­vinz­ver­wal­tung an. Je mehr die in­schrift­li­chen Wei­hestein­f­un­de im Lan­des­in­ne­ren lie­gen, um­so mehr nimmt die Pro­mi­nenz der De­di­kan­ten ab. Es fin­den sich dort über­wie­gend bo­den­stän­di­ge Sied­ler kel­ti­scher oder ger­ma­ni­scher Ab­stam­mung, die durch das Tra­gen rö­mi­scher Na­men ei­nen ge­wis­sen Ro­ma­ni­sa­ti­ons­grad er­ken­nen las­sen.“ Dass es sich dabei um keltisch-germanische Siedler gehandelt habe, ist jedoch eine unbegründbare, unzulässige Vermutung, denn ihre röm. Namen machen ebenso latinische Ursprünge wahrscheinlich. Das röm. Militär und seine Veteranen waren nicht nur Fremdkulturträger, sondern auch Mechanismen zu Bevölkerungsumschichtungen. „In den Militärzonen des röm. Nordwestens kam es zu einer markanten Bevölkerungsvermischung, also zu einer anhaltenden Neuformierung der Einwohnerschaft einer Provinz. Kamen die Legionäre des 1. Jhs. vorwiegend aus Italien und dem früh romanisierten gallischen und spanischen Süden, so ist im 2./3. Jh. eine weitgehende Ergänzung des Mannschaftsbestandes aus regionalen Quellen, den Stationierungsprovinzen oder der Umgebung der Garnisonen selbst, zu konstatieren.“ Für die Legion „XX Valeria Victrix“ in „Germania inferior“, die zwischen 9 und 43 n.0 in Bonn und Novaesium (im Neusser Ortsteil Gnadental) belegt ist, bezeigen die auswertbaren Herkunftsangaben der rekrutierten Soldaten ihre Herkunft aus dem nördlichen ehemals keltischen Oberitalien als Rekrutierungsgebiet: Mutina, Patavium, Pollentia, Tarvisium, Ticinum, Veleia, also Städte in den Regionen Aemilia, Liguria, Venetia et Histria und Transpadana. (Oliver Stoll, „Legionäre, Frauen, Militärfamilien. Untersuchungen zur Bevölkerungsstruktur und Bevölkerungsentwicklung in den Grenzprovinzen des Imperium Romanum“, Jahrbuch RGZM 53,1, 2006, S. 220/230 f). Hier nahmen die Ma­tro­nen­kul­te dreier Ahnen- und Fruchtbarkeitsgöttinnen, seit dem 1. Jh. bis ins 3. Jh. n.0, mittels ca. 400 lateinisch beschrifteter Weihesteine, ei­ne ex­po­nier­te Stellung ein. Dieser Drei-Mütter-Glaube ist ganz allein im röm. Besatzungsgebiet der keltischen und germanischen Länder erkennbar und nicht in einem einzigen Gebiet des freien Gemaniens, so dass man den Eindruck gewinnt, als sei er römischerseits von den militärischen Besatzungsbehörden initiiert und protegiert worden, weil er von gut integrierten röm. Bürgern ausgeübt wurde und ihm jede Art von Aggressivität abging, woran jede Besatzungsmacht interessiert sein muss. Sein Ende erfolgte durch die röm. Reichskrise und den seit 260 n.0 sich steigernden stän­di­gen ger­m. Vorstößen in die links­rhei­ni­schen röm. verwalteten Ge­bie­te. Der Kult der Matronae/Matronen blühte, wie mir scheint, von der Regierungszeit des Caligula (12-41 n.0) bis zu der des Maximinus Thrax (172-238), er flaute im späten dritten Jahrhundert ab. Der Kult war allgemein bekannt, die Gläubigen müssen geglaubt haben, dass die Muttergottheiten so gut wie allmächtig waren. Ein gut er­forsch­ter mutterkultischer Tem­pel­be­zirk der „Ma­tronae Auf­a­niae“, aus Mitte 2. Jh., be­fin­det sich auf der so ge­nann­ten Görresburg bei der Eifelgemeinde Net­ters­heim. Die An­la­ge be­stand aus ei­nem um­mau­er­ten Bezirk, in dem sich ein gal­lo-rö­mi­scher Um­gangs­tem­pel so­wie zwei klei­ne­re Ka­pel­len be­fan­den. Ne­ben Vo­ti­vinschrif­ten wur­den Ke­ra­mik, Klein­de­vo­tio­na­li­en und ei­ner Sta­tu­et­te der Ve­nus ge­fun­den. Als Inschriftenstif­ter erscheinen auf­fal­lend vie­le „Be­ne­fi­cia­ri­er“ (röm.-polizeiliche Unteroffiziere) der „Le­gio I Mi­ner­via“. Die­se mit Po­li­zei­funk­tio­nen be­auftragten Mi­li­tär­an­ge­hö­ri­gen ei­ner Sta­ti­on in der Nä­he des Tem­pel­be­zirks, die die Fern­stra­ße Köln-Trier kon­trol­lier­ten, sowie die Steu­ern und Ge­trei­de­lie­fe­run­gen, wa­ren hauptamtlich im Standlager der 1. Le­gi­on zu Bonn sta­tio­niert. Hier hat man un­ter dem heu­ti­gen Müns­ter einen Tem­pel der auf­a­ni­schen Ma­tro­nen ergraben, was die militärische Kultplatz-Filiale auf der Gör­res­burg erklärt.
 
Das gesamte röm. Eroberungsgebiet im Norden, „Raetia“, „Germania superior“ und „Germania inferior“, nennt Tacitus in „Germania“ 29,3 „Agri decumates“ (Zehntland) und schrieb dazu: „Nicht unter die Völker Germaniens möchte ich die Leute rechnen, die die agri decumates bearbeiten, obwohl sie sich jenseits von Rhein und Donau niedergelassen haben. Die abenteuerlustigsten Gallier, die die Not kühn gemacht hat, haben den Boden, dessen Besitz umstritten war, besetzt; seitdem dann der Limes angelegt und die Grenzwachen weiter nach vorn verlegt worden sind, bilden sie einen Vorposten unseres Imperiums und einen Teil der Provinz.“ im Jahre 90 wurde die Provinz „Germania superior“ eingerichtet, deren erste Phase vom Widerstand der Gallier und Germanen gegen die röm. Besatzung geprägt war (ca.16 v.-92 n.0). Das Gebiet stand deshalb ganz natürlich unter Militärverwaltung mit häufig wechselnden Truppen. Dieser Zustand wurde beendet durch die dauerhafte Stationierung der „Legio XXII Primigenia“, der 22. Legion, in Mainz (seit 92 n.0), die der röm. Gewaltherrscher Kaiser Caligula im Jahr 39 für seinen Feldzug ins unbesetzte Germanien aufstellen ließ und die ab dem Jahr 43 bis ins Mitte 4. Jahrhundert in Mogontiacum (Mainz) stationiert war. Im Herbst 39 marschierte die Legion über die Alpen. Ihre Kämpfe gegen die rechtsrheinischen Chatten waren verlustreich, denn etliche Legionäre starben in ihrem ersten Dienstjahr. Ihre Aufgabe war die Überwachung der Rheingrenzen sowie Teile des Limes. Neben dem Ausbau von „Castellum Mattiacorum (Mainz-Kastell) wurde die 22. auch bei der Instandsetzung der Thermen von „Aquae Mattiacorum“ (Wiesbaden) eingesetzt. Teile der 22. Legion wurden in den „Bataveraufstand“ des Jahres 69, einer Rebellion germanischer und keltischer Stämme, verwickelt. Der alamannische Gaukönig Rando griff erfolgreich die Festung Mogontiacum im Jahr 368 an, in der gerade ein „Fest der christlichen Religion“ gefeiert wurde. Erst nach wechselhaften Kämpfen konnte er bezwungen werden.
 
