DIE WINILER SAGE

 

- Germanenzug von Prof. Wilhelm Petersen -
Die Winiler bzw. Langobarden zogen von Norddeutschland bis nach Italien und gründeten dort ihr Reich, das später der Frankenkönig Karl seinem Frankenreich eingliederte.
 
 
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Wulf nahm seine kleine Laute – er würde sie wohl Fiedel genannt haben, - und begann zu seiner eigenen Begleitung zu singen:
 
Bei den Lagerfeuern am Donaustrande
Zu den Helden gelagert,
Trank ich im Schneefeld;
Hört ich den Sagamann
Vom Stamme der Langbärte,
Klug war er und alt schon.
Er scheuchte die Wölfe
Und scheuchte den Uhu,
Schüttelt den Schnee auch
Nieder vom Tannzweig !
Hoch zu den Sternen
Schwang sich die Saga.
Von den Winilern sang er,
Wie sie von Skadan
Über das Eisfeld
Kamen nach Skorning.
Sang nach von Gambara,
Der Freundin der Freyja,
Der Mutter von Ajo,
Der Mutter des Ybor.
Sang von den Wandalern
Ambri und Assi;
Zu den Winilern
Kamen die Kämpen:
„Wenige seid ihr,
Landfremde Leute,
Unser sind viele !
Zahlet den Zins uns,
Liefert uns Lehnsgeld !
Gebet uns Garne,
Ringe und Stiere;
Sonst müsset der Raben Speise ihr sein.“
Der Zwerge Zierstück,
Die scharfen Schwerter,
Fassten sie fest nun,
Hüllten sich hurtig
In eiserne Rüstung
Weiter wandern
Alle die Winiler,
Alrunas Söhne
Ajo und Ybor.
Mit heißen Herzen
Zogen sie fort;
Wehmutsvoll weinend
Gingen die Frauen,
Und die Alrunen;
Schwer war ihr Schmerz !
 
Mächtig vom Morgen,
Über schimmerndes Schneefeld
Kam nun Fryja,
Wodans Gemahlin,
Schwebend nach Skoring.
Müde lag Moorland
Winterlich weiß
Vor ihren Augen.
Doch hinter ihr her
Lag grünend das Moorland
Blühend von Blumen.
Aus ihrer Locken
Goldenem Glanze
Streuet sie Blüten,
Gefährten des Frühlings.
Aus ihrem Mantel
Schüttelt sie Südwind,
Bald in den Birken
Weckt sie die Drosseln,
Weckt in den Weibern
Seliges Sehnen
Nach ihrer Männer
Herrlicher Heimkehr.
Liebend und lobend
Kam sie nach Skorning,
Sah sie die Gambara,
Die weise Vala:
„Vala, was weinst du ?
Hoch in dem Himmel,
Der Heimat der Elfen,
Hört ich dein Weinen.“
 
„Wehr nichth dem Weinen,
Bis sieben sinken
Von des Einzigen Speere.
Söhne ja sind mir,
Herrliche Helden,
Sieger im Schwertkampf;
Doch heute im Handkampf;
Mit der Wandaler Mehrzahl
Werden gierige Geier
Die Helden zerhacken.“
So  klaget Alruna,
Es küsset die Freyja:
Im fernen Morgen
In weiter Walhalla,
Ein Fenster steht offen;
Schnee seine Schwellen,
Starrende Strahlen
Sind seine Pfosten,
Sturmwind verstrebt ihm
Die beiden Flügel.
Goldene Wolken
Wandern darüber
Als deckendes Dach.
Emsige Elfen
In himmlischen Höhen
Lächelt allmorgend
Allvater Wodan.
Er lächelt der Helden
Aus taufrischen Toren
Und winket den Weibern.
Er segnet die Stuten
Und schaut auf des Schmiedes
Kunstreiches Klopfen.
So hat er geschworen:
„Die Schwerter der Helden,
Die früh mich begrüßen
Am dämmernden Morgen
Sind Sieger im Streite !“
Noch weinte Alruna:
„Wer soll ihn denn grüßen ?
Nur Weiber noch weilen
Am heimischen Herde.
Denn fern in dem Morrland
Unter lauschigen Linden
Da harren die Helden,
Der Winiler Heerbann,
Vergebens des Sieges;
Denn einer allein
Steht hier gegen sieben !“
 
