LOKIS LANGE KRUMME NASE

Abb. 1   2
 
 
 
LOKIS LANGE KRUMME NASE
 
„Krumme Nase, krummer Sinn !“
In dem Satz scheint Logik drin,
trotzdem bleibt es unbewiesen,
was so manche Sprüche priesen.
 
Nie galt die krumme Nas’ als schön,
doch Hässlichkeit ist nicht obszön,
und keiner sieht vom Nasenbein,
dem Träger tief zur Seele rein.
 
Die gerade Nase scheint uns edel -,
trägt die krumme Nas’ ein Mädel,
wachsen allzu leicht Reflexe:
die Frau mit „Zinken“ galt als Hexe.
 
Die hängend Nas’ war ein Symbol,
für ungewohnten Anblick wohl.
Schon dem antiken Waldgeist Faun
war List und Tücke zuzutrau’n.
 
Der Faun, ein krummnasiger Kauz,
er hatte eine Ziegen-Schnauz’.
Die Lüsternheit war sein Panier,
er war getrieben von der Gier.
 
Zum Unhold Faun wie Pan gedieh,
sie schreckten Menschen wie das Vieh,
panischen Schrecken schuf der Pan,
drum sah man ihn als Satan an.
 
Und wer dem Pan im Äußeren glich,
unter des Nordens Himmelsstrich,
der galt dem Teufel leicht verwandt,
der schien als Lügner gleich erkannt.
 
Der Lügen-Gott, der Bösewicht,
der nie die reine Wahrheit spricht,
galt als Verführer von Grund auf -,
das war des Lokis Mythen-Lauf.
 
Der Lügen-Loki gleicht aufs Haar,
dem Ungeist der „Apostel“-Schar,
die mit dem Lug- und Trug-Gesetz,
geknüpft ihr „Menschenfischernetz“.
 
 

Abb. 3 4 5

 

Bilder: Abb. 1 Lügen-Gott Loki mit seiner Erfindung dem Fischernetz, aus einer isländischen Buchmalerei (18. Jh. ?) - Abb. 2 Loki aus isländischer Eddahandschrift „NKS 1867 4to“ von Ólafur Brynjúlfsson (1760) - Abb. 3 Pan (Ausschnitt) unterrichtet Daphnis im Spiel mit der Panflöte (Archäolog. Nat.-Mus. Neapel) - Abb. 4 - Pan im Geschlechtsverkehr mit einer Ziege, Statue aus der Villa dei Papiri zu Herkulaneum - Abb. 5 Saulus-Paulus, der sowohl den Mosaismus verriet wie den Sinn des frühchristlichen Essenertums; Ausschnitt „Umarmung von Petrus und Paulus“, griech. Fresko, 12. Jh., Vatopedi-Kloster, Athos

 

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Abb. 6 Schon Charun, der vorrömische geflügelte, spitzohrige Unterweltgott der Etrusker trug die hängende, lange Geierschnabel-Nase (Fresko 3. Jh. v. 0 aus der Tomba dell' Orco zu Tarquinia, Abb. aus Werner Keller, „Denn sie zündeten das Licht“, 1970) - Abb. 7 Die Version des Dämons Abraxas von Collin de Plancy's „Dictionnaire Infernal“, 1863 - Abb. 8 Noch die heute lustig und freundlich dargestellten Trollfiguren in Norwegen tragen die lange Krummnase; Troll in Voss, Hordaland, 1999

 

