SONN'WENDE - MÜTTERNACHT

 
 
SONN'WENDE - MÜTTERNACHT
 
 
Es geht ein Singen in dieser Nacht,
Flocken wirbeln vom Himmel, sacht,
der Jul-Mond über die Eiben zieht,
die Sterne singen ihr Weihnachtslied.
 
Zur Mütternacht ruht der Sonnenlauf,
der Eibenwald bittet zur Höhe hinauf:
„Komm‘ nun herab, ich erwarte schon,
den Segenswink für den Sonnensohn !“
 
Die Große Mutter, die Freia, gebiert !
Das heilige Rätsel der Mütter ziert
die tiefste Stunde im Jahresrund -,
„ze wihen nahten“ wird‘s uns kund.
 
Sonnengeist Fō wird ein Knäblein sein,
bringt Frohsinn bald zur Welt hinein,
erscheint dem Hellen und Guten hold,
waltet in Wuchskraft vom Ährengold.
 
Auf dem Sonnen-Eber reitet der Fō,
Goldborsten strahlen wohl lichterloh.
„Gullinbursti“ segnet die Ernten reich,
so heißt der mythische Sonnenvergleich.
 
„Goldenes Schweinchen, erbringe Glück,
ins Neue Jährlein ein dickes Stück,
reite geschwind, ohne Säumnis und Rast,
hin auf den Gipfel zum Sonnenpalast.
 
Fröhlicher Reiter auf goldenem Rücken -
Menschenkinders Julzeit-Entzücken -
bewahre uns vor Not und Gebrest,
willkommen, zum Sonnenbegrüßungsfest !“
 
 
In alter Zeit hielten die Deutschen zwei synodische Jul-Monate, einen vor und einen nach der Wintersonnenwende; es handelt sich um die tiefste, lichtärmste Jahresphase des vermeintlichen Sonnenstillstandes. Das Weihefest zu den heiligen Weihenächten (mhd. „ze wihen nahten“), genau inmitten der beiden Monde, ward Mütternacht (angelsächs. „Mōdraniht“) genannt, in der das große mystische Geheimnis der Licht- und Jahresgeburt aus der Weltenmutter Freia geschah. Das geborene Sonnenknäblein „Ingwi“ (germ. Kind / Sprössling) war die Allegorie des Hellen und Guten, also der Heilbringer (altnord. „Helgi“), der als erblühter Sonnenherr „Ingo-Frō“, also Herr-Ing, im Sinne von Herrgott, geheißen wurde. Sein Attribut, ein Sonnengleichnis, war der güldene Eber Goldborstiger (altnord. „Gullinbursti“), welcher noch heute als Neujahrs-Glückschweinchen im Volksbrauch zuhause ist.  
 
Das eigentliche Sonnenbegrüßungsfest feierte man einen synodischen Monat nach der Wintersonnenwende, nach Ende des zweiten Jul-Monats, den Mondschwankungen entsprechend, etwa Mitte Januar, also zu Mittwinter (altnord. „Miðvetrblót“), einer Zeit in der die erneute Zunahme der Sonnenbögen ersichtlich wird. Diese Hoch-Jul oder Jul-Abschlussfeier nannte man Hakennacht (altnord. „hökunot“), wohl weil die Sonnenwende jetzt erst ersichtlich und durch die Sonnenwarten nachweisbar wurde. Es wurden große Jul-Feuer entzündet, die Herdfeuer erneuert, rituelle Spiele vollzogen, der festliche Schweinebraten verzehrt und bierfrohe Umtrünke, das Jul-Biertrinken, zu Ehren des „Ingo-Frō“ (altnord. Yngvi-Freyr) und des Wodin-Odin, dem altnord. „Jólnir“, veranstaltet. Und man schwor beispielsweise auf das Fell des Jul-Ebers (altnord. „Jul-Galt“) sein Jul-Gelübde. Man legte eine Hand auf den Jul-Eber und gelobte, zu erfüllen, welches Unternehmen man sich für das kommende Jahr vorgenommen hatte. Wer sich keinen Eber-Schmaus leisten konnte, buk sich ein Gebildbrot in Ebergestalt aus Teig, oder nur den Schweinekamm mit gleichem rituellem Wert, einer Backform aus der unser heutiger Weihnachtsstollen hervorging.
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