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Copyright Gerhard Hess / 1997

 
 


 

Leitwort:
Ekki mun ek ganga af trú Þeiri"
„Niemals werde ich den alten Glauben aufgeben“,
 
entgegnete die schwedische Königin Sigrid im Jahre 998 dem Usurpator und
Heidenverfolger Olaf Tryggvason.
 
Titelabbildung:
 
Frühgermanisches Felsritzbild von Kalleby/Bohuslän/Schweden. Zeitstellung: ca. 1.500 v. 0 Wahrscheinlich handelt es sich dabei um die Darstellung des durch die beiden Sonnenwenden und beiden Sonnengleichen viergeteilten Jahresrades. Der Fußsohlenabdruck meint den göttlichen Jahrgang durch die Zeit. Ebenso ist es denkbar, dass das Bild nur das von drei Göttern (oder Kultdarstellern) hochgehaltene Sonnenrad meint.
 
Nur drei Jahresquadranten sind Gestalten zugeordnet, welche wohl die drei Hochkultopferfeste versinnbildlichen, mit der dazugehörenden Göttertriade. Ihre Plazierung stimmt im wesentlichen mit dem Jahresverständnis der ODING-Runen-Kalenderordnung überein:
 
Gestalt links unten = Julfest, Anfang/Mitte Januar
Gestalt links = Siegfest, nach Frühlingsgleiche
Gestalt rechts unten = Asa-Ahnenfest, Spätherbst
 
 
 
 
Feste und Feiern
im ODiNG-Jahreskreis
 
Das menschliche Bedürfnis nach Wechsel zwischen Arbeit und Feier reicht sicherlich bis in die vorge­schichtliche Zeit zurück. Eindeutige Felsritzbilder aus der Bronzezeit Süds­kandinaviens (1600-800 v.0) zeigen schon Feierlichkeiten, Prozessionen und Kultspiele, die uns an noch heute vertraute Motive erinnern. Die vielgesichtige Lebendigkeit des nordischen Jahres mit sei­nen ständigen klimatischen Um­schwüngen und wandelnden Natureindrücken lieferte zweifelsfrei die Hauptveranlassungen dafür, ei­nen nicht en­denden Fest- und Feierreigen zu entwickeln. Wie einförmig erscheint dagegen der Jah­res­fluß in südlicheren Regionen.

Im Urbeginn des Jahresfestkreises stand eine Naturach­tung und -verehrung, die im Zuge des allge­meinmenschlichen Entwicklungsprozesses immer mehr heranreiften zu einer Erkenntnis- und Verbin­dungs­suche nach jenen numi­nosen Kraftmächten, welche die geschauten Natur­schauspiele letztlich verursachen. Der ODiNG-Jahressymbolismus mit seinen 24 Mond-Festzei­ten ist ein tiefsinniger Spie­gel des altgermanischen Mythenjahres. Man könnte ihn als das natur­religiöse Grundschema der runi­schen Hochreligion bezeichnen. Zwar bedeuten 24 Jahresfeste nicht unbedingt auch 24 Feiern, denn der  Begriff der „Festzeit“ meint lediglich eine Festmarke im Son­nenjahreslauf, also einen Erinnerungs­kerb­schnitt, welcher eine ganz bestimmte Jahresstation markieren soll. Doch kannte der nordische Jah­res­festring tatsächlich eine solche Fülle von wirkli­chen Feieranlässen, dass 24 Runen nicht ausgereicht hät­ten, sie alle zu bezeich­nen. Noch heute weiß jedes Buch über deutsche Jahresbrauchtümer davon ein Lied zu singen. Ausnahmslos alle Fachleute - auch die christlichen - bestätigen das reichentwic­kelte  re­ligiöse Kult- und Gemeinde­leben in vorchristlicher Ära. Kaum eines der noch jetzt üb­lichen Feste wurde als völ­lige Neuentwicklung der Christenkirche geschaffen, vielmehr lässt sich in der Regel ohne An­strengung ihr altgläubiger Kern herausschälen. Zur Massenhaftigkeit noch heutiger Brauch­tumsfe­ste in Deutschland hat also zu aller­erst der engbesetzte altdeutsch-heimatreligiöse Kult­kalen­der beigetra­gen, auch die Ver­mischung mit verschiedenartigsten Kultkreisen und insbesondere die mehrfach verscho­benen Jahreseinteilungen und -anfänge. Durch solche verwirrenden Verschie­bungen ist es zu erklären, dass wir gleiche Bräuche zu verschiedenen Festzeiten wiederfin­den. 

Die Menge der jahreszeitlich gebundenen Sippen-, Gemeinde-, Stammes- und Gaufeier­lichkeiten wi­dersprechen andererseits nicht der Gegebenheit, dass das kosmische Son­nenjahr eigentlich nur vier Festpunkte aufweist, nämlich die beiden Sonnenwenden (21. Dez. u. 21. Juni) und die beiden Sonnen­standsgleichen (21. März u. 23. Sept.) Weil diese vier Sonnenstände  zwar messbar und berechenbar, aber nicht erlebbar sind, spielten sie im alten Brauchtum keine hervorgehobene Rolle, vielmehr feierte man diese Jahresumschwünge auf den festgesetzten Mondständen da­nach, also erst zu den Zeiten, in denen die Auswirkungen des sich ändernden Sonnenganges deutlich sichtbar wurden. 

Doch die germanische Auffassung von der Dreiteilung des Jahres, der vielfach belegten Götter­triade und die allgemein kultisch-religiöse Hochschätzung der Dreizahl, die sich auch im ODiNG-Lehrsystem überzeugend wiederfindet, legt die Vermutung nahe, daß lediglich drei Haupt-Kultop­fer gefeiert wur­den. Diese Annahme wird bestätigt durch hochmittelalterliche Berichte über heidnische Fest­bräu­che Skandinaviens (Snorris „Heimskringla“, 13. Jh.) sowie die noch heutige Einteilung der drei Festkreise: Weihnachten, Ostern, herbstliches Totengedenken. Die drei großen einstigen Kultfeiern der Volksge­samtheit lagen nach genannten Schriftzeugnissen sowie ODiNG-Zeitweiser (ursprünglich mondstands­abhängig): etwa Mitte Januar Jolablót, Mitte April Sigrblót und Mitte Oktober Ásablót. 