Ausgehend vom äußeren Erscheinungsbild schließt der Mensch - mehr oder minder treffsicher - üblicherweise auf die inneren Werte und Mängel seiner Mitmenschen. Offene ruhige Augen vermitteln Vertrauen, halbgeöffnete, verschlagene Augen gemahnen zur Vorsicht. Nicht zu Unrecht meint man die Augen als Spiegel der Seele begreifen zu dürfen. Auch der Nase werden Erkennungszeichen zugesprochen, welche sicherlich nicht sämtlich als völlig abwegig zu beurteilen sind. Allgemein bekannt ist die Redewendung ,,Wie die Nase des Mannes so sein Johannes“. Die eher kurze breiter Nase ist Merkmal des ostischen Menschen, die mehr gerade Nase gilt markant für den nordischen und die schmale scharf geschnitten Hakennase für den dinarisch-alpinen Menschentyp. Von der geraden, gefällig geformten Nase als Norm ausgehend, wird jede gröbere Abweichung mit gewissen Erfahrungswerten gemessen. So kann man kaum eine grobe, breite Nase als einem feinnervigen Denker zugehörig annehmen und eine lange, spitze Schnüffelnase einer großmütigen Frohnatur. Die kindhafte Stupsnase wird einer naiven Natur zugerechnet.

 

Das Bild einer krummen und hängenden Nase erscheint derart abstoßend, dass man ihrem Träger mit erwachendem Misstrauen entgegentritt. Solche archetypischen Reflexe bewogen bereits antike Bildhauer und Maler einer ambivalenten Mythengestalt - dem Faun und dem Pan - ein ziegenhaftes Äußere mit der Krummnase zu geben (Abb. 3 + 4). Pan ist in der griech. Mythologie ursprünglich ein mischwesiger Hirtengott aus Menschenoberkörper und Unterkörper eines Widders bzw. Ziegenbocks. In der röm. Mythologie ist Faunus der Enkel des abgründigen Saturn. Das gezeichnete Erscheinungsbild des wollüstigen Pan, welcher Freude am Erschrecken hatte, woraus der Begriff des „panischen Schreckens“ abgeleitet ist, wurde zunehmend zum Vorstellungsbild vom Teufel. Doch schon der teuflische Dämon der etruskischen Mythologie - Tuchulcha (oder Charu) - ein zumeist männliches Wesen, ist in den klassischen Darstellungen geflügelt, mit von Schlangen umwundenen Armen, wildem Haar, aus dem sich Schlangen hervorringeln, spitzen Ohren und einer gebogenen Krummnase bzw. „Geierschnabel-Nase“. Einige orientalische, vorderasiatisch und indische Menschentypen, denen die Variante der hängenden Krummnase eigen ist, passen in dieses optische Beurteilungsschema, was sich zu einem unklugen Vorurteil ausweiten kann. In der karrikierenden Überzeichnung werden mitunter Volkstypen markiert und auf ihren grobvisuellen Eindruck reduziert. So werden Deutsche mit Stiernacken, Schweinsäuglein und Knollennase, Juden mit Triefaugen, Löffelohren und Krummnase gemalt. Wilhelm Busch, der treffsichere Beobachter, Maler und humoristische Zeichner, war in der Lage, seine dargestellten Typen auf das Wesentliche zu beschränken. Bei seiner Spaßgeschichte „Plisch und Plum“, reimt er zur lustigen Judenfigur: „Kurz die Hose, lang der Rock / Krumm die Nase und der Stock / Augen schwarz und Seele grau / Hut nach hinten, Miene schlau / so ist Schmulchen Schievelbeiner. (Schöner ist doch unsereiner !)“ Eine andere Stelle aus der Eingangssequenz der „Frommen Helene“ lautet: „Und der Jud mit krummer Ferse, krummer Nas’ und krummer Hos’ / Schlängelt sich zur hohen Börse / Tiefverderbt und seelenlos.“ Unschöne, unhöfliche und absolut unzulässige diskriminierende Darstellungen gibt es schlimmerweise bekanntlich ohne Unterschied zwischen allen Rassen und Nationen. Was hier bei Wilhelm Busch, der, wie man so sagt, dem Volk auf Maul schaute, zum Ausdruck gelangte, ist zumindest auch ein archetypischer Reflex im Anblick der fremdartig anmutenden Physiognomie. Eine solche Abwehrhaltung und daraus resultierend instinktive Abwertungshaltung scheint sehr alt zu sein und - wie ich vermute - schon in den antiken Faun-/Pan-Darstellungen fassbar.

