PIZ-OT - OT-SPITZE - DER OD-BERG

Copyright Gerhard Hess / Januar 2017
 
Der Piz-Ot - der Ot-Berg
 
 
PIZ-OT - DER UR-OD-BERG
>> Sommer im Jahre 72 vor Null <<
 
Ein Od-Berg steht im Engadin,
die Lärchenwälder schweigen.
Ringsum im Kreis die Gipfel all‘,
zur Gotteshöhe zeigen.
 
Ergriffen schaut die Wanderschar
der Kimbern und der Kelten,
am kalten Quell, am Bergesfuß,
vereint vor ihren Zelten.
 
Sie schüttelten die Ketten ab,
sie waren Romas Knechte,
jetzt suchen sie ein Heimatland
und neue Gottes-Rechte.
 
Der Od-Gott soll ihr Lenker sein,
dem trauen sie verwegen -,
gelobt sei eigene Seelenkraft,
nicht mehr des Teiwaz Segen.
 
Auf hohem Piz, der Berges-Spitz,
hebt Erul seine Arme,
er fleht um hohes Weistum an,
der Ahnengeister Schwarme.
 
Er sinnt auf Runen-Galster hin,
will eine Schrift erdenken,
begeisternd sei sie und geheim,
das Nordland zu beschenken.
 
Er ruft das Od, sein Horn zur Hand,
Odrörir-Met muss rinnen,
hier auf dem Piz-Od soll es sein,
hier wird das Werk beginnen.
 
Der Runen-Vater steigt zu Tal,
die Kameraden grüßen -;
sechstausend Stadien misst der Weg,
auf harten Wanderfüßen.
 
Und einige kehrten wahrhaft heim,
zurück in Jütlands Norden,
sie lehrten ODINGs Religion,
so ist das Heil geworden.

 

Die junge Abwehrkraft, die den Germanen zum Beginn unserer Zeitrechnung durch die reformierende Runen-Religion des ODING-Glaubens zufloss (Asen- bzw. Wodan-Glauben), verhinderte, dass ihnen das gleiche Schicksal widerfuhr wie das der Gallier, deren Kulturen durch die Römer ausgelöscht wurden.
 
 
DER OD-BERG IM OBERENGADIN
 
Der Friedrich-Nietzsche-Stein in Surlej am Sylvaplaner-See, im Oberengadin (Kanton Graubünden / Schweiz), hat die gleiche Pyramiden-Form wie der 9 km entfernte Berg „Pitz-Ot“ („Erhabene bzw. hohe Spitze“), in dessen Schatten Friedrich Nietzsche im Jahre 1881 die Idee des „Zarathustra“-Werkes empfing. Er ist der Namensgeber der alpinen „Ot-Gruppe“. „Ot/od“ ist der germanische Begriff für das Obere, für Seele, und das Gute, Heilige schlechthin. Der Piz-Ot (über 3.000 m ü. M.) bietet dank seiner beherrschenden Stellung in allen Richtungen eine außergewöhnliche Fernsicht. Weit über 800 Gipfel sind bei guter Fernsicht mit maximaler Sichtweite zu erkennen. In den rätoromanischen und ladinischen Alpen-Idiomen hat sich wohl aus gotischer oder noch früherer Zeit der „ot“-Begriff erhalten, wie z.B. in „Piz Ot“ (Mundart: „Piz Oot“), auch des Passübergangs „Fuorcla Punt Ota“, dem Bergsee „Lej da Punt Ota“ und „Punt Ota“ („Hohe Brücke“), aus lat. „pons / ponte“ = Brücke. Ihr Oberengadin bezeichnen die Rätoromanen als „Engiadin'Ot“. Die ursprüngliche Brücke entstand im 9./10. Jahrhundert. Der besiedelte Talabschnitt im Umfeld der Brücke hieß „Pontalt / Puntauta / Punt auta / Pont alto“, alle ebenfalls in der Bedeutung „Hohe Brücke“. „Die hohe Brücke Pont auta zwischen Tschinuoskel und Brail“, heißt es bei H.L. Lehmann (S. 321) der Ende 18. Jh. lange Zeit im Engadin gelebt hat. In früher Zeit fungierte „Punt auta“ mit seiner Grenzsiedlung als der Engadiner Vorposten der Herrschaft Tirol, als Teil des Herzogtums Bayern. Die Brücke gilt als Landmarke für die Grenze zwischen dem Ober- und Unterengadin. Die überlieferte Begriffsform „Punt auta“ entspricht dem gotischen „aut“ für „ot“. Eine weitere hohe Brücke „Punt Ota“ im Oberengadin führt über den Berninabach. Nach Annahme der Reformation im Jahre 1537 warfen die dortigen Einheimischen die Heiligenbilder und -statuen aus der Kirche „St. Maria“ in den Fluss hinab und riefen dem fortschwimmenden kirchlichen Heiligenkitsch spöttisch hinterher „Bhieti Gott“ („Behüte euch Gott“), was zum dörflichen Über- bzw. Spottnamen „Pietigots“ führte. Der Autor H.L. Lehmann schwärmte: „Die Oberengadiner sind durchs Band ein schöner Schlag Leute. Ihre starken und wohlgestalteten Körper, die blühende Farbe, ihr schwarzes Haar, ihr blaues Auge zeichnet sie vor vielen anderen ihrer Landsleute aus. Welch ein Contrast zwischen dem Engadiner und Veltiner. Blassgelbe Gesichter, magere, Todtengerippen ähnliche Figuren mit kurzen und erhabenen Stirnen, Mäuler von einem Ohre bis zum anderen, schwarze hohle Augen ohne Feuer, eine schmale Nase, starrer dummer Blick, zigeunermäßige Farbe, schlaffe, lederhafte Haut, Beine ohne Waden, ein kriechender Gang - da sieht man den Veltiner.“ (Heinrich Ludwig Lehmann, „Die Republik Graubünden historisch-geographisch-statistisch dargestellt“, Bd. 1, 1797, S. 342) Das südlich liegende Veltin ist ein langgestrecktes italienisches Tal das sich von Bormio bis zum Comer-See ausdehnt.
 
Der berühmte Badeort St. Moritz am St. Moritzersee und nördlich davon der Luftkurort Samedan am Inn sind Gemeinden des Oberengadin im Kanton Graubünden. Dort gibt es den Berg Piz-Ot (3.246,4 m ü. M.), über den ich hier nachdenken möchte. Das Samedaner Wappen zeigt den Flussgott des En/Inn, denn Samedan ist die älteste Gemeinde am oberen noch nicht schiffbaren Inn. Die Ortsbewohner nannte man in den Urkunden des 12. bis 16. Jhs. Samadeni. Auf den Piz-Ot hat man von Samedan aus keinen freien Blick, weil ihm der Piz-Padella vorgelagert ist. Den Samedanern Kindern wird erzählt, dass von hier der „Samichlaus“ (Nikolaus) herkommt. Das Tal kann im Winter bei klarem Wetter sehr kalt sein. Temperaturen unter -20 Grad sind fast alltäglich. An 260 Tagen des Jahres sinkt die Temperatur unter 0 Grad. Selbst im Juli gibt es durchschnittlich rund fünf Frosttage. Eine weitere Gemeinde, Samnaun im Unterengadin, besitzt ebenfalls einen kleineren Berg Piz-Ot (2.736 m ü. M.). Dieser Gipfel, der das Samnauner Tal beherrscht, sticht wie eine Speerspitze in den Himmel, wenn man ihn von unten betrachtet. Seine durchfurchten Grasflanken auf der Südseite und die jähen, plattigen Fels-Abfälle auf der Nordseite verleihen dem Berg ein majestätisches Aussehen. So besitzen beide, sowohl das Ober- wie das Unterengadin, ihren Piz-Ot. Um den kleineren geht es hier jedoch nicht, ich erwähne ihn nur um Missverständnisse auszuschließen. Im Jahre 15 v.0 wurde das urvölkisch, keltisch und alpengermanisch besiedelte Engadin als Teil der Provinz Rätien ins Römerimperium eingegliedert. Nach dem Ende des Römischen Reichs wurde das Land mit Rätien Teil des Ostgotenreichs, ab 536 fiel es an die Franken. Die weltliche und geistliche Herrschaft lag ab dem 7. Jahrhundert in den Händen des Adelshauses der merowingisch bestimmten Zacconen, die auch Viktoriden genannt wurden. Bekanntester Namensträger ist neben Tello Bischof Viktor I. Er ist 614 bezeugt, als er an der fünften Bischofssynode von Paris teilnahm. Auch Victors Söhne, der Bischof Tello (765) und Zacco teilten sich als Bischof und Gaustatthalter die Macht. Mit Tellos Neffen Victor und seinen Nichten Teusinda und Odda, die noch im Zusatz zu Tellos Testament genannt werden, erlosch die Linie der Viktoriden.
 
