HEILIGES HELGOLAND

 
 
HEILIGES HELGOLAND
 
Steil ragt die rote Felsenkant’,
aus grünem Gischt im Friesenmeer,
das Helgi-Lun - Fosites-Land,
die Gottesinsel, hoch und hehr.
 
Radbod, der Nordlands König ist,
auf seinen Hof im Hochland tagt,
und Wilibrod, der fremde Christ,
wurd’ schmählich hier davongejagt.
 
Im Väter-Glauben, felsenfest,
trutzt dieses Eiland, sturmumtost,
schert sich nicht um den Weltenrest,
holt seine Kraft aus eignem Trost.
 
An heil’ger Quelle schöpft die Maid,
geweihte Farren geh’n im Feld,
und rings, im weißen Federkleid,
hat sich der Singschwan eingestellt.
 
Am Osterende tummelt sich’s,
da sind die Bernsteinfischer laut;
der Sonnenganz des goldenen Fisch’s,
zahllos aus Weidenkörben schaut.
 
Und hoch gereckt am Süderriff,
ragt auf der Stamm der Irminsul.
Er segnet jeglich’ Boot und Schiff,
das drunten zieht im grünen Pfuhl.
 
 
PS: Helgoland-Vision um das Jahr 700 nach Null
 
 
König Radbod (Herrschaftsdauer 679-719) war Herrscher über das Großfriesische Reich, über den Nordseeküstenstreifen von Westfriesland bis zur Weser und hinauf nach Helgoland. Er trat als unzweideutiger Gegner der Christenmission auf. Das Friesenreich wurde um 689 vom fränkisch-karolingischen Imperialstaat angegriffen und Westfriesland annektiert. In diesen instabilen Zeitläufen versuchten die missionsfanatischen Engländer Willibrod und Wigbert (7./8. Jh.) vergeblich die Insel zu christianisieren. Anfang 714 rief Radbod den Wehrbann zusammen und drang mit einem starken Heer in die verlorenen Landesteile ein. Er ließ die Christenkirchen niederreißen und erneut die traditionellen heidnischen Altäre errichten. 716 standen die Friesen vor Köln, wo sie das Heer des fränkische Staatslenker Karl Martell besiegten. Es war die einzige Niederlage seiner gesamten Amtszeit. Die errichteten Kirchen wurden abgerissen und niedergebrannt, die Priester und Missionare entlassen und die angestammten Götterhaine und Tempel wiederhergestellt. Köln musste gegen Zahlung einer großen Geldsumme freigekauft werden. Radbod wurde schließlich, wie die Legende berichtet, auf der heiligen Insel Helgoland bestattet. Bereits im Jahre 716 war ein Missionierungsversuch des „Frankenknechts“ und Papstbüttels Bonifatius am Widerstand Radbods gescheitert. Auch nach Radbods Tod wollten die noch „Freien Friesen“ vom Christentum nichts wissen und folgten getreu ihres großen Königs Beispiel. Als einige Jahrzehnte später der hartnäckige Greis Bonifatius erneut in Friesland Terrorakte gegen die heidnischen Weihestätten beging, wurde er im Jahr 754 mit dem Tod bestraft.

 

Allgemein bekannt ist der Spruch: „Grün ist das Land, rot ist die Kant, weiß ist der Strand, das sind die Farben von Helgoland.” Das „Hillig Lun“ (Heiliges Land) / Helgelandt / Heligoland gilt als die Perle der Nordsee, in der Deutschen Bucht, ca. 70 km von der Elbmündung entfernt. Helgoland besteht zum größten Teil aus rotem Buntsandstein, der bis zu 61 Meter hoch steil aus dem Meer ragt. Eine Landkarte von Johannes Mejer des Jahres 1652, die die einstige Ausdehnung der Insel vorführt, zeigt fünf Grabhügeln auf dem Oberland. Schon 1631 wurde die Insel von J. I. Pontan(us) als das von Tacitus beschriebene germanische Zentralheiligtum mit dem Herthasee vermutet. In der Antike war Helgoland der Hauptlieferant für Bernstein. Doch schon in der Steinzeit kam Insel - oder damaligen Halbinsel - eine besondere Bedeutung zu, denn nur hier wurde der wunderschöne rote Flint für rote Prunkwaffen abgebaut. Bis zu 300 km im heutigen Binnenland von Deutschland, den Niederlanden und Dänemark finden sich Artefakte aus dem roten Feuerstein von Helgoland. Die frühe, schon jungsteinzeitliche Besiedelung ist durch Funde belegt, ebenso wie die bronzezeitliche, z.B. durch die von Otto Olshausen 1893 im „Lütje Berg“ entdeckte Steinkiste aus dem 1500/1400 Jh. v.0. In dem Steinsarg lag ein Skelett mit Grabbeigaben.Auch untere dem „Moderberg“ befand sich bronzezeitliches Grab, worin eine goldene Spiralscheibe und eine bronzene Streitaxt lagen.

 

Eine frühe Nennung Helgolands erfolgte durch Plinius den Älteren, der Pytheas von Massilia (325 v. 0) zitierte: „Pytheas gibt an, ein germanisches Volk, die Guionen [oder Gutonen, je nach Abschrift des Textes von Plinius], wohne an einer Versumpfung des Ozeans, … eine Tagesreise von da liege die Insel ‚Abalus‘; dorthin werde der Bernstein im Frühling von den Wellen getrieben und sei eigentlich eine geronnene Ausscheidung der See; die Anwohner gebrauchten ihn statt Holz zum Feuer und verkauften ihn an die benachbarten Teutonen. Timaeus stimmt ihm darin bei, nennt aber die Insel ‚Basileia‘ [Königsinsel].“ Der Weiheort Helgoland, das als „Heiliges Land“ oder „Land des Helgi“ (germ. Heiliger) zu verstehen ist, belegt sich durch die zusammengeschauten diversen Berichte. Bischof Liudger von Münster ließ im 8. Jh. dort die Heiligen Stätten des Gottes Fosiste zerstören. Adam von Bremen gab in seinem Bericht („res gestae“) von 1076 den Namen der Insel mit „Farria“ an. Er spricht über den heiligen Hain und die heilige Quelle. Farren sind ausgewachsene Rinder, so dass man erwägen könnte, ob dort geweihte Rinder zu Ehren des Gottes Foseti („Vorsitzender“) gehalten wurden.

 

Bild: Paul Smalian (1901-1974) - Dass eine Irminsul - die sinnbildliche All-Säule des alten Glaubens - auf dem Helgoländer Küstenriff gestanden haben könne, ist freie Fantasie. Zudem hat der Künstler die hinlänglich bekannte falsche Form der vermeintlichen Himmelssäule gemalt, jene die im Externstein-Relief ihr irrtumsträchtiges orientalisches Lebensbaum-Vorbild hat. Um das Bild annehmbar zu gestalten, korrigierte ich die falsche Irminsul und nahm ihr den Charakter der Dattelbaum-Ikone.