WALPURGISNACHT

 

Es folgt die Schilderung eines ausgelassenen Walpurgistanzfestes, wie es die Jugend bis in die Neuzeit hinein, trotz fortwährender Verbote der Obrigkeit, auf den Bergeshöhen veranstaltete. Der „Brokisberg“ (Brocken) im Harz, Blocks- oder Hexenberge in verschiedenen Gegenden, der Bechtelsberg in Nordhessen, Weckingstein bei Minden, Staffelstein bei Bamberg, Kreidenberg bei Würzburg, Königsberg bei Locum, jener Hügel unfern Probethen im Samlande, der bei Pogdanzig/Preußen im Schlochtauer Kreise, der Hupella auf den Vogesen, der Fellerberg bei Trier, der Kandel im Breisgau, Büchelberg im Elsaß, Heuberg bei Balingen/Schwaben, Inselsberg im Thürigener Wald, Wonne- und Freudenberg in Mähren, die Brattelenmatte in der Schweiz, in Schweden der Jungfrukullen und Blakulla/Heckefjell, Frankreich hat seinen Puy de Dome, Italien den Burco di Ferara; all diese Stätten luden über Jahrhunderte zum uralten Brauchtum.

 

WALPURGISNACHT

 

Die Bergsteige münden in heimliche Wiesen,
Höhentanzplätze, umraunt und gepriesen,
umhegt und verhehlt von Hurst und Heister,
Tummelstatt holder und hilfreicher Geister.

Die Berge sind ohne die Bürde des Bösen,
wo wäre es leichter, von Last sich zu lösen ?
Auf die Zinnen hinauf ziehn keine Zagen,
auf die Türme mag sich kein Tiefel wagen.

Die Schrate hausen in Schlucht und Schlund -
auf den Gipfeln wird keiner weh und wund !

Hier wies uns die Mutter des Males Stelle,
wo das Gottesross erstampfte die Quelle,
wo die Waldfee west, das Bornbräutlein braut,
die Ahni den Hupftanz der Huldren geschaut.

Wo der Vater das Mütterchen einst überrascht' -;
wo die Hinde die Süße der Himbeeren nascht.

Dort sind, wie die Alten manchesmal sagen,
unsre Hansen der Helden in Hadertagen
zusammengetroffen, sich treu zu getrauen,
den Landfeind hinaus aus dem Lande zu hauen.

Hier riet man das Recht und hielt Gericht -,
hier fasste die Feme den Würger und Wicht.

Ist das nicht ein Ort, ein heiliger, freier,
und würdig der wähligen Fruchtbarkeitsfeier ?
Hört ihr den Kuckuck, den Lebensverkünder ?
Rasch wälzt euch im Grase -, lebet gesünder !

Das guckzet der wohlgeile Gauch uns zuwahr,
er weist uns ein üppiges, wuchsfrohes Jahr.

Ein Bursch geht der blankesten Maid zur Seite,
an ihr hängt sein Hoffen auf flätiger Freite.
Sie reicht ihm den Krug zum köstlichen Trinken -;
die Mondrauten nicken, die Farnwedel winken.

Er jagt sich zusammen - jetzt oder nie -,
zwei Farnfedern bricht er, für sich und für sie.
Heut freit die Walpurga, da darf er es wagen,
mit Walpurgiskraut ihr seine Sehnsucht zu sagen.

Die Fluten der lichten Fülle verrannen,
die Schatten traten aus Tälern und Tannen,
sie schleppen den Schleier der nahenden Nacht -;
noch prangen die Kuppen in blutroter Pracht.

Die trauliche Tenne im heimischen Tann,
zwingt zünftiges Jungvolk in Zauberbann.
Landsassen, Gesippen - keiner war säumig -,
umrainen die schummrige Rundung geräumig.

Letzte Strahlen umleuchten die Liebes-Lei,
die ein Urzeitenbett der Brunhildis sei.
Noch einmal streicht Tagvaters Abschiedsgruß
durch die Frijadornhecke am Felsenfuß.

Dort lagern die Dirnlein beim großen Stein
und knüpfen, flechten und schnatzen sich fein.
Auf moosiger Matte die Mahlzeit versteckt,
den Disen ward sorglich ein Tischlein gedeckt.

Den Holdinnen allen, die heilen und helfen,
den Asen und Alfen, den Alben und Elfen,
wir geben den Guten gern unsre Gaben -;
verlohnend ist es, die Linden zu laben.