Das Jahr beginnt im groben Überblick mit der Julspanne: Klausenlaufen, Klöpflesnächte, Mütter­nacht/ ­Weih­nachten, Drei(himmels)königsfest/Perchtennacht und Hakunacht/Hochjul/­Mitt­win­ter. (Der Son­nen­gang wird wieder sichtbar; 20. Jan. = „Fabian, der Saft tut in die Bäume gahn“.) Dann währt die Frühlings- /Frühsommerspanne: Lichtmeß/Frauenfest, Winteraustreiben, Fasnacht /­Schemenlauf, Fun­ken­­son­ntag, Arilpossen, Palm-/Weidensonntag, Sommertagsfest, Osterfeuer, Wal­pur­gis­­nacht, Laub­män­nchen­tag, Maibaumtanz, Brunnenschmückungen, Questenfest. Es folgen die Somme - und Herbst­feste:  Balder(Johannis-)feuer, Notfeuerdrehung, Hagelprozessionen, Erntefest, Erntedank/Hahnen­schlagen, Kirmes/Kerwe,  Lichtgansessen /Martinstag/Sommerende, Schlachtfeste, Nikolaus-/Pelsnickel/ Isegrind­nacht. Aus dem vorhandenen Brauchtumsmaterial - unter Zuhilfenahme der ODiNG-Ord­nung - ist eine Wiederherstellung des urdeutschen Festkalenders sehr gut möglich. 
 
DER GERMANISCHE FESTKREIS
 
Die älteste und ergiebigste Quelle zum germanischen Festjahr ist der ODiNG-Runenring, dem als Formprinzip eben diese Kultfeierfolge zugrunde liegt. Er vermittelt 24 Runencharaktere, die die Merk­male des nordischen Jahresmythos widerspiegeln, vier davon stehen für die traditionellen Hauptfest­kreise. Die alte Jahresorganisation entsprach dem gebundenen Mond-Sonnen­jahr, mit schwan­kenden Neu- und Vollmondfesten. Begannen die Feierzeiten vom Idealfestter­min auffällig abzuwei­chen, wurde zur Regulation ein 13-Monatsjahr eingeschaltet - wie es der Geschichtsschreiber der Angel­sachsen, Beda Venerabilis, von seinen deutsch-dänischen Vorfahren beschrieben hat. 

Zur grundsätzlichen Frage, wie das germanische Jahr organisiert war und wie die Forderung nach gleichliegenden Festzeiten erfüllt wurde, überlasse ich Prof. Willy Hartner das Wort, dessen diesbezüg­liche Er­gebnisse mit meinen eigenen Erkenntnissen deckungsgleich sind (S. 86f): „Die Antwort geben uns die Kalender der Antike, wie sie mit wenigen Ausnahmen fast bei allen Völkern im Gebrauch wa­ren: Das Sonnen­jahr, festgelegt durch die jährlichen Erscheinungen bestimmter Fixsterne, bildet das Gerüst und liefert die ungefähren Termine; den genauen Tag aber bestimmt man mit Hilfe der Neu- und Voll­monde, die diesen Terminen benachbart sind. ... Die Germanen machten hiervon keine Aus­nahme. So berichtet Tacitus (Germ. 11) über ihre Versammlungen: ,Man versammelt sich, wenn nicht ein zu­fälliges und plötzliches Ereignis eintritt, an bestimmten Tagen, bei Neumond oder Voll­mond; dies sei, glauben sie, für Unternehmungen der gedeihlichste Anfang. Sie rechnen nicht nach Tagen wie wir, sondern nach Nächten. So setzen sie die Fristen fest, so bestimmen sie die Zeit: die Nacht geht nach ihrer Auffassung dem Tage voran.‘ Dasselbe - die Verlegung auf Neu- und Vollmond - gilt natürlich auch für die Feste. Und wenn es dazu noch heißt, dass sie nicht nach Tagen, sondern nach Nächten zählen und daß ,die Nacht den Tag nach sich zieht‘, so ist das ein untrügliches Zeichen dafür, daß es sich um einen lunisolaren Kalender analog den übrigen im Altertum gebrauchten han­delt, denn be­ginnt man den Mondmonat mit der Beobachtung des Neulichts des jungen Mondes nach Sonnenun­tergang, so ergibt sich diese Rechnungsweise als eine Notwendigkeit. Dass in späterer Zeit, wohl ver­anlasst durch die komplizierteren Beobachtungsverhältnisse in nördlichen Breiten, andere Wege began­gen wurden, kann nicht als Gegenargument angeführt werden.“ 

Vier mar­kante Festdaten bietet das Naturjahr: die beiden Wenden und die beiden Gleichen. In den hochmit­telalterli­chen Schriften Skandinaviens ist zwar mehrmals von drei Jahresopfer­ter­mi­nen die Rede, das will aber nicht besagen, es habe nicht mehr Feste als diese drei Hochopfer im Jah­reslauf ge­geben. Aus diesen späten unvollkommenen nordeuropäischen Berichten sind andeu­tungsweise weitere Feste bzw. Jahreszusammenkünfte zu entnehmen. Nicht übersehen werden darf: Es handelt sich dabei um Angaben, welche über tausend Jahre jünger sind als die urgerma­nische ODiNG-Kon­zeption. Man­che altreligiösen Schwerpunkte, wie die Verehrung der beiden Gottesbrüder (Al­kes/Dioskuren), die in germanischer Frühzeit sehr wichtig war, spielten in spätheidnisch-hochmit­telalterlicher Epoche keine Rolle mehr. Neben den großen Volksopfern gab es eine Vielzahl kleinerer Gemeindeopfer. Eindring­lich hervorzuheben ist, dass nicht die von Chris­ten überlieferte Saga-Literatur, sondern der gemein­germanische ODiNG-Kanon die einzigartige Primärquelle darstellt ! Zu beachten ist in diesem Zusam­menhang auch der  noch heute lebendige Brauch­tums­kalender der germanischen Län­der, welcher eine breite Vielzahl von Feieranlässen aus­weist, die unverkennbar auf vorchristliche Mo­tive zurückgehen. Darunter befinden sich die vier Haupt­festzeiten: 1. Weih­nachten/Jul, 2. Ostern/Mai­feiern, 3. Sonn­wende/Mittsommer, 4. Herbstfest/To­­ten­geden­ken. 

Die knappeste Aussage in altnord. Literatur gibt „Odins Gesetzgebung“ (lagasetning Óðins) in der Ynglinga saga, Kap. 8, wo es heißt: „Þá skyldi blóta i móti verti til árs, en at miðjum vetri blóta til gróðrar, it driðja at sumri; Þat var sigrblót“; d.h.: „Es war Pflicht zu opfern auf die Winterzeit hin für ein gutes Jahr und im Mittwinter für Frühlingswachstum, das dritte Opfer, zum Sommer hin, war das Siegopfer.“