John Peter Wild schreibt in „Germania“ 46, 1968, S. 69f, unter dem Titel „Die Frauentracht der Ubier“, indem er sich auf den Matronenaltar des T. Iulius Titanus bezieht (Tafel 16, s. hier Abb. 9): „Das auffallendste Sück der gesamten Tracht ist die Haube, die besonders deutlich auf dem von Q. Vettius Severus für die Matronae Aufania geweihten Altar in Bon zu sehen ist, Sie sitzt auf dem Kopf wie ein großer Nimbus  und bedeckt dabei Haare und Ohren der Göttinnen völlig. Auf ihrer sonst ganz ebenen Oberfläche fällt nur ein Detail auf, nämlich ein metallenes Stäbchen neben dem rechten Ohr.“ Daran waren die rund um den Kopf festgelegten Zöpfe der Frauen, mitsamt der Haube, befestigt. „Der Mantel gleicht einem riesigen Halbmond und hüllt den Körper vollkommen ein. Die zwei Radien des Halbkreises (die eine gerade Kante bilden) fallen vom Hals über die Brüste herab und werden an der Taille durch eine Fibel geschlossen. … Die Einzelheiten der Tunica und des Untergewandes sind auf keinem der Denkmäler genügend klar dargestellt. Und auch das Erkennbare ist schwieig zu erklären. … Mit einer einzigen Ausnahme kommen die bildlichen Quellen für die Matronentracht  bei den Altären wie bei den Grabstehlen nur in der zweiten Hälfte des zweiten oder der ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts vor. Im ersten nachchristlichen Jahrhundert hatte sich die Zivilbevölkerung die römische Sitte, Altäre und persönliche Denkmäler aus Stein zu weihen, noch nicht völlig zu eigen gemacht. … Die betreffenden bildlichen Weihungen und Grabstelen konzentrieren sich auf ein relativ enges Gebiet westlich von Köln. … Vor Cäsars Eroberung Galliens waren die Ubier auf rechtsrheinischem Boden zu Hause, aber kurz danach hatte man sie auf dem ehemaligen Gebiet der Eburonen angesiedelt. Es hat sich durch eine Untersuchung  ihrer Personennamen herausgestellt, dass ihre Sprache einen ziemlich starken  germanischen Einfluss aufweist. Die Matronen mit germanischen Beinamen (mit den Suffixen -ahenae, -eihae, und -nehae gebildet) finden sich vor allem innerhalb oder am Rande des ubischen Territoriums.“ Der Begriff „ubisches Territorium“ ist allerdings irreführend, das gab es dort zu keiner Zeit. Es handelte sich um ein gallisch-eburonisches Territorium, das sich der röm. Militärapparat bedingungslos unterworfen hatte. Die Hauben-Frauentracht wird als ein modisches Relikt der eburonischen Restbevölkerung zu deuten sein, das die gallogerman. Mischbevölkerung der Neusiedler aufgegriffen hatte, denn auf keinem der vielen röm. Germanendarstellungen ist sie anzutreffen.
 
Mit der abgebildeten sog. „ubische Haubentracht“ auf den Matronen-Weihesteinen sind zwar die geheiligten, verehrten Matronae gewandet, aber man geht sicher fehl in der nur scheinbar zwingenden Annahme, es handele sich dabei um Frauenbilder aus ubisch-germanischen Familien, denn solche gab es bald nicht mehr in den röm. Vermischungsgebieten. Die große Anzahl röm. Soldaten, welche ihre Ehefrauen aus dem Besatzungsgebiet nahmen, akzeptierten aus Gewohnheit diese Frauentracht und ließen in dieser Tracht die Matronen abbilden, aber ihr Eheleben und ihre Religion gestalteten sie streng nach verordneter römischer Denkweise. Dazu erkärt Oliver Stoll in „Die Legionen Roms als Katalysatoren demographischer Entwicklung“, Jahrbuch RGZM 53,1, 2006, S. 218f: „In den Militärzonen des römischen Nordwestens kam es zu einer markanten Bevölkerungsvermischung, im gewissen Sinne also zu einer anhaltenden Neuformierung der Einwohnerschaft einer Provinz und damit zur Herausbildung einer »eigentlichen Provinzialgesellschaft«. W. Scheidel sieht in einem jüngst erschienenen Aufsatzdie Bevölkerungsbewegung und Mobilität als eine der wirkmächtigsten Konsequenzen der Ausbreitung römischer Macht: Bevölkerungsbewegungen könnenals entscheidender Faktor bei sozialen und kulturellen Wandlungsprozessen angesehen werden, ihr hohes Niveau hat in der römischen Geschichte - so Scheidel - sogar entscheidend zur Herausbildung einer »römischen Identität« beigetragen. Auf der Ebene einer Provinz, einer bestimmten Region oder eines bestimmten Standortes mag dies meines Erachtens genauso gelten - eine ganz spezifische Identitätsbildung als Effekt der Bevölkerungsmischung unter römischer Herrschaft findet statt. Grundsätzlich besteht bei den Fragen nach der Bildung von Lebensgemeinschaften im Umfeld des Militärs und von Soldatenfamilien oder nachdem Familiennachzug von Militärangehörigen des Legionsmilitärs eine wertvolle Vergleichsmöglichkeit mit den Ergebnissen der in der epigraphischen Forschungslandschaft traditionell stark vertretenen Militärdiplomforschung: Ungefähr ein Drittel der Frauen (= 33%) der Auxiliarsoldaten, die diese Dokumente erhalten, stammt aus der lokalen Umgebung der Lager, 28% kommen aus der Heimatprovinz der Soldaten (wobei die Tendenz – ebenfalls aufgrund der nun üblichen lokalen Rekrutierung - seit dem 2. Jahrhundert sinkend ist), 18% aus einer ehemaligen Dienstprovinz des Soldaten und 3,9% aus einer Nachbarprovinz der letzten Stationierungsprovinz. Die Wahrscheinlichkeit, dass »Ehefrauen« während der Dienstzeit kennen gelernt werden und daher aus der Garnisonsprovinz, dem Stationierungsort, einer ehemaligen Dienstprovinz oder einer Nachbarpovinz stammen, ist groß.“ S. 220: „Die Militärlager als erste Zentren römischer Kultur hatten um Christi Geburt und im 1. Jahrhundert wie Magnete Ortsfemde aus dem gesamten römischen Herrschaftsbereich angezogen, ein buntes Völkergemisch beherrschte die Besatzung der Lager und die sie umgebenden zivilen Siedlungen, die in der Regel, auch gerade bei den Legionslagern Xanten, Bonn, Mainz und Straßburg, eine beträchtliche Größe erreichten: Soldaten und Soldatenfamilien, Händler, Handwerker, Sklaven, Gewerbetreibende und Prostituierte. Die Grenzzonen waren dadurch zu »Einwanderungssländern« für Neuankömmlinge aus dem römischen Herrschaftsbereich geworden und die selbe Dynamik sorgte für eine multikulturelle Zusammensetzung der Bevölkerung, die nicht nur an politischen, kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Prozessender Weiterentwicklung des jeweiligen Gebietes unter römischer Herrschaft teilhatte, sondern diese, vor allem im 3. Jahrhundert n. Chr., zunehmend auch mehr oder weniger aktiv selbst gestaltete.“
  