Bald haben die Burschen den Brand erbracht,
den riesigen Feuerstoß jubelnd entfacht.
Schon klettert die Glut, verzehrend zu streben -;
sind Flammen nicht Vorbild dem eigenen Leben ?!

So kraftvoll die heurige Zeit sich rundet,
ist auch der Machtmond zur Fülle gesundet.
Er greift in die Welt mit magischen Händen,
äugt die Wesen empor aus Ecken und Enden.

Hinan auf die Höhen, dem Antlitz entgegen,
des Wanderers Willen ergeben -, erlegen.

Die Bergwiese bringt sie nun alle beisammen,
die Menschenpaare im Tanz um die Flammen.
Der Junge scherzt mit dem holdesten Schatz -;
die Flattermaus segelt nach Abend-Atz.

Die Feuer qualmen, die Funken quillen,
Brummeisen schallen und Zirpen schrillen.
Zupfgeigen und Trumbeln tönen darein -;
Nachtfalter torkeln im zuckenden Schein.

Der Jüngling hat tief in zwei Augen geschaut -
es duftet so lockend die liebende Haut.
Das niedliche Nixlein lugt um die Bäume,
es weiß ja die seligsten Menschenträume.

Hinein in den Kringel, wer wollte noch kauern,
wer wollte nur labern, luren und lauern ?
Da wird im Tanzen getollt und gesprungen,
keiner schont lämpig die Leisten, die Lungen.

Die Flechten fliegen so feuerdurchfahren -,
kein junges Blut mag dumpf sich bewahren.
Zögern und Zaudern wird nimmer verziehen,
wir zirkeln verzückt -, die Sinne entfliehen.

Sie schwirren hinauf zu flimmernden Sternen,
aus zirbelnden Zeichen zu lesen, zu lernen.
Es hämmern die Herzen, Urgründe rauschen -,
verlangend die Lust, die Leiber zu tauschen.

Solch Drängen verhindert kein Damm und Deich,
die Liebenden schwingen im Minneleich.
Wir greifen einander nach Herzen und Händen,
im Tanzestaumel das Ich zu verschwenden.

Dies ist die Stunde, nun sind sie zu sehen,
man muss es nur recht und rätlich verstehen.
Es schwärmen die saligen Scharen der Stillen,
der waltenden Wuchskraft sind sie zu Willen.

Die nasweise Maid mit den brandroten Haaren,
die mag es nun heut' oder nimmer erfahren -;
sie begehrt zu begegnen den Segensbringern,
sie nestelt am Brustband mit bebenden Fingern.

Der lützlige Lugstein mit Löchlein inmitten,
den gab ihr die Muhme nach Mühen und Bitten.
Wer jetzo hindurchschaut im festen Vertrauen,
erfährt die weißen, nachtfahrenden Frauen.

Und blinzelnd erblickt sie geblendet ein Bild
unwirklicher Schönheit verklärendes Schild.
Beim brodelnden Dunst, um den wabernden Brand,
da kringeln verkettet so Hand an Hand,
die Genoten, Gespielen im klingenden Kreis,
dazwischen doch wallet es schimmernd weiß:

Da fleuchen, da fluten die Feen,
im Steigen und Sinken und Drehen.
Leichfüß'ger Leiber Gestalten,
gewappnet mit manchen Gewalten.
Die Trutten, die trauten, die Druden,
die lockend zur Labung wir luden,
die Hägsen, die holden, die Hollen,
die dräuen bedrängenden Trollen.
Sie halten die Heimat in treuer Hut,
sie machen ermüdeten Müttern Mut -,
sie leiten der Liebenden leichten Sinn -;
grünende Gründe sind ihr Gewinn.

Traun und fürwahr, sie hat es erblickt,
ein Mägdelein ward für ihr Leben erquickt.
Wie gesundend, gewaltig gereicht ein Gesicht,
das tröstlich mit suchenden Seelen spricht.

Und wie sie so steht und träumend versinkt,
da hat ihr der lachende Liebste gewinkt.
Die wilden Weiblein aus Wald und Wuchs,
die feien die frohen Freienden flugs.

Und jach hinweg um ein kleines Jahr
die Mai-Maid ein knospendes Menschlein gebar.

 

Bild: Walpurgisfeier in Hahnenklee/Oberharz auf einem Hochplateau in 600 – 726 m Höhe; den Bocksberg erreicht man auch bequem mit der Seilbahn.