Die drei Hochopferfeste (blótveisla) bzw. vier Hauptfeiern des germanischen Jahres sind aus dem ODiNG-Jahreszeitweiser klar herauslesbar. Zur ehemaligen Datierung schreibt Prof. W. Hartner in „Die Goldhörner von Gallehus“, S. 58: „Die drei blót-Termine waren in heidni­scher Zeit sicherlich nicht auf den Tag genau nach dem Sonnenkalender fixiert; sie lagen jeweils etwa drei Wochen nach den Äquinoktien [Gleichen] und dem Wintersolstiz [Wintersonnwende].“ Auf den späteren Kalender­runenstäben, die nach römisch/julianischem Kalender ausgerichtet sind, fällt vetradagr/vetrarnótt (1. Winter­tag/-nacht) auf den 14. Okto­ber, der Tag des heidni­schen Julfestes (jólabóð/jólablót) bzw. die midsvetrarnótt (Mittwinter­nacht) auf den 14. Ja­nuar und sumardagr-sigrblót (1. Sommertag) auf den 14. April. Der vierte Jahreshaupttermin war der miðsumar­dagr (Mittsommertag) zum 15. Juli. In alt­ger­manischer Zeit hatten aber diese Kalenderangaben keine Gültigkeit, sondern das luni-solare Jah­res­schema: Die genauen Festzeiten wurden von nichts anderem bestimmt als von den Mondpha­sen, wie es Tacitus  (Germ.11) beschrieben hat. Legt man probeweise das ideale urgermanische Mond-Son­nen­jahr des Runen-ODiNG als Arbeitsmodell zugrunde, dann stehen folgende Runen auf den o.a. Jahres­festzeiten: 
 
                        vetrarnattáblót = Asen-Rune im Neumond = 12. Okt.;
 
                        jólablót-midsve­trarnótt = Ingvi-Freyr-Rune imNeumond = 19. Jan.; 
 
                        sigrblót-sumardargr = Sonnen-Rune, sog. Siegrune im Neumond = 18. April;
 
                        miðsumardagr = Not(wende-)/Nutzen-Rune im Neu­mond = 16. Juli. 

  
Die Fest­zeiten liegen - in Anbetracht dessen, dass die Mondphasen etwa drei Tage umfassen - fast dec­kungsgleich. Der Winter­beginn weist eine zwei­tägige, der Jul­festbeginn eine fünftä­gige, der Som­mer­be­ginn eine viertä­gige und das Mittsom­merfest eine un­bedeutende Differenz zwi­schen altgermanischem Runen-Zeitweiser und hochmit­telalterlichem ju­liani­schem Kalender auf. Man darf bei diesen Betrach­tungen den Umstand kei­nen Moment aus den Augen verlieren, dass im ur­sprünglichen Mond-Sonnen­jahr die Mondfeste ± 14 Tage um den Ideal­zeitpunkt herumpen­delten. Die alten Mondfeste können also innerhalb eines Zeitrah­mens von ca. vier Wochen im julianisch-gre­goria­nischen Kalender ihre Brauch­tum­serinnerungen niederge­schlagen haben. 

Auffällig ist die Lage aller vier Hauptopferfeste auf Schwarzmondständen. So unverständlich dieser Umstand für oberflächliche Betrachter auch sein mag, bestätigt er doch nur die Information über ger­manisches Denken. Wenn die Nacht dem Tage vorausgeht, steht die Schwarzmondnacht auch der Mondlichtfülle voran, dann muss der Mondmonat mit dem Neumond beginnen; dann ist allein aus dem Neumond-Opfer das neue Werden und überhaupt jegliches mythische Wachstum zu erhoffen. 

Die Frage, welcher Art die Feste waren, die auf diesen drei oder vier Zeiträumen lagen, beant­wortet uns in gegenseitiger Bestätigung der altgermanische ODiNG-Kalen­derrunen­kreis sowie die altnordische Literatur. Der Isländer Snorri Sturluson (1178-1241), Autor der meisten im folgenden zitier­ten Be­richte, schrieb aus Sicht des christlichen Gelehrten, dem nichts weniger im Sinn lag, als der Nachwelt eine faire Beschreibung des längst vergangenen Heidentums zu hin­terlassen. Zwar schim­mert an kei­ner einzigen Stelle seiner Hinterlassenschaften eine wohlwol­lende Betrachtung des Alt­glaubens durch; doch für die Zeit, in der er lebte, ist es schon bemer­kenswert, dass er aus eindeutig christlicher Posi­tion, aber doch sachlich nüchtern, ohne antiheid­nischen Pathos schrieb. In seiner „Heimskringla“, die als hi­storische Lobrede auf die christlichen Bekehrerkönige angelegt ist, finden sich ganz vereinzelt ei­nige mehr zufällige Hinweise auf altreli­giöse Gegebenheiten. 

In Snorris Óláfs saga helga, Kap. 109, steht: „In ganz Inner-Dront­heim ist fast das ganze Volk heid­nisch in seinem Glauben, wenn auch einige Männer dort getauft sind. Nun ist es ihr alter Brauch, im Herbst ein Opferfest zu begehen, um den Winter zu begrü­ßen [fagna þá vetri], ein zweites im Mitt­winter [miðjum vetri] und ein drittes zum Sommer [at sumri], um den Sommer zu begrüßen [fagna Þeir sumri]. So ist es Brauch bei den Be­wohnern der Inseln wie bei denen von Sparbuen, von Verdalen und von Skogn. Dort sind zwölf Männer, die es auf sich nehmen, die Opferfeste [blótveizlurnar] zu leiten, und jetzt im Frühjahre ist Ölvir daran, das Fest zu geben.“ Darüber, wie diese heidnischen Feste auch nach der Christianisierung fortge­führt wurden - wie exemplarisch das alte Sie­gopfer als Osterfest weitergefeiert wurde -, hören wir in Kap. 117, über einen norwegischen Großbau­ern namens Sigurd Thorison: „Solange das Heiden­tum herrschte, war er gewohnt, jedes Jahr drei Opferfeste [þrjú blót] zu veran­stalten, eins zu Win­tersanfang [at vetrnóttum], ein anderes zum Mittwinter [miðjum vetri], ein drittes gegen den Be­ginn des Sommers [þriðja at sumri]. Und als er Christ wurde, behielt er die­selbe Ge­wohnheit in der Veranstaltung der Feste bei. Im  Herbst [haustit] lud er immer eine Menge Freunde [vin­abóð] ein, und im Winter bat er zum Julfest [jólabóð], da lud er wieder viele Leute zu sich. Ein drittes Fest hielt er zu Ostern [páska] ab, und auch da bat er wieder eine Menge Menschen zu sich. Und an dieser Gewohnheit hielt er sein ganzes Leben fest. ... Asbjörn trat die Erbschaft seines Vaters an. Auch er hielt an der alten Gewohnheit fest und veranstaltete drei Feste jedes Jahr, genau wie sein Vater es getan hatte.“
 
