ODAL-HAAR-SEELEN-SCHLAUFE


Detail am markomannischen Bronzekessel von Muschau-Ottenthal
 
 
Ein Versuch der Verständnis-Annäherung:
 

ODAL-HAAR-SEELEN-SCHLAUFE

Seele und Schicksal sind eins, sind eins,
Nornen erwirken die Fäden des Seins -;
wie die Fäden gedreht und gesponnen,
wird in den Leben verloren - gewonnen.
 
Ist es ersichtlich wohl wahr, doch wahr,
Seelenart zeigt sich im Menschen-Haar.
So wie die Seelen darinnen sich sinnen,
müssen die Kopfhäute Haare spinnen.
 
Im Volkswissen liegt es darin, ja darin:
„Krauses Haar zeigt den krausen Sinn“.
Erwies sich folglich im hellen und glatten,
das gute, wie es Germanen hatten ?
 
Ihre Strähnen lagen wohl lang und licht,
struppig-dunkel erschien nur der Wicht.
Wahre Schönheit erzeigt nur das Bare,
des Menschen Adel erwiesen die Haare.
 
Die Seele mag weder Zwucks noch Rucks,
ganz unbeschnitten blieb Haares Wuchs.
Frauen und Männer flochten sich Knoten,
denn Knoten wirken wie magische Boten.
 
Die Botschaft lautet: „Sei fest, bleib fest,
auch wenn Dich, Seele, der Thurse presst !
Bleibe im Glück und im Hader bemessen,
werde Dein Lebtag nie seelen-vergessen !“
 
Haupthaare sind Spiegel des Od, des Od,
man knüpfte hinein seine Treue zum Wod.
Schlingen im Haar ist wie ein Schwören:
„Ich will dem Gott in mir angehören !“
 
 
 
Odal-Haarschlinge von Muschow-Outendal
 
Markomannisches „Königsgrab von Muschow“
 
 
Unmittelbar südlich der vertriebenen südmährisch-deutschen Gemeinde Muschau (jetzt überflutete tschechische Wüstung Mušov) liegt grenznah das niederösterreichische Dorf Ottenthal (Bezirk Mistelbach), nur ca. 9 km entfernt. Während der tschechischen Hussiten-Überfälle (1419-1436) bot der sog. „Taborgraben“ dem Ort Muschau Schutz. Hierbei handelte es sich um einen 250 m langen Ringwall, dessen Ursprung schon in frühester Zeit lag. In der Endphase von Weltkrieg II. kam es auch im deutsch-niederösterreichischen Kernland, in Muschau und im Bezirk Mistelbach, in Ottenthal, zu grauenerregenden Gewalttaten der „Roten Armee“, sowie räuberischer Tschechen gegen die deutsche Zivilbevölkerung. Nach Brandbombenbeschuss quartierte sich die russische Soldateska in Ottenthal ein und begann mit ihren gewöhnlichen Vergewaltigungsorgien. Mehrere Ortsbewohner, die ihre Töchter vor Schändungen zu schützen versuchten, wurden ermordet. Eine frühe Erwähnung Muschaus von 1332 bezeichnet die Ortschaft als Muschaw, mit dem altdeutschen Suffix „aw“ für „Aue / Wiese“. In Muschau sind 57 Deutsche am Kriegsende umgebracht worden, weitere 22 in ihre Häuser zurückkehrende Zivilisten ermordeten sog. „tschechische Partisanen“ und „militante Tschechen“. Einige hundert Deutsche unterlagen der Vertreibung bzw. der sog. Zwangsumsiedlung. Schließlich wurde das Gebiet mittels eines Stausees überflutet, so dass heute lediglich einige Inselchen an die einstige markomannische und deutsche Gemeinde erinnern.