Die drei Schwestern des Caligula
 
Kaiser Caligulas Selbstinszenierung als lebender Gott steht in gewisser Weise in Kontinuität zum Kaiserkult des Augustus, der insbesonde im Osten des Reiches, wo es bereits seit des großen Alexanders Hellenismus einen servilen Herrscherkult gab, zelebriert wurde. In Rom sind es zwei Autoren die über Caligulas Bemühungen zur Vergöttlichung berichten, Cassius Dio und Sueton. Die Ausgrabungen am Forum Romanum in Rom des Jahres 2003 zeigten, dass Caligulas Palastbau den Dioskuren-Tempel von Castor und Pollux einbezogen hatte. Offensichtlich ließ der Kaiser die zwischen den beiden Gebäuden liegende Straße beseitigen, so dass der Tempel als Eingangshalle für den kaiserlichen Palast vereinnahmt wurde. Nach Ansicht von Grabungsleiter Darius Arya vom „American Institute for Roman Culture“ wurde damit bestätigt, dass Caligula sich selbst als Gott ansah. Ich folge in einigen Passagen Arne Skerra, aus „Münzprägungen für Kaiserfrauen unter Caligula“, wenn ich folgendes darlege, Caligula war ein junger Herrscher, der als 24-jähriger im März 37 zum Kaiser ernannt wurde. Sein Spitzname „Caligula“ (Soldatenstiefelchen) erhielt er in seiner Kindheit, die er zum großen Teil in den Feldlagern seines Vaters, des berühmten und populären Feldherrn Germanicus, verbrachte. Der Beginn von Caligulas Münzprägungen, als Teil seiner Familienpropaganda, werden für den September 37 angesetzt. Die Einführung eines neuen und beständigen Münzprogramms, das die Familie als Basis für Caligulas Herrschaftsanspruch propagierte, war keine Überraschung oder gar Provokation im Sinne autokratischer Eigenmächtigkeit. In der Reichsprägung Caligulas sind Sesterzen (röm. Münze und Hauptrecheneinheit) zu finden, wie es sie zuvor nie gegeben hat: Die Vorderseite zeigt das Porträt des Kaisers und seinen Titel. Auf der Rückseite sind drei Frauen als vollständige Figuren abgebildet. Jeder ist ein Name zugeordnet: „AGRIPPINA - DRVSILLA - IVLIA“. Dies sind die drei jüngeren Schwestern Caligulas. Die Münzen zeigen also drei lebende weibliche Mitglieder der Kaiserfamilie - und zwar nicht kodiert als Abbildung von Göttinnen, die durch die Art ihrer Darstellung auf lebende Personen hinweisen, sondern umgekehrt: als inschriftlich identifizierte Personen, die mit göttlichen Attributen versehen sind. Aus der Kaisertitulatur ist zu erfahren, wann diese Münze geprägt wurde, nämlich im ersten Jahr der „tribunicia potestas Caligulas“ (Amts- und Gewaltbefugnisse), also im Jahr 37 und auch nur in diesem. Caligulas drei Schwestern, Drusilla, Agrippina und Livilla, schätzte der Kaiser so hoch, dass er sie als Gabenspenderinnen mit Füllhörnern in den Armen auf Münzen abbilden ließ. Auch die literarische Überlieferung erzählt, dass unter Caligula die Frauen der Kaiserfamilie mit bis dato beispiellosen Ehren bedacht wurden. Neben seiner Mutter Agrippina sind die drei Schwestern ein Beispiel dafür. Die röm. Historiographen berichten, dass eine Erwähnung der Schwestern in die formalen Eidesformeln aufgenommen wurde und dass sie den Ehrenstatus der Vestalinnen verliehen bekamen. Seine Schwester Drusilla, der er besonders zugeneigt gewesen sein soll, hat Caligula in der Zeit seiner schweren Krankheit im Herbst 37 gar zur Erbin seines Imperiums bestimmt (Suet. 24, 1). Nachdem sie im Juni 38 früh verstorben war, wurde Drusilla als erste Frau geheiligt/konsekriert (Suet. 24, 2). Er erhob sie zur Göttin und ließ ihr auch weitere Ehren zuteil werden, die damals nur einem männlichen Kaiser gebührten. Caligula benannte auch seine einzige Tochter Iulia Drusilla nach seiner Lieblingsschwester. Nach deren Geburt im Jahr 40 ließ Caligula das Kind auf dem Kapitol der Jupiterstatue auf die Knie legen, um sie als seine Tochter vorzustellen. Er selbst trug sie durch die Tempel aller Göttinnen in Rom und vertraute sie besonders dem Schutz der Minerva an. Zusammen mit allen diesen Ehrungen muss der „Schwestern-Sesterz“ als Teil der zielgerichteten Familienpropaganda gesehen werden. Die auf den Münzen dargestellten Attribute der Schwestern machen die drei Prinzessinnen zu Verkörperungen der Göttinnen Securitas (Sicherheit), Concordia (Eintracht) und Fortuna (Glück). Ihre Kleidung mutet eher griechisch an, als dass sie der von röm. Matronen entspräche. Zudem sind sie einander zugewandt, was sie als eine untrennbare Einheit erscheinen lässt. Es stellt sich die Frage, welche Bedeutung der geheiligten Schwestern für Caligula die Münzen vermitteln. Die Legitimität der Nachfolge als Kaiser wurde von der Gesellschaft am ehesten durch Abkunft akzeptiert. Somit wird deutlich, dass die Schwestern, wenn auch in neuartig öffentlicher Weise, die gleiche Rolle spielen, die jede aristokratische Frau dieser Zeit hatte: Sie waren ein dynastisches Argument, die stolz präsentierten Bewahrerinnen der Familie. Nach dem Tod der Drusilla im Jahr 38 n.0 überwarf sich Caligula mit den beiden anderen Schwesten, was ihn zwang, die weiteren Münzprägungen des Schwestern-Sesterzes aufzugeben. Drusillas Ehemann Lepidus, war nach ihrem Tod kein Teil der Familie mehr, er verschwor sich mit den beiden anderen Schwestern gegen Caligula und wurde dafür hingerichtet. Deshalb sind die Schwestern von Caligula im Herbst 39 verbannt worden. Wenn es zwar seit 38 n.0 keine Reichsprägungen dieser Art mehr gab, so fuhr man in Provinzen doch fort, Münzprägungen mit den lebenden Schwestern und Drusilla als Diva in der Mitte vorzunehmen. Eine Münze aus der „Colonia Iulia Concordia Apameia“ (Südost-Europa) zeigt die Büsten der drei Schwestern vereint mit einer Darstellung der Mutter Agrippina als Göttin. Die Übernahme des Dreier-Motivs in der Provinz, auch nach dem Tod Drusillas, ist interessant, sie führte die von Rom einmal angestoßene julisch-claudische Famienpropaganda weiter durch. Andere Münzen zeigen jeweils Einzelporträts einer bestimmten Schwester. So stammt aus Smyrna eine Münze mit dem Porträt Drusillas und ebenso aus Miletus. Auf Letzterer wird sie als „ΘEA“ (griech. Thea = Göttin) bezeichnet. Auch fand sich aus Mytilene auf Lesbos eine Münze mit dem Porträt Iulia Livillas. Diese Schwester Caligulas war auf Lesbos geboren und die Abbildung ist der Beweis für die nicht nachlassende Verehrung dieser Kaiserfamilie. 
 