Sklavenbefreiung unter Spartakus
Fluchtwege in den Norden
 
Im Verlauf der Sklavenaufstandes, unter der Führung des Thrakers Spartakus und des Kelten Krixus, begannen die Verbände der befreiten Kelten und Germanen im Frühjahr 72 v.0 in Richtung ihrer Heimatgaue nach „Gallia cisalpina“ („Gallien diesseits der Alpen“) zu marschieren. Um sie daran zu hindern, schickte ihnen der römische Senat zwei Prätorianer-Armeen entgegen. Diese wurden geschlagen. Spartacus zog weiter bis nach Mutina (heute Modena), wo er ein drittes römisches Heer, ca. 10.000 Mann stark, vernichtend schlug. Aus unbekanntem Grund zog Spartacus aber nicht weiter nach Westen oder Norden, obwohl der Weg über die Alpen frei geworden war, sondern ließ seine Armee 71 v.0 wieder in Richtung Süden kehrtwenden. Der Schriftsteller Plutarch (45-125 n.0) berichtet in seiner Doppelbiographien über Crassus: „Spartacus zog wie geplant in Richtung Alpen, um seine Anhänger in ihre jeweilige Heimat zu entlassen. Crixus trennte sich mit einer Abteilung ab. … zuletzt schlägt er den Prokonsul Gaius Cassius Longinus bei Mutina. Die bisherigen Erfolge und die Aussicht auf Beute verleiten das Heer, das inzwischen auf 120 Tausend Mann angewachsen war, noch einmal Italien nach Süden zu durchziehen.“ Es liegt auf der Hand, dass sich zumindest einige gallische und germanische Gruppen die Gelegenheit nicht entgehen ließen - dem ursprünglichen Plan folgend - über die nun freien Alpenpässe in die Nordheimat zurück zu gelangen. Einige werden über die Ostalpen ausgewichen sein, doch die sich direkt anbietende vielgenutzte Wegstrecke war die aus römischen Straßenverzeichnissen bekannte „Itinerarium Antonini“, der Route Mediolanum (Mailand), Comum (Westufer des Comes-Sees), über das Bergell-Tal, zum Malojapass, nach Silvaplana, durch die Engadiner Hochebene über den Rechenpass nach Nauders (Tirol) ins obere Inn-Tal nach Innsbruck -, oder über den Julierpass und Septimer-Pass nach Curia (Chur), Clunia (Feldkirch am Anfang des Illtals), nach Brigantium (Bregenz) und Feldkirch zum Bodensee. Den Reisenden beider Wegstrecken kann der Piz-Ot nicht unbekannt geblieben sein. Diese Stecke über Chur in umgekehrter Richtung zogen im Hochmittelalter Händler, Heere, Könige und Kaiser, wie z.B. 961 Otto der Große und 1164 Friedrich Barbarossa, um ihre Rechte in der Lombardei geltend zu machen. Die Nordwanderer aus dem Spartakus-Heer sind in den Alpen durch mehr oder minder keltisch besiedelte Gebiete gezogen, deren Bewohner ihnen - als Gegner der und Flüchtlinge vor den Römern - sicherlich freundlich und hilfreich beistanden, denn erst ab dem Jahre 15 v.0 ist das Gebiet von röm. Kohorten, geführt von Drusus und Tiberius, den Stiefsöhnen des Kaisers Augustus, heimgesucht und als röm. „Provinz Raetia“ versklavt worden, wobei die Bevölkerung eine Behandlung erfuhr wie sie der griech. Geograph und Historiker Strabon von den Alteingesessenen südlich des Brenners berichtete, sie wurden, wie es röm. Gepflogenheit war, völlig ausgerottet oder versklavt und romanisiert. Ich komme darauf noch einmal ausführlicher zurück.
 
Samnaun-Dorf im Unterengadin ist der Hauptort des Samnauntales, über dem der erwähnte kleinere Piz-Ot thront, der Samnaun-Dorf zu beschützen scheint, wie es eine dortige Touristik-Werbung beschreibt. Samnaun-Laret („an einem Lärchenwald gelegen“) hat seinen ursprünglichen Charakter mit schmalen Gässlein bewahrt. Viele Bauern betreiben noch Landwirtschaft. Die erste Erwähnung Samnauns finden wir 1089 in einer Urkunde der Herren von Tarasp, die dem Kloster Marienberg im Vinschgau (Südtirol) eine Anzahl Güter und Alpen schenkten. Eigenleute des Klosters bearbeiteten die aufgeführten Güter. Dies ist ein wichtiger Hinweis dafür, dass der Boden wahrscheinlich schon vor der Jahrtausendwende bewirtschaftet wurde. Diese Schenkung sind in zwei päpstlichen Urkunden von Honorius III. (1220) und Innozenz IV. (1249) bestätigt. Die ersten Siedler dürften lange vor der ersten Erwähnung ins Land gekommen sein. So stellte die Wissenschaft fest, dass der um 5.300 Jahre alte „Ötzi-Gletschermann“ der Ötztaler Alpen aus dem südlicheren Eisacktal oder dem westlichen Vinschgau stammte, sein Menschentypus aber dem der damaligen süddeutschen Bewohner am ehesten glich. Der Tiroler Dialekt, den die Samnauner sprechen, ist für die meisten Schweizer etwas befremdlich, denn es handelt sich dabei um das Südbairisch. Es wäre anzunehmen, dass auch die Samnauner Romanisch sprechende Graubündner sein müssten, welche sich die romanischen oder ladinischen Mischdialekte, bestehend aus lateinischen, keltischen und germanischen Anteilen, aus den Zeiten des röm. Imperiums angewöhnt hatten. Doch die geographische Abgeschiedenheit Samnauns brachte es mit sich, dass die Menschen sich ins östliche Tirol orientierten. Ein reger Handelsverkehr ins Engadin war der gebirgigen Übergänge wegen, die ohnehin nicht ganzjährlich gangbar waren, nicht möglich. So benutzte man den Ochsenkarrenweg von Samnaun ins Tiroler Oberland. Wie aus dem Archiv von Ramosch hervorgeht, wurde in Samnaun schon 1675 vereinzelt der Tiroler Dialekt gesprochen. Die alte Sprache des Unterengadins musste dem Deutschen weichen, doch in den Flurnamen ist sie noch lebendig. Sie sind mit wenigen Ausnahmen romanisch: Eine Anhöhe heißt Mot oder Mutta, Berge werden mit Piz oder Munt bezeichnet, eine Ebene heißt heute noch Plan oder Plaun, Wiesen werden mit Pra oder Pezza, ein Tal mit Val angegeben. Die ladinische Sprache ist - wie auch die vielfältigen deutschen Mundarten - in der Ausdrucksweise vielgestaltiger als die hochdeutsche. Es bleiben auch Familiennamen als Zeugen der Sprachvergangenheit Samnauns. Aus urkundlichen Erwähnungen ersehen wir die Wandlungen alter Familiennamen: Carnot = 1400 (Karünczen), 1461 (Carnutsch), 1520 (Karnutschen, Karnutzer), 1785 (Carnot). Jenal = 1495, 1520 (Genal), 1650 (Gianal). Zegg = 1245. Denoth = 1650 (da Not); ob die Silbe „oth“ wirklich von „Not“ kommt, wie die heutige Samnauner Fremdenverkehrsbehörde meint, muss mir ganz selbstverständlich zweifelhaft erscheinen. Auch diese deutschen Familienamen finden sich: Clonstoni (Kleinstein), Valsar (Walser), Jager (Jäger), Gotscha (Gotsch), Platzer, Prinz, Heiss. Wenn auch für den größeren Warenverkehr ungeeignet, wussten die Einheimischen doch ihre Verbindungsmöglichkeiten zwischen den Tälern. Ich bedanke mich für die Mitteilung durch Frau Julia Gammentahler von der „Gäste-Information Samnaun“, die auf meine Anfrage am 27.01.2017 mitteilte: „Schon zur Römerzeit führte die Via Claudia Augusta über den Reschenpass nach Nauders und von da Richtung Fernpass. Sie war mehrere Jahre lang die bedeutendste Verbindung vom Süden in den Norden. Von Nauders gab es sicherlich auch eine Verbindung ins Unterengadin von wo man über die Pässe ins Samnauntal gelangte. Wenn man wollte hatte man dann von Samnaun aus mehrere Möglichkeiten in den Norden zu gelangen. So gab es viele Schmugglerpfade.“
 