Die Gemeinde Ottenthal liegt nur wenige Kilometer südwestlich der Fundstelle Muschau, die wiederum um zwölf Kilometer nördlich von Nikolsburg (tschech. Mikulov) gelegen ist; die Region gehört zur Gemeinde Weißstätten. Siedlungsfunde gibt es dort bereits aus der Steinzeit, um 4.000 v.0. Die Besiedelung setzte sich fort in der Bronzezeit, sowie der keltischen Hallstatt und La-Téne-Zeit. Das markomannische „Königsgrab von Muschau“ stammt aus der Phase in der der militärische Druck des imperialen Rom so zwingend war, dass die germanisch-suebischen Markomannen in Böhmen und Mähren glaubten, sich arrangieren zu müssen, wie man es aus der Geschichte ihres Führers Marbod weiß, der im Jahre 37 n.0 in Ravenna starb. Hätte er die verblendete Friedenspolitik gegenüber Rom nicht getrieben, vielmehr, zusammen mit dem Befreier Germaniens Armin, Rom bedingungslos bekämpft, wäre das ehrenvoller und historisch sinnvoller gewesen. Doch er ließ sich auf die römische Intrigenpolitik ein, wurde ausgespielt, sein Land vereinnahmt und schließlich musste er als quasi Gefangener seinen ehrlosen Lebensabend als von Rom berenteter Asylant in Ravenna verbringen. Das „Königsgrab“ eines Edlen aus Muschau rührt aus jener Zeit in der friedenswillige Sueben unter römischer Oberhoheit - nahe einer römischen Garnison - ihr gewiss auskömmliches Leben hatten. Die Grabausstattung zeugt von einem gewissen Wohlstand des Gaufürsten.    
 
Römerzeitliche Befestigungsanlagen in Muschau aus der Zeit der Markomannen-Kriege (166-180 n.0) des Kaisers Marc Aurel wurden festgestellt. 1988 hat man das kaiserzeitliche Kammergrab eines germanischen Würdenträgers entdeckt, das aufgrund seiner fürstlichen Beigaben als „Königsgrab“ bezeichnet wird. Es muss sich um einen markomannischen Gauherren gehandelt haben, der sich mit der röm. Besatzungsmacht arrangierte, um zu überleben. Seine letzte Ruhestätte enthielt prunkvolle antike, provinzialrömische und typisch germanische Gegenständen aus dem 2. und teilweise auch dem 1. Jh. Dazu gehören silberne und vergoldete Gürtelbeschläge, Keramiken, Waffen, verschiedene Kessel, Eimer. Einzigartig ist der Bronzekessel mit Ringgriffen mit vier Germanenbüsten von Männern die typische Frisuren tragen, die seitlich am Kopf gebundenen sog. „Suebenknoten“.
 
 
Knotenzauber - Neselknüpfen
 
 
Diese Knoten-Haartracht scheint sich in der weiten Germania allgemeiner Beliebtheit erfreut zu haben. Auch die germ. Frauen trugen - wie Amulette, Kleinskulpturen usw. nachweisen - einen Knoten im langen Haupthaar, ähnlich der modernen Pferdeschwanzfrisur. Der Suebenknoten ist besonders gut erhalten am vollen Schopf des „Mannes von Dätgen“ und des „Mannes von Osterby“ (Krs. Rendburg-Eckernpförde), Moorleichen aus dem 2./4. Jh.. Bekannt ist die schöne Bronzefigur eines kniend betenden Germanen mit Suebenknoten („Bibliothèque nationale de France“, Paris). Ebenso zeigt das röm. Siegesdenkmal von Adamklissi (Tropaeum Traiani - Rumänien) von 108/109 n.0,  die Abbildung eines germanischen Dakers mit Haarknoten. Auch die Bronzefigur des muskulösen, gefesselten Germanen in der röm. Abteilung der „Museen der Stadt Wien“ trägt ihn, ebenso der Marmorkopf aus dem wallonischen Somzée(Königl. Mus. d. Schön. Künste“, Brüssel), um nur einige derartiger Funde zu nennen. In einer wissenschaftlichen Arbeit über Germanen heißt es: „Haar und Bart galten bei den Germanen als Symbol der Kraft und Ehre des Mannes. Das Abschneiden aller Haare wurde als Zeichen der Buße für eine ehrlose Tat betrachtet und gleichzeitig stellte es ein Opfer an die Gottheit, die durch die Tat beleidigt wurde, dar. Frauen wurden gleichermaßen bestraft. Diese Opfer an die Gottheit hat auch das Christentum übernommen, wo ordinierte Mönche und Nonnen ihre Haare opfern müssen. Deswegen stellte man sich die Götter mit dem reichen gekrausten Haar und mächtigem Bart vor.“ Dass man sich die Götter mit „gekraustem Haar“ vorgestellt habe, ist eine unsinnige Zutat des Autors, natürlich nicht krauslig aber füllig war stets das Haar-Ideal.
 