Der Drei-Schwestern- bzw. Drei-Matronen-Kult
 
In etlichen Publikationen wird mit größter Sicherheit ausgeführt, dass der „Drei-Mütter-“ oder „Matronenkult“ zu den ursprünglichen gallischen Glaubensvorstellungen zählen würde. Deshalb hätte er sich unter den Legionssoldaten, und den mit ihnen ins keltische und germanische Land eingedrungenen röm. Bürgern, ausgebreitet. Der Matronenkult war von der Kölner Bucht bis in die Nordeifel hin verbreitet. Fest steht, dass diese Glaubensform ins Innere Germaniens niemals Eingang fand. Zwar wäre es denkbar, dass die „Suleviae“, jene keltischen Schutzgöttinnen, verwandte Glaubensvorstellungen verkörperten, wie sie im röm. Matronenglauben hervortraten. Doch ist dieser Kult, mit ca. 40 epigraphischen Zeugnissen, unbedeutend geblieben und unbeweisbar bleibt, dass der Matronenkult daraus hervorgegangen ist. Es ist seitens der genannten Autoren üblich geworden, die römischen Eroberer des „Zehntlandes“ lediglich als Bewahrer einer von ihnen vorgefundenen gallisch-germanischen Glaubensform wahrzunehmen. Dass aber erst der „Drei-Schwestern-Kult“ des römischen Kaisers Caligula, mit seinen in Umlauf gebrachten Münzbildern der „Drei Frauen“, der Initiator geworden sein könnte, wurde bisher nie in Erwägung gezogen, obwohl diese Vermutung aufgrund chronologischer Kriterien doch recht nahe liegt. Dass es sehr alte indogermanische Vorstellungen von drei Schicksalsmüttern gab, kann nicht bezweifelt werden. Die altgriech. drei Moiren oder Charitinnen, die drei römischen Parzen und die germanischen drei Nornen haben sich in den Mythologien der Völker verewigt. Das Kleeblatt der Moiren bestand aus Klotho, die Spinnerin, Ladiesis, die Zuteilerin und Atropos, die Unabwendbare, die den menschlichen Lebensfaden durchschneidet. Bei den Germanen erscheinen die drei als Urd, Verdandi und Skuld (Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft). Im Dom zu Worms gibt es die Seitenkapelle der „Hl. Jungfrauen“, Embede, Warbede und Willebede, die Zeugnisse der unleugbaren Verchristlichungen des heidnischen „Drei-Mütter-Glaubens“. Das Volk nannte die „Drei Madeln“ auch Ambet/Arnbet, Borbet und Wilbet. Die kirchenchristlichen Missionare waren stets bestrebt, ältere Glaubensformen in ihrem judäo-biblischen Sinne möglichst umzuformen, um des desto leichteren Zuganges in die Denkweisen ihrer Umerziehungsopfer willen. Sie knüpften an die heilige Dreizahl an und weihten viele Matronenheiligtümer der kirchlichen „Heiligen Dreifaltigkeit“, oder den Fantasie-Heiligen:Fides“, „Spes“ und „Caritas“ bzw. griechisch „Pistis“, „Elpis“ und „Agape“ (Glaube, Hoffnung, Liebe). Daraus entwickelte sich im späten Hochmittelalter die Verehrung der „drei Marien“:  Maria-Magdalena, Maria Salome, Maria Jacobi, manchmal auch mit Maria Jesusmutter. Aus dem Rheinland gelangte der Kult bis an die Mündung der Rhone, wo in dem alten Zigeunerwallfahrtsort „Saintes-Maries-de-la-Mer“ diese drei Marien hochverehrt werden. Die Legende erzählt, sie seien hier an der Küste der Camargue zusamt ihrer schwarzen Dienerin namens Sarah einst ohne Steuermann gelandet. Auch im Eifelgebiet erscheinen die „Drei Marien“ als verchristliche Nachfolgerinnen der Matronen. Es sind die frommen Frauen, von denen das alte Osterlied singt: „Am Sonntag, eh' die Sonn, aufging, eh' noch der helle Tag anfing, besuchten der Marien drei das Grab des Herrn mit Spezerei.“
 
Die drei Bethen
 
Nochmals zu den drei Bethen: Es war der ehrenwerte Volkskundler Hans Christoph Schöll (1888-1958), der versuchte, mit seinem Werk „Die drei Ewigen, Eine Untersuchung über germanischen Bauernglauben“ (1936) das Vorhandensein eines Drei-Mütterglaubens der einfachen germ. Landsassen nachweisen zu können, deren Bezeichnungen „die Bethen“ bzw. „Einbeth, Warbeth, Wilbeth“ gewesen seien. Antike röm. Inschriften mit den Namen der drei Beten sind nicht vorhanden, doch drei heilige Jungfrauen“, mit ähnlich klingenden Namen, werden in Kirchen und Kapellen vor allem im südlichen deutschen Sprachraum verehrt, der über dreihundert Jahre zum römischen Besatzungsgebiet gehörte. Schöll interpretierte die „Ambet“ als jungfräulich-mütterliche Erdgöttin, „Borbet“ als mütterliche Sonnengopttheit und „Wilbet“ als Glücksgöttin und Mondfrau. Gehäuft finden sie sich in Südtirol und Oberbayern, wo sie auch als „die Saligen“, „die saligen Fräulein“ bezeichnet werden. Die Drei sind den offiziellen kirchlichen Heiligenlisten unbekannt. Die Vermutung, auch bei den Bethen/Saligen müsse es sich um einen Nachklang des besatzungsrömischen Matronenkultes handeln, ist nicht von der Hand zu weisen.
 
Ein unübersehbarer, trennender Unterschied zwischen den indogermanischen „Schicksalsspinnerinnen“, den Moiren-Parzen-Nornen und den „Fruchtbarkeitsgeberinnen-Matronen“, stellen ihre Attribute dar. Die erste Gruppe ist ausschließlich geistig tradiert worden, und nicht einmal das bei den Kelten, die zweite Gruppe hat ganz allein im nordwestlichen Besatzungsgebiet der röm. Kaiserzeit hunderte von Denkmälern erhalten. Absolut fraglos sind diese von den röm. Militärverwaltungen nicht nur geduldet, sondern gefördert worden und zwar genau ab dem Zeitpunkt, zu dem der sich selbst vergötternde Kaiser Caligula den Fruchtbarkeitskult um seine drei vergötterten Schwestern ins Leben rief. Seine Lieblingsschwester Drusilla erhob er zur Göttin Venus. Auf seinen Münzbildern tragen die Drei Füllhörner aus deren Öffnungen apfelartige Früchte hervorquellen. Die gleichen Fruchtbarkeitssinnbilder tragen die „Drei Matronen“ in ihren Schalen oder Körbchen auf ihren Schößen. Geht es noch plausibler, als anzunehmen, dass die röm. Bürger des „Agri decumates“, jenes „Zehntlandes“ von „Germania superior-inferior“, sich von Caligulas Münzbildern inspirieren ließen, wenn es nicht sogar angeordnet wurde, die vergötterten Prinzessinnen der julisch-claudischen Dynastie zu ihren anbetungswürdigen, kultischen Objekten zu machen ?! Im Herbst 39 überschritt Caligula mit einem Heer die Alpen, um in der Tradition seiner Vorfahren die als noch nicht abgeschlossen angesehene Unterjochung Germaniens und Britanniens erneut aufzunehmen. Er richtete dabei wenig aus. Er soll angeblich geplant haben, gallische Gladiatoren mit rot gefärbten Haaren als germanische Kriegsgefangene in Rom vorzuführen. Seine Münzprägungen aber suggerierten die nicht realisierte militärische Größe des Kaisers und stehen damit im eklatanten Widerspruch zu den literarischen Überlieferungen hinsichtlich seiner tatsächlichen Misserfolge. Aber der von ihm während seines Aufenthaltes im Raum „Germania inferior“ sicherlich verfügten Schwesternverehrung waren in Form des „Matronenkultes“ ganz offensichtlich ein dauerhafterer Erfolg beschieden. Kaiser Caligula brachte sein überhöhtes Herrschaftsverständnis durch Ersetzung von Götterbildern mit dem eigenen Porträt oder dem von Verwandten und seinen Schwestern unmissverständlich zum Ausdruck. Die servilen Reichbehörden folgten seinen diktatorischen Anweisungen bis zu seinem Tod im Januar 41 n.0. Auch danach dürfte sein „Schwesternkult“ in den nordwestlichen Reichsteilen mitnichten als anstößig oder reichsgefährdend empfunden worden sein.
 
