DIE NORNEN

 

DIE NORNEN

Unter der Welt-Eibe Wurzelgefecht,
liegt ein stiller Spiegel, der Urda-See.
In seinen Wassern ruht alles Recht,
das Weltenschicksal von Lust und Weh.

Zwei Schwäne gleiten im Zeitenkreis,
wie wissende Zeiger der Weltenuhr.
Wenn sie ermüden auf kreisender Reis’,
vergeht unsre Erde, verweht ihre Spur.

Es steigt der Drache der Tiefe hervor,
der Feuer speiende Tatzelwurm -,
Dämonen drängen zum oberen Tor,
Ordnung zerbricht im helischen Sturm.

Doch noch ist Weile, die Welt besteht,
drei Riesentöchter schöpfen Geschick.
Am Weisheitsbrunnen der Mimir rät,
der Runen enträtselt mit Rater-Blick.

In der Brunnentiefe das Aug’ des Wodin:
Die Wasser wahren der Gottheit Od !
Aus dem Ur-See jedwede Seele erschien,
ihm entstammt sowohl Leben wie Tod.

Aus ihm sind die Geschöpfe geschöpft,
drei Schepfen, Nornen, führen den Krug,
ins Leben wird Schicksal hineingetröpft,
der Welt-Mütter uraltes Recht und Fug.

Ihre Namen sind Urd, Verdandi und Skuld,
aus der All-Gebärung ur-erster Stund:
Das Schicksal der Werdung und der Schuld,
so wandern die Zeiten in Wandlung rund.




Worterklärung: Schepfen = Schöpferinnen, mittelalterlicher Begriff für die Nornen


Bild: „Die Nornen“ von Boris Koller

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