DAS WINTERANFANGSOPFER
 
Über das Winteranfangsopfer (vetrarnattáblót) steht in Snorris Ynglinga saga, Kap. 8: „þá skyldi blóta i móti vetri til árs“, d.h. „Es war Pflicht zu opfern gegen die Winterzeit für ein gutes Jahr.“ Der ODING-Zeitkreis markiert den theologisch-rituel­len Hintergrund des Winteranfangs­festes durch die Asen­rune a, die für den Geist- und Seelengott Wodan/Odin steht. In Hakonar saga góða (Hakon der Gute, 918-960) Kap.17, wird berichtet: „Im Herbst nahe dem Winter fand ein Opferfest [blót­veizla] in Lade statt und der König begab sich zu diesem. ... Der König setzte sich auch wirklich auf seinen Hochsitz. Als aber der erste Becher geschenkt wurde, da sprach Jarl Sigurd über ihm. Er segnete den Becher für Odin und leerte dann, dem König  zutrinkend das Horn. ... Am näch­sten Tage, als man zur Tafel ging, dran­gen die Bauern heftig in den König und verlangten, er solle das Rossfleisch essen. Das wollte der König aber durchaus nicht. Dann forderten sie ihn auf, die Rossbrühe zu trinken. Aber auch das lehnte er ab. Endlich wollten sie, dass er von dem Ross­fett äße, doch er weigerte sich wieder. Da wurden die Bau­ern beinahe handgreiflich gegen ihn.“ Das erste Wei­hehorn wurde für den Asen Wo­dan/Odin getrun­ken. Weil der (christlich empfin­dende) König als eigentlich höchste heidnische Heils­in­stanz das Kult­mahl ablehnte, fürchteten die bestürzten Landleute ein heilloses Winterjahr. 
 
Eine weitere Bestäti­gung erhalten wir aus Óláfs saga helga (Olaf der Hl., 995-1030), Kap. 107, wo es von den Drontheimern heißt, „dass die Bauern dort vielbesuchte Feste zu Wintersan­fang [at vetr­nóttum] abhiel­ten und dass es dort große Gelage gäbe. Dem König wurde erzählt, dass alle Becher dort nach altem Brauch den Asen geweiht [signuð Ásum] wurden. Auch wurde ihm weiter erzählt, dass man Rinder dort schlachtete und sogar Pferde, und dass man die Altäre mit ihrem Blut be­sprenge. Blutopfer hätten stattgefunden, und das sei als Grund angegeben, sie sollten einer bes­seren Ernte die­nen.“ 
 
Die Ynglinga saga berichtet in Kap. 15: „Da brachten die Schweden ein reiches Blutopfer in Upsala. Im Herbst opferten sie Ochsen, aber der Ertrag des Jahres besserte sich nicht. Im zwei­ten Herbst brachten sie Menschenopfer, doch der Ertrag des Jahres war wie­der der gleiche oder noch schlechter. Aber im dritten Herbst kamen die Schweden in großer Menge nach  Upsala, wo die Blutopfer stattfin­den sollten. Da hatten die Häuptlinge eine Beratung untereinander, und sie waren darin einig, dass an diesem bösen Jahr ihr König Domaldi die Schuld trüge. Sie meinten alle, man müsse ihn opfern, um ein gutes Jahr zu erlangen, man sollte ihn ergreifen und töten und den Opferaltar mit seinem Blute be­sprengen. Und dies taten sie auch.“ Ebenfalls  in den Rahmen des Winteranfangsfestes dürften die Ge­schehnisse fallen, die in Ynglinga saga, Kap. 43, dargestellt sind: „Es gab daselbst ein böses Missjahr und Hungersnot. Das schoben sie auf ihren König, denn die Schweden pflegten gute und schlechte Jahre ihren Köni­gen zur Last zu legen. König Olaf gab sich nur wenig mit Blutopfern ab. Das missfiel den Schwe­den, und  sie glaubten, daher rühre das schlechte Jahr. Daher sammelten die Schweden ein Heer, unternahmen einen Zug gegen König Olaf, umringten sein Haus und verbrannten ihn darin. Dann weihten sie ihn Odin, indem sie ihn dem Gotte für ein gedeihliches Jahr opferten. Das ge­schah am Vänersee.“ Aus dem Gesagten geht hervor, dass zum Winteranfangsfest in Notzei­ten auch  Men­schen-Bittop­fer für den Asen Wodan/Odin geweiht werden konnten. 
 
Weitere recht ergiebige Zeilen zum Winteranfangsfest lieferte Snorri in Ferð sigvats skálds, dem Kap. 91 von Óláfs saga helga. Snorri bringt darin die schnurrigen Strophen des isländischen Skalden Sigvat (Rompilger), der im Auftrage des Norwegerkönigs Hl. Olaf wohl im Jahre 1017 eine Amts­reise nach Schwe­den unternahm. Die Strophen des Reimeschmieds nennt man  Ostfahrtwei­sen (Austrfararvisur). Anfang des Winters (öndurðan vetr) zieht er mit zwei Begleitern los und er­reicht im Wald­gebiet We­stergötlands eine Ansiedlung, die er hof nennt. Da „Hof“ aber im Alt­nordischen „Hei­ligtum“ bedeu­tet, muss man sich fragen, ob er einen heidnischen Tempel meint oder sich nur ei­nen Scherz erlaubt. Auch an ande­ren Sagastellen erscheint  einige Male der Be­griff „Hof“, ohne dass daraus hervorgeht, wie das zu ver­ste­hen sei. Jedenfalls dichtete Sigvat in 5. Strophe, die Einheimischen hätten die Pforten ver­schlos­sen gehalten, seiner abgespannten Reisegruppe keinen Einlass für ein Nachtlager ge­währt und un­ter Be­schimpfungen davongejagt. Er legte einer der abweisenden Frauen folgende Worte in den Mund: „Gakkattu inn, armi drengr, en lengra, Hæðumk ek við Óðins, erum heiðnir ver, reiði.“ - das heißt: „Bleib‘ draußen, geh‘ weiter, elender Bursche, ich fürchte Odins Zorn aufzureizen, denn ich bin Hei­din“, sie sagte: „Ein Albenopfer [alfablót] ist jetzt angesetzt“, erklärt Sigvat ergänzend. Weitere drei Männer, bei denen die Reisenden anklopfen, sind nicht einla­dender. Sigvat nennt sie „Ölvir“, was wohl verächtlich Kultbierbrauer bedeutet. Der „Ölvir“ war anscheinend der Bräuer und Hüter des Op­ferbie­res. Dieser Eigenname taucht in altnordischen Literatur noch mehr­­mals auf, ohne dass eine ein­deutige Erklärung möglich würde. Auch der bekanntermaßen freundlichste Mann der Region ließ den christli­chen Amtsträger nicht hinein. Er jammert in 9. Strophe: „Kein Heide nahm mich auf zur Übernach­tung ... Fort mit euch, hatte man uns des abends viermal zugeschrien.“ Durch das Gedicht Austr­farar­visur er­fahren wir, dass die Winteranfangsfeier ein Albenopfer war, sich also an die Seelen­geister  rich­tete. Diese In­forma­tion harmoniert mit jenen der Asenheiligung anderer literarischer Erklä­rungen zum Win­ter­an­fangsfest und mit der Asenrune a des ODiNG-Runen­festkreises. Dass der See­lengott Wo­dan/Odin als Führer der Alben-Geistwesen sowie der Asen-Ahnensee­len ge­golten hat, muss nicht son­der­lich hervor­ge­hoben werden. Alben/Alfen, vom ursprünglichen Wortsinne her die Weißen, Glän­zen­­den, die ge­glaubten „lichten Nebelgestalten“, sind die Seelen verehrter Verstorbener - Schwarzal­ben  hingegen die dämoni­schen gefährlichen Geister böser Dahingegangener. In einem isländi­schen Mär­chen hat man das Elfen-/Alfenvolk als die „unsichtbaren Kinder“ des ersten Menschenpaa­res be­schrieben. Alben und Asen werden in altnord. und altengl. Quellen oft in einem Atem­zuge ge­nannt, man verstand darunter ver­wandte Kraft­mächte. Im Angelsächsischen sprach man von „ese and ylfe“ und ebenso in den ed­dischen Lie­dern (Grimnismál 4, „ásom oc álfom“; Þrymsqviða 7, „ásom með álfom“; Lo­casenna 2, „ása oc álfa“). Was unter Asen zu verstehen ist, sagt uns Jordanus in „Ge­schichte der Goten“: „Die Goten nannten ihre Vorfahren, durch deren Glück sie gleichsam siegten, nicht einfache Menschen, son­dern Halbgötter, das bedeutet Ansis.“ Dass Asen und Ansis identisch sind, ist wissenschaftlich unum­stritten. Unter den Asen verstanden unsere Vorfahren ih­­re angebeteten Hel­den-Ahnen, Ahnen-Schutz­geister. In der Nornagest saga, Kap. 6, Stro­phe 4: „Künd mir das Hnikar [Odin], Du kennst alle Vor­zeichen für Asen und Irdische.“ Die Asen werden als Jen­seitige den Ir­disch-Leiblichen gegenüberge­stellt, um so die Gesamtheit der Weltwesen zu bezeich­nen. Das Winter­nachtsfest, vetrarnattáblót, ist unter Einwirkung dieser Zusammenschau als Asen-Alben-Opfer, ása-al­fablót, zu begreifen. 
 
