Völuspa - Die Schau der Seherin

 
Völuspa - Die Schau der Seherin
 
Völva oder Wala (auch Heiði genannt) ist der altnord. Begriff für „Stabträgerin“, gemeint ist die Prophetin, Seherin, Zauberin, Schamanin. In dem Reimwerk „Völuspá“ („Prophezeiung der Völva“) wird die Weltentstehung bis zu ihrem Untergang und Wiederaufgang geschildert. Sie ist Teil der Edda (germ. „Ahnenweistum“) bzw. des Codes Regius der auf Island aufbewahrt wird. Die 52 Strophen des Werkes enthalten eine mittelalterliche Welt- und Götterlehre - aus einer Phase des noch voll lebendigen Heidentums (ca. 6./7. Jh.) - von der Entstehung der Urzeitwelt bis zum periodischen Untergang im Ragnarök („Götterschicksal“) und dem Aufsteigen einer neuen, besseren Erde. Die „Völuspá“ ist auf Island im 13. Jh. aufgezeichnet worden. Hier folge ich der Übersetzung von Prof. Felix Niedner.
 
1.
Gehör erheisch‘ ich
von den heiligen Sippen,
hoher und niederer
Heimdallsöhne:
Du willst, Walvater [Odin],
dass wohl ich künde
was alter Mären
der Menschen ich weiß.

2.
Weiß von Riesen,
weiland geborenen,
die einstmals mich
  auferzogen;
weiß neun Heime,
neun Weltreiche;
des hehren Weltbaums
Wurzeltiefen.

3.
Urzeit war es,
als Ymir [androgyner Ur-Riese] hauste:
Nicht war Sand noch See,
noch Salzwogen,
nicht Erde unten,
nicht Himmel oben,
nur grundlose Gähnung
und nirgends Gras.

4.
Bis Burs [Erzeugers] Söhne
den Boden hoben,
und Midgard [Menschenland],
das mächtige, machten:
Von Süden schien Sonne
aufs Felsengestein,
grüner Bewuchs
gedieh in den Tälern.

5.
Von Süden die Sonne,
des Mondes Gesell‘,
schlang ihre Rechte
um den Rand des Himmels:
Die Sonne kannte
ihre Säle noch nicht,
der Mond kannte
seine Macht noch nicht,
die Sterne kannten
ihre Stätten noch nicht,

6.
Zum Richtstuhl gingen
Die Ratgeber alle,
die heiligen Götter
und hielten Rat.
Für Nacht und Neumond
wählten sie Namen,
benannten den Morgen
und den Mittag auch,
Dämmerung und Abend,
die Zeiten zu messen.

7.
Die Asen eilten
zum Idafeld,
die Heiligtümer,
die hoch erbauten;
sie setzten Herde,
hämmerten Erz;
sie schmiedeten Zangen,
schufen Geräte.

8.
Sie pflegten froh
im Hofe des Brettspiels.
Nichts aus Golde
fehlte den Göttern.
Dann waren gewaltige
Weiber [Nornen], die kamen;
Töchter der Riesen,
aus Thursen-Heim.

9.
Urd [Schicksal/Vergangenheit] hieß man eine,
die andere Werdandi [Werdende/Gegenwart] -
man schnitt‘s in einen Ast -
Skuld [Schuld/Zukunft] war die Dritte.
Sie setzen Satzungen
den Menschensöhnen,
lenken deren Leben,
wie das Los der Krieger.
 
10.
Da kam erstmals
der Krieg in die Welt,
als Götter die Gullweig [Gold-Rausch]
mit Geren stießen
und in Heer-Vaters
Halle verbrannten.
Dreimal verbrannte
die dreimal Geborene.
 
11.
 Man hieß sie Heid [Völva],
wo ins Haus sie kam,
das weise Weib;
sie wusste die Künste,
sie trieb Zauber,
sie betörte die Sinne.
Immer verehrten sie
arge Frauen.
 
12.
 Zum Richtstuhl gingen
die Rater alle,
die heiligen Götter
und hielten Rat,
ob Zins die Asen
zahlen sollten,
oder alle Götter
Opfer haben.
 
13.
Odin den Ger [Speer]
über die Gegner warf.
Der erste Krieg
kam in die Welt.
Es brach der Schutzwall
der Burg der Asen [göttliche Ahnenseelen],
Wanen [Himmelsgötter] stampften
streitkühn die Flur.
 
14.
Zum Richtstuhl gingen
die Rater alle,
die heiligen Götter
und hielten Rat,
wer die ganz Luft
mit Gift erfüllte
und Ods Braut [Frija] verrieten
der Riesen [Titanen] Söhne.
 
15.
Nur Thor [Kraft-Gott] schlug zu,
zorngeschwollen.
Selten verweilt er,
wenn er solches hört.
Da wankten die Verträge,
Worte und Treuschwüre
und alle Eide,
die sie beschworen hatten.
 