Die drei Chariten / Grazien
 
Als Urschöpfer der heiligen drei Frauen ist Caligua aber doch nicht anzusehen, sicherlich waren sein geistiges Vorbild die Gruppe derChariten/Grazien“ aus der giechisch-römischen Mythologie, welche als Untergöttinnen und Dienerinnen der Hauptgötter galten. Sie wurden mit Aphrodite/Venus aber auch mit Hermes/Mercurius und Apollon in Verbindung gebracht. Die meisten antiken Quellen nennen, wie Hesiod (vor 700 v.0), drei Chariten bzw. Grazien: „Aglaia“ (Glänzende), „Euphrosyne“ (Frohsinn), „Thalia“ (Festfreude). Diese drei Göttinnen der guten Eigenschaften versinnbildlichten Anmut, Lieblichkeit, Schönheit, Freude und Heiterkeit. Man darf sie als Ideale des weiblichen Liebreizes verstehen. Auf dem Sektor des sinnlichen Lebens, auf welchem sie sich bewegen, sind sie für die geistigen Genüsse der Musik, des Tanzes, der Kunst, Poesie und Beredsamkeit zuständig. Ihre Gegenwart ist immer wunderbar wohltuend. Speziell die Liebesgöttin Aphrodite/Venus wird von den Chariten/Grazien gekämmt, gesalbt, mit passender Kleidung und mit duftenden Ölen versorgt. Im Frühjahr kehren sie auf die Erde zurück und beobachten das Erwachen der Natur. In beiden Kulturen tanzen und singen sie und tragen dabei Myrte und Rosen. Neben ihrer Anmut sind sie Ausdruck des höflichen Benehmens, denn sie sind immer zuvorkommend. Sie waren nicht immer zu dritt. Homer nennt in seiner „Ilias“ nur eine „Grazie“ namens „Charis“. Sie ist naheliegenderweise eine Aspekterscheinung der Aphrodite. Später erscheinen sie in der Mehrzahl, zu zweit, wie in Athen, wo man sie „Auxo“ (Wachstumbeförderin) und „Hegemone“ (Führerin / Meisterhafte) nannte, die auch mit der magischen „Hekate“ zuweilen gleichgesetzt wurde. In Sparta hieß sie „Cleta“ (Schall) und „Phaenna“ (Schimmer). Man stellte sie sich im Mondlicht tanzend vor, so kam sie den Mondgöttinnen gleich. In der röm. Mythologie gelten die Grazien als Töchter des „Zeus/Jupiter“, des „Dionysos/Bacchus“ oder des „Liber“ und der „Venus“, wie der röm. Dichter Publius Vergilius Maro (70-19 v.0) mitteilte. Die drei mythischen Damen waren von jeher ein beliebtes Objekt der Kunst. Von den drei Grazien gibt es beispielsweise ein schönes Relief am Aphrodite-Tempel in Aphrodisias aus dem 1. Jh. v.0. Die antike griechische Stadt Aphrodisias lag in Karien einer Landschaft im Südwesten Anatoliens (heutige Türkei), deren Namen sich vom dort geübten Aphodite-Kult ableitete, welcher im zentralen Aphrodite-Tempel zelebriert wurde. Ein Fresko „Die drei Grazien“ existiert als röm. Wandmalerei in Pompeji IV, aus der Zeit des Kaisers Vespasian (1. Jh. n.0), nach einem hellenistischen Original.
 
Römische Militärreligiosität
 
Oliver Stoll, „Die Fahnenwache in der röm. Armee“, aus „Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik“, 1995, S. 107-118: „Soldaten aller Zeiten und Epochen der Weltgeschichte bedurften und bedürfen nicht nur des Vertrauens in die eigene Führung, ihre Offiziere und Oberbefehlshaber, auch in deren Legitimität, sondern auch des Bewußtseins der sittlichen Rechtfertigung ihres Auftrages und nicht erst in demokratischen Armeen des grundsätzlichen Rückhaltes in der Gesellschaft und in der öffentlichen Meinung. Hinzu tritt als weiterer Faktor das Bewußtsein der strategischen Notwendigkeit ihrer Aufträge. Die Religion allgemein und insbesondere die spezielle Heeresreligion der römischen Armee spielte bei der Integration eine überaus bedeutende Rolle. Religion durchdrang jeden Aspekt des staatlichen Lebens und stellte in diesem Sinn geradezu die Basis der politisch-gesellschaftlichen Ordnung dar. Politische Ideologie konnte in religiöser Sprache formuliert und durch Kult und Ritual ausgedrückt werden. Staats- und offizielle Heeresreligion waren identisch, der Heeresreligion kam die Rolle einer sozialen Integration für die doch äußerst gemischte Gemeinschaft des Militärs zu. Eine Identifikationsmöglichkeit mit den kollektiven Zielsetzungen des Reiches war hier geboten - ,imperiales Bewußtsein‘ - getragen von der Heeresreligion. Gerade die Tradition war ein äußerst wichtiges Kriterium, bewahrt doch der für uns als Zeugnis für die offizielle Heeresreligion so wichtige Militärkalender severischer Zeit aus Dura Europos, das sogenannte Feriale Duranum, im Prinzip jene traditionellen religiösen Formen, auf die der erste princeps Augustus einst seine erneuerte Armee gegründet hatte. … In keiner Armee der Welt kam wohl den Feldzeichen insgesamt eine so hohe Bedeutung zu, wie in der römischen. Sie symbolisierten nicht nur die Bindung an Kaiser und Staat, bedeuteten Tradition und militärische Tugend, beeinflußten in erheblichem Maße das Kriegsglück, sondern genossen auch kultische Verehrung. … Auch Alfred v. Domaszewski sah in ihnen die ,eigentlichen Cultbilder des Fahnenheiligtums‘. Eine Annäherung an Gottheiten vollzog sich allerdings erst allmählich und spät. Die Analyse der Quellen ergibt lediglich, daß die Feldzeichen als heilige Gegenstände angesehen wurden, hoch geachtet waren und quasi-religiöse Verehrung erfahren haben. In den Feldzeichen verdichtet sich symbolhaft der Korpsgeist und die Identität, sie waren Mittelpunkt und Anhalt für die Kampfmoral der Truppe. Die taktische Rolle lag in ihrer Bedeutung als Führungs- und Orientierungsmittel in Parade und Gefecht. Bewegungen der Standarten sind in der lateinischen Sprache zum Synonym für die Bewegungen der Truppe überhaupt geworden. Letztendlich erfüllten die Feldzeichen damit dieselben Ziele, die sich auch für die Heeresreligion insgesamt feststellen lassen. Sie schufen ein soziales Bezugsfeld in einem Geflecht aus Loyalität, Disziplin und Tradition und boten eine Orientierungsmöglichkeit im soldatischen Umfeld. In den Feldzeichen verdichtet sich symbolhaft der Korpsgeist und die Identität, sie waren Mittelpunkt und Anhalt für die Kampfmoral der Truppe.“ Zum Romanisierungseffekt der röm. Heeresreligion s. auch: I. P. Haynes, „The Romanisation of Religion in the Auxilia of the Roman Imperial Army from Augustus to Septimus Severus“, 2011. Unter der Überschrift „Das Recht der Heeresreligion“ führt A. v. Domaszewski in „Die Religion des röm. Heeres“, in „Westdeutsche Zeitschrift“, 14, 1895,  S. 110f aus: „Die Organisation des Heeres bestimmt die Formen des Rechtes. Der Träger des Imperiums ist auch der Träger des göttlichen Schutzes. Auf den Inschriften der Kaiserzeit tritt dies hervor in dem Akt der Dedicatio [„Weihung“], welche eine res profana in eine res sacra verwandelt. … Diese Weihe beschränkt sich im Heere auf das Cultgebäude und das Cultgeräte der aus römischen Bürgern gebildeten Truppen. Der Statthalter vollzieht die Weihe an seinem Amtssitze persönlich, sonst überträgt er sie an den nächsthöchsten Offizier, den Legionslegaten. … Das Recht Altäre zu setzen innerhalb des heiligen Bezirkes hat der Statthalter und notwendig auch der Legionslegat, obwohl Zeugnisse fehlen. Denn der nächsthöchste Offizier, der tribunus laticlavius, besitzt dieses Recht; der einzelne tribunus militum nicht, sondern nur die Gesamtheit. Ebenso besitzt das Recht der höchste der Centurionen, der primus pilus und die Gesamtheit der Centurionen.
 
