ODRÖRIR UND ODAL-HORN

Norwegischer Wikinger unserer Tage
 
 
ODAL-HORN
 
Wenn sich der Met im Bottich bräunt,
dann ruft das Odal-Horn, mein Freund
am Lenden-Gurt, mir tanzend zu:
„Endlich vorbei, die fade Ruh‘ !“
 
„Quellwasser nur gab’s auf der Fahrt,
es wird am guten Trunk gespart,
zu lang’ schon ward der Leib kasteit,
jetzt ist es Zeit zur Fröhlichkeit !“
 
Doch nicht nur Frohsinn gärt im Met,
es lebt in ihm ein Licht-Gebet,
des Sonnen-Odems Honig-Lied,
das Menschen-Od zur Sonne zieht.
 
Goldgelben Nektar schuf das Licht,
die Bienlein haben ihn gemischt,
der Sonnen-Funken Strahlen-Kraft
wirkt heilsam aus dem süßen Saft.
 
Wie Honig-Seim den Leib kuriert,
den dunklen Krankheitskeim erspürt,
ihn mit der Licht-Kraft niederbrennt,
führt Met das gleiche Element.
 
Drum frisch heran, das Horn zur Hand,
es schäumt der Trank hinauf zum Rand
und wird im neuen Zug geleert,
dass sich des Geistes Sicht vermehrt.
 
Der Dichter-Met, der Skalden-Trank,
macht alle Seelen-Augen blank -;
dem Trinker wird die Wahrheit kund,
er spricht sie aus berauschtem Mund.
 
O d r ö r i r heißt der Skalden-Met,
der Dichter-Sinn zum Himmel weht,
der Menschen-Od zur Höhe rührt,
Bewusstsein über Grenzen führt.
 
So ehrt den Trunk, so ehrt das Horn,
doch zecht niemals in Zwist und Zorn,
und haltet auch mit Frommheit Maß,
nicht weniger als bei Speis' und Spaß !
 
 
Eigenes Odal-Trinkhorn
 
 
 
Der „Odrörir“ (altnord. „Seelen-, Geist-Anreger“ / „der zur Ekstase anregende”) oder „Skaldenmet“ (Dichter-Met) ist ein Mythen-Thema aus der germanischen Religion. Odrörir ist der Met, der Honigwein, nach dessen Genuss ein jeder Trinker gut singen und dichten kann. Am ausführlichsten finden sich Quellen über den Skaldenmet in den Werken von Snorri Sturluson, etwas abweichend in jenen Dichtungen der Hávamál und in einer Reihe von Sprichwörtern bzw. Sinnbildbegriffen (altnord. Kenningar), welche die Inhalte des Mythos genau bezeichnen. Auch in den Skaldendichtungen bezeugt der Skaldenmet seine Beliebtheit. Daneben gibt es bildliche Darstellungen auf gotländischen Bildsteinen aus dem 6.-7-Jahrhundert. Wir treffen auf solch ein mythisches Getränk mit der etwa gleichen Bedeutung im „Soma“ und den Erzählungen vom Gott Indra (germ. Donar-Thor) in der ario-indischen Mythologie des Rigveda.
 
 
Cornelius Tacitus berichtet in seiner „Germania“ (Kap. 22) über die germ. Trinkgewohnheiten, dass man vor Verhandlungen und Vertragsabschlüssen Gelage hielt, bei denen - durch den Rausch enthemnt - die Gedankenwahrheit zu Tage treten sollte, damit man sich gegenseitig kennenlerne. Bei Nüchternheit des kommenden Tages aber wurde dann der Abschuss des Übereinkommens vollzogen: „…Dann begeben sie sich an die Geschäfte und nicht weniger häufig zu Gelagen, und zwar bewaffnet. Tag und Nacht ununterbrochen fortzuzechen ist für keinen eine Schande. Bei den - wie unter Trunkenen natürlich - häufig vorkommenden Streitigkeiten geht es selten nur mit Schimpfreden ab, ..… Aber auch über die gegenseitige Aussöhnung von Feinden und den Abschluss von ehelichen Verbindungen und die Wahl von Fürsten, endlich über Frieden und Krieg beraten sie sich sehr häufig bei Gelagen, gleich als meinten sie, dass zu keiner Zeit der Sinn so sehr für einfache Gedanken erschlossen sei oder sich für große erwärme. Ohne Verschmitztheit und List öffnet das Volk in der Ungebundenheit eines heiteren Anlasses noch seine innersten Gedanken. So offen und unverhüllt ist aller Denkweise. Am folgend Tag wird von neuem verhandelt und beiderlei Zeiten widerfährt so ihr Recht: sie beraten, wenn es ihnen nicht gelingt, sich zu verstellen, und beschließen, wenn sie nicht irren können.“
 
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