Hier soll es aber um den eigentlichen Piz-Ot bei Samedan im Oberengadin gehen, nördlich von St. Moritz mit seiner altbekannten Heilquelle. Das begehrte Sauerwasser war und ist berühmt, so dass Menschen von weither kamen und kommen es zu genießen. Die ungeschützte Quelle lag eine starke Viertelstunde vom Dorf entfernt, was bei der Kälte unangenehm war. „Den weichlichen Italienern ist dies ungemein beschwerlich besonders den Damen“, berichtete (H.L. Lehmann, 1797, S. 321). Als die Fassung des St. Moritzer Mineralwasserquelle um 1907 ausgegraben wurde fand man darin zwei Bronzeschwerter, ein Schwertfragment, einen Dolch und eine Nadel. Die Fundstücke stammten aus der Bronzezeit, und so wurde klar, dass die Menschen damals nicht nur in den Pfahlbauten an den Schweizer Seen lebten, sondern auch in den und über die Alpen hinweg verkehrten. Das Holz von der Quellfassung, die beiden ausgehöhlten Lärchenstämme, hat man untersucht und datiert: die Bäume sind vor etwa 3.500 Jahren geschlagen worden. Sie stammen aus keltischer Zeit, von 1.466 v.0, demnach weist St. Moritz eine Geschichte von mindestens 3.476 Jahren auf. In historischer Zeit sind Erwähnungen der Quelle durch verschiedene Persönlichkeiten bekannt. Im Jahr 1535 weilte der Naturheilarzt Paracelsus (Philippus Theophrastus Bombast von Hohenheim, 1493-1535) in St. Moritz. Er schrieb über das Wasser: „Der derselbigen tranks trinket, wie einer arztnei gebürt, der kann von gesundheit sagen und weisst von keinem Stein noch...“. Paracelsus sorgte damit für große Bekanntheit und regen Besuch der Quelle. Das historische Kurgebäude trägt heute seinen Namen. Die Quelle ist also schon vor Jahrtausenden hoch geschätzt worden, es wurden ihrer Quellgottheit Opfer dargebracht. In christlicher Zeit hat man die Mineralquelle in St. Moritz dem „heiligen Mauritius“ gewidmet. Hierhin fanden Pilgerfahrten statt.
 
Die Winter waren im Engadin auch zur Bronzezeit länger als am Fuße der Alpen im Norden und im Süden. Warum also kamen Besucher in die Alpen ? In der Kupferzeit begannen die Menschen Kupfer zu bearbeiten und daraus Werkzeuge, Waffen und Schmuck zu fertigen. Also suchten schon in der frühen Antike geologische Spezialisten Kupfervorkommen. Sie suchten und fanden es auch in den Alpen, beispielsweise bei der Gemeinde Madulain und im Oberhalbstein. Im 2. Jt. v.0 begann ein massiver Ausbau von Siedlungen in den Alpen. Gesiedelt wurde vor allem auf Hügelplateaus an günstigen Verkehrslagen. Das Schutzbedürfnis stand bei der Standortwahl oft im Vordergrund. Im Mittelalter wurden an solchen Stellen oft Burgen, später dann Kapellen erbaut. Während aus dem Unter- und unteren Oberengadin und aus dem Bergell mehrere bronzezeitliche Siedlungen bekannt sind, fehlen solche Funde bisher im oberen Oberengadin. Die Quellfassung in St. Moritz deutet aber darauf hin, dass auch im oberen Oberengadin Menschen gelebt haben. So wurde bei Isola ein Lappenbeil gefunden, bei Silvaplana ein Bronzebeil, bei St. Moritz Beile, ein Dolch und eine Lanzenspitze. Heute weiß man dank jüngster Grabungen im Val Languard auf 2415 m ü. M. und bei Plan Canin im Val Forno auf 1980 m ü. M., dass auch dort oben in der Bronzezeit Menschen verkehrten. Da im Oberengadin noch nicht wirklich nach Siedlungen gesucht worden ist, wurden bisher auch noch keine gefunden. Bekannt wurde auch der Fund vom nicht fernen, nordwestlich gelegenen Savognin (Schweiningen) eines Bernstein-Brustschmuckes aus Nordeuropa (Abb. 4). Hiert baute man „Schwefel und Schwefelkies mit Vitriol geschwängert“ ab, wie H.L. Lehmann berichtet. Zu den ältesten Zeugen der Engadiner Geschichte zählen Schalensteine, „craps da strias“ genannt, wie wir sie sie aus Norddeutschland (Großsteingrab von Bunsohund) und Skandinavien kennen. Es handelt sich um ca. 4.000 Jahre alte Opferaltäre der einfachen Landbevölkerung, die kleine Liebesgaben für die Guten Geister in die Mulden ablegte, um deren Gunst für Wachstum und Gedeihen zu erlangen. Auch das südlich vom Engadin liegende Valcamonica, in der Nord-Lombardei, mit seinen frühgeschichtlichen Felsritzungen, die denen Skandinaviens verblüffend ähneln, ist seit mehreren Jahrtausenden besiedelt. Eine dortige Gemeinde namens Cimbergo könnte noch an die germ. Cymbri/Cimbern/Kimbern erinnern, die zusammen mit Ambronen und Teutonen, um das Jahr 120 v.0 von der Nordspitze Jütlands in den Süden aufbrachen, um neues Siedlungsland zu finden. In Cimbergo und weiteren Orten im Valcamonica könnten sich kleinere Gruppen der sich beim Sklavenaufstand befreienden Kimbern niedergelassen haben. Die Felsritzungen sind auf einer Strecke von 25 Kilometern entlang des Tals verteilt, sie liegen auf Höhen bis zu 1.400 m über dem Meeresspiegel. Vom Valcamonica ist das Engadin von Einzelwanderen zu erreichen, sogar das Unterengadin. Herr Martin Stricker von der „Gäste-Information Samnaun“ teilte mir am 29.01.2017 mit: „Es ist anzunehmen, dass die Verbindungen vom Valcamonica ins Engadin, entweder über das Veltlin (Valtellina) oder über das Puschlav (Val Poschiavo), schon seit der Antike genutzt wurden. Die Gebirgsübergänge bzw. Pässe, welche diese Täler voneinander trennen, sind alle im Sommer schneefrei. Der Berninapass z.B. zwischen dem Puschlav und dem Engadin dient wahrscheinlich seit der Bronzezeit als Übergang zwischen den beiden Tälern. War man erstmal im Engadin, gab es von dort auch Verbindungen nach Samnaun.“  Vom Comer-See aus ist es - wie geschildert - problemlos möglich die Engadiner-Seenplatte, St. Moritz und Samedan mit dem Pitz-Ot zu erreichen.  Interessant zu wissen ist zudem, dass von einer archäologisch erkannten frühgeschichtlichen Höhensiedlung im Bergell-Tal, über den Malojapass, welcher nur 15 Kilometer vom St. Moritzersee entfernt ist, das Oberengadin aufgesucht werden kann. Im Jahre 488 kam das Bergell unter ostgotische Herrschaft, 568 unter jene der Langobarden und gelangte 803 zur Grafschaft Como. 
 