In Gestalt der kleinen röm. Göttin „Disciplina“ wurde die Personifikation der militärischen Disziplin, Selbstkontrolle und Entschlossenheit verehrt, insbesondere von denen, die an der Grenze des Römischen Reiches stationiert waren. Als ihre Haupttugenden galten Genügsamkeit, Strenge und Treue gegenüber den Offizieren und dem röm. Volk. Ihre Kulte fördern die Integration aller Soldaten in eine einheitliche röm. Armee und fußten gleichzeitig auf den Notwendigkeiten des Kriegsdienstes. Ähnliche Aufgaben waren den „Campestres“ zugeteilt, den keltischen und gallogerman. Muttergottheiten, den Matres/Matrones, die als „militärische Matres“ und Schutzgöttinnen des „campus“ (Exerzierplatz) Verehrung erfuhren. Nicht selten wurden sie gemeinsam mit der keltischen Pferdegöttin „Epona“ dargestellt, was sie als ursprünglich keltische Gottheiten erweist, deren Förderung durch gallische Reiter bzw. keltische Soldaten erfolgte und schließlich in die röm. Kastelle, sowie in die offizielle Heeresreligion Eingang fanden. Altäre und Weihsteine der „Campestres“ wurden zu ihren Ehren direkt am Campus aufgestellt, an denen die regelmäßigen offiziellen kultischen Handlungen durchgeführt wurden. Weibliche Schutzgeister, die „Suleviae“, sind vor allem im östlichen Gallien der bastardierten Bevölkerungsgebiete „Gallia Belgica“, „Germania Inferior“ und „Germania superior“ nachgewiesen worden, sie wurden auch von den Soldaten der Equites singulares“ verehrt, einer germanisch-keltischen Reitertruppe, die als Garde des Kaisers oder eines Statthalters fungierte „Suleviae“ werden mit den (Matrones/Matres) in Verbindung gebracht, sie wurden von den gläubigen Legionären wohl als Sonnen- und Heilgöttinnen sowie als Mutter- und Landesgöttinnen verstanden (A. v. Domaszewski, „Die Religion des röm. Heeres“, in „Westdeutsche Zeitschrift“, 14, 1895, S. 50 f).
 
Der Philologe Max Ihm (1863-1909), in seiner Schrift „Der Müt­ter- oder Ma­tro­nen­kul­tus und sei­ne Denk­mä­ler“, 1887, S. 78f, erklärte: „Der nördlichste Ort, an dem wir die Iunones antreffen, ist Marquise (dép. Pas de Calais). Hier ist vor kurzem die Inschrift 382 gefunden worden, die von einem L. Cassius Nigrinus geweiht ist Sulevis Iunonibus. Mit den Iunonen erscheinen hier also eng verbunden oder identisch die Suleviae. Folglich müssen auch diese in den Kreis der Muttergottheiten gehören, mit diesen mindestens eng verwandt sein. Bestätigt wird das durch die bekannte stadtrömische Inschrift vom Jahre 160, die ein centurio der legio VII gemina den Suleviae und Campestres [Schutzgöttinnen des Exerzierplatzes] weiht. Über der Inschrift befinden sich zwei Reliefdarstellungen (Fig. 18) [hier Abb. 7]. In der oberen Nische sitzen drei Göttinnen in langem faltigen Gewande (tunica und palla); im Schosse halten sie Blumen oder Früchte; in der ausgesteckten Rechten hat jede einen runden Gegenstand (patera ?); die beiden äusseren tragen ausserdem im linken Arm Ährenbüschel. Die darunter befindliche Opferdarstellung zeigt uns wieder das Schwein als Opfertier, das mit der Tänie geschmückt, von einem bärtigen Mann zum Altar geführt wird, auf den der opfernde Centurio gerade die Spende ausgießt. Rechts von diesem schreitet ein Opferdiener mit Krug und Messer auf den Altar zu. Dieser Darstellung der drei Suleviae und Campestres entsprechen im Allhemeinen die Reliefdastellungen der drei Mates oder Matronae, die wir haben kennen lernen, nur dass hier in der Regel Fruchtkörbe und Füllhörner die Attribute der Göttinnen sind.“ Auch Seitenteile der niedergermanisch-ubischen Matronensteine zeigen das Schwein als Opfertier.
 
Aus dem bisher Gesagten sollte hervorgehen, dass nach dem strengen römisch-provinzialen Militärreglement ein Matronenkult der Legionäre ohne behördliche Legitimation nicht vorstellbar ist. In den Jahren 37/38 n.0 empfahl Kaiser Caligula den Kult seiner geheiligten drei Schwestern. Die älteste bisher gefundene Matronen-Inschrift datiert zwischen 70 und 89 n.0 aus Andernach, die späteste in das Jahr 240. Über 800 Matronensteine sind auf dem Gebiet der ehemaligen römischen Provinz Niedergermanien („Germania inferior“) gefunden worden. „Niedergermanien ist die Provinz der Matronenkulte, und die Dominanz dieser Göttinnen läßt sich auch an den Verhältnissen im römischen Bonn wiedererkennen“, schreibt Manfred van Rey in „Bonn von der Vorgeschichte bis zum Ende der Römerzeit“, 1989, S. 265. Die drei Caligula-Schwestern tragen auf den Münzbildern Füllhörner. Hören wir Gerhard Bauchhenß, „Füllhörner und andere Nebenseitenmotive“, 2013, S. 145: Das Füllhorn war ein Symbol das zuerst bei Gottheiten erscheint, die mit der Fruchtbarkeit der Felder zu tun haben. Schließlich ist es nicht mehr ein ausschließlich Nahrung spendendes Attribut, denn „Agathe Tyche“ (Fortuna) wird in Athen auch als Heilgottheit verehrt. So erweitert sich, je mehr Göttern es in die Hand gegeben wird, seine Bedeutung zu einem allgemein Segen verheißenden Symbol.“ Zu den Nebenseiten von rheinischen Altären, ein Beispiel von G. Bauchhenß, S. 146f: „In der kaiserzeitlichen Münzpropaganda führen die verschiedensten Göttinnen das Füllhorn: Annona, Alimentatio, Abundantia, Pax, Felicitas, Concordia, Spes usw.. Es kann also nicht sein, wie immer wieder in Publikationen zu lesen ist, dass das Füllhorn bedeutet, dass eine Gottheit, der es zugeordnet ist, nur mit dem Gedeihen von Feldern und Obstplantagen und Vieh beschäftigt sei. In der römischen Kalkbrennerei, die die beiden niederrheinischen Legionen bei Iversheim am Rand der Eifel betrieben, wurden unter anderen zwei Weihaltäre für Minerva [der Lieblingsgöttin Caligulas] gefunden. Auf beiden verziert ein Füllhorn eine der Nebenseiten, auf dem einen als gemaltes Bild, auf dem anderen als Relief. Wir kennen das soziale Ambiente der beiden Stifter sehr genau. Weder Bitten um menschliche und tierische Fruchtbarkeit noch um das Gedeihen von Feldern, Fluren und Obstgehölzen kann das Füllhorn hier bei Minerva bedeuten. Sie wurde im militärischen Bereich als Göttin der technischen und Verwaltungschargen verehrt, d. h., sie half dabei, dass die Akten ordentlich geführt werden konnten, dass die Arbeitsabläufe ordentlich organisiert waren und dass – in Iversheim – der Betrieb der Kalkbrennereien funktionierte: deshalb die Weihung des magister calcariorum auf. Das Füllhorn kann hier also nur die ganz allgemeine Bedeutung gehabt haben, die es, wie oben dargelegt, eigentlich immer hatte: Die Göttin möge mit und aus diesem Füllhorn ihren Segen über den Stifter und die von ihm ausgeführte Tätigkeit reichlich und unversiegbar ausgießen.“ Und S. 150: „Wichtig ist aber auch: Die hier betrachteten Motive haben ihren Ursprung in der religiösen Kunst Roms und Italiens der frühen Kaiserzeit. Sie kommen im ersten Jahrhundert nach Christus an den Rhein und werden hier, in Niedergermanien, in einer Vielfalt und Häufigkeit verwendet wie in keiner anderen der Nordwestprovinzen.“
 