Da lächelte Freyja.
„Hör rasch, was ich rate !
Lass listig dich finden,
Geliebte der Freyja !
Versammele die Weiber,
Die Mädchen und Frauen;
Die weißen Gewänder,
Sie Hosen der Helden
Legt leicht um die Glieder;
Den prächtigen Panzer,
Die blinkende Brünne
Breitet aus um die Brüste;
Und streifet die Strähnen
Des goldnen Gelockes
Um Wangen und Lippen.
Und Wodan, der Göttliche,
Wird flugs euch für fahrende
Kämpfende Krieger,
Langbärtige Streiter
Sicherlich schätzen,
Wenn ihr von den Ufern
Der graulichen Meerflut
Beim Schimmer des Morgens
Mit Heilruf ihn grüßet !“
 
Der Sohn der Nacht
Ließ rennen die Rosse,
Die glänzenden, goldenen,
Dass im Winde wehten
Die mächtigen Mähnen;
Von Morgen her kam er,
Aus den taufrisch träufelnden
Wolken hernieder
Lächelte Wodan
Harrend der Helden,
Des köstlichen Kampfes;
Bei ihm stand Freyja:
 
„Wer sind die Recken,
Die lustigen Langbärt’,
Die über der Schwäne
Feuchtkühle Fluten
Mit lautem Gelärme
Mich fröhlich begrüßen ?
Kühn werden die Knochen
In Stücke zerschlagen,
Und Wölfen gewirket
Eine mästende Mahlzeit,
Wo hurtig Hände,
Wie diese hier unten,
Die Schwerter schwingen !“
 
Da lächelte Freyja:
„Der Name, der neue,
Er ist keine Schande
Für dich und für sie !
So lasse sie siegen,
Die zuerst dich begrüßten;
Denn Mädchen und Frauen
Sind die, die du schautest,
Der Winiler Weiber.
Denn fern sind die Helden,
Sie zogen zum Strauße;
Doch wenige sind sie
Und viel ihrer Feinde.
Drum riefen dir rüstig
Von der Schwimmbahn der Schwäne
Die wartenden Weiber
Den freudigen Gruß zu !“
 
Und königlich lachte
Allvater Wodan;
Denn solcherlei Ränke
Freut stets sein Sinn.
„Die Weiber sind weise
Und lauern der Listen;
Und dies sei ihr Name,
Langbärte. von nun an.
Die raubenden Raben,
Mögen Dank ihnen sagen !
Wo Helden die hehren,
Waltenden Weiber,
Wird Sieg sich finden
Auch ohn’ meine Hilfe !“
 
Aus dem Buch „Hypatia“ von Charles Kingsley, 1853, Seite 151-155
 
 
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Die Sage von Gambara und den Langbärten, wie sie Paulus Diaconus (Lib. I. c. 8.)  berichtet hat. Paul Warnefried alias Paulus Diaconus (725-797) war ein langobardischer Geschichtsschreiber (Mönch in Monte Cassino).

 

Als das Loos geworfen war und der dritte Theil der Winiler aus der Heimat in die Fremde ziehen musste, führten den Haufen zwei Brüder an, Ibor und Aiomit Namen, junge und frische Männer. Ihre Mutter aber hieß Gambara, eine schlaue und kluge Frau, auf deren weisen Rath in Nöten sie ihr Vertrauen setzten. Wie sich nun auf ihrem Zug ein anderes Land suchten, das ihnen zur Niederlassung gefiele, langten sie in die Gegend, die Schoringen hieß, da weilten sie einige Jahre. Nah dabei wohnten die Wandalen, ein raues und siegstolzes Volk, die hörten ihrer Ankunft, und sandten Boten an sie: dass die Winiler entweder den Wandalen Zoll gäben, oder sich zum Streit rüsteten. Da ratschlagten Ibor und Aio mit Gambara ihrer Mutter und wurden eins, dass es besser sei, die Freiheit zu verfechten, als sie mit dem Zoll zu beflecken; und ließen das den Wandalen sagen. Es waren die Winiler zwar mutige und kräftige Helden, an Zahl aber gering. Nun traten die Wandalen vor Wodan, und flehten um Sieg über die Winiler. Der Gott antwortete: „Denen will ich Sieg verleihen, die ich bei Sonnenaufgang zuerst sehe.“ Gambara aber traf vor Frea, Wodans Gemahlin, und flehte um Sieg für die Winiler. Da gab Frea den Rath: „Die Winiler Frauen sollten ihre Haare auflösen, und um das Gesicht in Bartes Weise zurichten, dann aber frühmorgens mit ihren Männern sich dem Wodan zu Gesicht stellen, vor das Fenster gegen Morgen hin, aus dem er zu schauen pflegte. Sie stellten sich also dahin und als Wodan ausschaute bei Sonnenaufgang, rief er: „Was sind das für Langbärte ?“ Frea fügte hinzu: „Wem du Namen gabst, dem musst du auch Sieg geben.“ Auf diese Art verlieh Wodan den Winilern den Sieg und seit der Zeit nannten sich die Winiler Langbärte (Longobarden).

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