Ganz im Sinne unseres Verständnisses vom Winterfest lautet eine Passage in  „Die Geschichte von den Seekriegern auf Jomsburg“ (Th. Bd.19 S.417f): „Bald  darauf erfuhr man die Nach­richt aus Däne­mark, dass der Jarl Stutz-Harald,  Sigvaldis und Thorkels Vater, gestorben war, ihr Bruder Hemning aber war  noch jung. Nun schickte König Svend Botschaft an Sigvaldi, sie sollten nach Dänemark kom­men, um das Erbmahl für ihren Vater zu feiern. Sie sandten die  Antwort, der König möge das Gelage ausrichten lassen und ihr Gut nicht sparen, sie aber sagten zu, sie würden zur Zeit des Winteranfangs dazu erscheinen.“ Zum Begriff des Erbmahles klärt die Ynglinga saga, Kap. 36, auf: „Es war in jener Zeit Sitte, dass wenn ein Erbmahl stattfinden sollte für Könige oder Jarle, der, welcher es veranstal­tete und die Erbschaft antreten sollte, auf einem Schemel vor dem Hochsitz saß, bis der Becher her­einge­bracht war, den man Bragibecher nannte. Er sollte dann aufstehen, den Bragibecher ent­ge­genneh­men und ein strenges Gelübde ablegen, dann den Becher leeren. Dann sollte man ihn auf den Hoch­sitz ge­leiten, der seinem  Vater gehört hatte. Nun erst war er voller Besitzer des ganzen Erbes seines Vaters geworden.“ Vom gleichen, schon erwähnten Erbmahl zur Zeit des alten Winteranfangsfestes, welches der Dänen­könig Svend Gabelbart im Herbst 986 für seinen gefallenen Vater Harald Gormson ausrich­tete, er­zählt die Óláf saga Tryggvasonar, Kap. 35: „Kö­nig Svend veranstaltete ein prächtiges Gelage, wozu er alle Großen des Reiches einlud, denn er wollte die Totenfeier für seinen Vater Harald abhal­ten. ... Am ersten Tage des Gelages, bevor König Svend den Hochsitz seines Vaters bestieg, trank er auf des­sen Gedächtnis, und er tat ein feierliches Gelübde, ehe drei Winter vergangen wären, wolle er mit sei­nem Heere nach England kommen und den König Äthelred töten oder ihn aus dem Lande ver­jagen. Diesen  Erinne­rungsbecher mussten alle mit ihm lee­ren, die auf dem Erbmahl waren. ... Als jener Ge­dächtnishumpen getrunken war, sollte jedermann den Christusbecher (Krists minni) trinken ... Der dritte Humpen galt St. Michaels Ge­dächtnis (Mikjáls minni).“ Der „Führer der Engelscharen, Erzengel Michael,“ nahm bekundetermaßen nach der Chri­stianisierung die Stelle des Seelengeleitgottes Wodan/Odin ein.  
 
Bevor König Harald Gormson durch politischen und militärischen Druck des deutschen Kaisers Otto II. (973-983) zum Christianismus überwechseln musste, hatte er seiner Neigung folgend in Norwe­gen die volksgläubigen Asen-Tempel und -Opfer (hofum ok blótum) wiederherstellen lassen, so be­kundet die Óláf saga Tryggvasonar, Kap. 16. Nur ca. 15 Jahre später, während seiner Toten­feier, wurde am dänischen Hofe schon nicht mehr die göttliche Asenkraft (ásmegin) verehrt und die Asenminne (Ása minni), sondern die „Michaelsminne“ getrunken. 
 
Das Erbmahl war eine Art Vertragsritus, bei dem der Erbnehmer im religiös-symbolischen Sinne aus der Hand des verstorbenen Erblassers die Bestätigung zur Übernahme aller Rechte erhielt. Verbunden war dieser Rechtsakt mit einem Gelöbnis des Erben, durch das er sich als würdiger Empfänger auszu­wei­sen hatte. Solch ein Rechtshandel zwischen Toten und Lebenden gehörte dem altgläubigen Denken gemäß ganz fraglos in die Winteranfangsfeierlichkeiten des vetrarnattáblót  bzw. ása-a­fablót.
  