16.
 Ich weiß Heimdalls [Welterleuchter]
Horn verborgen
unterm heiligen
Himmelsbaume [Welteibe].
Flut seh‘ ich fallen
im feuchten Sturz
aus Walvaters Pfand [Urd-Quelle],
wisst ihr noch mehr ?
 
17.
Einsam saß draußen,
als der Alte kam,
der furchtbare Ase
und mir ins Auge sah:
Was fragst du mich ?
Was forschst du bei mir ?
Ich weiß, Odin,
wo dein Auge du bargst.
 
18.
Ich weiß Odins
Auge verborgen
in Mimirs Quell [Erden-Weistum],
dem sagenreichen.
Met trinkt Mimir
allmorgendlich
aus Walvaters Pfand [Odins verpfändetes Auge],
wisst ihr noch mehr ?
 
19.
Halsschmuck und Ringe
verpfändete Heer-Vater [Odin],
um Zukunfts-Wissen
und Zauber-Kunde.
Weit sah ich, sehr weit
jegliches Schicksal
in allen Weltaltern.
 
20.
Ich sah Balder [der gute Gott],
dem blutenden Gott,
Odins Sohn,
vom Unheil bestimmt.
Auf hohem Baume
stand weit oben gewachsen
der Zweig der Mistel [Schmarotzer-Pflanze],
zart und schön.
 
21.
Ihm ward der Zweig,
der schwach erschien,
zum herben Harm-Pfeil.
Hödur schoss ihn ab.
Und Frigg [seine Mutter] weinte
in Fensals Heim [fruchtbare Ur-Feuchte],
um Walhalls Weh.
Wisst ihr noch mehr ?
 
22.
Geknebelt sah ich
Im Quellenwald
den Leib Lokis,
des Listenreichen.
Da sitzt Sigyn [Lokis Weib];
ihr Gesell bringt ihr
wenig Wonne.
Wisst ihr noch mehr ?
 
23.
Durch Gifttäler
fließt von Osten,
mit Schneiden und Schwerter
der Schreckensstrom [asiatische Horden ?].
 
24.
Im Norden stand
auf dem Nacht-Felde
für Sindris [Zwerg/Schmied/Funkenspüher] Sippe
ein Saal aus Gold.
Ein anderer erhob sich
auf heißem Grund,
der Bier-Saal des Riesen,
der Brimir heißt.
 
25.
 Einen Saal sah ich,
der Sonne fern,
am Toten-Strand,
das Tor nach Norden:
tropfendes Gift
träufelt durch das Dach;
die Wände sind
aus wurmartigen Leibern.
 
26.
Dort sah ich waten
durch Sumpfströme
Meineidige
und Mordtäter;
dort saugte Nidhögg [Totendrache]
an entseelten Leibern;
der Wolf [Fenrir] riss Leichen,
wisst ihr noch mehr ?
 
27.
Eine Alte [böse Riesin] östlich
im Eisenwald [waffenstarrende Hunnen-Heere] saß.
Die Brut Fenrirs [wölfische Kinder]
gebar sie dort.
Von ihnen allen
wird einer dann
des Tageslichts Töter,
gestaltet als Troll [riesischer Unhold].
 
28.
Er füllt sich mit Fleisch
gefallener Männer,
rötet mit Blut
der Rater Sitz.
Schwarz wird die Sonne
über die folgenden Sommer,
wilde Wetter wüten,
wisst ihr noch mehr ?
 
29.
Dort saß auf dem Hügel
und schlug die Harfe
der Riesin Hüter,
der heitere Eggdir [bewaffneter Diener];
es krähte bei ihm
im Kieferbusch
der hellrote Hahn,
der Fjalar [Betrüger] heißt.
 
30.
Doch Goldkamm
bei den Göttern kräht.
Er weckt die Helden
bei Heer-Vater.
Unter der Erde
ein anderer kräht,
in Hels Halle,
ein dunkelroter Hahn.
 
31.
 Gellend heult [der Wolf] Garm
vor Gnipahellir [verdeckte Höhle].
Es zerreißt seine Fessel,
es rast der Wolf.
Vieles weiß ich,
Fernes schau ich,
der Rater Schicksal,
der Kampfgötter Sturz.
 
32.
Brüder kämpfen
und bringen sich den Tod,
Brudersöhne
zerbrechen die Sippen.
Arg wurde die Welt,
Ehebruch gedeiht furchtbar.
Nicht einer will
des andern Leben schonen.
 
33.
Es gärt bei den Riesen.
Des Gjallarhorns [lautes Schallhorn],
alter Klang
verkündet das Ende.
Hell bläst Gott Heimdall,
sein Horn ragt auf.
Und Odin murmelt
mit Mimirs Haupt.
 
