DER STEINTANZ VON BOITIN

An den Steinkreisen von Boitin, 1994
 
 
DER STEINTANZ VON BOITIN
 
Ein guter Heide muss dort hin,
zum alten „Steintanz von Boitin“,
nach Mecklenburg am Swebenmeer,
bei Bützow liegt er ungefähr.
 
Dort bauten unsere Urzeit-Ahnen,
schaffensfrohe Frühgermanen,
im abgemessenen Gelände,
den Kultplatz für die Winterwende.
 
Die alten Meister waren helle,
sie bauten nach der Steinzeit-Elle,
im Wissen um den Himmel, stark,
den Sonnen-Monde-Sternen-Park.
 
Sie setzten sich Kalender-Steine,
sie kamen mit der Zeit ins Reine -,
erkannten gut des Mondes Längen,
den Jahreskreis von 13 Gängen.
 
Zum Jul-Fest um die Winterwende,
beging das Volk die Opferspende,
damit die Gottheit Segen leihe,
das Neue Jahr zum Glück gedeihe.
 
Es schloss der 13 Monde Kranz,
der neue Mond lud ein zum Tanz.
Ein Jahr war aus, ein Jahr begann,
die Ewigkeit sich weiterspann.
 
Die Gilde tanzt‘ im Reigen-Schritt,
die Trommel riss den Hornruf mit.
Rot strahlte Sonnwendfeuerschein,
zur Bruutkist, dem Kalenderstein.
 
Und wieder wurd‘ es stille Nacht,
die Weihe hat‘ das Jahr entfacht -,
Monde und Sterne kreisen rund -;
die Zeit gibt sich den Weisen kund.
 
Und wenn Jahrtausende auch zieh‘n,
es bleibt die Botschaft von Boitin.
Des Ahnen-Weistums hoher Stand,
ist hier in Stein und Maß gebannt.
 
 
In Mecklenburg an der Ostsee, die man einstmals Swebenmeer (Schwabenmeer nach der Urheimat der Altschwaben) genannt hat, gibt es die Gemeinden Güstrow und Bützow, in deren nahen Buchenwälder, dem Tarnower Forst, auf einer flachen Hügelkuppe, ein sehenswerter Kultplatz liegt, dem sog. „Steintanz von Boitin“. Heute führt ein ausgeschilderter Weg zu dem 1765 erstmals erwähnten Denkmal. Es handelt sich im Kern um eine jungsteinzeitliche, mindestens 3.000 Jahre alte Sternwarten-Anlage, zur Beobachtung des Jahressonnenlaufes bzw. der Kalenderberechnung. Nach einer Ausgrabung durch den Archäologen R. Beltz im Jahre 1929, bei der Urnen gefunden wurden, sind die Steinkreise zudem als eisenzeitliche Begräbnisstätten um 600-400 v. 0 zu deuten.
 
 
Zu dem Steintanz gibt es eine Sage, die hier nach der Informationstafel wiedergegeben wird: „Das Dorf Dreetz lag früher in unmittelbarer Nähe des Steintanzes. Einst wurde in Dreetz eine prächtige Bauernhochzeit gefeiert. Es ging hoch her und alle waren lustig und vergnügt. In ihrem Übermut kamen einige Bauern auf den Gedanken, mit Würsten, Broten und Kuchen zu kegeln. Bevor sie damit begannen, ermahnte sie ein Geist, der in Gestalt eines alten Mannes bei dem Fest auftauchte. Er forderte sie auf, diesen Frevel zu beenden. Die Bauern hörten aber nicht auf ihn und verspotteten den alten Mann. Zur Strafe für ihren Übermut wurden darauf alle Festteilnehmer in Steine verwandelt [Großer Steintanz]. In der Nähe des Festplatzes hütete ein Schäfer mit seinem Hund eine Herde Schafe. Er hatte dem Festgeschehen zugeschaut, sich aber nicht an dem Kegelspiel beteiligt. Er war dann von dem alten Mann aufgefordert worden, sofort mit seinen Schafen zu fliehen und sich dabei nicht umzusehen. Der Schäfer befolgte den Rat des Geistes. Als er dann schon ein Stück vom Festplatz fort war, ließ ihn die Neugier nicht ruhen. Um das Verbot sich umzudrehen, zu umgehen, bückte er sich und sah zwischen seinen Beinen durch. Im gleichen Augenblick wurden er, sein Hund und die Herde auch zu Stein [Kleiner Steintanz].“
 