Sophie Lange hat sich dem Thema der Matronen liebevoll angenommen, sie gibt in „Wo Göttinnen das Land beschützten“ (2020) einige Informationen die ich hier wiedergebe. Für die Römer gehörte es zu ihrem Gottes-Dienst, dass sie ein Bild von den Göttern schufen, das analog ein Bild für die Götter war. Nach 160 n.0 erfolgte die „Bildwerdung“ der Matronen, durch die wir den Matronenkult hieb- und stichfest belegen können. Laut Baustein wurde im Jahr 161 unter dem Bonner Münster ein erster Matronentempel erbaut und im Jahr 164 ein Weihestein an die Matronen, und zwar an die aufanischen, aufgestellt. Nach seinem Stifter, dem Kölner Stadtkämmerer Q. Vettius Severus, wird der prunkvolle Matronenstein „Vettius-Stein“ genannt. Er wurde lange Zeit für den ältesten Matronenstein gehalten, doch inzwischen hat man Hinweise, dass es noch ältere Matronensteine gibt, wie zum Beispiel ein Matronentorso aus Jülich beweist. 55-mal zieren Füllhörner Matronensteine. Meistens sind sie mit Früchten und Ähren gefüllt. Ein Weihestein der Matronae Mahlinehae aus Köln zeigt abweichend von dieser Norm ein Füllhorn mit Globus und Ruder und rückt diese Matronen in die Nähe der römischen Fortuna. Auf einem Weihestein für die Junonen von Bonn (Genien der röm. Frauen hießen Junonen) sind Füllhörner und Rad eingemeißelt. Auf einem Nettersheimer Matronenstein ist das Horn mit zwei Äpfeln, zwei Birnen und einem Pinienzapfen reich gefüllt. Aus der Öffnung eines großen Füllhorns, das zu den lebensgroßen Freiskulpturen von Pesch gehört, quellen ein großer Pinienzapfen und acht kleine Früchte. In der Regel tragen die Göttinnen auf dem Schoß Schalen oder Körbchen, die - soweit erkennbar - mit Obst als Opfergaben gefüllt sind. Es gibt etwa ein Dutzend stehender Matronen auf den Weihesteinen. Die wallenden, fußlangen Gewänder der sitzenden oder stehenden Matronen, die auch S. Lange erwähnt, gleichen durchaus denen die auf einigen Prägungen der Caligula-Münzen die Kaiser-Schwesten tragen. Sowohl die Caligula-Schwestern wie auch die Matronen scheinen in die Amtstracht der Vestalinnen, der röm. jungfräulichen Priesterinnen der Vesta, gekleidet. Den Körper umhüllte eine lange schlichte Tunica, unter der Brust von einem schnurartigen Gürtel zusammengehalten wird. Über die Tunica ist das Obergewand geworfen. Allein die großen Matronenhauben, welche die beiden außensitzenden Damen auf den „Drei Matronen-Denkmälern“ tragen, sind als nichtrömischer Teil der Ubier-Festtagstracht zu deuten, wobei völlig unbekannt ist, ob die germ. Ubier-Frauen solchen Kopfschmuck schon ursprünglich trugen, vor ihrer gewaltsamen Umsiedlung 19/18 v.0 ins linksrheinische Köln-Bonner-Land durch den röm. Feldherrn Marcus Vipsanius Agrippa (64-12 v.0). Nach allen den genannten Erkenntnissen und Schlüssen erscheint es mir naheliegend, den Matronenkult der röm. Militärbezirke in Germanien als eine durch Rom initiierte Kultform zu begreifen. Und schon der profunde Altmeister Karl Hermann Georg Helm (1871-1960), der germanistische, skandinavistische Mediävist, Volkskundler und Religionswissenschaftler, war der Meinung, dass der Matronenkult vor allem als ein Bestandteil der Heeresreligion, d. h. der Religion des einfachen Soldaten, zu den Germanen, d. h. den ubischen Bürgern und Bauern, gekommen sei, also sich von einer Unterschicht zur anderen verbreitet habe. Das konnte nur geschehen, in abgesprochener Übereinsstimmung mit der strategischen röm. Besatzungs- und Befriedungspolitik.
 
„Die Mütter aller Völker“
 
In Großbritannien zählt man ungefähr fünfzig Widmungen an die Matres, alle bis auf wenige von militärischen Stätten, im Schwerpunkt entlang der Grenze zu Schottland (der Antoninischen und der Hadriansmauer), von Soldaten geweiht. Die keltischen Völker Großbritanniens kannten auch vor der röm. Invasion sicherlich Muttergöttinnen, doch die bekannten muttergöttlichen Weihesteine, mit den röm. Beinamen, basieren allein auf Vorstellungen die die röm. Armee vom röm. bestimmten Kontinent auf die Insel brachte. Nicht anders verhält es sich mit den britischen „Matres Suleviae“, von denen zehn weitere in Rom entdeckten Inschriften der Equites singulares“ bekannt sind, jenen gallogerm. Reiterverbänden aus der röm. Provinz „Germania inferior“ bzw. Niedergermanien. Auch die „Matres Ollototae“ sind zweifellos röm.-keltischen Ursprunges, denn kelt. „ollo“ = all und „teuta/touta“ = Stamm bedeutet „Mütter aller keltischen Völker“ oder „Mütter aller Völker“. Abgesehen von „Ollototae“ und „Suleviae“ sind alle Beinamen der „Matres“ römisch und die Widmungen stammen von militärischen Stätten. Darüber hinaus waren die widmenden Personen prominente röm. Bürger und Soldaten der röm. Armee die Ehrenfunktionen oder Titel innehatten, wie Tiberius Claudius Quintianus, der die „Ollototae“ in Binchester ehrte. Das britische Matronendenkmal mit der Inschrift „Matres omnium gentium“, d.h. „die Mütter aller Völker“ entspricht dem kelt. Begriff „Ollototae“. In Micklegate gegenüber der „Holy Trinity Church“ in York wurde der Weihestein gefunden (im Yorkshire Museum), mit der Aufschrift: Mat (ribus) Af (ris) Ita (lis) Ga (llis) M (arcus) Minu (cius) Aude (n) s mil (es) Bein (ionis) VI Vic (tricis) guber ( nator) leg (ionis) VI v (otum) s (olvit) l (aetus) l (ibens) m (erito) = „An die afrikanischen, römischen und gallischen Muttergöttinnen - Marcus Minucius Audens, Soldat der Sechsten Legion - Victrix und ein Pilot der Sechsten Legion -, bereitwillig, gern und zu Recht sein Gelübde erfüllt.“ In der Nähe des südlichen Endes der Jewry Street in Winchester fand man die Inschrift (im British Museum): Matrib (us) Italis Germanis Gal (lis) Brit (annis) [A] ntonius [Lu] cretanius [b (ene)] f (iciarius) co (n) s (ularis) rest ( ituit) = „Für die römischen, germanischen, gallischen und britischen Muttergöttinnen - Antonius Lucretianus, Nutznießer consularis“. Einer am Hadianswall gefundenen Inschrift (jetzt im Schwarzen Tor“: Ma [tribus] Ger [manis] M (arcus) Senec [ia] nius V […] = „An die germanischen Muttergöttinnen - Marcus Senecianus V…'.“ Erinnerungen an die Matronen-Kulte erhielten sich bis in die Neuzeit. Dem Dürener Schulrektor Heinrich Hoffmann (1848-1917) verdanken wir die Sammlung von Sagen über die „Juffern“ (Jungfrauen) im westlichen Rheinland (Dürchen, Eschweiler, Jülisch, Raum an Rur und Inde; im Raum zwischen Eifel und dem Rhein sind sie nur vereinzelt aufgeschrieben worden). In den Sagen werden die zu dritt oder allein erscheinenden Juffern als würdige, majestätische, selbstbewusste, alterslose Jungfrauen beschrieben, vor denen sich die Bäume verneigen. Sie schritten segnend und gütig, manchmal trauernd, durch das ihnen anvertraute Gebiet, sie fielen durch anmutiges, feenhaftes Aussehen auf, sowie durch hoheitsvollen Gang und vornehme, blendend weiße Gewänder. Doch gab es auch „schwazze Juffern“ (schwarze J.), deren Erscheinungen als unheilverkündend galten.
 