Die Räter - rätische Sprache und Schrift
 
Das Volk der Räter war im Bereich der mittleren Alpen, nach älteren Vorstellungen ungefähr zwischen den lombardischen Seen, dem Unterinntal und dem Bodensee beheimatet. Die rätische Sprache wurde bis ins 3. Jh. n.0 im mittleren Alpengebiet gesprochen, vor allem in der nordöstlichen Lombardei, Ostschweiz, Lichtenstein, Südtirol und Bayern südlich der Donau. Sie ist in zahlreichen sehr kurzen Inschriften auf verschiedensten Gegenständen bezeugt und wurde in verschiedenen Alphabeten, die dem altitalischen Schriftenkreis angehören, geschrieben. In antiken griech. und röm. Quellen heißt es, die Räter seien durch die keltische Ausbreitung im heutigen Oberitalien, um 400 v.0 in die Alpen vertriebene Etrusker und eine sprachliche Verwandtschaft zwischen bestimmten Alpenbewohnern der Antike und den Etruskern meinen heutige Wissenschaftler bestätigen zu können. Da archäologisch nachweislich - auch durch Fund des „Gletschermanns vom Similaun" - es eine schon kupferzeitliche Alpenbesiedelung gab, müssen die Räter als ein altvölkisch-etruskisches Volksgemisch verstanden werden. Immerhin erkennbar ist, dass nach 1.300 v.0 ein „urrätisches Volk“ aus nördlichen und westlichen Ländern zuwanderte, das mit keltischen und germanischen Kulturen verwandt scheint (Urnenfelderkultur). Die Valcamonica-Gruppe, der Felsbilder ritzenden Kamunner (Camunni), gehören zu den Rätern, doch ihre Sprache ist nicht dem Keltischen verwandt, ist auch nicht als rätisch einzustufen. Die Wissenschaft spricht zwar diesbezüglich noch von „westrätischen“ Inschriften, aber Alphabet und Sprache wie auch die zugehörigen Valcamonica-Felsbilder heben sich von den sonstigen rätischen Zeugnissen deutlich ab. deren Sprache war anscheinend indoeuropäisch. Linus Brunner schreibt: „Im Jahre 15 v. Chr. eroberten die Römer unsern Alpenraum zwischen Gotthard und Brenner, das Land der Räter. Diese nahmen allmählich die Sprache der Eroberer an, aus der das Rätoromanische hervorging und später zum Teil durch Deutsch oder Italienisch verdrängt wurde. Die untergegangenen rätischen Sprachelemente, so vermutete man, leben in geografischen Namen und zum Teil in den Nachfolgesprachen weiter. Sonst schien jede Spur vom Rätischen verschwunden zu sein. Mit der Zeit aber fand man in Italien um Vicenza, im Nord- und Südtirol unverständliche Inschriften in nordetruskischer Schrift, die von rechts nach links verläuft. Man vermutete mit Recht, das sei nun die rätische Sprache. Aber die etruskische Schrift eignet sich nicht für die rätische Sprache, weil die etruskische Sprache und Schrift keine b, d, g, o hatten, wohl aber das Rätische, wie wir heute erschließen müssen. Die rätische Rechtschreibung ist wegen dieses Mangels sehr fehlerhaft.“ Eine Rätische Forschungsgemeinschaft resümiert: „Es steht außer Zweifel, dass die Räter sich von der etruskischen Kultur beeinflussen ließen. Die Schrift und einige bereits dingfest gemachte „Wortimporte“ sind ausreichende Beispiele dafür. Dass hingegen von einer direkten Abstammung der Räter von den Etruskern nicht die Rede sein kann, ist heute gewissermaßen Forschungskonsens. … Eine enge Verwandtschaft zwischen der rätischen und der etruskischen Sprache scheint nicht vorhanden zu sein. Weder stammt das Rätische direkt vom Etruskischen ab, noch lässt es sich erweisen, dass das Etruskische und das Rätische die gleiche Ursprache besitzen (wiewohl dies durchaus im Bereich des Möglichen liegt). Die ganz klar vorhandenen Ähnlichkeiten der beiden Sprachen müssen wohl vorläufig auf nachbarliche Sprachkontakte zurückgeführt werden. Die kulturelle Überlegenheit der Etrusker hat nicht nur zur Übernahme (und späteren Abwandlung) ihres Schriftsystems, sondern auch zu religiösen Parallelen geführt, die sich in den Weiheformeln der rätischen Inschriften niedergeschlagen haben. Ein Beitrag zur Klärung der Etruskerfrage lässt sich aus dem Rätischen bis anhin ebenfalls nicht gewinnen. … Zu prüfen wäre die Frage, ob die rätische Sprache nicht vielmehr ein Konglomerat aus den verschiedenen sie umgebenden Einflüssen darstellt, seien sie nun aus indogermanischen, vorindogermanischen oder nichtindogermanischen Sprachen herstammend. … Semitische Elemente sind aufgrund uralter protoindogermanischer Verwandtschaftsverhältnisse im Rätischen zwar denkbar, eine direkte Verwandtschaft besteht jedoch nicht.“
 
Abb. 2 - Savognin-Schweiningen - Bivio - Julierpass - St. Moritz - Piz-Ot - Samedan
 
War der Piz-Ot ein Thing-Berg
der ersten gallo-germanischen Od-Gläubigen ?
 