Die Egil saga, Kap. 1, enthält über das Fest in Gaular, nördlich des Sognefjordes, nur den Satz: „Ein­mal im Herbste waren in Gaular eine Menge Menschen zum Herbstopfer versammelt. Da sah Öl­vir Hnufa die Solveig, und es ergriff ihn Liebe zu ihr.“ Und die Gisla saga Kap. 15 (Die Geschichte von Gisli dem Geächteten, Th. Bd. 8), zeigt, dass der Einzelne bei den privaten Opferfesten seinem Lieb­lingsgott - hier dem Sonnen-/Fruchtbarkeits-/Friedensgott Frey - in besonderer Weise huldigen konnte: „Thorgrim wollte zum Wintersanfang ein Gastmahl geben, den Winter begrüßen und dem Frey ein Opfer bringen. ... Auch Gisli rüstete ein Gelage ... Auf beiden Höfen sollte ein großes Trinken statt­finden. Auf Seehof war der Estrich mit Binsen vom Teich be­streut. Als nun Thorgrim und seine Leute beim Vorbereiten waren und den Saal (mit Teppichen) be­hängen wollten...“ Aus dem Gesagten ist zu entnehmen, wie liebevoll und aufwendig die Festvorbereitungen durchgeführt wurden. 
 
Um den gleichen Festzeitraum müsste es sich beim herbstlichen Disenopfer handeln, denn auch die weiblichen Schutzmächte, die Feen, gehören in die Rubrik jenseitiger Geistmächte, ebenso wie Asen und Alben. Die Saga von Glum, Kap. 6, führt aus: „Es wurde ein Schmaus gerüstet zu Wintersanfang und ein Disenopfer abgehalten, und alle sollten an der Opferfeier teilnehmen.“ Die Egil saga, Kap. 44, trägt bei: „Es sollte ein Disenopfer [disablót] stattfinden. Das Gastmahl war gut und reichlicher Trank in der Stube. ... Der König empfing Ölvir freundlich und bat ihn, sich ihm gegenüber auf dem Hochsitz nie­derzulassen, ... Jetzt wurde das Bier zum Trinken gebracht. Viele Erinnerungsbecher für Verstor­bene kreisten, und bei jedem Gedächtnistrunk sollte ein Horn geleert werden. Und während so der Abend herging, wurden viele Mannen Ölvirs schwer auf den Füßen. ... Es war dunkle mondlose Nacht [niðamyrkr = Neumonddunkel­heit] drau­ßen, da Egil vom Gehöft stürmte.“ Hier ha­ben wir die Be­stä­tigung für die Angabe des ODiNG-Runen­festwei­sers, dass das Winteranfangs­fest, vetrarnattáblót bzw. vetrarnótt-veizla, in den Neumondnächten abgehalten wurde. Es wäre verwunderlich, wenn dieses herbstliche Opferfest für die Jenseitigen nicht auch Niederschlag in den südgermanisch-deutschen Zeugnissen gefunden hätte. Widukind von Corveys Sächsische Ge­schichte (10. Jh.), Kap. 11/12, berichtet vom Sieg der Sachsen über die Thüringer: „Als nun der Morgen ge­worden war, brachten sie ihren Adler an das östliche Tor, errichteten einen Siegesaltar und verehrten gemäß der Irrlehre der Väter, unter ihren eigentümlichen Bräuchen ihr Heiligtum, ... Hier­auf hielten sie drei Tage hindurch ihr Siegesfest ... Es ist aber alles das, wie die Überlieferung unserer Vor­fahren berichtet, am 1. Oktober geschehen, und diese heidnischen Festtage sind durch die Weihe got­tes­fürchtiger Männer verwandelt in Fasten und Gebete und Opfergaben für alle vor uns dahinge­gan­genen Christen.“  Was der Autor hier anspricht, ist die sog. „Gemeine Woche“, beginnend nach dem auf Michaelis (29. Sept.) folgenden Sonntag, eine auf Norddeutschland bzw. das Missions­gebiet der Sach­sen be­schränkte Begehungsart des Seelengedächtnisses. Widukinds Kenntnisse über altsäch­sisch-heidni­sche Traditionen waren unbedeutend, er wusste nichts von den wahren Festbezügen. Un­verkenn­bar lebte das einstmals im Oktoberneumond, später am 14. Oktober gefeierte Ahnensee­len­fest nach der Chri­stianisierung in angegebener Form weiter. Bekanntlich setzte man den „Erzengel Mi­chael“, Führer der Engelscharen (Asen/Alben/Alfen/Disen), als Nachfolgefigur des Wo­dan/Odin ein. Sein Tag gilt mancher­orts als He­xen­tag, als Totengedenktag; im Norden trank man die „Michaelis­minne“. 
 
Dass mit Totengedenkfeiern in vorchristlicher Zeit keineswegs nur traurige, getragene, düstere Brauch­tümer verbunden waren, ist bekannt. Eine ganz andere Art des Totengedenkens war üblich. Dazu ge­hör­ten Erinnerungsschmäuse, Trinkgelage, Frohsinn, Tänze, Musik und Spiele. Die Eyrbyggja saga, Kap. 43, berichtet: „Das war die Sitte der Breidfirdinger im Herbste, dass sie Ballspiele hielten um den Be­ginn des Winters unter Oexl südlich Knorr; da heißt es seitdem Tal der Spielhütten [leikskála vellir].“
 
DAS MITTWINTEROPFER
 
Zum Mittwinteropfer (jólablót-midsve­trarnótt) heißt es in der Ynglinga saga, Kap. 8: „en at miðjum vetri blóta til gróðrar.“ d.h. „zum Mittwinter wurde geopfert für das Frühlingswachstum.“ In Haralds saga hárfagra, Kap. 15, wird von König Harald Schönhaar (848-931) gesagt: „Úti vill jól drekka, ef skal einn ráða, ... ok Freys leik heyja,“ d.h. „Draußen [auf seinen Schiffen] will er Jul trinken, wenn er sich so berät  ... und die Pflicht zu Freys Spiel annehmen.“ Dies ist der Hinweis, der mitteilt, dass die Julfeier mit einem Kultspiel/Ritus des Gottes Frey zusammenging. Bestätigung dafür erhalten wir durch die ODiNG-Festan­zeige in Gestalt der Ingo-Frô-/Ingvi-Freyr-Rune zu Mittwinter bzw. Julopferzeit. 
 
Der Norwegerkönig Hakon der Gute (918-960) hatte sich während des Winterbegrüßungsop­fers in Lade (s.o.) standhaft geweigert, vom Ross-Kultmahl zu kosten. Beim darauffolgenden Ju­lopfer in Mä­ren konnte er den Unmut seines heidnischen Volkes nicht länger reizen „und schließlich aß König Ha­kon einige Bissen von der Rossleber [hrosslifr] und trank, ohne das Zei­chen des Kreuzes darüber zu machen, alle Erinnerungsbecher [öll minni], die die Bauern ihm schenkten.“ - so steht es in der Háko­nar saga góða, Kap. 18.  
 