Die germanische Knotenmagie findet sie in verschiedenen Formen, sie sind Teil eines tiefgründigen Verständnisses und Zaubereisystems. Die Knoten wurden zumeist in Verbindung mit einem Zauberspruch gemacht, der dann als festgemacht und ausgesendet galt. Man nannte das „Nestelknüpfen“ oder „Bindezauber“. Wie im gesamten Zauberwesen wurde zwischen weißem und schwarzem Galster (Zauber) unterschieden. Man versuchte Positives wie Negatives durch Knotenzauber fest zu machen, also in die Realität zu bringen. Beim Knotenzauber sprach der Knotende Segnungen oder Flüche, Verwünschungen, also Bindungszauber-Befehle. Frauen versuchten möglicherweise einen Mann impotent zu machen der eine Nebenbuhlerin geheiratet hatte. Im Augenblick des Trauaktes sollte ein Knoten geknüpft, ein Schloss geschlossen werden. Ein Lösen des Zaubers war durch das Lösen des Knotens (Erlösung) möglich. Schutz vor dem feindlichem Bindezauber erhoffte man sich durch bestimmte Amulette. Dieser Zauberbrauch, der 400 n.0 genannt wurde, soll noch nach 1900 bekannt bzw. gebräuchlich gewesen sein, wie man liest.
 
Zum Haar-Seelenkult
 
Dem germanischen Haar-Seelenkult lagen zweifellos sehr reale Beobachtungen zugrunde. Die Haare, als die feinsten Ausstülpungen des körperlichen Menschen in die ihn umgebende Atmosphäre hinein, gleichen gewissermaßen Antennen. Wie sich Haare bei elektrischen Einwirkungen aufstellen können, wie sie dem angeriebenen Bernstein nachfolgen, wie sie ergrauen können im Schockerlebnis großer seelischer Erschütterungen, wie sie ausgehen können während Entbehrungen sowie Alterungsprozessen, also dem seelische Leid und dem Vergehen von Seelenkräften, das alles kann den Beobachter bewegen, den Haaren eine feinere Seelenverbindung zuzutrauen als es dem verstandesgespeisten Bewusstsein des Menschen möglich scheint. Dazu kommt, dass Haare tatsächlich bei sensitiven Naturmenschen sich als feine Sinnesorgane erweisen, so dass man von einem physiologisch bisher unerklärbaren Erkenntnismechanismus sprechen könnte. Indianische Fährtenleser bzw. Scouts die bei der US-Armee im Vietnamkrieg eingesetzt wurden, verloren ihre zuvor bewiesenen überdurchschnittlichen Fähigkeiten, nachdem ihnen der übliche militärische Kurzhaarschnitt beigebracht worden ist. Ihr Fähigkeitsverlust kam zurück, nachdem das Haar wieder in voller Länge nachgewachsen war, was in der biblischen Legende  von „Samson und Delila“ ebenso anklingt, nämlich die Abhängigkeit der menschlichen Kraft und Sinnenstärke vom vollen Haupthaar. Dergestalte Erkenntnisse und ihre Folgerungen veranlassten den weit verbreiteten Brauch, Sklaven zu scheren, wohl sie machtlos zu machen, wie auch ihre sichtbare Machtlosigkeit als besiegte Kriegsgefangene dem Publikum zu präsentieren. Selten ist, so berichtet Tacitus in seinber „Germania“, der Ehebruch unter den Germanen. Im Folgenden beschreibt er die Strafe für die Ehebrecherin, welche durch den Mann vorzunehmen ist. Umstritten ist unter Sprachwissenschaftlern hierbei das Wort „abscisis“ das auch „accisis“ gelesen wird, ob es als völliges oder teilweises Scheren der Frau zu verstehen sei. Jedenfalls ging es um die Entehrung der in Schande Geratenen. Belege für das Schneiden der Haare fand man bei weiblichen Moorleichen. Das Abschneiden der Haare, ebenso wie bei der Bestrafung von Männern, kam nach altem Glauben einer Art symbolischen oder faktisch angenommenen Entseelung gleich.
 