Der Sklavenaufstand in Italien stand im Zenit seines Erfolges. Gallische und germanische Männer und Frauen versuchten der bluttriefenden römischen Wölfin zu entfliehen. Im Jahre 72 v.0 kam es im Heer der befreiten Gallier und Germanen zu grundsätzlichen Meinungsverschiedenheiten, die einen wollten in ihre nördlichen Heimatländer zurück, die anderen wollten Rom erobern. Im Frühjahr begann Spartacus mit dem größten Teil der Truppen in Richtung „Gallia Cisalpina“ zu ziehen, um über die Alpen dem römischen Zugriff zu entkommen. Der Oberbefehlshaber Norditaliens, Prokonsul Gaius Cassius Longinus, hatte sich mit seinem Heer, von circa 10.000 Mann, bei Mutina/Modena den Aufständischen entgegengestellt. Er wurde vernichtend geschlagen. Einem Truppenteil, geführt von dem Kelten Krixus, waren die Siege über die römische Militärmacht in den Kopf gestiegen, sie wollten die Hauptstadt erobern, doch ereilte ihn das Schicksal, seine Verbände wurden aufgerieben. Daraufhin ließ Spartakus dreihundert gefangene Römer in Paaren kämpfen, als ehrende Leichenfeier für Krixus. Wer diese Schaukämpfe überlebte wurde niedergemacht und als Diener dem Keltenführer ins Jenseits nachgeschickt. Auch Spartakus war durch den Triumpf von Mutina zuversichtlich gemacht worden, er kehrte ebenfalls um und wandte sich mit seinem Hauptheer wieder dem Süden Italiens zu.
 
Diesen Rückwärtsschwenk können nicht alle Nordländer gutgeheißen haben, etliche Gruppen werden die Fluchtmöglichkeiten nutzend in die sommerlichen Alpentäler hinaufgewandert sein, wo sie als begrüßte Römerfeinde gastliche Aufnahme fanden. Bestimmt sind nicht wenige bei den dortigen Rätern, Kelten und Alpengermanen zumindest für eine Zeit lang hängen geblieben, fanden ihre Gesellinnen, Ehefrauen und Freunde. Sie lernten die rätisch-alpinen Inschriften kennen, welche sich aus einer Frühform des griechischen Alphabets entwickelt hatte; man schrieb es von rechts nach links. Unter diesen rückwandernden Galliern und Germanen müssen noch solche gewesen sein, die als Kinder und junge Männer das Ende der Kimbern-Kriege miterlebt hatten (102/101 v.0.). Wer als Junge von 14 Jahren bei der Schlacht von Vercellae (Vercelli in Piemont) in Nordwestitalien gefangen und versklavt worden ist, der war nun 45 Jahre alt, also im besten Mannesalter. Einer von diesen Kimbern, gemeinsam mit seinen keltischen Freunden, war fasziniert von dem Medium Schrift. Er allein oder eine ganze Kameradschaft von Klugen und Vielwissenden entwickelte jetzt das Runensystem des ODING-FUÞARK als Sakralkalender und Grundstock ihrer gallo-germanischen Religionsvision. Der alte ferne Himmelsvater Tiwaz/Tiu/Ziu sollte darin nicht mehr den ersten Platz einnehmen, sondern der unmittelbare Ahnenseelen-Geist, der Od-Gott Wodin-Odin. 102 v.0 unterlagen die Teutonen und Ambronen unter Teutobodus und 101 v.0 die Kimbern unter Boiorix dem röm. Konsul Gaius Marius. Im Gottesurteil des Tiwaz hatten die Nordmänner die beiden letzten Schlachten um Italien verloren, aber aus eigener Od-Kraft die Befreiungsschlacht von Mutina gewonnen. Jetzt, in den Alpentälern, vielleicht denen von Valcamonica, mit den zauberisch-geheimnisvollen und schönen Felsritzungen und Inschriften, begann die runische Wodin-Religion Gestalt anzunehmen. Es war ein Asen- bzw. Ahnen-Glauben, ein Vertrauenskult, der den lebendigen, kraftvollen Geist der Vorfahren versprach und sich unter die erhoffte Huld des „Großen Asen“ stellte. Der oder die germanischen und gallischen Schöpfer gelangten tatsächlich zurück in ihren heimatlichen jütländischen Norden, wie es anhand der vielen Asen-Gemeinden Nordjütlands - zwischen Aalborg und Aarhus - abzulesen ist.
 
Wie lange die Männer mit ihren Frauen in der Alpenregion verblieben, wissen wir natürlich nicht. Auch wissen wir nicht, ob sich das Konzept der neuen Religion schon hier oder erst im Norden vervollkommnet hat. Sicher ist aber, dass die oder der Runenschöpfer keinen Abklatsch der rätischen Schriftzeichen vornahm. Der Meister ließ sich zu etwas völlig Neuem und Großartigem inspirieren. Aus den Sinnzeichen des steinzeitlichen und bronzezeitlichen Nordens schuf er das theosophische Lern- und Schreibsystem. Er muss für sein Werk kundige Berater gewonnen haben. Nicht einen Buchstaben übernahm er aus den alpinen Zeichen als reines Lautzeichen, vielmehr suchte er ihm passend wirkende lineare Symbolbilder zusammen, im Sinne eines hieroglyphischen Jahreskreises der gleichzeitig eine Lautzeichen-Reihe darstellt. Der ODING’sche Jahresfestkreis spiegelt sich exakt in den tradierten keltischen Jahresfeiern -; es muss sich also im Grunde um ein gallo-germanisches Gemeinschaftswerk handeln. Aus den verschiedenen Tälern, den Alpensteigen hinauf in den freien Norden, trafen sich möglichweise über einige Jahre hinweg die Germanen und Gallier zwecks gemeinsamer Besprechungen ihrer weiteren Pläne. Vielleicht ist damals schon unter der Führung des charismatischen Runen-Vaters eine Kultgemeinde gewachsen.
 
Möglicherweise traf man sich zum Thing am Od-Berg im Engadin, dem heutigen Piz-Ot. Aus der Valcamonica führen sommerliche Wege bis zu ihm. Der kürzeste Zustieg zum Piz Ot erfolgt von Samedan aus, wie ich's beschrieben fand: „Durch duftende Nadelholz-Wälder führt der Weg ab Samedan bis zur Baumgrenze. In der archaischen Landschaft auf 2.233 Meter betört von der Berghütte Alp Munt die Sicht über die Engadiner Dörfer und die Gipfel der Berninagruppe. Vom Bergbach begleitet, wandert man durch das Hochtal Valletta dem schroff aufragenden Piz Ot entgegen. Bevor man den steilen Aufstieg durch die Steinwüste in Angriff nimmt, kann man sich am kleinen See „Funtauna Fraida“ („kalte Quelle“ in 2.700 Höhe) erfrischen. Die Aussicht wird mit jedem Höhenmeter spektakulärer. Im oberen Teil erfordert der Aufstieg absolute Schwindelfreiheit und sehr gute Trittsicherheit. Die Besteigung erfordert schon etwas Kondition und Mut ab. Belohnt wird man dafür mit einem grandiosen Bergerlebnis.“ Eine weitere Wanderwegweisung lautet: Von der Bergstation Marguns (zwischen Samedan/Samaden und St. Moritz) wandert man nach Norden auf Schotterstraßen über Almen empor. Ein Wanderpfad führt dann rechts zur Fuorcla Valletta (2,858 m). Frei über Geröll und über den Piz da la Funtauna würde die Kletterroute (III-) über den Südgrat des Piz Ot führen. Wir steigen vom Sattel ostwärts bis zu einem kleinen See ab und wandern über große Geröllplatten zum Fuß der Ostwand des Piz Ot hoch. Steil und etwas ausgesetzt (einige wenige Stellen sind mit Stahlgeländer und Seil gesichert) durchsteigt man in einer 1/2 Std die Ostwand zum Ostgrat und allmählich abflachend zum Gipfelkreuz. Abstieg wie Aufstieg. - Das spätere Germanien ist voll der Od-Berge und Od-Kultstätten, wie ich in meiner Arbeit „Die Od-Orte“ nachweisen konnte. Und möglichweise wäre auch Gallien so reich damit gesegnet, wäre es dem römischen Menschenschlächter Gaius Iulius Cäsar (100-44 v.0) in den Jahren 58 bis 51/50 n.0 nicht gelungen, die keltische Lebenskraft zu zerbrechen und die Überlebenden von einer römischen Bastardkultur aufsaugen zu lassen. 
 
