Der Odenberg bei Gudensberg

Das Herzstück des Hessengaues - Blick von Nord nach Süd, vom heiligen Odenberg auf die Gemeinde Gudensberg in Nordhessen (Stich von 1628)
 
Die weite Germania war überzogen von einem Netz der heiligen Kultorte des Wodan-Wodin-Odin, dem Geist- und Volksgott unserer germanischen Ahnen. Hoch im Norden, im schwedischen Westgötland gibt es den Odensberg bei Falköping, ebenso wie im nordwesthessischen Bergland den Odenberg, bei der Gemeinde Gudensberg des Schwalm-Eder-Kreises. Es ist eine 381,2 m hohe Basaltkuppe, auf dessen Hochplateau sich zwei Ringwallanlagen befinden und der Aussichtspunkt Odenbergturm, von dessen Spitze ein herrlicher Rundumblick über die stolzen Höhen gestattet ist. Hier fand sich in altfreier Zeit der Thingplatz, die Malstätte der Landsassen und auch die Richtstätte, auf der noch im 18. Jh. ein Galgen errichtet war. Die ersten Nachrichten rühren von 1154 n.0 her, wo die urkundliche Erwähnung den „Wuodenberg“, Berg des Gottes Wotan, bezeichnete. Hier, auf der wallumringten Odenbergkuppe, sehen wir das sich klärende Bild vor unserem geistigen Auge aufsteigen, wie vor um 2.000 Jahren der weißbärtige Parawari und Ehwart den Runen-Kerbstock in Händen hält und Stab für Stab dem blondschopfig-scharfäugigen Jungvolk die Jahresfestdaten der Oding’schen Zeitweiserregel erklärt. Über tausend Jahre galten sie uns verloren, die Mondfestmale der eigenen Od-Religion, wurden verwüstet und verweht in den Zeitläufen christenkirchlicher Wirrnis, bis sie der Hesse Gerhard Hess in der wiedergefundenen ODING-Wizzod-Erkenntnis in den Jahren 7081-93 n.M. der Neuzeit wiederschenkte. 
 