Ein weiterer Verständnisansatz zur Haarschlaufenfrage ergibt sich, wenn wir in Rechnung setzen, dass die Körperseite den Menschen in der Antike von immenser Bedeutung erschien. Die rechte Seite galt als „männliche“ und die linke Seite als „weibliche“. Indem der germanische Mann den Schopf seiner rechten Kopfseite zu einem Strang zusammenfasste und den linken Schopf unter den rechten hinüberzog, um dort den Flechtzopf und dann ebenso dort die Seelenschlaufe zu binden, stellte er alle seine seelisch-weiblichen Anteile - wie Wankelmut, Furcht und Weichherzigkeit - unter die strenge männlich-willentliche Vormundschaft und wurde mithin ganz „Mann“, was in den Jahrhunderten des harten Lebenskampfes und der permanenten kriegerischen Bedrohung durch das römische Terrorimperium eine der Vorbedingungen zum Überleben wurde. 
 
Od-Orte - Heilige Stätten der Volksreligion
 
Wie ich zur Thematik in meiner Kleinschrift „Woden - Oden - Gottesorte“ ausführte, könnte der südmährische Ort Ottenthal möglicherweise zu den sakralen Od-Orten in Germanien gehört haben. Sicher ist, dass dieses deutsche Dorf schon zu Anfang des zwölften Jahrhunderts bestanden hat, denn Fischer zitiert in seiner Geschichte von Klosterneuburg (II. Bd., S.24) eine Urkunde aus der hervorgeht, eine Frau namens Hazicha habe eine Spende getan für die Ortschaft Outendal. Es heißt da: „Domina Hazicha de tregirnwoch tradivit ad altare S. Maria predium suum silum in loco qui dictur Outendale et Veluarum. H.r.t. 5. Henrich filius et Otto de Leginbach." Eine Namensgebung nach dem Otter, dem Fischmarder, kommt nur schwerlich in Betracht, denn der Begriff Outendal liegt davon zu weit ab. Eher ist der Ortsnamen erklärbar aus einer Form des altheiligen Od-Wortes für einen Kultort des suebisch-germanischen Od-Gottheit-Vorstellungen bzw. des Od, Wode, Goð, Wodin, Odin. Altmundartlich wurde - wie anzunehmen ist - aus dem gemeingermanisch-vormittelalterlichen Auðendal bzw. Odenthal, mit einem „ou“-Anlaut, das hochmittelalterliche Outendal und schließlich das neuzeitliche Ottenthal (ähnlich wie aus dän. Odens-Wi, Odense deutsch Ottense wurde. Dass die Region ein reges vorchristliches Gemeindeleben hatte, dessen Bewusstsein noch bis ins 12. Jahrhundert hinein reichte, könnte aus dem für diese Zeit höchst ungewöhnlichen Vornamen Heidenreich hervorgehen, den ein Garser Graf namens Wolfker seinem Sohn gab, welcher die Wasserburg Heidenreichstein um 1160/1190 im nordwestlichen Waldviertel Niederösterreichs - ca. 130 km westlich von Ottenthal - erbauen ließ. Burggraf Heidereich von Gars förderte stark den Minnesang. Im Jahr 1369 wurde der Ort als Markt mit eigenem Siegel bezeichnet. Am 25.7.1316 verschrieb Ortlieb v. Winchel (J.Keiblingers Geschichte v. Melk II.B., S. 850) seiner Gemahlin Erspet welche ihm 350 Mark Silbers Wiener Gewicht gebracht hatte nachstehende Besitzungen: „Alle von Heidenreich dem Burggrafen von Gars und dessen Gemahlin Getraut verbriften Güter zu Rapostal (Ruppersthal) und Ottenthal ferners von Frau Katrein Gunachers des Werders von Drozz Wittwe erworbenen Güter zu Ottentahl und Rytenthal.“ Outendal-Ottenthal gehörte also zum Garser-Heidenreicher Grundbesitz.
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