Um 120-115 v.0 gelangten nordische Germanen und Kelten im Zuge ihrer Ackerbodensuche auch nach Noricum (etwa wie Österreich), dem ostalpenländischen Keltenreich -; und zogen wieder ab. Um hundert Jahre später wurde Noricum, in den Jahren 15 v.0 bis 54 n.0 unter den Kaisern Augustus und Claudius, gewaltsam zur römischen Provinz gezwungen. Die keltischen Helvetier des schweizerischen Mittellands hatte Cäsar schon 60 v.0 unterjocht. Sie sollen vorher ganz Süddeutschland besiedelt haben, aber vor dem germ. Druck aus dem Norden nach Südwesten ausgewichen sein. Die rätisch-keltischen Mittelalpenregionen wurden von Rom, beginnend im Jahr 15 v.0, mit einem Feldzug über die Alpen bis zur Donau besetzt. „Von Italien aus das Tal der Etsch hinauf drang Drusus in die rätischen Berge ein und erfocht hier einen ersten Sieg; für das weitere Vordringen reichte ihm der Bruder, damals Statthalter Galliens, vom helvetischen Gebiet aus die Hand; auf dem Bodensee selbst schlugen die römischen Trieren die Boote der Vindeliker; an dem Kaisertag, dem 1. August 15, wurde in der Umgegend der Donauquellen die letzte Schlacht geschlagen, durch die Rätien und das Vindelikerland, das heißt Tirol, die Ostschweiz und Bayern, fortan Bestandteile des Römischen Reiches wurden.“ (Röm.-Gesch., Theodor Mommsen) Die röm. Männerdeportationen in fernliegende Länder begannen, um die Volkskraft der Besiegten dauerhaft zu schwächen. Nicht anders erging es den wichtigen Straßenregionen zum Genfer See, in den Westalpen. Der Fluss Dora Baltea durchfließt ostwärts das gesamte Aostatal zum Po hin. Hatte die Republik sich darauf beschränkt, den Eingang jenes Tals durch die Anlegung von Eporedia (Ivrea) in ihre Gewalt zu bringen, so nahm Kaiser Augustus dasselbe ganz in Besitz in der Weise, dass er dessen Bewohner, die immer noch unruhigen und schon während des dalmatinischen Krieges von ihm bekämpften keltischen Salasser, nicht bloß unterwarf, sondern im Jahre 25 v.0 so gut wie austilgte - ihrer 36.000, darunter 8.000 streitbare Männer, wurden auf dem Markt von Eporedia unter dem Hammer in die Sklaverei verkauft und den Käufern auferlegt, binnen zwanzig Jahre keinem derselben in die Freiheit zu entlassen. Auf dem röm. Siegesmonument vom Jahre 7/6 v.0, dem „Tropaeum Alpium“ (oberhalb von Monaco), sind die besiegten 46 Alpenvölker aufgezählt: „Die Trumpliner, die Kamunner, die Venosten, die Vennoneten, die Isarker, die Breuner, die Caenaunen, die Fokunaten, die vier Vindelikerstämme, die Kosuaneten, die Runikaten, die Likaten, die Kattenaten, die Ambisonten, die Rigusker, die Suaneten, die Kalukonen, die Brixen(e)ten, die Lepontier, die Uberer, die Nantuaten, die Seduner, die Veragrer, die Salasser … usw.“ Man kann ohne Übertreibung sagen, dass sich der dauerhafte Bestand des röm. Imperiums auf sich immer wiederholenden Massenmord bzw. auf der Ausrottung unliebsamer Bevölkerungen begründet hat. Die übriggebliebenen Räter/Kelten entwickelten die ladinischen und rätoromanischen Dialekte, deren Reste noch heute da und dort zu hören sind. Der Berg Piz-Ot kann seine Namensgebung als gallo-germ. Thingberg in der von mir beschriebenen Weise schon vor der röm. Okkupation erhalten haben, aber auch erst durch die mittelalterlichen germ. Herren der Eruler des Odoakers, der folgenden Ostgoten oder Langobarden. „Ot“ meint auf Rätoromanisch „hoch“, was sich vom Germanischen und Altnordischen kaum unterscheidet, wo der Begriff „Gut, Erbgut, Seele, Heil“ bedeutet, aber auch Spitze, was kaum von einander zu trennen ist, wenn auch nach späterer grammatikalischer Ordnung in Norwegen und Island die „Spitze“ mit doppeltem „d“ geschrieben wird. Zur Runenzeit gab es noch keine Doppelbuchstaben für Lautungsangaben -, nur bei Sinnzeichenfolgen. Ein Engadiner dreisprachiges Straßenschild (Abb. 3) bezeichnet die „Kehre“ als „ota“, denn sie ist die Straßenspitze, nach ihr geht es wieder rückwärts. Im Vergleich dazu: altnord./isl. „odd/oddur” = Spitze, altnord. „ota” = vorwärts an die Spitze drängen, oder hastig davon drängen, zum Spitzen-Ort des Zieles. Der „oddviti” ist der Anfüher, der an der Spitze Stehende. Im Deutschen wurde daraus: ahd. „ort” = Spitze im Sinne „am Ende einer Strecke” bzw. „äußerstes Ende”. Der Mensch z.B. steht „am Ort”, also am Ende, an der Spitze seines bisherigen Ganges.
 
Abb. 3 - Engadiner dreisprachiges Straßenschild. Die „ota = Kehre“ ist die Straßenspitze,
wie im Altnordischen „ota“ = „zur Spitze drängen“ meint.
 
Dass dieser rätorom. Begriff „Ot“ ein Lehnwort aus dem frühen Germanischen ist, möglicherweise allerdings auch aus dem Gotischen, zeigt die in alten Urkunden vorhandene Form „Punt auta“ für die spätere „Punt Ot“, einer Brücke und Grenzsiedlung, dem obersten Engadiner Vorposten der bayerischen Herrschaft Tirol. Die überlieferte Begriffsform „Punt auta“ entspricht dem gemeingerm. und gotischen „aut“ für „ot“. Mit aller gebotenen Vorsicht wage ich anzudeuten, dass die Siedlung Samedan beim großen Piz-Ot, sowie die Siedlung Samnaun beim kleinen Piz Ot, als Gründungen der flüchtenden Germanen angedacht werden könnte, heißt doch altnord-angelsächs. „sæmest“, neuschwed. „sämre“ = „schlimmer, schlechter“. Samedan wird schon seit der Mitte des 12. Jhs. erwähnt (1137 als „Zuze et in Samadene“; 1156 als „coloniam de Samadn“ -; die Herkunft des Namens gilt offiziell als unbekannt. Samedan liegt auf 1.730 m ü.M. und bildet genau das Zentrum der 42 km langen Oberengadiner Landschaft. Bemerkenswert ist, dass zu Samaden, also am Fuße des Piz-Ot traditionell das Gericht tagte, der Landamme führte mit 16 Rechtsprechern den Kriminalstab. Das Engadin (von „En- / Inn-Tal“) gehört zu den höchstgelegenen bewohnten Tälern in ganz Europa. Eingefasst wird es von einem herrlichen Alpenpanorama. Das hat großen Einfluss auf das Klima: Durchschnittlich kommt das Tal auf 260 Frosttage im Jahr. Eigentlich also eine unwirtliche Umgebung, in der sich Samedan befindet. Das hiesige Hochgebirgsklima musste, im Vergleich mit dem sonnenverwöhnten Italien, welchem die anzunehmenden Reisenden den Rücken gekehrt hatten, sicherlich „schlimm und schlecht“ erscheinen. Jedoch die gewonnene Freiheit wog alle Beeinträchtigungen auf und in den Hochsommerzeiten war und ist das Engadin ein irdisches Paradies.
 