Und die Óláfs saga helga, Kap. 108 erzählt, „dass die Inner-Drontheimer sich in Massen in Mä­ren zu­sammenge­schart hätten, und dass man dort große Opferfeste im Mittwinter veranstal­tet habe. Sie hät­ten diese Opfer gebracht um Frieden und für ein gutes Winterjahr (vetrarfars góðs/Güte des Win­ter­verlaufs). ... Der König klagte die Bauern an, dass sie ein Mittwinterop­fer­fest [miðsve­trarblót] ver­an­staltet hätten“. Der Sprecher der Bau­ern na­mens Ölvir (Kultbier­brauer) antwor­tete: „Wir hatten, Einladungen zum Jul-Gastgebot [jólaboð] und Trinkgelage weit und breit in der Gegend. Die Bauern sind nicht gesonnen, sich in ihrer Julfestfreude [jólaveizlu] so [durch die neuen christli­chen Gebote] einschränken zu lassen, daß nicht ein Gutteil davon übrig bliebe.“ Durch Denunziation wird Ölvir bald darauf als einer der Hauptorganisatoren heidnischer Kultfestgelage erkannt und im Auftrag des Königs erschlagen. 
 
Erst Hakon der Gute von Norwegen (918-960) bestimmte, dass Jul nicht mehr im Mitt­winter, also ca. Mitte Januar, sondern am vermeintlichen Geburtstermin des christlichen „Erlösers“, dem ange­nom­menen Wintersonnwendtag des julianischen Kalenders, gefeiert werden sollte. In Hákonar saga góða, Kap. 13, steht, „dass das Julfest künftig zu derselben Zeit abgehalten wer­den sollte wie das christliche Weihnachtsfest. Da sollte jeder ein bestimmtes Maß Bier brauen oder sonst Strafe zahlen, und er sollte die Zeit heilig halten, so­lange das Bier reichte. Früher hatte das Julfeiern [jólahald] aber in der Hö­kunacht [hökunótt], das ist die Mittwinter­nacht [midsve­trarnótt], begonnen, und dann wurde Jul drei Tage lang gefei­ert.“ Was unter dem Begriff Hökunacht verstanden wurde, ist nur zu ahnen. Das knö­chellange altisländische Priestergewand hieß hökull; Ökla ist der Fußknöchel, öklaliður das Fußgelenk, hökunótt  wird die tiefe Mittwinter­nacht, Fußnacht des Jahres meinen, von der das Son­nenjahr seinen Anfang nimmt, auf der es fußt, oder von der aus es hinaufspringt, hinauffährt. Denn ab dem Zeit­punkt des altgerm. Julopfers (etwa Mitte Januar) konnte wieder der neue Jahres-Son­nen­aufstieg beob­achtet werden. Da nämlich öku-  auch fahren bedeutet - ökuvegr ist der Fahrweg, ökufær heißt fahr­bereit -, so wäre die hökunótt als die Ausgangsnacht der Sonnenjahresbewegung zu deuten.
  
In Kap. 16, Hákonar saga góða, „sagten die Bauern, sie woll­ten, dass der König für sie um ein frucht­bares Jahr und um Frieden opfere, wie dies sein Vater getan hätte.“ In Óláf saga helga, Kap. 141, findet sich eine interessante Stelle: „Als nun Mitt-Jul [mið jól] herange­kommen war, gingen Thorar und alle seine Mannen mit ihm zu seinem Schwager, und dort saß er für den Rest des Julfestes beim Gelage.“ Die Julzeit umfasste nach dem Bericht (De tempo­rum ratione, Kap. 13) des Historikers Beda (672-735) bei den Angelsachsen zwei Mondmonate, „1. giuli“ und „2. giuli“; der erste lag vor, der andere nach der Wintersonnenwende, deren Name Mütternacht (modra­niht) war. Spätere englische Quellen sprechen von geóli. In alter Zeit hätte Mitt-Jul also Win­tersonn­wende be­deuten müssen. In hochmittelalterlicher Sagazeit aber wird „Mitt-Jul“ etwa „Silve­ster“ mei­nen, denn der Julfeierbeginn wurde von  König Hakon dem Guten auf den 24. Dezember gelegt - Julende war und ist noch im Skandinavien 13. Januar, der Knut-Tag. Henry Petersen erkannte aufgrund seiner Forschungen und dem Hinweis aus der Hervarar saga Kap. 12, dass Jul auf Ende Januar oder Anfang Februar fallen konnte. Kaum ein Fachmann folgte ihm da­mals. Erst unser wiederentdeckter ODiNG-Festrunenkreis erweist die Richtigkeit dieser Vermu­tung,  in gemeingermanischer Zeit vermochten die schwankenden Mondstände sehr wohl das  Julfest vom 19. Januar bis in den Februar hineinzuverlegen.
  
Nicht allein die Egil saga, Kap. 67, berichtet von den üblichen Julgeschenken: „Arinbjörn gab ein gro­ßes Julfest. Er lud dazu seine Freunde und die Bauern der Umgegend. Da waren viele Menschen und eine gute Bewirtung. Arinbjörn schenkte Egil als Julgabe ein seidenes Schleppgewand mit goldener Borte, unten bis zum Saum besetzt mit goldenen Knöpfen. Arinbjörn hatte dies Egils Wuchs anpassen lassen. Er schenkte Egil ferner einen vollständigen Anzug, neu angefertigt, zu Weihnachten. Die Ge­wänder waren buntfarbig nach englischem Schnitt. Arinbjörn gab auch mancherlei Freundesgaben den Männern, die er zum Julfest gebeten hatte: kaum einer war ja so trefflich und freigebig wie er.“ 
 
DAS SOMMERBEGRÜSSUNGSOPFER
 
Das dritte Jah­resopfer (sigrblót-sumardagr) hielt man zum Sommeranfang. Die Ynglingasaga, Kap. 8,  sagt: „..it þriðja at sumri; þat var sigrblót“, d.h. „das dritte [Jahresopfer] zum Sommer hin war das Siegopfer.“ Snorri scheint in Hákonar saga góða, Kap. 14, ausführlicher vom Siegopferfest zu spre­chen: „Es war alter Brauch, daß, wenn ein Blutopfer [blótveizlum] stattfinden sollte, alle Bauern an die Stätte zu kommen hatten, wo das Heiligtum [hof] stand, und sie dort alle Lebensmittel mit­brin­gen mußten, die sie nötig hatten, solange das Fest [veizlu] währte. Und zu diesem Fest soll­ten außerdem alle Männer Bier [öl] mitbringen. Die Frauen schlachteten dort insgesamt Klein­vieh und besonders Pferde. Alles Blut aber von diesen nannte man Opferblut [hlaut], die Scha­len, in denen das Blut stand, hießen Opfer­schalen [hlautbollar], die Opferwe­del [hlautteinar] aber wa­ren nach Art von Sprengwe­deln ge­macht. Mit die­sen sollten die Götteraltäre [stallana öllu = Freundesgestelle /-altäre] alle­samt gerö­tet werden, ferner Wände des Heilig­tums innen und außen. Auch auf die Menschen sollte man das Op­ferblut geben. Das Fleisch aber solle gesotten werden zu frohem  Willkom­mensschmaus der An­wesen­den. Feuer waren in der Mitte des Tempelbodens angezündet, und Kessel sollten darüber hän­gen, um die vollen Becher über das Feuer hinrei­chen zu können. Der Veranstalter und Leiter des Fe­stes sollte die Becher und die Op­ferspeisen segnen. Zuerst sollte man den Odinsbecher für den Sieg und die Herrschaft des Königs trin­ken, und dann die Be­cher des Njörd und des Frey für fruchtbares Jahr und Frieden. Danach pfleg­ten manche Männer den Bragi-Be­cher zu trinken. Man trank auch Be­cher auf seine Verwandten, die schon im Grabe la­gen, und diese nannte man die Gedächtnis­becher.“Auch in der Egil saga, Kap. 49, wird vom norwe­gischen Sommeranfangsopfer die Rede sein: „Im Früh­ling wurde festgesetzt, dass im Sommer zu Gaular ein  großes Opferfest stattfinden sollte. Dort lag der berühmte Haupttempel. Dahin strömte eine große Menschenmenge zusam­men. ... Thorolf soll dort opfern und um Heil für sich und seinen Bruder bitten. ... Thorir zog nun mit seinem Gefolge auf das Opferfest, und es gab da ein gewaltiges Menschengewimmel und große Trinkgelage. ... Aber die Männer da drinnen waren ohne Waffen, wegen der Heilig­keit des Festes...“ Thorolf plante sicherlich dieses Opferfest aufzusuchen, um siegreichen Aus­gang seiner Feindschaften und angemessenen Ver­gleichsfrieden mit seinen Gegnern zu erbitten. Kein anderes Opferfest kam dafür in Frage.
 