 
Prof. Dr. Werner Timm schrieb in den „Mecklenburgischen Monatsheften“ (09./10.1928) über den „Steintanz“ von Bützow: „Diese gedachte Linie bildet mit der Nordrichtung den genauen Winkel von 133° 11′ und 29″. Der Sonnenaufgangspunkt zur Wintersonnenwende ist hier festgelegt. Die 28 Tage des Monats zählte man im ,Grossen Steintanz‘, dessen drei Kreise zusammen 28 Steine fassten. Die 13 Monate = Mondumläufe des Jahres wurden an den 13 Steinen des ,Kleinen Steinkreises‘ vermerkt. 13 mal 28 ergeben aber erst 364 Tage. Darum zählte man an dem einzelnen Stein zwischen den Kreisen I und II [den man nicht mehr auffindet], noch einen Tag - wohl der Neujahrstag zum Fest der Wintersonnenwende - besonders hinzu, und das Sonnenjahr war mit 365 Tagen voll.“ Der „Steintanz“ also eine um 3.000 Jahre alte Art frühgeschichtliches Observatorium, ähnlich wie die Kreisgrabenlagen in Süddeutschland, im Harz oder das Sonnenobservatorium von Goseck in Sachen-Anhalt. Prof. Dr. Rolf Müller in „Der Himmel über dem Himmel über dem Menschen der Steinzeit“, 1970, S. 40, gibt an: „Ich bin auch im ,Steintanz‘ von Boitin (Mecklenburg) der megalithischen Elle auf die Spur gekommen.“ Und S. 48: „…mit befriedigender Wahrscheinlichkeit meine Annahme bestätigt, daß auch im Boitiner Steintanz uns das Grundmaß der megalithischen Elle entgegentritt.“ Die „neolithischen Elle“, nach der auch die bayerische Sonnenbeobachtungsstätte „Meisternthal“ errichtet wurde (Dr. Helmut Becker), beträgt 0,831 m, was der „Bayerischen Elle“ von 2 Fuß ¼ Zoll entspricht, welche also 0,833 m ausmacht. Das „Megalithische Yard“ wurde auch vom Engländer Alexander Thom festgestellt, der es als Länge von 82,9 cm definierte. Einstmals gab es viele Hunderte solcher Steinkreise, wenige sind auf uns Heutige gekommen. Man begegnet dem Namen Steintanz, Hünentanz, Danzenstein, Jungfrudanz, Adamstanz in ganz Europa. Da das Tanzen an den Steinen recht oft erwähnt wird, mag der Brauch auf alte kultische Sitten zurückzuführen sein.
 
 
Rolf Müller im oben genannten Werk stellt auf Seite 82 fest, dass die erwähnten Messungen von W. Timm einer exakten Überprüfung nicht ganz standhielten (die Wintersonnwendrichtung weicht etwas ab), trotzdem kann - laut R. Müller - die Möglichkeit einer himmelskundlichen Ausrichtung der Anlange nicht von der Hand gewiesen werden. Es handelt sich dabei offenbar hauptsächlich um Mondortungen. Kurt Derungs führt aus: „Verbinden wir beispielsweise die Mittelpunkte der ovalen Steinsetzungen, so erhalten wir zwei rechtwinklige Dreiecke, wie sie bekannterweise die Griechen beschrieben haben, nur sind diese mindestens tausend Jahre älter ! Die beiden rechtwinkligen Dreiecke bilden gemeinsam ein gleichschenkliges Dreieck, wobei ein Schenkel genau nach Norden weist und eine Linie nach Südosten in Richtung einer mittsommerlichen Mondortung.“ Und Jürgen Borchert: „Verbindet man die Mittelpunkte der drei eng beieinanderliegenden Kreise durch gedachte Linien, entsteht ein gleichschenkliges Dreieck. Um dieses konstruieren zu können, musste man die Gesetzmäßigkeiten des rechtwinkligen Dreiecks beherrschen, also kannten die Erbauer den Satz des Pythagoras - tausend Jahre vor Pythagoras.“
 
 
DIE „BRUUTKIST / BRAUTLADE“
 
 
 
Abb. a - senkrechtgestellter Jahresstein, die „Brautlade“,
mit den 13 Mondmonats-Positions-Näpfen
 
  
Zum Vergleich zwei Großsteingräbersteine Mecklenburgs mit den typischen schmalen auf Linie liegenden Keilfugen zum Spalten - Abb. b - Großsteingrab „Mankmoos 1“ und
Abb. c - Großsteingrab „Pöglitz 3“
 