Abb. 4 - Bronzezeitliche Bernsteinkette
von Schweiningen im Graubündner-Land
 

Bei Schweiningen/ Savognin (1154 wird der Ort als Swainingen erwähnt, 1156 als Suanneng, 1379 Schweining) gab es schon zur Bronzezeit eine bedeutende Siedlung (Fundstätten Padnal u. Rudnal). Die geborgenen Fundstücke belegen Dorfanlagen aus den Epochen von 1.800 und 1.000 v.0. Altschweiningen am Julierpass muss eine Etappe der Bernsteinstraße von der Nordsee bis ans Mittelmeer gewesen sein. Es fanden sich Säulenfragmente eines röm. Passheiligtum auf dem Julier auf der Passhöhe. Das Dorf Bivio (früher Stalla) liegt am Fuße und der Wegscheide von Septimer- und Julier-Pass. Wenn der Schnee schmilzt und der Bergfrühling die Wiesen und Matten wieder grün erscheinen lässt, begann einstmals und beginnt noch heute die Wandersaison in den sommerlichen Wanderparadiesen Graubündens und des Engadin. Schneebedeckte Alpenhöhen mussten die früheren Handelskarawanen überwinden, der Weg der Händler führte auch über das Graubündner Dorf Savognin-Schweiningen, andere über den Brenner-Pass im östlich sich dehnenden Tirol. Überall in den unwegsamen Bergregionen fanden Forscher das Gold des Norden (von Eidermündung und Ostpreußen). In der ZDF-Reihe „Terra X“ gingen die Autorin Gisela Graichen und der Filmemacher Peter Prestel in dem Beitrag „Die Bernsteinstraße“ dem Bernstein-Fernhandel nach. Gisela Graichen: „Eine ganze Reihe von Ausgrabungen zeigt uns: Zinn und Kupfer, Bronze und eben Bernstein waren so etwas wie eine gemeinsame Währung im Handel vom heutigen Mecklenburg-Vorpommern bis nach England und über die Alpen bis nach Südeuropa.“ Im Beitrag heißt es: „Gefährliche Handelswege führten nach Norditalien und von dort über die Alpenpässe nach Norden. Wege, die von bronzezeitlichen Alpenfestungen gesichert wurden - wie der auf dem Padnal beim schweizerischen Savognin [Schweiningen]. Auch dort wurde ein Bernstein-Geschmeide geborgen (Abb. 4). Genau wie in Ingolstadt, wo 1996 ein fürstliches Collier aus fast 3.000 Bernstein-Perlen ans Tageslicht kam - verblüffend ähnlich dem gemalten Collier auf der Nofretete-Büste, bis hin zum Verschluss“. Die Schweininger Fundstätten der bronzezeitlichen Siedlung, welche den Warenverkehr kontzrollierte und  zu sichern hatte, liegen Luftlinie nur um 50 km vom Piz-Ot entfernt. Wir dürfen also davon ausgehen, dass die in den Norden rückflutenden Wandergruppen der Galliern Kimbern und Teutonen sehr wohl wussten, wohin sie sich im alpinen Gebiet zu wenden hatten und dass sie ebenso als erhoffte Bernstein-Fernhändler von morgen umworben wurden. Ganz so fremd, so exotisch, wie es für den Laien zunächst erscheinen mag, waren die durchreisenden Küstenbewohner mit Sicherheit nicht. Auch Verständigungsprobleme können keine wesentliche Rolle gespielt haben, denn die seit der Bronzezeit währenden Handelsverbindungen müssen es mit sich gebracht haben, dass es auch einen Austausch von Personen gab, Nordseeanrainer müssen sich in den Zentralalpen niedergelassen haben, es gab sie, die Alpengermanen.

Der gesamte Alpenraum ist viel intensiver begangen und an geeigneten Orten besiedelt worden als man spontan anzunehmen geneigt ist. Imnmer suchten Wagemutige nach den mineralischen Schätzen der Berge und zogen sich Schutzsuchende in die Bergeinsamkeit zurück. Das wohl interessanteste Beispiel eines Brandopferplatzes im Graubündner Unterengadin befindet sich auf dem Hangplateau von Scuol-Russonch, rund 200 Höhenmeter nördlich oberhalb der bronze- und eisenzeitlichen Siedlung von Scuol-Munt inmitten der wunderschönen Bergwelt gelegen. Dort fand man u.a. die entzückende bronzene Pferdchenfibel und den Rippenknochen mit Löchern und Ritzzeichen. Andreas Putzer schrieb in seinem Bericht „Von Bernstein und Hirtinnen - prähistorische Weidewirtschaft im Schnalstal in Südtirol“, 2009: Im Finailtal, einem Seitental des Schnalstals (Sudtirol), konnte auf ca. 2.460 m u. NN ein Heiligtum aus der Bronzezeit ergraben werden. Die Kult- bzw. Brand- und Opferstätte bestand aus einem „Altar“ aus faustgroßen Steinen und „Opfergruben“, die bei der Zubereitung der Speiseopfer verwendet wurden. Eingegrenzt wird das Heiligtum von Monolithen, die senkrecht in der Erde eingelassen waren. Die Funde datieren in die Spätbronzezeit und zeugen teilweise von der Nutzung des Opferplatzes im Zuge einer im Tal betriebenen Weidewirtschaft. Außergewöhnlich sind die Reste einer Bronzespirale, 7 Glasperlen- und 34 Bernsteinperlenfunde die sich im Grubenbereich und der Steinrollierung konzentrierten. Sie weisen auf den hohen sozialen Rang der Benutzer des Heiligtums hin. Die geborgenen Gefäßränder entsprechen den in der Spätbronzezeit (1.350-1.200 v.0) üblichen. A. Putzer gibt an, dass vom Übergang der Früh- zur Mittelbronzezeit die Anzahl der Bernsteinfunde in Europa stark ansteigt. Das bekundet zweifelsfrei eine solide Verbindung zu den nordeuropäischen Küstenbewohnern.
 
Frühzeitliche Kultplatz-Crest’Alta-Nordpeilung zum Piz-Ot

 

Abb. 5 - Hügelkuppe des Crest’Alta (weißer Punkt) mit Nordpeilung zum Piz-Ot - von Franz Gnaedinger