Ein besonderes Wunderreich voller Sagen und Märchen ist die einzigartige Basaltkuppenlandschaft des Chattengaues (Hessen-Gaues), wenige Meilen südlich von Kassel. Gegenüber dem Gudensberger Schlossberg, nach Kassel hin, reckt sich die geheimnisumwitterte Basaltkuppe des Odenberges, Wodanberges, den zahlreiche Sagen mit „Kaiser Karl“ oder dem „Quintes“ in der Weise in Verbindung bringen, dass dieser im Odenberg schlafen würde und ausruht für den letzten siegreichen Kampf. Wenn der anhebt, wird er wieder hervortreten, um das Land vor dem Untergang zu retten. Eine andere Sage berichtet, dass er, zusammen mit seinem „Wilden Heer“, dort so lange bleiben muss bis der letzte Rabe verschwunden ist, der um seinen Berg kreist. Noch im Jahre 1812, in der vaterländischen Not des Franzoseneinfalls, versammelten sich die Landleute aus den umliegenden Dörfern unterhalb des Odenberges, um das Hervorkommen des rettenden „Kaiser Karls“ zu erwarten, so dass sie von den Soldaten Napoleons zerstreut werden mussten. Mit „Karl Quintes“ ist letztlich kein historischer Herrscher gemeint, sondern Wodan, der Volks- und Hauptgott der Deutschen. „Quintes“ könnte aus lat. quintus, „der Fünfte“, verstanden werden, denn 5 galt als Rundzahl der Vollkommenheit. Als Wodan dem Kirchenglauben weichen sollte, versetzte ihn die Volkspoesie in den Odenberg, wo er als bergentrückter Held irgendwann auferstehen und seine segensvolle Herrschaft wieder aufnehmen werde. Der Name Karl, im Sinne von „Herr“, versteht sich als ein Kultname Wodans, wird doch auch der Himmels- oder Wodanswagen, auf dem der Gott alltäglich sein himmlisches Reich umfährt, als Karls- oder Herrenwagen bezeichnet (dän. Karlsvogn, schwed. Karlwagn). Ein Sagenstrang lässt ihn jeweils im siebten Jahr in seiner Eigenschaft als Totengeleitgott an der Spitze seines treuen Gefolges aus dem Berg hervorgehen, um in der Nähe des dortigen Glissborns eine große Heerschau abzuhalten. Die Sage liebt es zuweilen, die Gestalten hoher Gottheiten auf bedeutende geschichtliche Persönlichkeiten zu übertragen und die religiösen Mythen auf einem markanten geschichtlichen Hintergrund zu beschreiben. Die gleichen Sagen vom „Kaiser Karl“, oder „Kaiser Barbarossa“, die Mythen vom Rabenflug, von ursprünglich Wodans „Wildem Heer“, der „Wilden Jagd“ bzw. „Wilde Gjoad“, erzählt sich das Volk nicht allein vom Odenberg (381,2 m), ebenso auch vom Kyffhäuser (473,6 m), südöstlich des Harzes in Thüringen, wie vom Untersberg (1.973 m), einem Bergmassiv der Nördlichen Kalkalpen auf der Grenze zwischen Bayern und dem Salzburger Land. Wie weit in germanischen Landen die Gleichklänge reichten ersehen wir am weiteren Beispiel der Burg Karlsberg (Karlsburg) im südlichen Böhmerwald, die der deutsche Kaiser Karl IV. (1316-1378) erbauen ließ. 300 Meter östlich davon liegt ein kleiner Felssporn auf dem das Ödschlössel errichtet wurde. Die beiden Burgruinen liegen etwa 2,5 Kilometer nördlich vom alten deutschen Städtchen Reichenstein, elf Kilometer südlich von Schüttenhofen. Reichenstein ist die höchstgelegene gotische Stadt Böhmens. Heute tragen freilich all diese urdeutschen Stätten eines eingedrungenen fremden Volkes neue Namen. Die Sage „Der Kaiser im Berg“ erzählt, dass in dem Berg unterm Ödschlössel der Kaiser Karl mit seinen Rittern verzaubert säße. Es heißt da: Vor Zeiten rastete einmal ein blutjunger Kaplan auf den Trümmern des Ödschlössels. Da winkte ihm ein Zwerg aus einem verfallenen Gang und führte ihn tief in den Berg hinein, und sie kamen in wunderbare Zimmer, eines war schöner als das andere, dass dem Pfaffen die Augen wehtaten vor lauter Glanz. In einem Zimmer war ein Tisch voller Kuchen und Braten und süßen Wein, dort aß und trank er nach Herzenslust, und auch ein Himmelbett war dort zum Schlafen. Bevor der Zwerg ging, zeigte er ihm ein schwarzverhangenes Fenster und sagte: „Durch das Fenster darfst du nit schauen !“ Wie der Mann aber sich ausgeschlafen hatte, schaute er allweil das schwarze Tuch an, und schließlich konnte er sich vor seiner Neugier nimmer retten, und er schob das Tuch ein wenig weg. Da sah er einen riesigen Saal, drin funkelte es von Gold und Edelsteinen, an der Wand standen eiserne Ritter, und mitten im Saal schlief auf einem goldenen Sessel der uralte Kaiser, und seine schöne Tochter kämmte ihm den weißen Bart, der siebenmal um den Tisch gewachsen war. Wie dem Kaplan vor Schauen die Augen übergingen, stand der Zwerg neben ihm und vertrieb ihn mit wilden Gebärden aus dem Berg. Jetzt ging er nach Bergreichenstein zurück. Aber die Stadt war mit ihren Häusern und Gassen ganz verändert, und in den Gassen gingen lauter fremde Leute auf und ab, und er kannte niemand, und niemand kannte ihn. Und wie er im Pfarrhof nachfragte, so kam er darauf, dass er hundert Jahre im Berg verbracht hatte. Er war auf einmal ein eisgraues krummes Männlein und sank um und starb. (Quelle: Hans Watzlik, „Böhmerwald-Sagen“, 1921)
 