 

Auch mittelalterliche bis neuzeitliche Zeichner der Loki-Figur in der isländischen Buchmalerei ließen sich davon inspirieren. Der Loki - der nordische Gegengott - war der Inbegriff von Boshaftigkeit, der unübertreffliche Verführungskünstler und Lügenmeister. Ihn zeichnete der Künstler mit der langen Krummnase, dem Narrenhut des Teufels, denn auch Loki galt als der teuflische Narr, der - dem Topos entsprechend - letztlich in seine eigenen Fallstricke gerät, also trotz aller Schlauheit und Abgefeimtheit am Ende doch der „Dumme“ ist. Die lange krumme Nase des Loki scheint ein bewusst gezeichnetes Detail zu sein. Lang muss mit krumm nicht zwangsläufig zusammengehen. Zumindest ist die lange Lügen-Nase ein Merkmal des Pinocchio, einer Kinderbuchfigur des italienischen Autors Carlo Collodi (1826-1890). Dem Pinocchio wächst bei jeder Unwahrheit die Nase beträchtlich, was ihn als Lügner verrät.

 

Trotz der sicher nicht ganz zu verwerfenden Theorie der Physiognomik kann vom Gesichtsschnitt und einer Nasenform allein nicht treffsicher auf das gesamte Charakterbild geschlossen werden. Tatjana Strobel hat es zwar unternommen, das Geheimnis des Gesichterlesens darzustellen („Ich weiß, wer du bist: Das Geheimnis, Gesichter zu lesen“, 2011). Menschen mit großer krummer Nase seien keine Führungspersönlichkeiten, schreibt T. Strobel; ob das zutrifft können wir nicht überprüfen. Auffällig ist indes aus heidnischer Sichtweise die Physiognomie des Christenkirchengründers Saulus-Paulus, der zumindest eine sich mörderisch auswirkende, bedrohlich große Organisation zu schaffen fähig war, oder besser gesagt, durch seinen Fleiß, seine skrupellose Überredungskunst und seinen Fanatismus dafür die Grundlagen schuf. Ein sehr bedenkliches Talent zur Übertölpelung also zur Lüge hatte er mit Sicherheit. So schrieb er selbstgefällig seinen Charakter demaskierend: „Denn obwohl ich frei bin von allen, habe ich mich doch allen zum Knecht gemacht, um desto mehr [Menschen] zu gewinnen [zu übertölpeln]. Den Juden bin ich wie ein Jude geworden, damit ich die Juden gewinne; denen, die unter dem Gesetz sind [die Orthodoxen], bin ich geworden, als wäre ich unter dem Gesetz, damit ich die unter dem Gesetz gewinne; denen, die ohne Gesetz sind [Nichtjuden], bin ich geworden, als wäre ich ohne Gesetz - obwohl ich vor Gott nicht ohne Gesetz bin, sondern Christus gesetzmäßig unterworfen -, damit ich die gewinne, die ohne Gesetz sind. Den Schwachen bin ich wie ein Schwacher geworden, damit ich die Schwachen gewinne; ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise etliche rette.“ (gekürzt, 1. Kor. 9,19 ff) Dieser, seinen christlichen Anhängern verdienstvoll erscheinde Agitator, war Orientale aus Tarsus, einer heute südtürkischen Hafenstadt am Mittelmeer, wird in der Regel mit einer langen, krummen Nase dargestellt, besonders deutlich auf einem Paulus-Porträt mit Heiligenschein in einer Kirche in Palermo / Sizilien und dem Fresko des gezeigten Vatopedi-Klosters (Abb. 5). Erstaunlich ist die Übereinstimmung der Loki-Darstellung mit den Selbstdarstellungen der frühchristlichen „Apostel“ (Sendboten / Vertreter), die sich als „Menschenfischer“ verstanden. Ebenso ist Loki, der unehrliche, perfide Überredungskünstler, mit dem von ihm erfundenen Schleppnetz ins Bild gesetzt.

 

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