 
Den Hügel Crest’Alta (1.903 m ü. M.) an nördlicher Verengung des Silvaplanersees bei Silvaplana und Surlej („Jenseits des Sees“), wo eine frühzeitliche Siedlung zu vermuten ist, entdeckte Frau Prof. Dr. Katharina von Salis für die Archäologie. Crest'Alta bedeutet („hoher Grat“) und benennt den vorderen bewaldeten Grat des Waldgebietes. Ein menhirartiger großer Block befindet sich an der westlichen Flanke des schön geformten und recht großen Hügels. Herr Franz Gnaedinger, dem ich für seine Forschungen herzlich danke möchte, fand eine erstaunliche Fülle astronomischer Bezüge dieser Erhebung zu den umstehenden Bergen. Ich beschränke mich hier auf den Piz-Ot. Von seiner Kuppe aus, Richtung Norden, ist der gut 8,5 km entfernte Piz-Ot anzupeilen. „Der genaue Norden läge ein Drittel Grad östlich vom Gipfel des Ot, weniger als die scheinbaren Durchmesser von Sonne und Mond, die je ungefähr 1 halbes Grad ausmachen.“ In Zusammenarbeit mit Frau Prof. Dr. von Salis entwickelte F. Gnaedinger eine interessante Arbeitsthese: „Eine gut organisierte Gruppe von sagen wir 150 bis 200 Bergeller Bauern mochte die Sommer im Oberengadin verbracht haben. Sie jagten Wild an der Klippe von Splüga, und fischten in einer flachen Bucht am Fuß des Hügels Crest’Alta, während die Hügelkuppe für astronomische und rituelle Zwecke dienen mochte. Ferner als Fluchtburg: in Zernez befindet sich eine Festung aus der Bronze- und Eisenzeit, also müssen hin und wieder bewaffnete Gruppen hier durchgezogen sein, sonst hätte es keiner Festung bedurft.“ Während Forscher F. Gnaedinger an frühzeitliche „Bergeller Bauern“ denkt, fokussiere ich meine Betrachtungen auf die Station machenden keltisch-kimbrischen Rückwanderer in ihre Nordheimaten. Gnaedinger meint: „die welche die Sommer hier oben verbrachten, haben den Fisch sicher sehr geschätzt, und wohl als Wintervorrat an Sonne und Wind getrocknet. Für das Fischen hätte sich eine flache Bucht an der westlichen Flanke der Crest’Alta geeignet, wobei man den Eingang zu einer solchen seichten Bucht mit Steinen versperren und dann die Fische bequem mit Netzen an einer Rutenschlinge abschöpfen konnte.“ Auf der Kuppe des Felsens befindet sich eine dreieckige von Menschenhand eingetiefte längliche Schale. Ihre Spitze zeigt auf den Maloja-Pass hin, der das Bergell mit dem Oberengadin verbindet, also welchen Weg die hier Anwesenden genommen hatten. An diesen fischreichen Seen und Heilquellen bei St. Moritz mögen nordischen Fluchtwanderer eine längere Weile verbracht haben, aber Ihr letztendliches Wanderzielziel war die heilige Richtung des Nordsterns unter der Himmelskuppel. Und diese Peilrichtung wies ihnen auch die markante Spitze des Piz-Ot.
 
Odoaker, Eruler und Odingis
 
Wie es nur folgerichtig ist, waren die Erilari, die skandinavischen Runen-Meister der alten Zeit, Anhänger des Runen-Verkünders Erul, dessen Namen sie trugen, der, welcher seinen Namen auf dem berühmten „Helm von Negau“ verewigt hat. Erul muss einer der Kimbern und Teutonen gewesen sein die nach der erfolgreichen Schlacht von Mutina in ihre Nordheimat zurückfanden. Er muss zeitweise der Besitzer dieses Helmes gewesen sein. Seiner Mission unter den Nordgermanen ist es zu verdanken, dass sich eine jütländische Glaubenskongregation zusammenfand die wir als historisches Volk der Eruler/Heruler kennen. Diese erlebten ein wechselhaftes Schicksal mit Höhen und Tiefen. Doch festzuhalten bleibt, dass ihnen der Ruhm zuteil wurde, das Römerreich - das in Germanien, in Rätien und an vielen anderen Schandstätten, so grausam gewütet hatte - den Todesstoß versetzt zu haben. Ihr König - Odoaker - wurde der erste Germane auf dem römischen Kaiserthron. Odoaker (auch Odowakar, Odovakar, in althdt. Glossen Otacher, im Hildebrandslied in der Form Otachre, lat. Flavius Odovacer, Odovacar oder Odovacrius (um 433-493) war ein germanischer Skire („die Reinen“) König der Eruler (Boethius: „Rex Erulorum“) und weström. Militär und Staatsmann, nach der Absetzung des Romulus Augustus im Jahre 476 König von Italien („Rex Italiae“). Väterlicherseits soll Odoaker von den Thüringern abstammen und mütterlicherseits von den Skiren. Er war damit von der vornehmsten Abkunft die man sich im alten Germanien denken konnte. Die Skiren zogen mit den Bastarnen („die Gemischten“) um 200 v.0 in die Region am Schwarzen Meer. Odoakers Vater war der Skiren-Fürst Edekon (?-469), der sich nach dem Tode Attilas mit Gepiden-Fürst Ardarich gegen die Anmaßungen der Attila-Söhne verbündete und sie in der Schlacht am Nedao im Jahre 455 schlug, so dass die Hunnen wieder ostwärts über die Karpaten in die südrussischen Ebenen zurückflohen. Odoaker zog nach dem Tod seines Vaters mit Skiren, Erulern und Rugiern nach Westen, um später, unterstützt durch die „Turkilinger“ (gemeint: Toringi / Thüringer), in Italien König zu werden. Ihre Hauptstadt wurde Ravenna, aus der sie erst Theoderich der Große mit List und Wortbruch vertrieb.
 
In Folge der katastrophalen erulischen Niederlage im Jahre 508, unter König Rodulf (Od-Wolf ?), gegen die Langobarden, wanderte eine adelige Kernschar - wohl die runisch-religiösen Wissensträger - zurück, über Norddeutschland zu den ihnen wohl vertrauten Wanen und Danen und über die dänischen Inseln hinaus, bis nach „Thule“, also Skandinavien, und ließ sich dort bei den gastlichen „Gauten“ (Goten), also im Schwedischen nieder. Andere Eruler versuchten weiterhin ihr Glück im klimatisch verwöhnten Süden. Mitte 6. Jh. soll der Heruler-König Ochon nach Byzanz gegangen sein, um sich christlich taufen zu lassen. Doch wurde er „plötzlich“ von seinen Leuten erschlagen „weil es ihnen einfiel, künftig ohne König leben zu wollen“. Dass das aber nicht die Ursache gewesen sein kann, sondern viel eher sein schmählicher Kniefall aus realpolitischen Motiven, ersieht man daraus, dass sie sich entschlossen, einen Edlen „aus königlichem Geschlecht von der Insel Thule holen zu lassen“ (Prokop, „Gotenkrieg“ II.). Der ersehnte König namens Toda(sius) kam mit seinem Bruder im Geleit von 200 Jünglingen.
 
Der Gote Jordanis schrieb seine Geschichte der Goten „De origine actibusque Getarum“, kurz „Getica“ genannt. Sie ist in lateinischer Sprache verfasst, abgeschlossen wohl bis zum 31. März 551 und veröffentlicht. In Kap. III beschreibt er die verschie­denen Volksgruppierungen der „Insel Skandza“, Skandinavien, darunter eine Gruppe des Namens „Otingis“, die nach dargelegten Sprachgesetzen also als Nachkommen oder Anhänger eines „Ot“ zu verstehen sind. Es wird sich bei den „Otingis“, deren Ruf zu Jordanis in den Süden gedrungen war, um die Kultgruppe der in die Nordheimat zurückgewandeten Eruler gehandelt haben. Sie sind als Anhänger des in der Edda erwähnten Gottes „Odr / Od“ zu begreifen. Dieser muss als eine bedeutende Gottesvorstellung geglaubt worden sein, galt er doch als Gemahl der gemeingermanischen Gottesmutter Freya (Gylfaginning, Kap. 23). Und das gemeingermanische runische Sinnzeichen-System „O.d.ing-F.u.ð.a.r.k“ wäre dann naheliegend als die Heilige Schrift der „Odingi“, also der Od-Gott-Kinder, zu begreifen -, dessen ursprüngliche Ideenzündung möglicherweise am Fuße oder auf dem Gipfel des Oberengadiner Kultbergs, dem Piz-Ot, geschah.
 
Abb. 6 - Auf dem Gipfel des Piz-Ot
 
 Abb. - „Piz Ot“, der Od-Berg,  aus der Zeitschrift „Gartenlaube“
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