Unsere Vorfahren kleideten ihr Wissen und Verstehen sehr oft in Lehrerzählungen ein, die uns als Märchen erhalten blieben. So scheint auch das Märchen vom „Hirt am Odenberg“ solch ein Belehrungsmärchen zu sein. Tief im Innern des Kosmos und in jeglichem Ding waltet als Lebenselixier, die Od-Kraft. Das All konnte mit dem Gleichnis des Berges umschrieben werden. Der Odberg ist der Allberg, der Himmelsberg. Deshalb nannte man manche heiligen Anhöhen im weiten Germanien, auf denen die altgläubigen Sippen ihre Opferbräuche für die Od-Gottheiten vollzogen, Odberge. In christlicher Zeit wurden sie gern auf den Wodan-Ersatz, den seelengeleitenden „Erzengel Michael“ umbenannt, denn der Altdeutsche verstand seiner Sprache nach unter dem „Michil“ den Großen, Starken, Gewaltigen, Mächtigen -, also Wodan. Das Volk glaubte, tief im Innern der Odberge würden die Od-Herrscher hausen und Hof halten. Man erzählt, wie der Hirte einmal gewahr wurde, dass eines seiner Tiere die Erde aufwühlte und goldgelben Hafer daraus fraß. Er hatte vorher von seinem Vater gehört, dass solcher Hafer im Berge wachsen würde, damit die Rosse des Herrschers, der darin seit langen Vorzeiten schlafe, nicht verhungerten. Er fand auch  wirklich eine Öffnung im Fels und trat, mit seinem Knaben an der Hand, hinein. In einer weiten, mit Schätzen vollgefüllten Halle erblickte er den hohen Herrn mit güldener Krone auf dem Haupt. Der erlaubte dem armen Mann, seine Taschen reichlich zu füllen, so viel er tragen könne. In sieben Jahren zur Mittagsstunde könne er wiederkommen, da stünde erneut der Berg offen. Beim gierigen Einsammeln der Schätze vergaß der Hirt aber sein Kind. Erst als er draußen war, die Türe hart hinter ihm niederfuhr und ihm die Hacke wund schlug, so dass er fürderhin etwas lahmte, gewahrte er seinen Verlust. Er war jetzt reich und satt, aber das Beste, das Lebendige, sein Kind hatte er unter dem „Geldverdienen“ vergessen und verloren. Geht es nicht vielen Menschen zu allen Zeiten so ?! Vergisst man doch über dem Geschäftemachen, Börsengucken, Spekulieren, Goldscheffeln, allzu leicht den Nachwuchs, nämlich das wahre Weiterleben in Kindern und Enkeln.
 
Auch unser heutiges Deutschland ist voll des toten, kalten Reichtums und verarmt am Lebendigen. Wir vergaßen das Kind, die Kinder. Wir vergaßen, dass wir selbst nur Kinder-Glieder in der Ahnen- und Enkelkette des Lebens sind.  Viele von uns „humpeln“ als vermögende, kinderlose Knechte des Mammons dem Grab und dem Vergessen entgegen. Für wen schaffen und raffen eigentlich die Deutschen, wo sie doch viel zu oft ohne die ergänzenden Kinder sind ?! Im Märchen vom Odenberg fand der Mann nach sieben Jahren zurück in den Seelenberg, holte seinen spielenden Knaben wieder nach Hause und war zukünftig vorsichtiger und bedachter. Er hatte über lange Jahre erkennen können was ihm das Wichtigste war, nicht das schnöde Gold und die Glitzersteine, sondern das lebendige Lachen seines Jüngsten. Im Odberg ist alles verborgen, aus ihm ist alles zu gewinnen, die Schätze der Materie und die Schätze des Lebens, vergessen wir das eine über dem anderen nicht ! Das könnte die Lehre der Sage sein. Im Märchen gibt es immer einen glücklichen Ausgang, weil uns damit Mut gemacht werden soll, den rechten Weg zu gehen. Doch die Wirklichkeit sieht nicht selten viel trostloser aus.