34.
Yggdrasils [Welteibe] Stamm
steht erzitternd,
es rauscht der Baumgreis,
der Riese kommt los.
Alles erbebt,
bricht seine Bande
der Blutsbruder [Loki] Surts.

35.
Was gibt's bei den Asen ?
Was gibt's bei den Alben ?
Riesenheim rast.
Beim Rat sind die Götter.
Vor Steintoren
stöhnen die Zwerge,
die Weisen in den Felsen;
wisst ihr noch mehr ?
 
36.
Gellend heult [der Wolf] Garm
vor Gnipahellir.
Es zerreißt seine Fessel,
es rast der Wolf.
Vieles weiß ich,
Fernes schau ich,
der Rater Schicksal,
der Kampfgötter Sturz.
 
37.
Hrym [böser Riese] fährt von Osten,
er hebt den Schild.
Im Riesenzorn
rast die Schlange.
Sie peitscht die Wellen,
es schreit der Aar.
Leichen reißt er;
Nagelfar [Totenschiff] kommt los.
 
38.
Von Norden fährt ein Kiel.
Es landen der Hel [Totengöttin]
Sippschaft dem Land.
Loki steuert.
Mit dem Wolfe zieht
die wilde Schar,
Byleipts Bruder [Brüder Lokis]
bringen sie mit.
 
39.
Von Süden kommt Surt [Feuer-Riese/Roms
Feuerkatapult-Legionen ?]
mit sengender Glut.
Von der Götter Schwert
blitzt die Sonne.
Riesinnen fallen,
Felsen brechen;
Zur Hel ziehen Männer [die Toten],
der Himmel birst.
 
40.
Dann naht neue
Not der Göttin,
wenn wider den Wolf
Wal-Vater zieht,
und gegen Surt
der sonnige Freyr [Licht-/Fruchtbarkeits-Gott].
Fallen muss da Friggs Geliebter.
 
41.
Der starke Sohn
Siegvaters [Odin] kommt,
Widar [weithin Herrschender], zum Kampf
mit dem Waldtiere [Wolf].
Es stößt seine Hand
den Stahl [Schwert] ins Herz
dem Riesensohn;
so rächt er [Vater] Odin.
 
42.
Der hehre Spross
der Hlodyn [Mutter Thors] naht.
Der Lande Gürtel [Midgardschlange]
gähnt zum Himmel,
Gluten sprüht er
und Gift speit er.
Entgegen geht
Der Gott [Thor] dem Wurm.
 
43.
Der Erde Schirmer
schlägt ihn [den Wurm] voll Zorn.
Die Menschen müssen
Midgard räumen.
Vom Wurme geht
wankend neun Schritt,
frei jeder Schmach
der Fjörgyn [Erde] Sohn.
 
44.
Die Sonne verlischt,
das Land sinkt ins Meer;
vom Himmel stürzen
die heiteren Sterne.
Rauch und Feuerlohe
Umtost die Stätte.
Hohe Hitze
steigt himmelan
 
45.
Gellend heult Garm
vor Gnipahellir,
es zerreißt die Fesseln,
es rast der Wolf.
Vieles weiß ich
Fernes schaue ich,
der Rater Schicksal,
der Schlachtgötter Fall.
 
46.
Es gärt bei den Riesen.
Des Gjallarhorns,
alter Klang
verkündet das Ende.
Hell bläst Gott Heimdall,
sein Horn ragt auf.
Und Odin murmelt
mit Mimirs Haupt [Weisheitsquelle].
 
47.
Auf dem Idafeld [Götterfeld der Ewigkeit]
die Asen sich wieder finden
und sie reden dort
vom riesigen Wurm
und bedenken da
der großen Dinge
und der alten Runen
des Rater-Fürsten [Odin].
 
48.
Wieder werden
die wundersamen
goldenen Tafeln
im Grase sich finden,
die vor Urtagen
ihr Eigen waren.
 
49.
Unbesät werden
die Äcker tragen,
Böses wird besser:
Balder kehrt heim.
Hödur und Balder
hausen im da im Sieg-Hof,
froh, die Schlacht-Götter,
wisst ihr noch mehr ?
 
50.
Den Los-Zweig heben
wird Hönir [Asengott] dann.
Es birgt beider
Brüder Söhne
das weite Windheim [das All],
wisst ihr noch mehr ?
 
51.
Einen Saal sehe ich
sonnenglänzend,
mit Gold gedeckt,
zu Gimle [Glanzhalle] stehen:
Wohnen werden
dort wackere Scharen,
die in Freuden walten
bis in fernste Zeiten.
 
52.
Der düstre [dämonische] Drache
fliegt tief drunten,
die schillernde Schlange,
aus der Schluchten Dämmerung.
Er fliegt übers Feld,
im seinem [Schuppen-]Gefieder trägt
Nidhögg die Toten
,
[doch] nun versinkt er.