AM AHNEN-TISCH

 
AM AHNEN-TISCH
 
Wer keine Ahnen ehren kann,
der achtet auch die Enkel nicht,
unfruchtbar bleibt ein solcher Mann,
er übt am Leben selbst Verzicht.
 
Ahnen und Enkel eint ein Band,
Blut ist ein Saft von Zauberkraft,
hat über Ewigkeit Bestand,
nimmt Träger in die Liebes-Haft.
 
Wer Ehre hat steht in der Front,
vor seiner Sippe Schicksals-Werk,
auch bei brandrotem Horizont,
und üblem nornischen Vermerk.
 
Was Nornen-Knoten auch ermisst,
dazu steh’n Helden in der Treu‘,
auch wenn der Tod die Stirne küsst,
erbärmlich wären Klag‘ und Reu‘.
 
Was Tun und Lass‘ von Vätern war,
die Sippenpflicht verhindert Rüg‘,
so sagt heidnischer Ethos wahr:
Vermeide jede Schand‘ und Lüg‘ !
 
Blut-Rache gilt als Haupt-Gebot,
der Väter Schmerz, er wird vererbt,
nur so bleibt Recht im rechten Lot,
wer Rache lässt, ist christverderbt.
 
Wir treten vor der Ahnen Tisch,
und fragen für den Tag um Rat:
Was macht uns frei und meisterlich,
lässt uns gedeihen ohne Schad‘ ?

 

Gisli mit Frau Aud und Ziehtochter Gudrid - Illustration, 1866
 

Eines der lehrreichsten Zeugnisse für den vorchristlichen Ethos des Nordens ist die Saga von Gísla Súrssonar, eine isländische Familienerzählung der Gattung Heldenepos. Sie spielt vor der Christianisierung Islands und spiegelt ganz die altheidnischen heroischen Tugenden von Frauen wie Männern, deren vorbildliche Handlungen unter dem unabdingbaren Begriff der persönlichen Ehre wie der Sippenehre stehen, auch wenn diese heldische Haltung zum individuellen Untergang führt. Die Gísli-Saga gehört zu den vielen tragischen Werken der altnordischen Literatur, deren Dramatik aus einem anscheinend unentrinnbaren Schicksal der ins nornische Verhängnis eingewebten Personen resultiert. Die Saga erzählt die Geschichte der Geschwister Gísli, Þorkell und Þórdís, die mit ihren Eltern aus Norwegen nach Island auswanderten, dort heiraten, und in einen zerstörerischen Konflikt geraten, in dem die meisten der Verwandten den Tod finden. Die vielen Stegreifstrophen, die der Autor Gísli in den Mund legt, hält der niederländische Germanist Jan de Vries für älter, als die Sagafassung. Sie stammen wohl nicht von Gísli, machen nach Versmaß und Stil aber den Eindruck der Echtheit. Entsprechend ihrer dichterischen Form gehören diese skaldischen Strophen in das 12. Jahrhundert. In der Gisli-Sage wird vornehmlich das damalige Männerideal vorgestellt, nämlich der unerschrockene ganzen Mann, der dem Gerechtigkeitsgesetz der Blutrache folgend, also um seiner Ehre Willen tötet, ebenso kalten Herzens dem eigenen Tod ins Auge sehen kann, und dabei der gütige, sorgsame Ehemann und Vater bleibt, sowie der geistvolle, noble, dem Schicksal gegenüber zynische und sensible, kunstsinnige Verseschmied.

 

„Ein Sohn muss seinen Vater zu rächen,
ein König hat sein Volk zu schützen,
ein Held muss seinem Schicksal folgen !“

 

Die Gisli-Saga-DVD - von Ágúst Gumundsson
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