Der ODiNG-Festweiser zeigt an, dass die Sommer-Siegfest-Rune auf einer Neumondphase liegt und somit das alte sigrblót eine Feier war, deren Beginn in einer Schwarzmonddunkelheit lag. Prof. Willy Hartner kam aufgrund seiner ikonographischen und astronomischen Untersuchungen in „Gold­hörner von Gallehus“, S. 87, zum gleichen Ergebnis: „Das Sigrblot im Jahre 413 war also mit fast völli­ger Si­cherheit auf den Neumondtag festgesetzt.“ 
 
Snorri, Autor der Heimskringla, sorgt in Óláf saga helga Kap. 77, für Verwirrung, indem er sich hier gegenüber seinen sonstigen Angaben widerspricht: „In Schweden war es ein alter Bauch, so lange das Land heidnisch war, dass das Hauptblutopfer im Monat Goi [Mitte Febr. bis Mitte März] zu Upsala stattfinden sollte. Da sollte ein Opfer gebracht werden für Frieden und für den Sieg ihres Kö­nigs. Dorthin sollte das Volk aus dem ganzen Schwedenreiche kommen, und dort sollte zu gleicher Zeit das Thing aller Schweden abgehalten werden. Auch war dort ein Markt und eine Messe, die eine Woche lang dauerte. Als aber Schweden christlich wurde, hielt man das Gerichtsthing und den Markt nichts­destoweniger dort ab. Aber jetzt, wo ganz Schweden christlich geworden war und die Könige aufge­hört hatten in Upsala zu wohnen, wurden der Markt verlegt und zu Licht­mess [2. Februar] abge­hal­ten.“ Snorris Widerspruch findet eine Erklärung in dem wahrscheinlichen Umstand, dass infolge der Christianisierungsmaßnahmen zwar das heidnische Siegopfer abgeschafft wurde, zunächst aber das da­mit verbundene Gerichtsthing und der Markt um vier Wochen vorverlegt wurden; später rückte man Markt/Messe sogar auf Anfang Februar. Man hört an dieser Stelle die Unsicherheit der von Snorri verarbeiteten Nachricht deutlich heraus. Er vermochte zu seiner Zeit, als er im Jahre 1219 Schweden besuchte, die christlichen Daten­verschie­bungen und -löschungen nicht mehr im einzelnen zu durch­schauen und auseinanderzuhalten. 
 
DAS MITTSOMMERFEST
 
Das vierte Jahresfest (midsumardagr) hielt man am 15. Juli. Da die Sommerzeit aber für den gesam­ten Norden eine Fahr- und keine Feierzeit war, spielte dieses Mittsommerthing gegenüber anderen Festzei­ten eine untergeordnete Rolle. Trotzdem wird es einmal in der Óláfs saga Tryggvasonar, Kap. 65, er­wähnt: „Schließlich wurde be­schlossen, dass ein Mittsommer-Opferfest [miðsumarsblót] in Mä­ren stattfinden solle. Dort sollten alle Häuptlinge und mächtigen Bauern erscheinen, wie das der Brauch war ...“ Und weiter in Kap. 68: „Eine große Menschenmenge strömte zusammen ... Da ließ der Kö­nig das Thing ausrufen, ... und nach der Eröff­nung des  Things sprach der König und forderte die Be­kehrung zum Christenglauben. Eisen-Skeggi ant­wortete dem König auf seine Rede im Namen der Bau­ern. Er sagte, die Bauern wün­schen nach wie vor, dass der König ihre Gesetze nicht brechen solle - ,Wir wollen, König‘, sprach er, ,dass du opferst, wie die anderen Könige vor dir es getan haben.‘ Bei dieser Antwort erhoben die Bau­ern einen großen Lärm und riefen, sie wollten, dass alles so ge­schähe, wie Skeggi sagte.“ Aus dem weiteren Text, mit der Erwähnung von Herbst und Winter, geht hervor, dass es sich bei der Bezeich­nung des miðsummarsblót um keinen Schreibfehler handelt. Da die Not-/ Nutzen-Rune auf dieser Festzeit liegt (der dt. Begriff „Not“ war in alter Sprache nicht vorhan­den), ist zu vermuten, dass der mittsommerliche Brauch des „Notfeuers“ (niedfyor, nodfyr) aus dem mið­sumarsblótveizla herstammt.                                                                
  

PS: Die in eckige Klammern gesetzten Begriffe sind die altnordischen Originalworte aus der Heimskringla (siehe Literaturverzeichnis).

 
Literatur:
Henry Petersen, Om Nordboernes gudedyrkelse og gudetro i hedenold, 1876, S.
27 = Jul im Februar
J. Fr. Schroeter, Haandbog i Kronologie, Anden Del, Oslo, 1926, Nr. 170, S.
310ff  = germ. Festtermine
Snorris Königsbuch (Heimskringla), Thule Bd. 14, 15, 16, 1922 u. 1923 
Heimskringla Snorra Sturlusonar Konungasögur, Bindi 1, 2, 3, Reykjavik,
1946, 1947, 1948 
Willy Hartner, Die Goldhörner von Gallehus, 1969, S. 58, 61, 62
= Festtabelle, 86f
Rudolf Simek, Lexikon der germ. Mythologie, 1984, S. 8ff  = Alben, Alfen 
Gerhard Heß, ODING Wizzod, 1993
 
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