Die Römer und ihre Legionäre glaubten an „Genien“, sie galten als übernatürliche Schutzgeister, die auch Soldaten auf ihrer rauhen und gefahrvollen Lebensbahn geleiteten, sie behüteten und rettend durch Drangsale und Gefahren führten, oder, falls sie ihnen einmal nicht gewogen waren, für ein Missgeschick sorgen konnten. Die Genien sind ursprünglich aus den geglaubten Ahnengeistern hervorgegangen, die nach dem Glauben, über ihre Nachkommen wachen würden. Aus diesen entwickelten sich persönliche Schutzgeister, denen man opferte und von denen man sich Hilfe und gute Gedanken in heiklen Lebenssituationen erhoffte. Das weibliche Gegenstück zum männlichen Genius war der persönliche Schutzgeist einer Frau, genannt Iuno (pl. Iunones). In dieser Funktion als Genius konnten sie als Schutzgöttinnen fungieren, wie es diverse Inschriften der röm. Provinz „Germania Inferior“ zeigen. Eine leider verlorene Weihestein-Inschift des Fundortes im Kölner Garten des Hauses von Dr. Johannes Rinck, bei St. Mauritius: „Für die Iunones Gabiae - Masius hat das Gelübde erfüllt“. „Gabiae“ = keltisch „die Gebenden“. Der Begriff „Gabiae/Gabinae“ ist fünfmal bezeugt, außerdem wurden „Iunones Sive Gabiae“ genannt. Drei Mal belegt sind „Matronae Gabiae“. Ein Weihestein von Rövenich bei Zülpich: „Für die Matronae Gabiae- Celorius Iust… hat das Gelübde gerne und verdientermaßenerfüllt“. Die „Alagabiae“ sind Matronen, die in einer Weiheinschrift des 4. Jhs. aus „Haus Bürgel“ (historischer Gutshof, ehemaliges Römerkastell) bei Düsseldorf überliefert sind. In Bürgel wurden Votivsteine für die Matronen „Aufaniae“ und „Aiaitihenae“ gefunden. Ein Text lautet: „Matroni[s] / Alagabiabus / Iul(ia) Pusua / pro se et Iuli(i)s f(iliis) / Peregrino / Sperato / Severo / v(otum) s(olvit) l(ibens) m(erito)“. Das Stammwort des ersten Glieds ist „ala“ = all und des zweiten Glieds ist kelt.-germ. „gabiō“ = „Geberin“, also: „Den Matronen-Allesgeberinnen“. Die röm.-religiösen Vorstellungen von gutmeinenden, beschenkenden Genien und Matronen konnten demnach sich verwebend durcheinander gehen ! „Genien - ihre Bedeutung im Rahmen des religiösen Lebens der Soldaten H. Ankersdorfer hat bereits 1973 [Hans Ankersdorfer, „Studien zur Religion des römischen Heeres von Augustus bis Diokletian“, 1973, S. 22 ff] die grundsätzliche und überaus wichtige Frage nach der Rolle und Bedeutung der Götterverehrung im Leben der Soldaten gestellt. Die Frage nach der Funktion der Kulte in der jeweiligen Lebenssituation der Dedikanten, die eigentlich schon die nach der kommunikativen und medialen Funktion war, ermöglicht den Blick auf Weihungen, die nicht dem ,offziellen Bereich‘ der Heeresreligion angehören, aber auch mehr sind als der Ausdruck der privaten Religiosität eines Einzelnen. Gerade der Geniuskult zeigt nach der m. E. zutreffenden Einschätzung von Ankersdorfer die „solidarisierende Wirkung religiöser Vorstellungen in der Binnenorganisation des Heeres“. Dass der Kult militärspezifscher Genien zur Moral der Soldaten, ihrem Gruppenzusammenhalt und Gemeinschaftsgefühl, auch unterhalb der Regimentsebene, etwa im Bereich administrativer oder taktischer Unterteilungen, wie den Zenturien oder Turmen, oder auch im Bereich bestimmter Arbeits- und Einsatzbereiche sowie einzelner Ranggruppen der Einheit, beiträgt, darf mittlerweile als allgemein bekannt gelten (Oliver Stoll, „Der Genius centuriae und der soziale Kontext der Weihepraxis  von Armeeangehörigen im Imperium Romanum“, 2012, S. 253).
 
Die Beantwortung der Frage, warum der Mütterkult seitens der röm. Militärverwaltungen respektiert und protegiert wurde, ist leicht zu geben. Weiheformeln wie „die Mütter aller Völker“ machen es deutlich. Jeder Soldat hatte eine Mutter in den oftmals fernen  Heimatländern, an die er mit Sehnsucht dachte, was ihn in die große soldatische Gemeinschaft einer röm. Legion stellte. Der Mütterkult war ein mildes, versöhnliches, gemeinschaftstiftendes Element im strengen, öden Militärleben an den Reichsgrenzen. Und er löste verbindliche, katholische Reflexe (altgriech. katholikós= allumfassend) aus, welche der internationalistisch-militärischen Gemeinschaft, im Dienste für das römische Empire, bei möglichst völliger Ausschaltung von gefährlichen völkisch-nationalistischen Impulsen, bestens funktionierte und zu gedeihen vermochte. Wer den „Müttern aller Völker“ opfert, denkt bereits im gewünschten Sinne propaganda-römisch, also imperial-globalistisch. Dass dahinter, hinter den schönen Wortkulissen, der schnöde national-römische Unterjochungs- und Ausbeutungswille, der brutalste „Wille zur Macht“ stand, wussten nur die unmittelbar Geschädigten aus den Nationen und die romstädtischen Profiteure einer schamlos-gewinnsüchtigen Nobilität, auch vom Schlage eines Kaisers Caligula.

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„Goddesses in Celtic Religion: The Matres and Matronae“, 2017