Drei der insgesamt vier Steinkreise stehen dicht zusammen und ihre Mittelpunkte bilden ein gleichschenkliges Dreieck. Der vierte Steinkreis steht allein rund 150 m in etwa südöstlicher Richtung. Der 1. kleinste der drei beieinander stehenden Kreise ist der nördlichste und besteht aus sieben Steinen. Eine Lücke weist darauf hin, dass es eigentlich 8 Steine gewesen sein müssen. Sein Durchmesser beträgt etwa 7,5 m. Der 2. und größte Kreis - Durchmesser von ca. 14 m - liegt ungefähr südlich von Kreis 1 und besitzt 8, wobei eine Lücke ursprünglich 9 Steine wahrscheinlich macht. Ein besonderer Stein aus rotem Granit - die „Brautlade“ (Bruutkist, Bruutkufert) geheißen - ragt aufrecht ca. 2 m aus dem Boden und läuft nach oben hin spitz zu. Von oben nach unten befinden sich auf seiner zur Kreismitte gewandten Seite untereinander angeordnet 13 Vertiefungen (sichtbar nur 11). Er muss also ursprünglich flach gelegen haben, so dass die Vertiefungen sicht- und erreichbar waren. Ihre Seitenlängen betragen 6 cm, sie  gehen nur etwa 4 cm in den Stein hinein. Dass es sich keinesfalls um Spaltlöcher zur Teilung des Steines handeln kann, geht 1. aus der pyramidenstumpfigen Vertiefungsform hervor, 2. aus dem Umstand, dass die quadratischen Vertiefungen kantenversetzt eingeschlagen wurden, was für Steinspaltarbeiten kontraproduktiv wäre und deshalb absolut unüblich ist. Spaltlöcher werden in gerader Linie mit parallelen Löcherkanten gearbeitet (siehe Abb. b + c). bei Die Aushöhlungen sind also unten stumpf und somit ungeeignet, um einen Spaltkeil anzusetzen. Liegt der Stein, könnte ein den Jahres-Monat markierendes Holz in die Löcher gesteckt worden sein. Vielleicht, so erwog man, gab es eine kleine Steinfigur, die unten einen pyramidenstumpfförmigen Zapfen hatte, den man in das „aktuelle“ Loch stecken konnte. Die „Bruutkist“ wird folglich gelegen haben und zwar in Kreiszentrum als Kalender- bzw. als Mondstandmarkierungswarte. Zu einem späteren Zeitpunkt, vielleicht erst in christlicher Ära hat man den auffällligen Stein aus dem Zentrum herausgenommen und in den Kreis gestellt. Möglicherweise sind an ihm in liegender Positionierung sog. „abergläubische Riten“ der Landbevölkerung, wie an einem Altarblock, vollzogen worden ? Auf sexualmagische Praktiken weist die Sage von der Bauernhochzeit an den „Tanzkreisen“ hin sowie der Begriff „Brautlade“. Diese, den Kirchenbehörden unliebsamen Bräuche, versuchte der Klerus, so weit machbar, zu unterbinden, ohne, durch Beseitigung des Steins, den Unmut der Bauern zu sehr herauszufordern. Das sind reine Spekulationen, was aber feststeht ist, dass es sich bei den Löchern um keine Versuche handeln kann, den Tein zu spalten. - Der 3. Steinkreis liegt ungefähr östlich von Kreis 2, hat einen Durchmesser von etwa 13,5 m und besteht aus 9 Steinen. Einer seiner Steine ist in zwei dicht zusammen liegende Hälften zerbrochen oder er wurde absichtlich so gespalten. Kreis 4 liegt um 150 m entfernt und besitzt 8 Steine, von einem flachen Kreisgraben umgeben. Auch in diesem Kreis stehen einige Nachbarsteine weiter auseinander als die anderen. Vermutlich wurden mehrere Steine aus dem Kreis entfernt. Wie es kommt, dass Timm hier von 13 Steinen schrieb und neuere Berichte nur 8 erwähnen, war bisher nicht möglich aufzuklären, da mir diese Frage währen meines Besuches nicht bewusst war. Zu erwähnen wäre zudem, dass in den Kreisen 2 und 3 es je einen Stein gibt der aussieht wie ein Sitz mit Rückenlehne. Diese Steine sind unten breit, dann erfolgt an einer Seite eine Einbuchtung und von dort an ist der Stein schmaler. Stellt man sich auf die „Sitzfläche“, steht man wie auf einer Kanzel.

 
Ein heutiger offizieller Text lautet (Wikipedia): „Die Kreise I, II und III bilden zusammen den „Großen Steintanz“. 170 Meter südöstlich davon liegt Kreis IV, der „Kleine Steintanz“. Der eine Stein des Kreises III ist in der Mitte gespalten, beide Hälften stehen nahe zusammen und doch weit genug, um vom Mittelpunkt des Kreises I (vermutlich war in Kreis I auch ein Beobachtungsstandpunkt wie in Kreis II und III) über die Mitte von Kreis III hinwegzusehen zur Mitte des Kreises IV. Außer den drei Mittelpunkten stehen mit dem „Visierstein“ von III mindestens vier Steine auf dieser Richtung, die mit der Nordrichtung den genauen Winkel 133° 11' 29" bildet. Der Sonnenaufgangspunkt zur Wintersonnenwende ist hier festgelegt und damit der uralte Neujahrstag. Die 28 Tage des Monats zählte man im „Großen Steintanz“. Die 13 Monate (= Mondumläufe) des Jahres wurden an den 13 Steinen des „Kleinen Steintanzes“ vermerkt. Ein zusätzlicher Stein außerhalb der Kreise zählte den 365. Tag des Jahres, also den Neujahrstag. (28 Tage × 13 Monate + 1 Neujahrstag = 365Tage). Alle 4 Jahre ging die Sonne einen Tag später auf. Am Kreis IV erfolgte eine Korrektur mit 4 Steinen die um den Kreis angeordnet sind. So wurde jedes 4. Jahr die Wintersonnenwende einen Tag später gefeiert oder die Feier wurde um einen Tag verlängert. Durch die Anordnung der zusätzlichen Steine wurde diese Beobachtung festgehalten und gezählt. Dadurch wurde der 1/4 Tag ausgeglichen und das Jahr war durch Beobachtung auf 365 1/4 Tage pro Jahr festgelegt.“
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