DER LENZ-MYTHOS

 

DER LENZ-MYTHOS

Jetzt erwacht die Erde aus trübem Traum,
mit Knospen rüsten sich Busch und Baum,
die weißen Birken, sie biegen sich mild,
unsrer heimischen Göttin natürliches Bild.

Ihre Stämme so hoch, die Äste so schlank
wie nordische Maiden, so rank und blank.
Die Göttin gleicht Gertraut, der „Gärtnerin“,
zugrund‘ liegt Frau Freija‘s Sein und Sinn.

Die mütterliche Erde, die weibliche Nacht
ward zur Frühlingsgleiche zusammengedacht
mit dem Himmelsvater, dem herrlichen „Tag“,
der dem Weib seinen Willen verkünden mag -
den Befruchtungswillen, den Erweckungsgeist,
der im Sonnenstrahl jetzt die Erde umkreist.
 
Der dringt in den Schoß der Mutter hinab
und ruft neues Leben aus Schlummer und Grab.
Wie die eiserne Pflugschar die Furche zieht,
wie der zuckende Zagel, das göttliche Glied,
so brennet begehrlich das Eisen im Acker,
da mischen sich Mächte, wählig und wacker.

Es sehnt sich der Herr nach seliger Rast,
mit Gunst lädt die Gertraut den Gatten zu Gast.
Die Verkündigungsfeier ist Freija‘s Freien,
das Erdweib erwartet die himmlischen Weihen.

So, wie es dem liebenden Herrgott gefällt,
lenkt der Hausvater seinen Pflug zum Feld,
holt der Bauer das brünstige Eisen ins Licht,
damit es die Scholle - den Erdenschoß - bricht.
 
Wenn die erste Pflugschar den Boden umbrach,
das nannten die Ahnen „Plooch-Freija-Daach“.
Sank erstmals der eherne Phallus ins Land,
dann fuhr er mit lieblichen Maiden bespannt.

Dann ward er gezogen, den Zauber zu zwingen,
von frohen Frauen, die Fruchtbarkeit bringen.
Der Schar schritt voran im Frührotscheine
eine blendend Entblößte, so Ranke, so Reine.

In jeder frischen Fraue lebt Freijas Bild -
vom Weib wird des Werdens Sehnsucht erfüllt.
Nun endet des Lichtkarzes Kammergekunkel,
muntrer Maiden und Muhmen Rockengemunkel,
Spinnrad und Spindel steh’n wieder stille,
dafür wirbt Frau Freijas Wunsch und Wille.

Im Kalender hält sie die Kunkel in Händen,
als meldendes Merkmal der Frühlingswenden.
Frühlingswind klopft an die Fensterläden,
den Mägden zerfasern Mäuslein die Fäden,
der Winterweile Werke - vorbei und gewesen,
durch Spinnstuben fahren jetzt Fegebesen.
 
Fort mit den Flausen um Funzel und Faden,
die Luft ist von lockenden Düften beladen!
Boten des Frühlings durchreisen die Lande,
Kräfte des Aufbruchs zerreißen die Bande.

Schmelzbäche schwemmen von Bergen zur Börde,
schon kreuzen die Kiele auf eisfreier Förde.
Streichen schimmernde Segel über den Sund,
macht der Kuckuck das kecke Kommen uns kund,
rauscht die Wildgansrotte mit rauhem Schrei
auf der Wanderfahrt Richtung Norden vorbei,
strebt der Kranichzug in die Heimat zurück -
folgt den Lichtverkündern leuchtendes Glück.
 
Die Tage dehnen sich hoch in den Himmel,
zum Zenit jagt der Zeiten schierer Schimmel,
die Welt wird weit im großen Beginnen,
das Jahr holt kraftvoll den Atem nach innen,
über Hügel und Heiden fährt herb der Hauch,
er schüttelt die Kätzchen am Haselstrauch.
 
Die strotzenden Stürme segnen die Saaten,
die Frucht aller Felder wird vollauf geraten.
In den weihenden Winden wiegen sich wieder
des Lenzmondes wilde, verlangenden Lieder.

 

 

PS: Der Lenz ist in der alten Religion der Erdmutter-Monat und wurde deshalb bei den Christen der Marien-Mond. -- Unsere urdeutsche Muttergöttin wurde auch als Birken-Metapher gesehen, als unsere weißhäutige Urmutter -; und es ist in der Tat so, dass die Birke der älteste Baum unserer Georegion ist und als einziger unserer Bäume Weiblichkeit ausstrahlt. -- Unter den Namen Frigga/Freja/Frija kennen wir die germanische Muttergöttin, die als Kalender-Heilige, namens Gertrut/Gertraut, im heutigen Kalender steht.

17.03. = Gertraut / Gertrud - germ. „Speerstarke“; sog. „Drudentag“; Attribut: Flachsspindel mit zwei Mäusen. Zahlreiche skand. Holzkalender zeigen ein Haus. Gertrud ist christl. Ersatz für die germ. Erdmutter Nerðuz / Nertha, deren eddischer Name Gerðr / Gerda (Frau des Sonnengottes Freyr; Gylf. 36) ist. Ihr Wort bedeutet: „die durch Einzäunung Geschützte“ und meint damit sowohl das umhegte Fruchtfeld wie die gesamte schützend eingezäunte Erde, Welt, Midgard-Heimat (got. midjungards, altn. miðgarðr, ags. middangeard) des Menschen (Grim. 41). Der Sohn von Freyr und Gerðr ist folgerichtig Fjölnir („der Reiche / der Fülle schenkende“). Im Mittelalter galt der Gertruden-Tag als FG und die „Heilige“ als Nachfahrin der germ. Muttergöttin (Frija-Freyja / Frigga), der zu Ehren man den Gedächtnistrunk, die „Gertrudenminne“, trank. Das Glas, dessen man sich dabei bediente, hatte die Form eines Schiffes. Und ihre von den Schiffern besuchte Kapelle stand zu Bonn in Rheinnähe. Sie ist die gute „Hausmutter“ und die große „Spinnerin“ allen Werdens. Das Sternbild Orion heißt in Schweden Friggetenen / Friggerocken („Spindel/Rocken der Frigga“). Als „Frühlingsbotin“ und „Sommerbraut“ schaute man sie, und als ehemalige Erd- und Himmelsmutter musste sie die „erste Gärtnerin“ sein sowie jene, welche die toten Seelen zu sich aufnimmt und ihnen die Totenschuhe schenkt. Ihr Brauchtum umfasst sämtliche Aspekte der heidn. Muttergöttinnen.

25.03. = Klibeltag - altdt. „Befruchtungstag“; beklibunge („Empfängnis") bzw. „Bodeschaft Godes“ ; am Verkündigungstag erfolgte legendäre Befruchtung der christl. Kultgöttin Maria. Auch: „Ploogmariendaag“, d.h. erster Pflugtag; Pflügen meint Begatten; griech. wie röm. wird dasselbe Wort für beackern und schwängern verwandt. Neun synodische Monde später erfolgt in WSW die Licht- Jahrgottgeburt. (Erst i.J. 1263 beschloss Generalkapitel der Franziskaner zu Pisa die Annahme des Festes Maria-Empfängnis)

Mati - slav. Erdmutter, Brauchtumsfest der Natur; Beginn der Feldarbeit.